Das Film-Dreieck (5) – Western

Ein Comic-Held, der sich in der realen Welt versucht, ein berühmtes Ganoven-Duo, das von Burt Bacharach im Regen stehen gelassen wird oder ein Klassiker, mit einem ungewöhnlichen Ende. Auch für diesen Monat haben wir uns wieder ein paar tolle Vertreter des Genres ausgesucht, um sie untereinander als nachträgliche Weihnachtspräsente auszutauschen. Wir sind selbst immer sehr gespannt, wie unser filmisches Präsent beim jeweils anderem Mitglied des Teams ankommt. Landen sie gleich nach den Feiertagen im Keller, um neben Tante Trudes selbst gehäkelten Topflappen zu vermodern oder erhalten sie einen (symbolischen) Ehrenplatz im Filmregal? Gern lesen wir auch die Meinungen unserer Fangemeinde in den Kommentaren.

Von Ainu für Steffelowski: Leichen pflastern seinen Weg (1968)

Ainu:  Auch in diesem Monat kam mir wieder die schwierige Aufgabe zu, für den Kollegen Steffelowski einen passenden Film aus dem Hut zu zaubern. Schwierig aus zweierlei Gründen: einerseits kann mich nun wahrlich nicht als den größten Western-Fan bezeichnen, was natürlich auch zur Folge hat, dass mein Wissen in diesem Bereich eher begrenzt ist, und andererseits darf man Steffelowski durchaus als Genrekenner bezeichnen. Doch dann tat sich eine riesen Gelegenheit auf, denn zu meiner großen Überraschung und Freude stellte sich heraus, dass Steffelowski einen meiner Lieblinge des Genres eben doch noch nicht kannte, und so bin ich nun schon sehr gespannt, was mein werter Kollege über “Leichen pflastern seinen Weg” denkt.  

Steffelowski: Ich war schon immer ein Fan von Filmen, deren Handlung im Winter, oder in einer Schneelandschaft spielen. Egal, ob „Fargo“, „Das Ding“ oder „The Shining“, um nur einige zu nennen. Ich war daher  sehr dankbar dafür, dass die liebe Ainu mir für die Ausgabe dieses Monats einen Film zugedacht hat, der schon lange auf meiner endlosen Watchlist steht. Passend zu den, wie üblich im Norden, schneefreien Weihnachtstagen, hatte ich also die Chance, einen der ganz großen Italowestern zu sehen.

Das Erste, was mich sofort sehr beeindruckt hat, waren die wirklich grandiosen Landschaftsaufnahmen, die schon in der ersten Szene eine ganz besondere Stimmung erzeugen. Die tief verschneiten Berge und Täler von Utah (gedreht wurde allerdings u. a. in Südtirol) wirken so ruhig und friedlich,  dass man zunächst durchaus an einen deutschen Heimatfilm denken könnte. Aber dieser Eindruck währt nicht lang, da schon bald die ersten Schüsse fallen und der Schnee sich rot färbt. Und das zieht sich – dieses Wortspiel sei erlaubt – wie ein roter Faden durch den gesamten Film. Selbst für einen Italowestern geht es hier beinhart zur Sache. Ob der Stumme „Silence“ Finger oder noch wichtigere Körperteile aufs Korn nimmt, oder der irre Kopfgeldjäger „Loco“ (kein Rollenname war jemals passender, Klaus Kinski wohl niemals besser) auf alles schießt, was sich bewegt. In diesem Film sitzen die Colts wahrlich locker. Dennoch bietet er mehr als die klassischen  Mexican Standoffs. Hier wird  auch eine ordentliche Portion Sozialkritik mehr oder weniger subtil auf die Leinwand gebracht. Die in Armut lebende Landbevölkerung bäumt sich gegen ihr Schicksal auf, wird dadurch zu Gesetzlosen erklärt und somit zum legitimierten Abschuss durch Loco freigegeben. Den Entrechteten kommt der mysteriöse Silence zu Hilfe, allerdings unterscheiden sich seine Mittel zur Konfliktbeseitigung nur geringfügig von denen des Kopfgeldjägers. Wer jetzt aber annimmt, dass das Gute am Ende in den Sonnenuntergang reitet, der irrt. Die letzten Minuten des Films haben das Publikum schon damals zutiefst schockiert und fassungslos zurückgelassen. Mir ging es da kaum anders. Ein wirklich faszinierendes Meisterwerk des Kinos, der auch heute noch gut funktioniert. Perfekte Wahl, Ainu. Danke.

Von Wermi für Ainu: Zwei Banditen (1969)

Wermi:  So Mara, du meintest ja, du seist im Westerngenre noch nicht so sehr bewandert und diesen Punkt teilen wir uns. Daher habe ich mir für dich einen Western herausgesucht, der mir bisher mit am besten gefallen hat und der auch schön leichtfüßig ist. Butch und Sundance sind ein von Grund auf sympathisches Ganovenduo, die als Figuren – aber auch in der Dynamik von den vor Charisma sprühenden Schauspielern Paul Newman und Robert Redford – eine Menge Freude bereiten. Dieser Film sei jedem geraten, der sich bisher sträubt, Western nachzuholen und sich mit der entschleunigten Art dieses Kinos schwer tut.

