Wenn die Liebe zur Besessenheit wird

Die Liebe kann so vieles mit einem Menschen anrichten. Sie führt ihn hinauf in himmlische Höhen, aber auch hinab in die tiefste Hölle. Sie macht ihn glücklich, wie es sich vielleicht einmal im Leben erleben lässt, aber sie lässt ihn auch die schlimmsten Qualen erleiden, wie sie sich kein Folterknecht auf der Welt je ausdenken könnte. Die allermeisten von uns durchleben, mal früher, mal später, dieses Wechselbad der Gefühle und kommen damit gut zurecht. Die schönsten Wunden sind doch immer die, die die Liebe schlug. Aber manchmal kommt es eben vor, dass eine Liebe – auch eine enttäuschte Liebe – Formen annimmt, die nicht gut ist. Wenn jemand zu sehr liebt oder über die Maßen verehrt – egal, ob einen Partner, eine prominente Persönlichkeit oder einen Fußballclub – kann das gefährlich werden. Das reicht von Eifersuchtsszenen und schmutzigen Scheidungen, über Stalking, bis zu Gewaltausbrüchen und sogar Mordversuchen.

Natürlich hat sich auch der Film immer wieder mit dieser Art von abgründigen Gefühlswallungen der menschlichen Seele beschäftigt. Seit Menschen ins Kino gehen, gab es immer wieder Streifen zu sehen, in den das Thema von aus dem Ruder gelaufenen Liebesbeziehungen thematisiert wurde. Spätestens als 1960 „Psycho“ in die Kinos kam, dürfte jedem klar geworden sein, dass die  Mutterliebe eines Sohnes nicht so weit gehen sollte, dass dieser ihre Leiche  einbalsamiert im Keller aufbewahrt und gleichzeitig in den Kleider der Mutter gewandet, Leute unter der Dusche ersticht. Nur eines von vielen Beispielen aus der Filmgeschichte das zeigt, wozu es führen kann, wenn die Liebe sich zu in eine Obsession oder gar in eine Besessenheit verwandelt. Gefährlich wird es immer dann, wenn Gefühle nur einseitig vorhanden sind oder wenn eine Seite die Beziehung beenden möchte. Hier einmal ein Paar – mehr oder wenige  prominente – Beispiele aus diesen ganz besonderen Sub Genre des Liebesfilms:

Sadistico – Wunschkonzert für einen Toten (1971): In seinem ersten Film als Regisseur wagte sich Clint Eastwood an das für ihn bis dato unbekannte Genre des Psychothrillers und darüber hinaus noch an ein Thema, dass dem damals immer mehr aufkeimenden Feminismus sicherlich keinen guten Dienst erwiesen hat. Eastwood spielt in „Sadistico“ (ein blöder deutscher Titel, da passt „Play Misty for me“ schon wesentlich besser)  den populären Radio -DJ Dave Garber. In einer von ihm moderierten Wunschsendung   verlangt eine Anruferin, Evelyn Draper (Jessica Walter),   Nacht für Nacht, dass Garber den Song „Misty“ für sie spielt. Kurze Zeit später lernen beide sich „zufällig“  persönlich kennen und es beginnt eine kurze, aber heftige Sexbeziehung. Garber erkennt aber bereits früh, dass Evelyn mehr ist als ein harmloser Fan, und beendet die Romanze, womit die Verschmähte so gar nicht einverstanden ist. Sie beginnt,  Garber nachzustellen und ihn heimlich zu beobachten, wenn er sich mit anderen Frauen trifft. In seiner Abwesenheit verwüstet sie seine Wohnung, was dazu führt, dass Evelyn kurzzeitig in Haft kommt. Nach ihrer Entlassung versucht sie erneut, Kontakt aufzunehmen, wird von Dave aber erneut zurückgewiesen. Daraufhin versucht die inzwischen vollends dem Wahnsinn verfallene Evelyn, Dave mit einem Messer zu töten. Vermutlich in Vorbereitung auf seinen nächsten Film „Dirty Harry“ befördert Eastwood die Wahnsinnige mit einem (!) gezielten Faustschlag durchs Fenster, was auch die stärkste Liebe nicht aushält. Evelyn fällt die Klippen herunter und endet als Wasserleiche. Ein Macho wie Eastwood kann sich doch nicht von einer Irren abstechen lassen. So viel zum Thema Feminismus

Taxi Driver (1976): Warum die Angebetete beim ersten Date nich einfach einmal ganz stilecht in ein 24-Stunden Pornokino am Times Square einladen? Für den Kriegs-traumatisierten Vietnamveteranen Travis Bickle (der Durchbruch für Robert De Niro) sind der Schmutz und der Abschaum New Yorks gleichzeitig verabscheuungswürdiger  Sündenpfuhl und faszinierendes Studienobjekt zugleich. Als er die smarte Wahlkampfhelferin Betsy kennenlernt, verliebt er sich spontan in sie, auch wenn ihre Charaktere und ihre Lebensweisen unterschiedlicher nicht sein könnten. Nach dem missglückten Kinoabend bricht Betsy den Kontakt zu Travis ab, doch dieser weiß mit der Zurückweisung nicht umzugehen. Er versucht immer wieder in Betsys Nähe zu kommen, scheitert jedoch  jedes Mal. Allmählich dreht Travis immer mehr  durch. Er besorgt sich illegal Waffen, um die Stadt „von all dem menschlichen Abschaum“ zu erlösen und gleichzeitig auch sich selbst von allen inneren Qualen und Verletzungen zu befreien. Er erschießt in einer Art Kreuzzug mehrere  Leute aus dem von Travis so verabscheuten Rotlichtmilieu und wird am Ende beinahe selbst getötet. Und auch wenn sich Travis und Betsy nach diesem Vorfall auf einer halbwegs normalen Ebene wieder begegnen können, bleiben viele innere und äußere Narben zurück.

