Homosexualität und Zensur

Es ist kaum zu glauben. Die meisten von uns wurden in eine Welt geboren, in der Homosexualität offiziell als Krankheit und als Straftat galt. Tatsächlich strich die WHO erst 1990 (!) Homosexualität von ihrer Liste der psychischen Krankheiten. Transsexualität wurde gar erst 2018 von dieser Liste genommen. Glücklicherweise sind Homosexualität und homosexuelle Handlungen in den meisten Ländern der Erde heute nicht mehr strafbar, sodass auf dem Papier durchaus von mehr Akzeptanz und Toleranz gesprochen werden kann. Trotzdem kommt es auch aktuell immer wieder vor, dass Filme zensiert werden, in denen homosexuelle Inhalte gezeigt werden.

 

Die Gesetzeslage

Wirft man einen Blick auf die aktuell geltenden Gesetze der einzelnen Staaten weltweit, sieht man sehr schnell, dass Homosexualität in den meisten Ländern nicht mehr strafbar ist. So gibt es beispielsweise kein Land in Europa, in dem ein Gesetz gegen Homosexualität vorliegt. Auch in den USA ist Homosexualität immerhin seit 2003 landesweit erlaubt. Dennoch gibt es auch einige Staaten, vor allem im afrikanischen, mittelamerikanischen und asiatischen Raum, in denen gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen verboten sind. In Ägypten beispielsweise werden homosexuelle Handlungen mit drei Jahren, in Malaysia gar mit bis zu 20 Jahren Haft geahndet. Noch dramatischer stellt sich die Lage im Jemen dar, wo im Falle einer Verurteilung gar die Todesstrafe droht. Etwas differenzierter hingegen nimmt sich der Iran des Themas an. Während für Männer in solchen Fällen die Todesstrafe drohen kann, müssen Frauen „nur“ 100 Peitschenhiebe befürchten. Geschlechtsspezifische Unterschiede gibt es im Übrigen auch u.a. in Nigeria, Pakistan und Jamaika. Dort sind homosexuelle Handlungen nämlich nur unter Männern verboten, unter Frauen jedoch erlaubt. Erstaunlicherweise gibt es hingegen kein einziges Land auf der Erde, in dem es umgekehrt ist. Also wo Homosexualität unter Frauen verboten und unter Männern erlaubt ist. Dass in den genannten Ländern Filme zensiert werden, in den homosexuelle Figuren vorkommen oder gar gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen gezeigt werden, dürfte niemanden überraschen. Wobei man durchaus fragen kann, ob Filme, in denen Mord oder andere kriminelle Handlungen gezeigt werden, in diesen Ländern ebenfalls Opfer der zuständigen Zensurbehörden werden. Viel verwunderlicher ist jedoch, wenn Filme in Ländern zensiert werden, in denen Homosexualität offiziell legal ist.

 

China – Das Land der Gegensätze

Ein solcher Fall ereignete sich in jüngerer Vergangenheit in China, als im Frühjahr 2018 der amerikanische Film „Call me by your name“ aus dem Programm des Beijing International Festival gestrichen wurde. Dies geschah ohne Erklärung seitens des Festivals. Zudem ist Homosexualität in China seit 1997 offiziell vollständig entkriminalisiert. Wieso also einen Film wie „Call me by your name“, in dem es um eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern geht, aus dem Programm nehmen? Die Antwort findet sich vielleicht im Sommer 2017. Da führte die China Netcasting Services Association, laut eines Berichts der Nachrichtenagentur Reuter, neue Richtlinien ein, die festlegen, welche Inhalte im Netz zensiert und gelöscht werden müssen. Dazu gehört, neben politischen Aspekten, im Grunde alles, was abnormales Sexualverhalten wie Homosexualität, Gewaltdarstellungen und kriminelle Handlungen, wie beispielsweise Prostitution und Drogenkonsum, beinhaltet. Ausländische Plattformen wie Facebook, Youtube oder Twitter, die von den staatlichen Behörden nicht kontrolliert werden können, sind für chinesische IP-Adressen gesperrt. Nun beziehen sich die genannten Restriktionen ausschließlich auf das Internet und somit nicht auf die Filmauswahl eines internationalen Festivals. Dennoch zeigt das staatliche Vorgehen gegen Beiträge im Netz, welche Art von Inhalten die Regierung gefördert sehen möchte und welche nicht. Unabhängig davon, ob Homosexualität auf dem Papier nun legal ist oder nicht. Letztendlich kam „Call me by your Name“ in China ebenso wenig in die Kinos wie der Oscar-Gewinner von 2017, „Moonlight“. „Bohemian Rhapsody“, das Biopic über den Queen Frontmann Freddie Mercury, lief hingegen in einigen augewählten Programmkinos. Allerdings in einer rund vier Minuten kürzeren Version, in der alle Szenen rausgeschnitten wurden, in denen Drogen zum Einsatz kommen oder die Homosexualität des Sängers thematisiert werden.

