Über die Bedeutung der Oscars

Seit über 20 Jahren beschäftige ich mich mit den Oscars und sah mich kürzlich mit folgender Frage konfrontiert: Sind die Oscars heute noch relevant (und waren sie es jemals)?

Gegenfrage: Welche Auszeichnung für eine Produktionsfirma, einen Film, einen Schauspieler, einen Regisseur, einen Drehbuchautor oder all die anderen, an der Filmherstellung Beteiligten wäre denn relevanter? Die Filmschaffenden freuen sich sicher über einen Preis bei einem Filmfestival, einen European Film Award, einen BAFTA-Award, eine Auszeichnung ihrer Gewerkschaftskollegen, einen Kritiker-Preis, bestimmt sogar über den Preis der 87 Auslandsjournalisten in Hollywood (auch als Golden Globe bekannt), aber sie träumen davon, den größten Filmpreis der Branche, den Academy Award, den Oscar, eines Tages zu gewinnen. Es ist die höchste Auszeichnung von Filmschaffenden für Filmschaffende. Die Bedeutung des Oscars sucht in der Filmbranche ihresgleichen.

Oscarnominierte oder mit dem Oscar ausgezeichnete Filme haben natürlich auch eine filmkulturelle Relevanz. Diese begründet sich in erster Linie dadurch, dass teilweise anspruchsvolle (amerikanische) Filme auch gerade durch die Oscars überhaupt erst produziert werden. Was bekommen wir denn sonst aus Hollywood? Hin und wieder ein solides Werk, aber doch überwiegend Filme, die einen Erfolg an der Kinokasse versprechen. Also: Remakes, Reboots, Sequels, Prequels, Action- und natürlich jegliche Form von Superhelden-Filmen. Auch spricht man heute noch über Filme, die in der Vergangenheit den Oscar gewonnen haben oder ungerechtfertigterweise übergangen wurden. Kürzlich habe ich mir zum x-ten Mal Alfred Hitchcocks „Vertigo“ (aus dem Jahr 1958) angeschaut. Der Film war seiner Zeit voraus, die Kritiker waren bei seiner Erstaufführung gespalten, bei seiner Wiederaufführung 25 Jahre später, wusste man den Film schon weit mehr zu schätzen, heute gilt er als einer der besten Filme aller Zeiten. „Vertigo“ wurde nicht mal für den Oscar als bester Film nominiert. Die Oscar-Academy hat – zweifelsohne – nicht immer ein gutes Händchen bei der Auswahl ihrer „besten“ Filme. Leider gibt es oft genug bestimmte Faktoren, die das zu verhindern wissen. Beispielsweise starke Oscar-Kampagnen oder allein das komplexe System, dass den Gewinnerfilm seit ein paar Jahren bestimmt. (Es gibt keine Jury, die den Oscar-Gewinnerfilm auswählt, sondern jedes einzelne wahlberechtigte Academy-Mitglied wird aufgefordert, seine Favoriten-Filme, dem Rang nach aufzulisten. Wenn ein Film nach dem ersten Wahlgang über 50% aller Stimmen hat, haben wir den Gewinner-Film. Wenn nicht, zählen die nächst platzierten Stimmen und es wird so lange gezählt bis ein Film über 50% hat.) Um das genau zu erklären, müsste ich jetzt zu weit ausholen. Der Oscar ist auch kein Qualitätsmaßstab. Eine Oscar-Nominierung oder ein Oscar-Gewinn macht aus einem durchschnittlichen Film keinen besseren. In einer perfekten Oscar-Welt bekommt ein exzellenter Film (eine hervorragende Performance, etc.) nur die Anerkennung, die das Filmwerk, der Schauspieler, etc. verdient.

