Der „Auslands-Oscar“: Neuer Name, alte Probleme und ein Skandal

Wenn im deutschsprachigen Raum vom sogenannten „Auslands-Oscar“ die Rede ist, handelt es sich korrekterweise um die Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ der Academy Awards. Doch auch das ist nicht ganz richtig, da die Kategorie 2020, im Zuge einiger kleinerer Regeländerungen und Neuerungen, in „Bester internationaler Film“ umbenannt wurde. Allerdings ändert auch die neue Bezeichnung nichts an den Problemen dieser Kategorie, die auf jeden Fall deutlich mehr Beachtung verdienen würde.

Die Kategorie des besten fremdsprachigen Films existiert bei den Oscars seit 1957 und zeichnet seither jährlich Filme aus aller Herren Länder aus. Obwohl vor allem in den letzten Jahren einige herausragende Werke nominiert und mit dem begehrten Goldjungen gewürdigt wurden, wird dieser Teil der Preisverleihung in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor insgesamt doch eher vernachlässigt. Filme wie „Shoplifters“ (Japan, 2019), „Capernaum“ (Libanon, 2019), „The Salesman“ (Iran, 2017), „Die Jagd“ (Dänemark, 2014) oder das Erstlingswerk des mittlerweile großen Denis Villeneuve „Incendies – Die Frau, die singt“ (Kanada, 2011) sind nur einige der Werke, die in der Kategorie „Bester Fremdsprachiger Film“ zur Wahl standen oder sogar ausgezeichnet wurden. Einem großen Publikum bekannt ist jedoch keiner davon, obwohl sich diese Filme, was die Zuschauerwertung auf den großen Filmportalen und Datenbanken angeht, vor den großen Hollywood-Produktionen nicht verstecken müssten. Offensichtlich will man bei der Academy nun neue Wege gehen und spendiert der vernachlässigten Kategorie einen neuen Namen.

„We have noted that the reference to ‘Foreign’ is outdated within the global filmmaking community. We believe that International Feature Film better represents this category, and promotes a positive and inclusive view of filmmaking, and the art of film as a universal experience.”

 

Frei übersetzt:

Wir haben festgestellt, dass die Bezeichnung „Fremd“ innerhalb der globalen Film-Gemeinschaft nicht mehr zeitgemäß ist. Wir glauben, dass „Bester Internationaler Film“ diese Kategorie besser repräsentiert und eine positive und offene Sicht auf das Filmemachen und die Filmkunst als universelle Erfahrung fördert.

Mit diesen Worten begründen Larry Karaszewski und Diane Weyermann, die beiden Co-Vorsitzenden des „International Feature Film Committee“ die Namensänderung von „Foreign Language Film“ (Bester fremdsprachiger Film) zu „International Feature Film“ (Bester internationaler Film). Das klingt zunächst alles schön und gut. Dumm nur, wenn man den Namen ändert, die Zulassungskriterien jedoch nicht anpasst. Laut den offiziellen Oscar-Regeln ist ein „internationaler Film“ wie folgt definiert:

„An international film is defined as a feature-length motion picture (defined as over 40 minutes) produced outside the United States of America with a predominantly non-English dialogue track.“

Ein internationaler Film ist demnach ein Langfilm (per Definition länger als 40 Minuten), der außerhalb der USA produziert wurde und überwiegend nicht englischsprachige Dialoge beinhaltet. Das Problem hierbei ist der letzte Teil der Definition, der die im Film gesprochene Sprache betrifft. In einer Kategorie, in der es um den besten fremdsprachlichen Film geht, ist eine solche Voraussetzung geradezu logisch. Wenn man jedoch mit der Umbenennung von „fremdsprachig“ zu „international“ weg von dem Gedanken des „Fremden“ hin zu einer „universellen Erfahrung“ will, ergibt eine solche Einschränkung überhaupt keinen Sinn mehr. Letztendlich führt eine solche Beschränkung nur dazu, dass viele Filme aus Ländern wie Australien, England, Jamaika, Indien, Südafrika oder Neuseeland, in denen Englisch nun mal die (oder eine) offizielle Landessprache ist, ausgeschlossen werden. Die Filmkunst soll eine universelle Erfahrung sein. Doch Filme, die in englischer Sprache daherkommen, sind dann den guten alten Hollywood-Produktionen zu ähnlich und damit nicht fremd genug.