 

Indien – Das Land der Farben ohne Regenbogen

Gerade die oben genannten „Call me by your name“ und „Moonlight“ hatten auch in Indien Probleme einen offiziellen Kinostart zu bekommen. Im Gegensatz zu China waren homosexuelle Handlungen in Indien bis September 2018 noch verboten. Somit war klar, dass es Filme, die solche Themen behandeln, einen schwerern Stand haben würden. Dennoch betont das Central Board of Film Certification (CBFC), die indische Behörde der Filmzertifizierung, dass sie weder „Call me by your name“ noch „Moonlight“ zensiert habe. In letzterem wurden jedoch einige Szenen herausgeschnitten. Auch der Film „Love, Simon“ wurde von der CBFC offiziell freigegeben, erhielt jedoch trotzdem keinen Kinostart. Dies liegt laut CBFC jedoch nicht an einer möglichen staatlichen Zensur, sondern einfach daran, dass es in der indischen Bevölkerung kein Interesse an Filmen über Homosexualität gäbe. Inwiefern diese Aussage stimmt lässt sich schwer überprüfen. Tatsache ist, dass neben den gesetzlichen Rahmenbedingungen natürlich auch eine gesellschaftliche Akzeptanz und Toleranz notwendig ist, damit Filme wie „Love, Simon“ ein Publikum finden. Immerhin wurde zuletzt, anderthalb Jahre nach der Entkriminalisierung von Homosexualität in Indien, mit „Shubh Mangal Zyada Saavdhan“, der erste Bollywoodfilm veröffentlicht, in dem es um ein homosexuelles Paar geht, das seine Familien von ihrer Liebe überzeugen muss. Die RomCom kam im Februar 2020 in die indischen Kinos und lief vereinzelt auch in Deutschland.

 

Russland – Putin vs. Sir John

In Russland ist Homosexualität generell legal, wenngleich sie in der Gesellschaft oft tabuisiert oder gar abgelehnt wird. Laut einer Meinungsumfrage des Levada-Zentrums, einem russischen Meinungsforschungsinstitut, aus dem Jahr 2013 hatte ein Großteil der befragten Personen eine klar negative Haltung zur Homosexualität. Auch wenn Homosexualität erlaubt ist, gibt es in Russland seit 2013 ein Gesetz, das positive Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen verbietet. Diesem Gesetz liegt der Gedanke zugrunde, dass Homosexualität eine Frage der Erziehung sei. Als 2019 der Film „Rocketman“, das Biopic über den Musiker Elton John, auch in die russischen Kinos kam, war zumindest dieses Gesetz im Hinblick auf die Minderjährigen zunächst belanglos, da „Rocketman“ ohnehin eine Freigabe ab 18 erhielt. Trotzdem wurde der Film zensiert. Im Grunde wurden alle Szenen entfernt, in denen Küsse und Sex unter Männern, so wie der Konsum von Drogen involviert waren. Zusätzlich wurde der Text im Abspann des Films in der russischen Version darauf reduziert, dass Elton John eine Organisation zum Kampf gegen Aids gegründet hat. Die Information, dass der Musiker (einen Mann) geheiratet hat und die beiden gar Kinder adoptiert haben, wurde komplett gestrichen. In einem offenen Brief an den russischen Präsidenten Wladimir Putin kritisierte Elton John dieses Vorgehen scharf. Der russische Kulturminister Wladimir Medinski betonte darauf, dass sein Ministerium mit den Änderungen im Film nichts zu tun habe und gab die Schuld an den lokalen Vertreiber weiter. Die Vetriebsfirma Central Partnerships wiederum gab an, dass der Film nur auf Grundlage geltender russischer Gesetze angepasst wurde.

 

Auch über den Wolken ist die Freiheit nicht grenzenlos

Doch es sind nicht nur russische, chinesische und indische Filmfans, die von homosexuellen Inhalten „bereinigte“ Versionen von Filmen zu sehen bekommen. Auch internationale Fluggesellschaften zeigen in ihren Bordprogrammen oftmals überarbeitete Filmversionen. Laut eines Berichts des Evening Standards bekommen Passagiere von Emirates Airlines u.a. eine Version von Greta Gerwigs Film „Lady Bird“ zu sehen, in der eine Szene herausgeschnitten wurde, in der Saoirse Ronans Figur ihren Freund beim Knutschen mit einem anderen Jungen erwischt. Auf diesen und andere Fälle angesprochen sagte ein Sprecher des Unternehmens:

“Emirates does not have rights to edit any licensed movie or TV content, as we acquire content produced by the studios and distributors. Emirates acquires mostly theatrical unedited versions of content, but as a family friendly airline serving an international audience, where there is excessive violence, sex, nudity or language, we opt to license the edited versions created by the studios/distributors.“

Emirates habe gar nicht das Recht, einen Film zu bearbeiten, da die Rechte bei den Studios und den Vertreibern liegen. Emirates versuche hauptsächlich unbearbeitete Versionen von Filmen zu erwerben, wähle aber als familienfreundliches Unternehmen dann die von den Vertreibern überarbeitete Versionen, wenn im Film zu viel Gewalt, Sex oder Nacktheit vorzufinden ist. Ob dies nun in einem Film wie „Lady Bird“ der Fall ist, muss jeder selbst entscheiden. Auffällig ist jedoch, dass vergleichbare heterosexuelle Inhalte in anderen Filmen in den jeweiligen Filmen verbleiben durften.