Zweifelsfrei sind die Oscars auch von großer wirtschaftlicher Relevanz. Es hängen sehr viele Arbeitsplätze – besonders im PR- und Marketingbereich – und unglaublich viel Geld direkt mit den Oscars zusammen. Jedes Jahr werden Millionen Dollar für große Oscar-Kampagnen der großen Studios und kleineren Produktionsfirmen für sogenannte FYC (For Your Consideration)-Werbetafeln-, anzeigen, -spots, etc. ausgegeben, Screenings, Veranstaltungen, Parties, Interviews, etc. werden organisiert, um die Academy-Mitglieder von den weit über 300 Filmen, die sich jedes Jahr für den Oscar als bester Film qualifizieren, auf „ihre“ Schauspieler und „ihre“ Filme hinzuweisen. Ein scheinbar lohnenswerter Aufwand. Die zum allergrößten Teil noch im Filmgeschäft aktiven Academy-Mitglieder können (alleine schon aus Zeitgründen) wahrscheinlich ohnehin nur max. 10% der Filme überhaupt gucken. Der Oscar ist Prestige, eine ganz besondere Anerkennung, etwas womit sich die Produktionsfirmen schmücken können und eine Art Titel, mit dem Schauspieler und andere Filmschaffende, sogar noch über ihren Tod hinaus, in einem Atemzug genannt werden. Selbst Marvel hatte in der letzten Filmpreis-Saison eine riesige Oscar-Kampagne gestartet, damit ihr erster Superhelden-Film mit einer fast ausschließlich schwarzen Besetzung („Black Panther“) Oscar-Nominierungen, vor allen Dingen, in der Kategorie Bester Film, erhält. Zehn Jahre nach der großen Aufregung, dass „The Dark Knight“ nicht als bester Film nominiert wurde, wurde dann tatsächlich der allererste Superhelden-Film mit einer Oscar-Nominierung als bester Film bedacht. Marvel könnten die Oscars doch völlig egal sein, Geld verdienen sie mit ihren Filmen genug, „Black Panther“ war in den Vereinigten Staaten der erfolgreichste Film des Jahres 2018. Die Oscars sind aber auch ein gutes Marketing-Instrument, um die Zuschauer ins Kino zu bekommen und den Film auf dem Heimkino-Markt auszuwerten. Zugegebenermassen funktioniert das vordergründig in den Vereinigten Staaten, in Deutschland sind „Oscar-Filme“ nicht so leicht zu vermarkten.

Sind die Oscars von gesellschaftlicher Relevanz? Vielleicht durch die, für den Oscar nominierten oder Gewinner-Filme, die gesellschaftlich relevante Themen oder gar Missstände aufgreifen. Allein dieses Jahr hat der Film „Parasite“ sehr gute Chancen am 9.2.20 als bester Film des Jahres prämiert zu werden. Der Film erzählt auf originelle Weise von Arm und Reich in der südkoreanischen Gesellschaft, die Geschichte könnte aber genauso gut in Europa oder den Vereinigten Staaten spielen. Die Kluft zwischen Arm und Reich geht uns alle an, trifft den Zeitgeist, der ideale Film für einen Oscar-Gewinn. Als im Jahr 2016 (die Auszeichnungen für das Filmjahr 2015) ausschließlich weiße Schauspieler für den Oscar nominiert wurden (#OscarsSoWhite), wurde die Oscar-Academy für ihre Entscheidungen kritisiert und war weltweit Gesprächsthema. Das führte dann innerhalb der Academy zum Umdenken und zu internen Veränderungen. Lange Zeit waren Sklaven- und Rassismus-Dramen, die einzigen Filme mit einer afroamerikanischen Thematik, die für den Oscar nominiert wurden. Als dann, ein Jahr nach #OscarsSoWhite, erstmals mit „Moonlight“ ein kleines, künstlerisch anspruchsvolles Drama mit einer überwiegend afroamerikanischen Besetzung als Gewinnerfilm bekanntgegeben wurde, war das erfrischend neu. Ein Zeichen, gerade für die englischsprachige Filmindustrie, dass der Markt für diese Filme da ist, sie müssen nur einfach produziert werden. Das Problem lag und liegt also weniger bei der Academy of Motion Pictures Arts and Sciences, sondern vielmehr bei den Produktionsfirmen.

