Hallo, hier spricht Steffelowski…. Die Edgar Wallace Filme (1959-1972)

Ende der 1950er-Jahre zog das Böse in die deutsche Kinolandschaft ein und es begann eine beispiellose Mordserie wie sie das Land bisher, Kriege ausgenommen, noch nicht erlebt hatte. Ziel der Aktion war die Vernichtung des Heimatfilms. So wurde Piroschka vom Frosch mit der Maske erdrosselt, das Schwarzwaldmädel fiel dem Mönch mit der Peitsche zum Opfer und der Förster aus dem Silberwald wurde langsam und qualvoll mit dem indischen Tuch erdrosselt. Es reichte. Die Deutschen hatten das Trauma des 2. Weltkriegs überwunden oder zumindest erfolgreich verdrängt. Das Wirtschaftswunder hatte Wohlstand, Arbeitsplätze und volle Kaufhausregale gebracht. Der Hang zum Vergessen war zu Ende, die Sehnsucht nach Harmonie und Heimat war fürs Erste einmal gestillt. Somit hatte der Heimatfilm – der Balsam für die geschundene deutsche Volksseite – ausgedient und das Publikum war bereit für eine „härtere“ Gangart.

So kamen einige deutsche und dänische (!) Filmschaffende auf die geniale Idee, eine in Deutschland produzierte Krimi-Filmreihe in die Kinos zu bringen, die die Zuschauer das Gruseln lehren sollte. Eine nahezu niemals versiegende Quelle für Drehbuchideen war mit dem Werk des englischen Vielschreibers Edgar Wallace (1875-1932) schnell gefunden. Allein gute 120 Krimis gingen auf das Konto des englischen Lebemannes, des Weiteren noch ungefähr drei Dutzend weitere Abenteuerromane und Sachbücher. Dass Masse aber nicht immer ausgesprochene Klasse mit sich bringt, ließ sich mit den Werken Wallace eindrucksvoll beweisen. Von den Lesern abgöttisch geliebt, von den Kritikern – je nach Leidensfähigkeit – gehasst, verspottet oder einfach nur ignoriert. Keines seiner Bücher wurde jemals wohlwollend rezensiert. Aber die seichten Geschichten verkauften sich gut und allein das zählte für den Autor. So tummelte sich Wallace noch auf einigen anderen Terrains. Er inszenierte zwei Theaterstücke und führte bei zwei Filmen Regie. Nebenbei schrieb der Umtriebige dann noch mal schnell das Drehbuch zu dem Monster-Klassiker „King Kong und die weiße Frau“. Wallace starb allerdings 1932 verarmt in Hollywood. Die Premiere des Films erlebte er nicht mehr.

Bereits der erste Film der Reihe „Der Frosch mit der Maske“ (überwiegend um und in Kopenhagen gedreht) von 1959, enthielt alle Zutaten, die die Reihe prägen und bekannt machen sollte, ihr letztlich aber durch eben gerade diese Formelhaftigkeit ein langsames und schleichendes Ende bereiteten sollte. Bis dahin sollten jedoch noch einige Jahre vergehen, so mancher Mord geschehen und Unmengen an Kunstnebel verbraucht werden. Auch wenn in den Anfangsjahren noch etwas mehr Gewicht auf einen einigermaßen schlüssigen Krimiplot Wert gelegt wurde, war eines der Erkennungsmerkmale der meisten Wallace-Filme von Anfang an dabei: der unheimlich maskierte (Ober)Bösewicht, wobei es ganz sicher originellere Möglichkeiten der Verkleidung als mit einem Froschkostüm – welches dazu auch noch sehr an Kermit den Frosch erinnert – gibt. Auf jeden Fall wurde hier aber eines der unverzichtbaren Marktenzeichen der Filme geboren. In den Folgejahren tummelten sich mit schöner Regelmäßigkeit Peitschen schwingenden Mönche, schwarze Äbte, weiße Nonnen und irre Killer im Gorilla Anzug durch das Franchise. „Der Frosch mit der Maske“ führte auch zwei der Schauspieler ein, die zur Stammbesetzung der Reihe werden sollten und den Filmen über viele Jahre die Treue hielten: Joachim „Blacky“ Fuchsberger als etwas dröger, aber durchaus scharfsinniger Inspektor sowie Eddie Arent, der meist einen Butler oder den trotteligen Assistenten des Inspektors gab und hierbei den „typischen“ Engländer repräsentieren sollte. Arent war darüber hinaus für die humorvollen Momente der Filme zuständig, weil man den deutschen Zuschauern zu viel Ernsthaftigkeit und Gewalt doch noch nicht zumuten wollte.

