Das Homo-Problem im Film

Nein, in diesem Beitrag geht es nicht darum, dass homosexuelle Paare die christlich-traditionelle Familie bedrohen. Es geht auch nicht darum, wie die LGBTQ-Szene die Gesellschaft vergiftet. Wer solche Inhalte sucht, ist auf dieser Seite falsch und möge seine Suche bitte an anderer Stelle fortsetzen. In diesem Beitrag geht es darum, auf welche Weise Homosexualität in Filmen oftmals dargestellt wird und inwieweit diese Darstellung unter Umständen problematisch ist.

Wenn man über die Darstellung von Homosexualität in Filmen spricht, sollte man dringend sprachlich präzise vorgehen. Denn in diesem Beitrag geht es um die Darstellung von Homosexualität in westlich geprägten Filmen. In anderen Kulturkreisen finden wir oftmals andere gesellschaftliche und gesetzliche Voraussetzungen, sodass Homosexualität dort auch im Film anders gezeigt und betrachtet werden muss. Auch wenn sich die Akzeptanz gegenüber anderen sexuellen Orientierungen in der westlichen Welt in den letzten Jahren zum Positiven verändert hat, ist in einigen Kreisen dennoch eine gewissen Alltags-Homophobie auszumachen. Zumindest scheint die Akzeptanz groß genug zu sein, dass Filme mit homosexuellen Inhalten ein breites Publikum finden. Immerhin gab es in den letzten Jahren eine Vielzahl solcher Filme, die von den Zuschauern positiv angenommen und bei den jeweiligen Oscar-Verleihungen in verschiedenen Kategorien nominiert und ausgezeichnet wurden. Luca Guadacninos „Call me by your name“ (2017), Barry Jenkins „Moonlight“ (2016) oder Todd Haynes „Carol“ (2015) sind nur drei der bekannteren Werke, die hier zu nennen wären.

Auffällig ist jedoch, dass in den meisten dieser Filme die Homosexualität der Figuren als ein Problem oder Konfliktpunkt dargestellt wird. So wie es bei Filmen über Schwarze lange Zeit fast ausschließlich um Rassismus und Sklaverei ging, geht es bei Filmen über Homosexualität sehr oft um Homophobie und Diskriminierung. In „Brokeback Mountain“ (2005) mit Heath Ledger und Jake Gyllenhaal geht es um zwei schwule Cowboys im Amerika der 1960er-Jahre, die aus Angst vor den Konsequenzen ihre Liebe nicht ausleben können. Eine ähnliche Thematik, wenngleich mit deutlich optimistischerem Ausblick, behandelt der bereist erwähnte Film „Carol“ (2015). Darin spielen Cate Blanchett und Rooney Mara zwei Frauen, die aufgrund der Umstände in den 1950er-Jahren nicht zusammen sein können. In „Philadelphia“ (1993) spielt Tom Hanks einen homosexuellen Anwalt, der wegen seiner sexuellen Orientierung entlassen wird und seinen Arbeitgeber ob dieser Diskriminierung verklagt.

In Joel Edgertons Film „Der verlorene Sohn“ (2019) spielt Lucas Hedges einen 19-jährigen Mann, der von seiner religiös-konservativen Familie genötigt wird, sich einer Therapie zu unterziehen, um von seiner Homosexualität geheilt zu werden. Weniger drastisch ist die Coming-of-Age-Tragikomödie „Love, Simon“ (2018), in der der schwule Schüler Simon ein unfreiwilliges Coming-out hat und sich mit den daraus resultierenden Reaktionen seiner Freunde und Mitschüler auseinandersetzen muss. Im Biopic „Milk“ (2008) spielt Sean Penn den titelgebenden Bürgerrechtler Harvey Milk, der als erster offen schwuler Mann in ein politisches Amt gewählt wurde und deswegen mit erheblichen homophoben Anfeindungen zu kämpfen hatte.

All diese Filme haben gemeinsam, dass darin die Protagonisten auf unterschiedlichste Weise aufgrund ihrer Homosexualität Probleme bekommen. Solche Filme sind wichtig und sinnvoll, um die Sinne der Zuschauer im Hinblick auf Homophobie in der Realität zu schärfen. Auch für eine Aufarbeitung jahrelanger Diskriminierungen leisten solche Filme einen wichtigen Beitrag. Und dennoch sollte Homosexualität nicht ausschließlich als eine Eigenschaft dargestellt werden, unter der die Betroffenen leiden. Als nächsten Schritt braucht es Filme, in denen Homosexualität eben nicht als Problem dargestellt wird. Filme, die Geschichten erzählen über Figuren, die „zufällig“ auch homosexuell sind. Homosexualität sollte in der Gesellschaft als etwas vollkommen „Normales“ gesehen werden und demnach auch in Filmen als Selbstverständlichkeit gezeigt werden, ohne explizit thematisiert zu werden. In Filmen wie dem bereits erwähnten „Call Me by Your Name“ (2017) oder Tom Fords „A Single Man“ (2009) ist dies teilweise der Fall. Bei „Call Me by Your Name“, der im übrigen in dieser Ausgabe auch in unserer Filmothek verewigt wurde, handelt es sich um eine Romanze zwischen zwei Männern, die sich während eines gemeinsamen Sommers in Italien näherkommen. Zwar können die beiden Männer im Film ihre Homosexualität nicht offen ausleben. Dennoch stehen die Themen Diskriminierung und Homophobie deswegen zu keinem Zeitpunkt im Vordergrund. Es ließe sich sogar argumentieren, dass der Film die gleiche Wirkung entfalten würde, wenn es sich bei den Liebenden um ein heterosexuelles Paar handeln würde. Die sexuelle Orientierung der Hauptfiguren spielt im Grunde eine untergeordnete Rolle.

