Die größten Oscar-Loser aller Zeiten

Wo es Gewinner gibt, muss es zwangsläufig auch Verlierer geben. Diese unumstößliche Wahrheit gilt natürlich auch für die Oscars. Während die Sieger gefeiert und umjubelt werden, bleibt den anderen oft nur der Weg an die Bar der After-Show-Party und anschließend in die Vergessenheit. In diesem Beitrag soll es um die tragischen Helden, die Gescheiterten und die Vergessenen gehen.

Steven Spielberg ist vermutlich ein Name, den man nicht unbedingt in einem solchen Beitrag vermuten würde. Immerhin hat Spielberg selbst für seine Filme „Schindlers Liste“ und „Der Soldat James Ryan“ bereits zweimal den Oscar für die beste Regie gewonnen. „Schindlers Liste“ wurde zudem als „Bester Film“ ausgezeichnet. Nichtsdestotrotz soll es zum Einstieg um einen Spielberg-Film gehen, der zu den unbekannteren in der Filmographie des Regisseurs gehört. „Die Farbe Lila“ nämlich war bei der Oscarverleihung 1986 für sage und schreibe elf Goldjungen nominiert. Darin spielt Whoopi Goldberg eine junge Afroamerikanerin namens Celie, die im frühen 20. Jahrhundert mit Unterdrückung, Demütigung und häuslicher Gewalt kämpfen muss. Das klingt sicherlich nach keinem leichten Stoff, sodass es nicht überraschen sollte, dass der Film seinerzeit sehr kontrovers aufgenommen wurde. Laut einem Bericht der New York Times vom 27. Januar 1986 warfen vor allem männliche Schwarze, die in „Die Farbe Lila“ eher schlecht wegkommen, dem Film Rassismus vor.

Trotzdem wurde der Film von der Academy, wie oben bereits erwähnt, in elf Kategorien nominiert. Und zwar:

  • Bester Film
  • Beste Hauptdarstellerin (Whoopi Goldberg)
  • Beste Nebendarstellerin (Margaret Avery und Oprah Winfrey)
  • Bestes adaptiertes Drehbuch
  • Beste Kamera
  • Beste Filmmusik
  • Bester Song
  • Bestes Szenenbild
  • Bestes Kostümdesign
  • Bestes Make-up

Elf Nominierungen. Kein Film dieses Jahrgangs erhielt mehr, lediglich „Jenseits von Afrika“ kam ebenfalls auf elf Nominierungen. Im Gegensatz zu Sydney Pollacks Liebesdrama ging „Die Farbe Lila“ jedoch am Abend der großen Preisverleihung komplett leer aus. Nicht eine einzige der elf Kategorien konnte Spielbergs Film gewinnen. Auch wenn es sicherlich eine Auszeichnung ist, überhaupt so oft nominiert zu sein, gehört „Die Farbe Lila“ damit zu den größten Oscar-Verlierern überhaupt und geriet völlig zu Unrecht in Vergessenheit.

Allerdings ist Spielbergs Werk keineswegs der erste Film in der langen Geschichte der Oscars mit einer solch tragischen Siegesquote. Mit ebenfalls elf Nominierungen ging „Am Wendepunkt“ von Herbert Ross, ein Drama um eine ehemalige Balletttänzerin, in der Oscar-Nacht 1978 an den Start. In folgenden Kategorien stand „Am Wendepunkt“ zur Wahl:

  • Bester Film
  • Beste Regie
  • Beste Hauptdarstellerin (Shirley MacLaine und Anne Bancroft)
  • Beste Nebendarstellerin (Leslie Browne)
  • Bester Nebendarsteller (Mikhail Baryshnikov)
  • Bestes Originaldrehbuch
  • Beste Kamera
  • Bester Schnitt
  • Bestes Szenenbild
  • Bester Ton

Selbst der heute legendäre „Krieg der Sterne“ kam in jenem Jahr „nur“ auf zehn Nominierungen. Im Gegensatz zu Star Wars konnte „Am Wendepunkt“ jedoch keinen einzigen der begehrten Preise einheimsen. Damit teilen sich „Die Farbe Lila“ und „Am Wendepunkt“ den fragwürdigen Titel des größten Oscar-Losers aller Zeiten.