Der Film kam beim Publikum gut an und so startete, die Produktionsfirma von Horst Wendlandt, Rialto Film, mit der Verfilmung weiterer Stoffe nach Romanvorlagen von Edgar Wallace. Schnell kam eine feste Crew zusammen, die als eingespieltes Team über die Jahre eine Art „Fließbandproduktion des Verbrechens“ etablierte. Nicht selten kamen in einem Jahr nicht weniger als drei neue Wallace-Filme in die Kinos. Angeführt von den Regisseuren Dr. Harald Reindl und Alfred Vohrer agierte vor der Kamera ein sich ergänzendes Ensemble von jungen und etablierten Darstellern, die meist sehr ähnliche (um nicht “austauschbare“ zu sagen) Charaktere spielten. Hier einmal ein kompakter Überblick, über die immer wiederkehrenden Figuren und ihre Darsteller:

  • Inspektor : Joachim Fuchsberger, Heinz Drache
  • Schöne Frau: Karin Dor, Karin Baal, Uschi Glas
  • Chef des Inspektors: Siegfried Schürenberg, Hubert von Meyerinck
  • Trottel vom Dienst: Eddie Arent
  • Irrer vom Dienst: Klaus Kinski

Besonders für Kinski waren die Wallace-Filme ein ideales Terrain, um „seinem Affen Zucker geben“ zu können. Er spielte meist den leicht bis schwer neurotisch veranlagten Sonderling oder bereits völlig dem Wahnsinn verfallene Charaktere. Da so etwas nicht ins damalige Gesellschaftsbild passte, erlebten die Kinski-Irren selten das Ende eines der Filme. Keiner starb so schön „wie der Klaus“. Aber zumindest verhalfen ihm seine Auftritte in den Filmen zu großem Ansehen und leiteten auch seine internationale Karriere ein. Kinski blieb der Einzige – in Ansätzen vielleicht noch Karin Dor, die es bis in „Mal lebt nur zweimal“ schaffte – aus dem Wallace-Stammteam, der auch im ausländischen Filmen über einen langen Zeitraum mitspielte.

Die weiteren Rollen der Filme wurden vom Schauspieler- Who is Who des (damaligen) deutschen Films gespielt. Nachdem die Serie schnell Fahrt aufgenommen hatte und die Einspielergebnisse auf konstant hohem Niveau blieben, wollte jeder dabei sein. Sogar schon fast vergessene Stars der UFA (z.B. Elisabeth Flickenschildt und Fritz Rasp) feiert mit Ihren Auftritten kleine Comebacks. Später kamen dann sogar internationale Stars wie Christopher Lee und Stewart Granger dazu.

Die Geschichten der Filme waren von Anfang meist nach sich regelmäßig wiederholenden Mustern gestrickt. Nach dem man die reinen Kriminalgeschichten in der Reihe aufgeben hatte, ging es entweder um eine völlig ahnungslose Erbin, die ein riesiges Vermögen geerbt hatte und der von einem verkleideten Bösewicht nach dem Leben getrachtet wurde. Dieser entpuppte sich dann am Schluss meistens als der Anwalt der Familie. Oder eine Gangsterbande suchte in einem alten Schloss nach einem raffiniert versteckten Schatz, der wiederum von einem maskierten Wächter beschützt wurde,  und die Bandenmitglieder, auf meist originelle Weise, um die Ecke brachte. Alle Geschichten spielten in England oder zumindest dem England, wie man es sich in Deutschland so vorstellte. Dass aber das Moor von Dartmoor in der Lüneburger Heide lag und das Schloss der seltsamen Gräfin in Ahrensburg bei Hamburg stand, fiel da nicht weiter ins Gewicht.

Nachdem sich das Format bei den Zuschauern etabliert hatte und insbesondere die Gruseleinlagen in den Wallace-Filmen gut ankamen, baute man diesen Aspekt weiter aus, und die klassische Kriminalgeschichte rückte immer mehr in den Hintergrund. So entstanden in den Jahren 1961-64 die besten und gelungensten gruseligen Filme der gesamten Reihe. Die absoluten Highlights aus dieser Zeit dürften „Die toten Augen von London“, „Das indische Tuch“ und „Das Gasthaus an der Themse“ sein. In dieser Zeit kam dann auch das erste Mal ein weiteres unverwechselbares Markenzeichen der Filme dazu:

Mit Aufkommen der weltweiten Hysterie um die James Bond-Filme ab Mitte der 1960er-Jahre änderte sich auch die Tonalität der Wallace-Reihe – sie wurden seit 1966 ausnahmslos in Farbe gedreht – erneut. Jetzt hielten Superschurken mit -waffen Einzug in die Filme, denen es darum ging, sich die Welt Untertan zu machen. Hierunter litten Glaubwürdigkeit und Spannung nicht unerheblich, zumal aufgrund des geringen Budgets der Filme, die Superwaffen doch sehr nach billigem Pappmache aussahen und vieles nur schlecht von den Vorbildern aus England und Amerika abgekupfert wirkte. Auch wenn es in dieser Zeit noch einige gelungene Werke der Reihe (z.B. „Der Mönch mit der Peitsche“, „Der Hund von Blackwood Castle“ und „Im Banne des Unheimlichen“) gab, machten sich doch deutliche Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Die Plots wurde einander immer ähnlicher und entfernten sich immer mehr von den Buchvorlagen, so dass oftmals nur der Filmtitel von einem der Wallace-Romane stammte. Dies führte dann auch dazu, dass viele der Darsteller, die über die Jahre zum festen Bestandteil der Filme geworden waren, Ihren Hut nahmen, um sich anderen Aufgaben, z.B. beim Fernsehen, zu stellen.

Mit Einzug des Italo-Westerns und der Horror-Filme der englischen Filmfirma Hammer ab 1965 in die deutschen Kinos, ging es auf der wesentlich brutaler und blutiger zu als noch ein paar Jahre zuvor. Nackte Haut war inzwischen leinwandtauglich geworden und eine neue Ernsthaftigkeit setzte sich auch in reinen Unterhaltungsfilmen durch. So mussten sich auch die Wallace-Filme dem Massengeschmack anpassen und in vielem neu justieren. 1969 erschien mit „Das Gesicht im Dunkeln“ der erste Film der Reihe, der in Zusammenarbeit mit einer italienischen Produktionsfirma entstand. Die Gründe für diese Kooperation lagen auf der Hand: Einzug in den internationalen Markt und Teilung der Produktionskosten und somit auch des Risikos. Trotz Mitwirkung des Wallace-Urgesteins Klaus Kinski, floppte der Film gnadenlos an den Kinokassen. Der freie Fall des Franchise hatte begonnen. Es folgten dann noch 3 weitere Filme mit italienischer Beteiligung, aber keiner konnte an die alten Erfolge anknüpfen. Da auch der erneute Richtungswechsel keine nennenswerten Einspielergebnisse bescherte, beschloss man, die Reihe einzustellen. Zumindest der vorletzte Film „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ gelangte zu einem gewissen Ruhm in Kennerkreisen, da er (gewollt oder unbewusst?) zu den Frühwerken des Giallo-Genres gerechnet werden kann.

Von den 32 Filmen, die von 1959 bis 1972 in der „klassischen“ Edgar Wallace-Reihe erschienen – es gab darüber hinaus einige Wallace-Verfilmungen anderer deutscher Produzenten – waren rund 20 sehr gut, bis Durchschnitt. Dann gibt es noch einige, die so „na ja“ sind und ebenso viele, die man als Totalausfälle bezeichnen kann. Kein schlechter Schnitt, wenn man bedenkt, in welchem Zeitraum die Filme entstanden sind. Es lohnt sich sicherlich, die Reihe (wieder) zu entdecken.

8 Gedanken zu “Hallo, hier spricht Steffelowski…. Die Edgar Wallace Filme (1959-1972)

        • Sehr schön, falls ich dich ein wenig inspirieren konnte. Ich meine, auf Prime gibt es ein Paar. Ich selbst habe 8 Filme auf DVD, die ich durchaus verleihen würde 🙂

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          • Ich habe es schon vor einem Jahr geschrieben, dass ich mir mal die Gesamtausgabe kaufen möchte. Nur überkommt mich dies immer im Winter, und dann muss das Geld da sien.
            Uad Dailymotion gibt es auch ziemlich viele.

            Und danke für das Angebot, aber zwischen Filmkauf und Film sehen, vergehen bei mir manchmal Jahre. Ich möchte mich nicht mit Geliehenen unter Druck setzen.

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    • Ja, ein schöner Vergleich, mit dem du wohl ziemlich richtig liegst. Zumindest, was die Slaher angeht. Die humorigen Einlagen in den Wallace-Filmen waren vielleicht auch noch eine Art Reminisenz an den Heimatfilm der 50er-Jahre. Da gab es auch immer so ein Art lustiges Faktotum. Bei Wallace aber eigentlich völlig überflüssig und -aus heutiger Wahrnehmung heraus- eher unlustig.

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  1. Pingback: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut – Die Karl May Filme (1962-1968) | Klappe!

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