Ähnlich verhält es sich bei „A Single Man“. Darin spielt Colin Firth einen schwulen Collegeprofessor, der nach dem Tod seines Lebenspartners mit der Trauerbewältigung kämpft. Dass sich Firths Charakter Ressentiments gegen seine sexuelle Orientierung ausgesetzt sieht, wird im Film klar. Dennoch ist die Homosexualität der Hauptfigur nicht das Problem und auch nicht das eigentliche Thema des Films. Im Film geht es um Liebe und die Schwierigkeit, nach dem Verlust eines geliebten Menschen weiterzuleben. Und das ist universell für alle Menschen greifbar und nachzuempfinden.

Abschließend sollen zwei weitere Filme genannt werden, in denen Homosexualität im Grunde beiläufig ein Kernelement der Handlung darstellt. Diese sind die Komödie „I Love You Phillip Morris“ (2009) und das Drama „Beginners“ (2010). In „I Love You Phillip Morris“ spielt Jim Carrey den extravaganten Betrüger Steven Russell, der aufgrund seiner kriminellen Aktivitäten in den Knast wandert. Dort verliebt er sich in den Mitgefangenen Phillip Morris, gespielt von Ewan McGregor. Das ungleiche Paar muss sowohl im Gefängnis als auch später in Freiheit einige Hindernisse überwinden, um zusammen sein zu können. Vor allem Stevens fragwürdiger Lebenswandel wird schnell zum Problem. Nun kann man sicherlich argumentieren, dass Jim Carreys Darstellung an manchen Stellen zu sehr drüber und einige Aspekte des Film überzogen und fast schon klischeehaft sind. Dennoch ist die (wahre) Geschichte unterhaltsam und die Tatsache, dass es dabei um zwei homosexuelle Männer geht, im Grunde absolut zweitrangig.

Ewan McGregor spielt neben „I Love You Phillip Morris“ auch die Hauptrolle im angesprochenen „Beginners“. Darin geht es um einen frustrierten Mittdreißiger namens Oliver, dessen Vater sich nach über 40 Jahren Ehe mit Olivers Mutter outet, seine Homosexualität offen auslebt und das Leben in vollen Zügen genießt. Nach dem Tod des Vaters reflektiert Oliver sein eigenes Leben und kommt zu dem Schluss, dass er wie sein Vater ausbrechen und etwas in seinem Leben ändern muss. Auch wenn es in „Beginners“ nur am Rande um Homosexualität geht, immerhin steht neben der Vater-Sohn-Beziehung vor allem eine (heterosexuelle) Liebesgeschichte zwischen Oliver und der Schauspielerin Anna im Mittelpunkt, wird die Homosexualität des Vaters hier als etwas Positives dargestellt. Olivers Vater entscheidet sich dafür den Rest seines Lebens zu genießen und inspiriert dadurch seinen Sohn dazu, ebenfalls glücklich zu werden.

Wie man sieht gibt es durchaus Filme, in denen Homosexualität als Selbstverständlichkeit oder gar als etwas Positives dargestellt wird. Trotzdem überwiegen aktuell noch Filme, die die Diskriminierung Homosexueller thematisieren und aufarbeiten. Diese Filme haben auf jeden Fall weiterhin ihre Relevanz und es ist erfreulich, dass dieses Thema in den letzten Jahren ein größer werdendes Publikum findet. Trotzdem wäre es im Hinblick auf die Akzeptanz, Homo- und Heterosexualität gleichwertig zu sehen, hilfreich, wenn es in Zukunft mehr Filme gäbe, in denen die (mögliche) Homosexualität der Figuren quasi beiläufig in die Handlung einfließt. Denn im Grunde ist die sexuelle Orientierung der Hauptfigur in den allermeisten Fällen letztendlich egal oder sollte es zumindest sein.

 

 

3 Gedanken zu “Das Homo-Problem im Film

  1. Pingback: Filmvergleich (2): Bohemian Rhapsody (2018) vs Rocketman (2019) | Klappe!

  2. Ich nehme mal an, dass es da schon nicht wenige Filme gibt , die ein entpanntes und unvoreingenommes Bild von Homosexualität zeigen. Nur handelt es sich dabei vermutlich dann um niedig budgetierte Independence-Produktion und kommen dann in Deutschland oftmals gar nicht erst in den Verleih. Was da bei Netflix & Co. läuft, sind überwiegend Sachen, in denen schon ein bisschen Geld steckt und die oftmals auch nicht ganz erfolglos in den Kinos (was war das noch mal???) liefen. Bleibt zu hoffen, dass sich da in Zukunft mehr Leute finden, die auch Geld in so etwas investieren. Ein Film we „Bohemian Rhapsody“ hat gezeigt, das man damit auch tatsächlich Kohle verdienen kann, wobei es sich hier natürlich nicht um einen „Schwulenfilm“ im eigentlichen Sinne handelt. Aber es ist ja zumindest mal ein Anfang.

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