Da bei den Oscars bekanntlich nicht nur Filme, sondern eben auch Einzelkünstler ausgezeichnet werden, soll an dieser Stelle auch kurz auf Personen eingegangen werden, die ebenfalls von der Academy (bisher) scheinbar vergessen oder übergangen wurden. Lange Zeit galt Leonardo DiCaprio als Musterbeispiel des erfolglosen Oscarjägers. Viermal war Leo bereits als bester Haupt- oder Nebendarsteller nominiert, bevor er 2016 endlich für seine Rolle in „The Revenant“ den begehrten Goldjungen gewinnen und seinen Oscarfluch damit brechen konnte.

Weniger Glück hatte hingegen der irische Schauspieler Peter O’Toole, der mit acht Oscar-Nominierungen in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“ der am häufigsten nominierte, jedoch niemals ausgezeichnete Schauspieler ist.

O’Tooles Nominierungen als bester Hauptdarsteller im Überblick:

  • 1963 in „Lawrence von Arabien“
  • 1965 in „Becket“
  • 1969 in „Der Löwe im Winter“
  • 1970 in „Goodbye, Mr. Chips“
  • 1973 in „The Ruling Class“
  • 1981 in „Der lange Tod des Stuntman Cameron“
  • 1983 in „Ein Draufgänger in New York“
  • 2007 in „Venus“

Immerhin wurde O’Toole 2003, quasi als Trostpflaster, von der Academy mit einem Ehrenoscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet, um dann 2007 ein weiteres Mal enttäuscht zu werden. Ähnlich enttäuschend verlief die bisherige Beziehung zwischen Glenn Close und der Academy. Siebenmal durfte die Schauspielerin bereits hoffen und ging bis jetzt immer leer aus.

Closes Nominierungen in der Übersicht:

  • 1983 in „Garp und wie er die Welt sah“ (Beste Nebendarstellerin)
  • 1984 in „Der große Frust“ (Beste Nebendarstellerin)
  • 1985 in „Der Unbeugsame“ (Beste Nebendarstellerin)
  • 1988 in „Eine verhängnisvolle Affäre“ (Beste Hauptdarstellerin)
  • 1989 in „Gefährliche Liebschaften“ (Beste Hauptdarstellerin)
  • 2012 in „Albert Nobbs“ (Beste Hauptdarstellerin)
  • 2019 in „Die Frau des Nobelpreisträgers“ (Beste Hauptdarstellerin)

Erfreulicherweise ist Glenn Close (Jahrgang 1947) noch jung genug, um sich noch ein paar Gelegenheiten auf eine Auszeichnung zu erspielen.

Zum Abschluss soll nun noch ein Name genannt werden, der wie kein Zweiter vielleicht sogar Glenn Close Hoffnung geben kann. Den absoluten Rekord für die meisten Nominierungen ohne einen einzigen Gewinn hielt nämlich lange Zeit ein Tontechniker namens Kevin O’Connell. Dieser Mann war seit 1982 nicht weniger als 20-Mal nominiert, darunter für den Sound von „Dune – Der Wüstenplanet“ (1985), „Top Gun“ (1987), „Eine Frage der Ehre“ (1993), „Twister“ (1997), „Armageddon“ (1999), „Pearl Harbor“ (2002), „Spider-Man“ (2003), „Spider-Man 2“ (2005) oder „Transformers“ (2008). Bereits vor seiner Nominierung 2007, damals für seine Arbeit in Mel Gibsons „Apocalypto“, bezeichnete sich O’Connell in einem Interview selbstironisch als „the guy who always loses“. In diesem Interview erzählt der Tontechniker auf die Frage, wem er im Falle einer Oscar-Auszeichnung danken würde, auch von seiner Mutter, die ihn zu Beginn seiner Karriere überhaupt erst ins Filmbusiness gebracht hatte.