Die Oscars sind nicht für die breite Masse. Wenn ein gut gemachter, und an der Kinokasse erfolgreicher, Film für den Oscar als bester Film nominiert wird, ist das okay. Den ausstrahlenden Sender freut es, weil er gute Einschaltquoten für die Oscar-Verleihung generiert. Wenn dieser Film dann vielleicht noch künstlerisch hochwertig und auch auszeichnungswürdig ist, sollte dieser Film sogar den Academy Award als Bester Film gewinnen. Nichts spricht dagegen, nur ist es nicht generell die Aufgabe von A.M.P.A.S. populäre Filme auszuzeichnen, dafür gibt es andere Preisverleihungen (Critics´Choice Awards, MTV Movie Awards, etc.).

Zurück zu der Ausgangsfrage: Sind die Oscars heute noch relevant (und waren sie es jemals)? Vordergründig sind die Oscars also für die vielen Filmschaffenden relevant. Es ist ein Ansporn für alle, ihr Bestes zu geben, um irgendwann auch mal selbst auf der großen Bühne, den Oscar entgegenzunehmen. Relevant sind sie auch für PR-, Marketingexperten, Medienleute, Stylisten, Fashion- und Promi-Interessierte, ansonsten waren und sind sie einem Nischenpublikum vorbehalten. Kritisiert werden die Entscheidungen der Academy aber auch von der Allgemeinheit, die sich sonst gar nicht um die Oscars scheren. So unbedeutend scheinen sie also gar nicht zu sein.

Unsere Gastautorin Caroline schreibt auf ihrem Blog Flightattendantlovesmovies regelmäßig über die Oscars und über allerlei Filme, die sie auf ihren Reisen um die Welt zu sehen bekommt.

30 Gedanken zu “Über die Bedeutung der Oscars

  1. Sieht man von den Auslandsoscars ab, interessiert mich der Oscar gar nicht. Die in Sundance oder Cannes, oder auch mit dem Goya ausgezeichneten Filme finde ich in der Regel deutlich besser.
    Dass nur noch gesehen wird, dass möglichst viel Bevölkerungsgruppen einen Oscar abbekommen, man ihn noch irrelevanter.

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  2. Erstmal Glückwunsch an euch eine so fundierte Gastautorin für diese Ausgabe bekommen zu haben, die im Gegensatz zu manch anderem im deutschsprachigen Raum tatsächlich eine Expertin auf dem Gebiet der Oscars ist und sich nicht als solche schimpft.
    Zum Text, der fasst gut zusammen, worüber ich mir seit Jahren Gedanken mache. Natürlich kann jeder Filmfreund seine Stellung zum Oscar haben und die Bedeutung für die eigene Filmauswahl unabhängig davon gestalten, aber wenn es einen Filmpreis gibt, der eine künstlerische und kommerzielle Wirkung hat, dann ist es der Oscar. Jeder weiß, was der Oscar ist, nur Filmfans wissen, was das Filmfestival in Cannes oder das Sundance zu bedeuten haben. Neben dem PR-Wert, ist der künstlerische Wert nicht zu verachten, jeder (englischsprachige) Filmschaffende will den Oscar mehr oder weniger gewinnen.
    Dabei spielt es eine gar nicht mal so große Rolle welche Filme nominiert sind, einige geraten relativ schnell wieder in Vergessenheit (gestern habe ich zum Beispiel „Brooklyn“ gesehen, der 2016 nominiert war und heute fast schon als Geheimtipp gelten kann).
    Der Oscar hat sich einfach eine Ausnahmestellung erarbeitet, es wird nur zu sehr versucht es allen Recht zu machen. Filme mit hohem Einspielergebnissen, Filme mit People of Colour, Filme mit starken Frauenrollen usw. Das sind aber Aufgaben der Produktionsfirmen, die solche Projekte finanzieren und solange nicht jedes Jahr so ein Film von der Qualität wie „Moonlight“ gemacht wird, kann man nicht sagen, dass jedes Jahr ein Film mit schwarzer Besetzung nominiert werden muss. In erster Linie muss der Film überzeugen und da zeigen sich die strukturellen Probleme, weswegen dieses Jahr auch nur ein Film mit überwiegend weiblichem Cast in der Hauptkategorie nominiert ist und viele Filme von Männern dominiert werden (OUATIH, The Irishman, Le Mans 66, 1917). Es geht darum die besten Filme auszuzeichnen, egal ob das ein Actiongewitter ala Mad Max, eine zeithistorische Aufarbeitung ala Spotlight, eine Ode an Hollywood ala OUATIH oder eine Dekonstruktion des Mafiafilms ala The Irishman ist. Dafür sollten die Oscars stehen. Und wie man zu ihren steht, kann jeder selbst für sich entscheiden, ich versuche immer die Hauptkandidaten im Kino bzw so schnell wie möglich zu sehen.

