Once upon a Time….in Hollywood (2019)

  • Originaltitel: Once Upon a time in…Hollywood
  • Regie: Quentin Tarantino
  • Schauspieler: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie
  • Genre: Drama/Komödie
  • Land: USA

Hat Quentin Tarantino mit seinem neunten Film (die Teil-Arbeit an Sin City und Four Rooms nicht mitgerechnet) ein weiteres epochales Meisterwerk abgeliefert oder nur ein überlanges und selbstgefälliges Stück Nostalgiekino, das den Film und das Filmemachen abfeiert? Im Gegensatz zu den meisten Vorgängerfilmen des Regisseurs gab es für „Once upon…“ wohl nicht nur Euphorie seitens des Publikums und von Kritikern. Zu lang(weilig), keine Story, zu wenig Tarantino. Den Kritikpunkten kann ich mich nur sehr bedingt anschließen, denn ich liebe diesen Film. Besser gesagt, ich habe gelernt, ihn heiß und innig zu lieben. Und da man dem, was man liebt, wirklich nur das Allerbeste gönnt, hoffe ich, dass „Once upon….“ bei der diesjährigen Oscar-Verleihung am 09. Februar so richtig abräumt. Mit 10 Nominierungen, darunter auch in den „Big Five“-Kategorien, dürfte mein Wunsch, trotz starker Konkurrenz, sicherlich das ein oder andere Mal in Erfüllung gehen. Am Ende setzt sich Qualität eben meist auch durch.

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Drei Anläufe, sprich zwei Kinobesuche und eine Filmsichtung im heimischen Wohnzimmer hat es gebraucht, bis meine Liebe zu „Once upon…“ so richtig entfacht war. Wir haben uns sehr zaghaft auf einander eingelassen, uns beschnuppert und abschätzend umkreist. Nach dem ersten gemeinsamen Date im Hamburger Astor-Kino gab ich der Sache keine große Zukunft. Eine Fehlinvestion nahm ich an. Wir hatten uns wenig zu sagen, einander nichts zu geben. Der Funke war einfach nicht übergesprungen. Die Schmetterlinge im Bauch befanden sich bestenfalls im Tiefflug.

Aber ich wollte nicht aufgeben. Irgendwo ganz hinten, in der hintersten Ecke meines Herzens wusste ich, dass wir zueinander gehörten. Wusste ich, dass ich den zum Serien-Schurken und B-Star abgestiegenen Schauspieler Rick Dalton und seinen Sidekick und Buddy Cliff Booth, Daltons Stuntdouble, näher kennenlernen wollte, um sie durch das ganz allmählich sterbende „alte“ Hollywood zu begleiten. Mit ihnen das herannahende „Neue“ Hollywood kennenzulernen und der jungen Sharon Tate ins Kino zu folgen, um mit ihr einen ihrer eigenen Filme zu schauen, obwohl ich wusste, dass es böse mit ihr enden würde. Meinte ich zumindest. Aber wie es sich für ein richtiges Märchen geziemt, geht es am Ende gut aus.

Es dauerte auch keine zwei Wochen bis ich das zweite Kinoticket kaufte und mich auf ein weiteres Date mit Rick, Cliff, Sharon und all den Anderen einließ. Und siehe da, wir näherten uns einander an, fühlten uns wohl miteinander. Die Chemie stimmte. Ich begann Dinge zu sehen, die mir vorher verborgen geblieben waren. Bemerkte viele filmische Nuancen, wie die perfekte Kameraführung, die wunderbar gewählten Einstellungen und Bildausschnitte, die immer neuen Facetten der Charaktere. Ich war in L.A. angekommen. Die Handlung erschien mir um einiges kompakter als beim ersten Mal, alles schien irgendwie zusammenzuhängen, miteinander verbunden zu sein, einen Sinn zu ergeben. Seien es nun eine paar Beulen für einen überheblichen Bruce Lee, das Geräusch, wenn das Hundefutter aus der Dose in den Fressnapf klatscht oder auch der überraschende Einsatz eines Flammenwerfers. Mir war klar, dass es ein weiteres Wiedersehen geben musste.

Umgeben von den eigenen vier Wänden, in denen ich mich sicher und geborgen fühlte (und auch nach wie vor fühle), ging ich jetzt aufs Ganze. Es kam zu einer dritten Annäherung zwischen mir und „Once upon…“. Was sollte schon passieren? Ich war ja zuhause. My Home is my castle. So ließ ich es ruhig und entspannt angehen. Inzwischen waren wir miteinander vertraut, kannten schon die Vorlieben des Anderen. So trank ich mit Rick und Cliff Dosenbier, ich half die Antenne zu reparieren, damit wir gemeinsam „Mannix“, „Bounty Law“ und „FBI!“ schauen konnten. Ich fuhr mit Cliff auf die Spahn Movie Ranch, um einen alten Freund zu besuchen, reiste mit Rick nach Europa, um mit ihm seine „italienische Periode!“ zu durchleben und schrieb am Ende sogar die Geschichte mit um. Irgendwann waren wir eins, der Film und ich. Ein gutes Gefühl, das ich noch nicht so häufig erleben durfte.