„… if you win, whom will you thank?“

„My mother. 29 years ago she gave me the opportunity to work in film. Back then she said, ‘you work hard and someday you’ll win an Oscar“

Tragischerweise starb O’Connells Mutter wenige Tage nach diesem Interview am Abend der Oscarverleihung 2007.

O’Connell gewann seinen Oscar weder 2007 noch ein Jahr später. Doch als er die Hoffnung möglicherweise schon aufgegeben hatte, wurde er 2017, nach neun Jahren ohne Berücksichtigung durch die Academy, zum 21. Mal für den Sound in „Hacksaw Ridge“ nominiert. Dieses Mal meinten es die Filmgötter jedoch gut mit O’Connell und er konnte endlich seinen ersten Oscar mit nach Hause nehmen. In seiner Dankesrede widmete er seine Statue seiner verstorbenen Mutter.

A special thank you tonight to my mother Skippy O’Connell who 39 years ago got me a job in sound. And when I asked her „Mom, how can I ever thank you?“ she looked at me and she said: „You know, I tell you how you can thank me. You can work hard. You can work really hard and then some day you go win yourself and Oscar and you can thank me in front of the whole world. Mom, I know you’re looking down on me tonight. So thank you.

Das nenne ich doch mal ein versöhnliches Ende, das Hollywood auf jeden Fall gerecht wird. Übrigens, nachdem O’Connell seinen Oscar gewonnen hatte, wanderte der laufende Rekord für die meisten erfolglosen Nominierungen in Folge an seinen Tontechnikerkollegen Greg P. Russell weiter, der aktuell bei 16 Nominierungen steht. Manchmal brauchen Dinge einfach ein bisschen Zeit. Und manchmal sollte man vielleicht die Oscars auch einfach nicht ganz so ernst nehmen.

 

 

12 Gedanken zu “Die größten Oscar-Loser aller Zeiten

  1. Kann noch Funfacts zu den Filmkomponisten beitragen, die oft auch sehr viele Nominierungen einheimsen 😀 Knapp hinter Greg P. Russell sind die Komponisten Alex North und Thomas Newman und letzterer tritt auch dieses Jahr wieder für 1917 an (wo ich ehrlich gesagt auch nicht von einem Sieg ausgehe). Ist aber ein talentierter Bursche und er ist ja noch jung, ein Blick in seine Filmografie ist es wert und zeigt, dass er ein Händchen hat, also wird das sicher noch was irgendwann. Interessant ist auch, dass Ennio Morricone Jahrzehnte lang übergangen wurde 5 mal nominiert wurde (nicht mal für The Good, the Bad and the Ugly, Once Upon A Time in the West oder Once Upon A Time in America), bis er 2007 den Ehrenoscar und dann 10 Jahre später einen regulären Oscar für The Hateful Eight bekam.

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  2. Sehr interessanter Artikel. Peter O´Toole ist natürlich ein hervorragendes Beispiel. Ich hatte damals gehofft, dass er ihn für „Venus“ gewinnt. Nicht nur aus Lebenswerk-Gründen, seine Performance war auch auszeichnungswürdig. Richard Burton ist auch so ein tragisches Beispiel, 7 x war er nominiert, seine Immer-wieder-Frau Liz Taylor hat hingegen 2 Oscars gewonnen. Ja, bei dem Thema fallen mir auch viele, noch aktive, allein Schauspieler ein – neben Glenn Close natürlich auch Amy Adams. Ich verstehe auch nicht, warum Ralph Fiennes keinen Oscar hat. Der ist für mich einer der besten Schauspieler, müsste wesentlich mehr Nominierungen haben und eigentlich jetzt schon ein Oscar-Gewinner sein.

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  3. Hach schön dass du Amy Adams und Ralph Fiennes erwähnst, die beiden liebe ich ja 😀 Bei denen ist es hoffentlich eine Frage der Zeit, denn aktuell sehe ich die auch in der höchsten Riege an Schauspielern. Ansonsten war Joaquin Phoenix für mich einer der aktuell übergangensten, für Walk the Line hätte er einen gewinnen MÜSSEN. Aber sieht ja sehr gut aus für ihn dieses Jahr

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