Genau dieses Problem führte im Vorfeld der Oscars 2020 zu einem kleinen Skandal. Da es sich jedoch nur um die vergleichsweise unbedeutende Kategorie des „internationalen Films“ handelt, hielt sich das öffentliche Interesse, zumindest in Deutschland, eher in Grenzen. Was war passiert? Während des offiziellen Auswahlverfahrens der nominierten Filme verkündete die Academy, dass zwei der eingereichten Werke disqualifiziert wurden. Dabei handelte es sich um den nigerianischen Beitrag „Lionheart“ und den österreichischen Kandidaten „Joy“. Beide Filme haben das Problem, dass mehr als 50 Prozent der Dialoge auf Englisch sind, was sie aufgrund der oben genannten Definition des besten internationalen Films von der Kategorie ausschließt.

„Lionheart“ ist das Regiedebut der Nigerianerin Genevieve Nnaji und der erste Original-Film von Netflix, der aus einem afrikanischen Land stammt. Außerdem wäre es der erste Oscarbeitrag Nigerias überhaupt gewesen. Genevieve Nnaji kritisierte die Entscheidung der Academy mit einem knackigen Tweet.

„This movie represents the way we speak as Nigerians. This includes English which acts as a bridge between the 500+ languages spoken in our country.“

 

Tatsächlich ist Englisch eine von über 500 Sprachen, die in Nigeria gesprochen werden und die in einem Film einer nigerianischen Regisseurin, mit nigerianischen Schauspielern, der in Nigeria spielt und produziert wurde, Verwendung findet. Insofern ist der Ausschluss von „Lionheart“, auch wenn er regelkonform ist, auf jeden Fall fragwürdig. Das findet auch Hollywood-Regisseurin Ava DuVernay, die ebenfalls auf Twitter ihrem Ärger Luft machte.

„To @TheAcademy, you disqualified Nigeria’s first-ever submission for Best International Feature because its in English. But English is the official language of Nigeria. Are you barring this country from ever competing for an Oscar in its official language?”

 

Ein ähnliches Problem hat der österreichische Beitrag „Joy“, in dem ebenfalls zu einem großen Teil Englisch gesprochen wird. Nun ist Englisch bekanntlich keine offizielle Landessprache der Alpenrepublik. Allerdings geht es im Film von Sudabeh Mortezai um eine nigerianische Frau namens Joy, die in Wien als Prostituierte arbeitet und Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung wird. Dass diese Figur im Film in ihrer Muttersprache spricht, ist durchaus nachvollziehbar.

Unabhängig davon, ob es die beiden genannten Filme von ihrer Qualität her verdient gehabt hätten, für den Oscar als bester internationaler Film nominiert oder gar ausgezeichnet zu werden, zeigen die beiden Fälle, dass die Academy in dieser Kategorie im Sinne der Diversität und „universellen Erfahrung“ dringend über eine Regeländerung nachdenken sollte, anstatt lediglich den Namen zu ändern.

Letztendlich gilt es aber auch festzuhalten, was die Oscars am Ende des Tages sind: Eine amerikanische Preisverleihung, die in erster Linie amerikanische Filme und Filmschaffende auszeichnet. Das ist vollkommen legitim und verständlich. Es ist weder die Aufgabe der Academy noch sollte man als Filmfan erwarten, dass die AMPAS den internationalen Film mehr in den Vordergrund rückt oder promotet. Nichtsdestotrotz ist bei der 92. Oscarverleihung in wenigen Tagen mit „Parasite“ ein südkoreanischer Film in der Kategorie des besten Films nominiert. Auch wenn noch nie in der langen Geschichte der Oscars ein ausländischer Film als bester Film ausgezeichnet wurde, stehen die Chancen dieses Jahr wohl so gut wie niemals zuvor. Auch wenn bereits im Jahr zuvor mit „Roma“ ein mexikanischer Film sehr nah dran war. Sollte „Parasite“ tatsächlich als großer Gewinner aus der Oscarnacht 2020 hervorgehen, wäre dies möglicherweise ein wichtiges Signal, damit ausländische Filme, und somit die Kategorie des internationalen Films, in Zukunft deutlich mehr beachtet werden.