Eine verhängnisvolle Affäre (1987): Wohl DER Klassiker, wenn es darum geht, die drastischen Folgen eines unüberlegten Moments, eines spontanen Seitensprungs, einer berauschenden Nacht mit einer anderen als der eigenen Frau, zu thematisieren. Zur Zeit des Erscheinen des Films viel diskutiert und ein Dauerthema in den diversen Talkshows der damaligen Zeit. Dabei ist die Ausgangslage schon damals sicherlich nicht neu gewesen und ist auch im Jahre 2021 noch immer aktuell. Ein Mann (Michael Douglas) lässt sicher während der Abwesenheit von Frau und Tochter auf einen vermeintlich harmlosen Flirt mit einer Geschäftspartnerin (Glenn Close) ein. Nach einer heißen Nacht möchte er das Ganze beenden und so schnell als möglich auch wieder vergessen. Sie jedoch ist ab sofort wie besessen von ihrer großen Liebe und denkt nicht einmal daran, die Sache als einmalig zu betrachten. Sie beginnt damit, zunächst ihn und dann auch seine Familie zu stalken und schließlich auch körperlich zu bedrohen. Das überaus dramatische Finale des Films hat Filmgeschichte geschrieben und ist auch noch heute absolut atemberaubend. Anders als in vielen ähnlich gearteten Filmen sind hier die Rolle von Verführer und Verführtem nicht eindeutig getrennt. Glenn Close (für den Oscar nominiert als beste Hauptdarstellerin) spielt nicht das harmlose Opfer, dass von einem Mann zum Sex überredet werden muss, sondern die toughe Businessfrau, die weiß, was sie will und es sich dann auch nimmt.  Douglas ist zunächst eher zögerlich und zurückhaltend, geht aber dann schnell nur allzu gern auf die Avancen von Close ein.

Sleep Tight (2011): In diesem spanischen Film (ein koreanisches Remake von 2018 gibt es auch)  geht es um den Hausmeister Cėsar, der seine Unzufriedenheit mit dem Leben, seinen Selbsthass und den Hass auf andere damit kompensiert, dass er den Bewohnern des Hauses, in dem er arbeitet, kleine, aber böse „Streiche“ spielt. Einzig zu der jungen Clara fühlt er sich wirklich hingezogen. Allerdings sind seine Annäherungsversuche eher ungewöhnlich. Mehrfach dringt er nachts per Nachschlüssel in ihre Wohnung ein, narkotisiert sie im Schlaf und vergewaltigt sie dann. Als weiteren Liebesbeweis lässt er in ihrer Wohnung Kakerlaken frei oder verunreinigt ihre Hautcreme mit Chemikalien, was bei Clara zu einer heftigen allergischen Reaktion führt. Die Geschehnisse in dem Haus eskalieren immer mehr und enden mit Mord  und einer ungewollten Schwangerschaft. Ungewöhnlich bei „Sleep Tight“ ist, dass es sehr lange dauert, bis Clara überhaupt bemerkt, dass sie das Opfer einer kranken Obsession und gestörten Begierde ist. Außerdem gibt es kein Happy End im herkömmlichen Sinn,  keine Überführung des Täters oder einen furiosen  Showdown, bei dem der Bösewicht  – wie heutzutage üblich – ums Leben kommt. Im Gegenteil, dem verrückten Hausmeister geht es am Ende besser als zuvor und er macht Clara noch ein ganz besonderes Geschenk. Wirklich sehenswert und spannend bis zum Schluss. Sicherlich eine vollkommen lückenhafte Zusammenstellung von Filmen, in denen es um Liebe der anderen Art geht. Aber welche Zusammenstellung kann schon vollständig sein und jeden zufriedenstellen? Da fallen Euch doch sicherlich viele andere Filme zu dem Thema ein. In den Kommentaren ist jede Menge Platz dafür. Ich bin gespannt.

2 Gedanken zu “Wenn die Liebe zur Besessenheit wird

    • Oh ja, Phantom der Oper hätte hier perfekt reingepasst. Auch so ein Stoff, der immer wieder mal neu verfilmt wird, wobei ich nur der Version mit Claude Rains kenne. Im Nachhinein kamen mir noch Misery und China Blue – Bei Tag und Nacht in den Sinn.
      Ach, ich fand Sleep Tight überraschend gut. Hab mich selbst gewundert.

      Gefällt mir

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