Nüchtern betrachtet ist „Once upon…“ ein Film über den Niedergang Hollywoods in den späten 60er Jahren, verknüpft mit einigen fiktiven und einigen realen Personen dieser Zeit. Der Film beschreibt nuanciert den Niedergang der Traumfabrik, die einfach zu alt, zu betulich und zu unbeweglich geworden war, um fortbestehen zu können. So wie sich das System ändern musste, mussten sich auch die Menschen in dem System anpassen, um einen neuen Anfang zu wagen. Das sogenannte „New Hollywood“ schrie nach neuen Stoffen, neuen Bildern, neuen Charakteren und Filmemachern. Für viele aus den „goldenen Tagen der Traumfabrik“ bedeutete dies den Abstieg in die Bedeutungslosigkeit, für einige wenige aber auch die Chance auf einen neuen Anfang. Einige Andere waren in diesem Sommer 1968 einfach auch nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber Tarantino wäre nicht Tarantino, wenn er das Falsche nicht richtigstellen würde. Es wäre schließlich nicht das erste Mal.

Egal, wie andere Leute zu diesem Film stehen. Für mich ist er eine echte Herzensangelegenheit voller liebevoller Details, die jeden Filmfan in Verzückung versetzen. Mit Charakteren, wie sie sich nur Tarantino einfallen lassen kann. Besetzt mit Darstellern, die nicht spielen, sondern die ganz einfach Rick, Cliff, Sharon, Bruce…SIND. Ich finde hier alles das wieder, was für mich einen Tarantino-Film ausmacht: Charismatische Protagonisten, ein cleveres Drehbuch, skurrile Dialoge, perfekter Einsatz von Musik und gewitzte Hommagen an alle erdenklichen Filmgenres. Tarantino lebt Filme und macht Filme für Menschen, die das Kino lieben. Also, alles perfekt? Fast. Eine (große) Kleinigkeit gab es dann doch, die mich kurzzeitig verunsichert hat. Für mich wäre es stimmiger gewesen, wenn der Regisseur und Drehbuchautor hier nicht Gott gespielt und der Geschichte ihren Lauf gelassen hätte. So schrecklich und abstoßend sie hier auch gewesen ist. Aber lieben heißt eben auch verzeihen können und ich habe dem Film verziehen.

Manchmal braucht es seine Zeit, bis man erkennt, dass man den/die Richige/n gefunden hat. Bei mir waren es drei Dates von jeweils knapp drei Stunden. Aber letztlich hat sich meine Ausdauer bezahlt gemacht. Es wird für mich ganz sicher nicht bei drei Dates bleiben.

28 Gedanken zu “Once upon a Time….in Hollywood (2019)

  1. Das ist ein toller Film. Punkt. Steht auch schon bei mir zuhause im Schrank. Ich kann verstehen, warum Leute den nicht mögen… er ist anders. Er ist mehr Momentaufnahme, mehr Porträt einer Zeit als wirklich ein Film mit Handlung. Ich glaube, zu viele Leute haben mehr rund um Charles Manson erwartet.

    Ich habe den Film 3 Mal im Kino gesehen und jedes Mal geliebt

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    • Die Idee, die Manson-Morde zu thematisieren, wurde von Tarantino wohl verworfen, als die #MeeToo-Debatte aufkam.
      Als ich den Film im Kino gesehen habe, war ich einigermassen überrascht, wie viele Leute gar nicht wussten, dass der Film die Geschichte in Sachen Manson-Morde umschreibt. Grad jüngere Leute im Publikum hatten meist keine Ahnung, was damals wirklich passiert ist.

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      • Als ich für ihn das zweite Mal ins Kino bin, hatte ich sogar zwei Freunde dabei, die nicht wussten wer Sharon Tate ist und ebenfalls auch nicht viel mit den Manson-Morden anfangen konnten 😀 Und trotzdem hatten die riesen Spaß
        Ich hatte zum Glück vor der Erstsichtung am Wochenende zuvor ne sehr interessante Arte-Doku über die Manson Morde gesehen

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        • Hm, ist diese Unwissenheit nun gut oder schlecht? Mich hat im Vorwege schon sehr interessiert, wie der Film mit der Manson-Thematik umgeht. Umso überraschter war ich dann auch, was Tarantino daraus gemacht hat. ich hatte es in deinem Fall tatsächlich auch gut geschafft, eventuellen Spoilern aus dem Weg zu gehen.