11 Gedanken zu “Der „Auslands-Oscar“: Neuer Name, alte Probleme und ein Skandal

  1. Sehr schöne differenzierte Darstellung des Problems fremdsprachiger Filme bei den Oscars. „Parasite“ könnte ein Türöffner sein. Aber gerade in der „Auslandsoscar Kategorie“ wird mir zu viel pratenziöses Kunstkino nominiert, auch wenn zumindest der 2018er Jahrgang bis auf „Werk ohne Autor“ extrem stark war.

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    • Vielen Dank. Ich wäre ja für eine Art ESC für Filme. Nur weltweit. Wie die Regeln und der Ablauf funktionieren sollen weiß ich zwar auch noch nicht. Aber grundsätzlich fände ich das als internationaler Gegenentwurf zu den Oscars interessant.

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      • Braucht es denn ein Gegengewicht zu den Oscars? Braucht es eine Preisverleihung mit weltweitem Anspruch? ESC für Filme, wüsste auch nicht wie das funktionieren könnte. Grundsätzlich kann ja jede Privatperson oder jeder Verein Filmpreise verleihen, wenn man denn meint das tun zu müssen. Sie werden nur nie große Relevanz erlangen.

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  2. Das ist tatsächlich eh der größte Witz. Aber die müssen da eh was ändern, wenn die sich nicht weiter lächerlich machen wollen.

    Möchte übrigens entschieden widersprechen, dass beim Besten ausländischen Film vor allem prätentiöse Filme wiederzufinden sind. In meinen Augen sind eigentlich immer mindestens 2-3 echt brauchbare Filme zu finden, dieses Jahr z. B. Parasite, Leid und Herrlichkeit und Les Miserables. Die anderen beiden kenne ich nicht, was sie aber natürlich nicht ausschließt.

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  3. Möglich, dass der Preis in der öffentlichen Wahrnehmung keinen hohen Stellenwert hat, aber „Bester Internationaler Film“ zählt eigentlich zu den Top-Preisen bei den Oscars. Deshalb wird in diesem Jahr auch darüber diskutiert, dass „Parasite“ ja nicht zwei der Top-Preise (Bester Internationaler Film und Bester Film) gewinnen sollte. Was natürlich Blödsinn ist.
    In den letzten Jahren habe ich immer „nicht-englischsprachiger Film“ gesagt, weil fremdsprachiger Film irgendwie für mich keinen Sinn machte. Im letzten Jahr hatte Alfonso Cuáron dann angeregt, dass sein Film „Roma“ ja in Mexiko kein fremdsprachiger Film ist. Das bringt es auf den Punkt. A.M.P.A.S. hat das auch eingeleuchtet und letztendlich haben sie den Namen der Kategorie endlich geändert. Grundsätzlich finde ich gut, dass Filme, die überwiegend in Englisch sind, disqualifiziert werden. Damit bin ich natürlich nicht allein, es wird vermutet, dass sonst die Filme aus Großbritannien (und vielleicht auch Australien und Neuseeland) immer nominiert werden und vielleicht sogar Bester Internationaler Film ständig gewinnen würden. Vielleicht sollte A.M.P.A.S. noch mal an einer inhaltlich noch zufriedenstellenderen Lösung arbeiten.

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  4. Zustimmung in allen Punkten. Zwar war die Umbenennung ein schönes Signal, aber den Skandal um Lionheart habe ich auch verfolgt und war wenig begeistert über die seltsame Zulassungsbeschränkung. Seit wann definiert überhaupt Sprache, was ein internationaler Film ist, wo doch eh alle zuerst auf die verzeichneten Produktionsländer schauen!?

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    • Wie gesagt, wenn es ein „fremdsprachiger“ Film ist, macht das schon Sinn. Hat wohl bei der Academy jemand nicht ins Regelbuch geschaut 😉

      Hast du einen der beiden Disqualifizieren Filme gesehen?

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