Auch die amerikanische Fluggesellschaft Delta Airlines stand in den letzten Jahren häufiger in den Schlagzeilen, da sie u.a. den bereits erwähnten „Rocketman“ lediglich in einer um einen Kuss reduzierten Fassung ihren Fluggästen zeigt. Auch die Komödie „Booksmart“ wurde an einigen Stellen gekürzt. 2016 erwischte es das Liebesdrama „Carol“ ebenso wie „Bad Moms“ 2017. In beiden Filmen wurden Küsse zwischen zwei Frauen entfernt, während Knutschereien und pikantere Szenen zwischen heterosexuellen Paaren als nicht problematisch eingestuft wurden. Ähnlich wie bei Emirates gab auch Delta an, nichts mit den Änderungen der Filme zu tun zu haben. Viel mehr sei es so, dass die Studios und Vertreiber in der Regel zwei Versionen zur Verfügung stellen. Die Originalversion und eine überarbeitete Version. Delta Airlines würde grundsätzlich immer die überarbeitete Version erwerben und ihren Passagieren anbieten. Immerhin sorgte das mediale Echo und die Reaktionen der an den Filmen beteiligten Künstlern und Künstlerinnen dazu, dass sich die Fluggesellschaft um eine dritte „Delta Airlines Verion“ bemühte, in der homoerotische Liebesszenen enthalten sein dürfen und in Zukunft auf den Flügen gezeigt werden können.

 

Und was heißt das in Zukunft?

Gerade das Beispiel um die Fluggesellschaft Delta Airlines zeigt, was der Druck der Öffentlichkeit bewirken kann. Dass die Darstellung von Homosexualität in Filmen als unangemessen eingeschätzt und entfernt wird, widerspricht den geltenden Menschen- und Freiheitsrechten in Europa und dem Großteil der westlichgeprägten Welt. Wenn Unternehmen wie Delta aus Angst vor einem Imageschaden sich gegen eine solche Zensur wehren, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung gemacht. Allerdings sollte man auch den wirtschaftlichen Druck nicht unterschätzen, der auf die Studios in Hollywood wirkt. Wenn man dort beispielsweise beabsichtigt, den immer wichtiger werdenden asiatischen Markt mit westlichen Filmproduktionen zu erobern, wird dies nur mit Werken möglich sein, die unter den Zensurbedingungen vor Ort keinen oder nur wenig Anstoß finden. Ein Film wie beispielsweise „Onward“ aus dem Hause Disney/Pixar, in dem die erste LGBTQ-Figur der bunten Disneywelt auftaucht, wird es da vermutlich schwer haben. Immerhin wurde der Film in mehreren asiatischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Katar komplett verboten. Auch in Russland ist der Film übrigens nur in überarbeiteter Version zu sehen. Die Frage ist, ob sich die Studios über die Zensurbestimmungen der genannten Länder hinwegsetzen oder sich ihnen beugen und damit indirekt diskriminierende und homophobe Ansichten unterstützen.

 

 

2 Gedanken zu “Homosexualität und Zensur

  1. Pingback: Das Homo-Problem im Film | Klappe!

  2. Meiner Meinung nach eine gute Zusammenfassung! Die Infos bezüglich der Airlines kannte ich noch nicht, aber die internationale Lage und der wirtschaftliche Druck wurde hier wirklich gut beschrieben. Andererseits gehören dazu immer noch zwei Seiten, finde ich.
    Eine Seite, die den Druck ausübt und eine, die dem Druck nachtkommt. In vielen Filmen, die international Geld verdient werden soll, die sich aber trotzdem gerne als „divers“ verkaufen wollen, wie beispielsweise Marvel- oder Disney-Filmen, werden Szenen mit pot. schwulen oder lesbischen Paaren leider sowieso so klein gestaltet, dass man sie problemlos herausschneiden kann, ohne der filmischen Handlung einen Abbruch zu tun. Viele Filmproduktionen berechnen dies schon beim Dreh ein, hier geht es wirklich vor allem um den Umsatz.
    Gerade bei Filmen aus dem Hause Disney, die von Kindern und Heranwachsenden gesehen werden, und gerade für die es wichtig wäre sich repräsentiert und als normal dargestellt zu werden, ist die bisherige Darstellung in Filmen, für die sich Disney auch noch feiert, eigentlich eher ein Witz. Die Andeutungen für LBTQI*-Charaktere, in die man mehr hineinlesen kann, aber nicht muss, sind leider oft nicht mehr als ein Marketing-Gang, den man gut und gerne ignorieren kann, wenn er einem überhaupt auffällt.

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