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        • Da hast du sicherlich Recht. Und trotzdem ist der Oscar der größte Filmpreis. So wie der Super Bowl das größte Einzelsportereignis ist. Auch wenn die NFL außerhalb Amerikas vielleicht nicht ganz so relevant ist 😉

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          • Bei den Oscars werden auch nicht nur Amerikaner nominiert oder ausgezeichnet.

            Weil es mir noch sehr präsent ist: Alleine im letzten Jahr (mit dem Polen Pawel Pawlikowski, dem Griechen Yorgos Lanthimos und dem Mexikaner Alfonso Cuarón) wurden 3 von 5 Regisseure nominiert, die keine Amerikaner sind und so ist es mittlerweile auch in vielen anderen Kategorien. Gerade in der Kategorie Beste Regie hat in den letzten 9 Jahren 8 x ein Nicht-Amerikaner den Oscar gewonnen, dieses Jahr ist auch davon auszugehen, dass kein amerikanischer Regisseur den Oscar gewinnt.

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  3. Schöner Text. Ich denke auch, dass es die Oscars brauch, auch wenn sie nicht immer die richtigen Entscheidungen treffen, nicht jedem Film gerecht werden und schon gar nicht dem ausländischen Film. Trotzdem haben die Oscars weitreichende Auswirkungen und ich bin mir ziemlich sicher, dass ohne seine Aufmerksamkeit, Netflix so Produktionen wie Roma, Irishman oder Marriage Story nicht so bewerkstelligen würde bzw. diese Filme vielleicht ein wenig anders aussehen würden. Allein dafür, dass sich Netflix bemüht, Relevanz bei den Oscars zu haben, kann man dankbar sein, weil dadurch der anspruchsvolle Film auch direkt der breiten Masse angeboten wird.

    Was ich außerdem nochmal ausdrücklich sagen möchte, ist was für ein tolles Oscarjahr wir dieses Mal wieder haben. Little Women fehlt mir zwar noch, aber ich kann bedenkenlos zu jedem nominierten Film eine Empfehlung aussprechen und das eigentlich an jedermann. In meinen Augen haben sich, ich nenne es mal sehr kreativ „Oscarporns“, sehr sehr rar gemacht im Line-Up dieses Mal, wodurch es zu einem echt interessanten Jahr wird.

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    • Danke.
      Ja, genau, die Oscars haben weitreichende Auswirkungen, was erfreulicherweise auch der Qualität der produzierten Filme zugute kommt.

      Man merkt Netflix auch an, wie verzweifelt sie nach dem „Titel“ greifen, sie wollen einfach auch ernst genommen werden. Ich verstehe auch nicht, warum sie so stur bei ihrer Form der Kino-Auswertung (bzw. Nicht-Auswertung bleiben. Aber egal, Irgendwann werden sie es aber auch schaffen, den Oscar (Bester Film) zu holen.

      Ich finde diesen Oscar-Jahrgang auch sehr gut.

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      • Aber die Kinoauswertung wird doch jetzt auch ausgeweitet, der neue Bradley Cooper wird doch von Netflix finanziert und von Scorsese und Spielberg produziert, mit der Bedingung, dass der ne längere exklusive Kinoauswertung bekommt. Also auch da bewegt sich Netflix (glücklicherweise) langsam.

        Ich schließe mich an, dass es ein sehr guter Jahrgang ist, obwohl auch dieses Jahr der ein oder andere runtergefallen ist. Am ehesten in die Oscarbaitrichtung gehen noch „Little Women“ und für mich „1917“, aber auch nicht in einem schlimmen Weg wie so manch anderer Film der letzten Jahre.

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