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          • Ich glaube schon eher schlecht, durch die Unwissenheit geht ja schon einiges verloren, alleine Margot Robbie dürfte für einen im ganzen Film kaum einen Sinn ergeben und das Ende hatte durch das Vorwissen eine ganz andere Wirkung und kam vollkommen unerwartet
            Ich finde rückblickend, dass er die Thematik wunderbar eingeflochten hat und Manson nicht mehr Aufmerksamkeit geliefert hat, als er verdient

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    • Da hast du wirklich alles richtig gemacht. Eine Liebe fürs Leben. Das schafft nicht jeder. Dann vermute ich mal, dass Deine 2019er Nummer 1 „Joker „ ist, oder? Musst Du natürlich nicht beantworten.

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      • Wenn du bisschen stöbern magst, kannst du hier in meine Topliste schauen 🙂 https://wermisworte.wordpress.com/2020/01/03/jahresruckblick-2019/
        Ne Joker hats tatsächlich ganz knapp nicht in meine Liste geschafft, obwohl ich ihm auch nochmal einen zweiten Kinobesuch gewidmet habe, der ihn mir nochmal etwas nähergebracht hat. Meine Nummer 1 ist ein Film, den wohl keiner auf der Uhr hat haha 😀 Für mich kam kein Film über Stan & Ollie, nicht weil er so überragend und filmisch wertvoll ist, aber einfach weil er mich ganz persönlich mitten ins Herz getroffen hat und wie für mich geschaffen war

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        • Boah, sehr gute Wahl. Stan & Ollie fand ich auch super. Die Schauspieler haben da wirklich ihr Bestes gegeben. Ich fand es auch sehr schön, dass hier ein eher unbekanntes Kapitel aus der Karriere beiden Ausnahmekomiker näher beleuchtet wurde. Leider lief der Film so ziemlich unter dem Radar. Gefühlt saßen mit mir noch 5 andere Leute im Kino.

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                • Ich dachte eigentlich auch, dass der Film sicher in unsere Kinos kommen wird, wie du sagst, Dick und Doof sind auch hierzulande Kult, aber offensichtlich fehlte da wirklich das Budget 🤷. Sehr schade auf jeden Fall…aber ich werd ihn sicher demnächst mal nachholen…dann halt auf dem heimischen Sofa 😉

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                  • Natürlich ist es das 😀 Ich habe ja auch bloß anführen wollen, dass sie unter dem Namen schon Kult sind, wie Ainu das auch schon richtig gesagt hat 🙂 Ich glaube, dass vielleicht auch gerade da das Problem für die deutsche Vermarktung liegt, denn sicherlich ist diese Bezeichnung des Duos mittlerweile eher heikel und wenn man den Deutschen dann Stan & Ollie oder wie sie eigentlich auftreten, als Laurel & Hardy vorsetzt, kann dann wieder keiner was damit anfangen.
                    Daher find ich aber den Filmnamen aber gerade in Hinblick dessen so schön, weil das perfekt zeigt, dass wir hier auch einen menschlichen Einblick gewähren und es Laurel & Hardy privat zeigt und nicht nur in ihren Rollen, sondern als die Menschen Stan und Ollie

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                    • Ja, der Name“Dick & Doof“ ist schon wirklich sehr despektierlich. Schade, zumal die beiden ja wirkliche Künstler war, die aber leider immer im Schatten von Chaplin standen, was an einigen Stellen auch im Film thematisiert wurde.
                      Die Komik der beiden wurde in anderen Ländern (z.B. England und Frankreich) ganz anders wertgeschätzt. In Deutschland wurde sie dann in den 1970er-Jahren fürs TV „verwurstet“, d.h.die Filme wurde nach Belieben, geschnitten, gekürzt, miteinander verbunden usw. Einfach schrecklich. Während Chaplins, Keatons und Lloyds Filme immer als große Kunst angesehen wurden, galten Laurel & Hardy als überdrehtesKlamaukbrüder. Aber immerhin wurde ihnen mit „Stan und Ollie“ ein schönes (filmisches) Denkmal gesetzt. Auf sowas hatte ich schon lange gewartet.

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  2. „Am Ende setzt sich Qualität eben meist auch durch“ ist ein Satz, den ich in Bezug auf die Oscars ziemlich weit gegriffen finde ^^
    Freue mich, dass du noch mit dem Film warm geworden bist und ihr Freunde geworden seid 🙂 Meine dritte Sichtung steht noch aus, ich habe inzwischen aber immer weniger Lust darauf. Meine Probleme mit dem Film (und da gibt es einige) habe ich ja schon mehrfach erörtert, und ich stehe nach wie vor dazu. Für mich definitiv der schwächste Tarantino und einfach kein guter Film – leider.

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