Ainu: Entschleunigt kann man den Film tatsächlich auf gar keinen Fall nennen. Ganz im Gegenteil, eigentlich geht es gleich einmal von der ersten Minute an ziemlich zur Sache. Hohes Tempo und Leichtfüßigkeit sind also schon mal gegeben. Auch das mit dem Witz und dem Charme kann ich unterschreiben. Aber ich denke, Wermi verkannte, was mir den Zugang zum Western-Genre immer ein wenig erschwert – es ist nämlich nicht die entschleunigte Art, sondern vielmehr die Tatsache, dass die Protagonisten, ebenso wie Handlungen, viel zu oft viel zu austauschbar wirken, zumindest auf mich, und das Ganze für mich dadurch immer ein wenig an Tiefgang vermissen lässt. Und so ging es mir dann leider auch bei Butch und Sundance. So sympathisch Newman und Redford auch sein mögen, ich erfahre einfach zu wenig über ihre Figuren beziehungsweise deren Beziehung zueinander, als dass sie mir wirklich ans Herz wachsen würden. So hatte ich zwar durchaus meinen Spaß mit dem Film, bereue es nicht ihn gesehen zu haben, aber unter meine Favoriten hat er es dann doch nicht geschafft. 

Von Steffelowski für Wermi: Lucky Luke (2009)

Steffelowski: Ich war einigermaßen überrascht, dass es neben den animierten, doch schon einige Realverfilmungen des Comic-Helden Lucky Luke gibt. Die Abenteuer des Mannes, der schneller als sein eigener Schatten zieht und seinen ewigen Widersachern, den vier Dalton Brüdern, waren aber durch die Bank bestenfalls durchschnittliche Kinounterhaltung. Ein echter Kracher, der auch die wirklich beinharten Fans der Comics zufriedenstellen konnte, war nicht dabei. Die französische Version von 2009, mit Jean Dujardin („The Artist“, die „OSS 117“ Reihe) soll aber durchaus solide Unterhaltung bieten. Yannick, was meinst Du? Haben wir es hier mit einem Blattschuss oder einem Rohrkrepierer zu tun? 

Wermi: Ich will nicht lügen: Als Stefan mir diesen Film ausgesucht hat, hatte ich so gar keine Lust drauf, denn an der Figur Lucky Luke klebt für mich ein Stück Kindheit. Als bilinguales Kind einer französischen Mutter bin ich mit sämtlichen frankobelgischen Comics aufgewachsen, darunter natürlich auch Lucky Luke. Ich las seine Hefte, schaute den Cartoon und spielte sogar das Spiel damals für die Playstation 1. Wie soll ein Film die Erwartungen erfüllen, die sich da automatisch aufbauen, und dann noch in Form einer Realverfilmung? Das schrie geradezu nach komplettem Trash.

Aber war es das auch? Tatsächlich würde ich das sogar verneinen, obwohl mir der Film nicht mal sonderlich gefiel. Denn wenn eins an der Verfilmung stimmte, dann war es der Produktionsaufwand. Der Look wirkt durchaus hochwertig, was besonders an der tollen Ausstattung des Films liegt. Die Kulissen (vor allem im Finale) und auch die Inszenierung brachten allemal die nötige Verspieltheit und den Witz mit, den eine Comicverfilmung benötigt. Aber leider machen die Franzosen wieder einmal etwas, was sie bei Comicverfilmungen ständig tun: Sie schlagen deutlich über die Stränge und sind dabei so drüber, dass dabei der Kern der Vorlage verloren geht. Nur weil man ein Comic verfilmt, heißt das nicht, dass man einem im Minutentakt infantile Komik um die Ohren hauen muss und auf ein gutes Drehbuch verzichten darf. Denn die die Story ist quasi nicht vorhanden, die Dialoge sind kaum erträglich (obwohl ich ihn mir sogar extra im französischen Original angesehen habe) und Figuren sind total uninteressant und handeln inkonsequent. Dazu lässt der Film den Charme von Lucky Luke gänzlich vermissen, so sehr Jean Dujardin sich auch Mühe gibt. Vielleicht ist Lucky Lukes trockene, coole Art aber auch nicht für eine Realverfilmung geschaffen, besonders da es schwer sein dürfte diesen ganz speziellen Ton zu treffen zwischen sich ernst nehmen, aber auch nicht zu sehr. Ich könnte mir aber vorstellen, dass beispielsweise ein Matthew Vaughn genau der Richtige für diesen Drahtseilakt wäre, so wie er es bisher schon einige Male bewiesen hat. Denn auf dem Papier klingt es eigentlich nach einer schönen erfrischenden Idee, einen Western im Comicstil zu drehen. Dann aber bitte die Verantwortung nicht wieder in die Hände der Franzosen legen, die machen dann doch etwas zu viel des Guten.
Der Film ist zwar nicht sonderlich schlecht, gut ist er leider auch nicht. Kann man also man machen, ich hätte ihn aber jetzt nicht gebraucht.

6 Gedanken zu “Das Film-Dreieck (5) – Western

    • „Django“ hat mich ja auch nicht restlos überzeugen können. Letztlich nicht viel anders als die Dutzendware, die dann später folgte. „Leichen …“ Ist da schon eine ganz andere Nummer. Viel cleverer, viel atmosphärischer, Und irgendwie auch nicht wirklich ein Western, zumindest nicht im klassischen Sinne. Und das fatalistische Ende hat mich förmlich umgeblasen. Damit hätte ich niemals gerechnet.

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      • „Winterwestern“ allein sind ja schon immer was Besonderes! Die Ästhetik von Django scheint mir eher, als ob Corbucci dachte „Oh, ‚Für eine Handvoll Dollar‘ soll also dreckig sein? Ich geb euch dreckig!!“ (Das klingt negativer gegenüber Django als ich es meine! Ich mag den Film, nur ‚Leichen…‘ halt lieber.)

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