Filmtipps Oktober 2020

Denk ich an Deutschland in der Nacht…. Diese Worte aus Heines „Nachtgedanken“ treffen in ihrer ergänzten Fassung für viele auch auf den deutschen/österreichischen Film zu. Ja, sie haben es nicht leicht, die Filme aus dem eigenen Land. Zu schwerfällig, zu kopflastig, zu banal, zu primitiv oder einfach nur zu deutsch, zu… Die Liste der negativ belegten Attribute scheint hier beinahe endlos. Aber ist das wirklich so? Ist Til Schweiger der Teufel in Menschengestalt? Kann das Beste aus deutschen Landen wirklich „Kartoffelsalat“ sein? Wird Elyas M`Barack Bundeskanzlerin und Palina Rojinski der nächste James Bond? Dass durchaus vieles möglich ist, sogar gute Filme aus heimischen Gefilden, zeigt unsere kleine Auswahl an Produktionen, die derzeit bei den gängigen Streaming Anbietern zu bekommen sind. Grad jetzt, wo die Tage wieder kürzer werden, lohnt es sich bestimmt, einmal genauer hinzusehen.

Ainu empfiehlt: 

Comedian Harmonists (1997)

  • Regie: Joseph Vilsmaier
  • Genre: Drama, Musikfilm
  • Darsteller: Ben Becker, Heino Ferch, Ulrich Noethen
  • Zurzeit verfügbar bei: Netflix

Ich bin ein großer Fan von Biopics und von der Musik der „Comedian Harmonists“, einer Gruppe von Musikern, die durch das Nazi-Regime getrennt wurde, da ein Teil von ihnen Juden waren. Die ebenso schöne wie tragische Geschichte dieser Band erzählt der Film mit ganz viel Feingefühl und einem wunderbaren Gespür für Tempo und Dramatik.

Die Welle (2008)

  • Regie: Dennis Gansel
  • Genre: Drama
  • Darsteller: Jürgen Vogel, Frederick Lau, Max Riemelt
  • Zurzeit verfügbar bei: Netflix

Die NS-Zeit ist ein wirklich grausames Kapitel der deutschen Geschichte. Zum Glück wäre sowas in der heutigen Zeit nicht mehr möglich – oder vielleicht doch? Genau diese Frage nimmt dieser, auf wahren Begebenheiten und einem Roman beruhende Film zum Anlass, um dem Zuschauer auf beunruhigende und schockierende Weise vor Augen zu führen, wie schnell sich faschistoide Strukturen innerhalb einer Gruppe manifestieren können.

Ma-Go empfiehlt:

Stereo (2014)

  • Regie: Maximilian Erlenwein
  • Genre: Mystery-Thriller
  • Darsteller: Jürgen Vogel, Moritz Bleibtreu
  • Zurzeit verfügbar bei: Sky Go

„Stereo“ ist ein deutscher Mystery-Thriller, in dem Jürgen Vogel von seiner Vergangenheit (in Form von Moritz Bleibtreu) eingeholt wird. Wenn der Film nicht viel zu detailiert erklären würde warum wer was mit wem macht, wäre er noch ein gutes Stück besser. Trotzdem ist „Stereo“ gut gespielt, erzähltechnisch spannend aufgebaut und in der ersten Hälfte sogar lustig, ohne dass die schwarzhumorigen Witze fehl am Platz wirkten. Die zweite Hälfte ist dann eher John-Wick-mäßig rau und brutal.

Soul Kitchen (2009)

  • Regie: Fatih Akin
  • Genre: Komödie/Drama
  • Darsteller:
  • Zurzeit verfügbar bei: Arte Mediathek (bis 30.11.2020) und Amazon Prime

Bei Wirt Zino läuft es überhaupt nicht. Sein titelgebendes Restaurant „Soul Kitchen“ steht kurz vor der Schließung, mit der Freundin gibt es Probleme, der Rücken zwickt und dann taucht auch noch der spielsüchtige und kriminielle Bruder auf und bittet um Hilfe. Doch dann scheint sich das Blatt zu wenden. Regisseur Fatih Akin sagt über seinen Film, es ginge „…um existenzielle Dinge. Um Trinken, Essen, Feiern, Tanzen, um Heimat. […] Aber keine Heimat, die national definiert ist, nicht Deutschland oder die Türkei. Heimat als Zustand, nicht als Ort eben.“ Noch fragen? Dann viel Spaß mit diesem Film.

Steffelowski empfiehlt:

Pappa Ante Portas (1991)

  • Regie: Vicco von Bülow (Loriot)
  • Genre: Komödie
  • Darsteller: Vicco von Bülow, Evelyn Hamann, Irm Herman
  • Zurzeit verfügbar bei: Netflix

„Mein Name ist Lohse und ich kaufe hier ein“. Klingt witzig? Nee, nicht wirklich. Aber wenn der Satz im Film fällt, ist das brüllend komisch. Kein anderer Humorist („Komiker“ würde hier bei weitem nicht ausreichen) hat die Eigenheiten des deutschen Wesens und der deutschen Spießigkeit so genau beobachtet und in seinen Sketchen so feinsinnig überspitzt dargestellt, wie Loriot, aka Vico von Bülow. Wenn er als zwangsweise in Pension geschickter Manager der „Deutsche Röhren KG“ unter Ausnutzung von Skonto und Mengenrabatt, im Tante-Emma-Laden 150 Gläser Tafelsenf für den Hausgebrauch kauft, ist dies einer der Glanzpunkte des Komödiengenres unseres Landes, von denen es eh nicht endlos viele gibt. Wer gerne über die Eigenheiten der Deutschen lacht und Situationskomik mit Niveau zu schätzen weiß, sollte sich diesen Klassiker keinesfalls entgehen lassen.

Der goldene Handschuh (2019)

  • Regie: Fatih Akin
  • Genre: Drama, Krimi, Psycho-Thriller
  • Darsteller: Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Hark Bohm
  • Zurzeit verfügbar bei: Sky Go/Sky Ticket

Vom biederen Preußentum eines Loriots, in die Schmuddel Welt der Hamburger Reeperbahn. Hier ermordete der Nachtwächter Fritz „Fiete“ Honka in den Jahren 1970-1975 vier Frauen, zerstückelte die Leichen und versteckte die Überreste teilweise bis zu seiner Festnahme in einem Verschlag seiner Wohnung oder auf dem Dachboden. Alle Opfer waren, wie Honka selbst, gestrandete Charaktere, die sich überwiegend im Milieu der Hamburger Amüsiermeile aufhielten, in dem sich auch die titelgebende Kneipe befindet. Hier trank Honka mit anderen „Typen“ oft bis zur Besinnungslosigkeit und bändelte mit seinen späteren Opfern an. Der Film gibt ein sehr beklemmendes Bild der damaligen Zustände auf dem Hamburger Kiez wieder, teils in wirklich drastischen Bildern, wobei sich dies nicht auf explizite Gewaltdarstellungen beschränkt. Ein Blick in Honkas Wohnung reicht aus, um beim Zuschauer das sofortige Verlangen, sich waschen zu müssen, zu erzeugen. Da ist man froh, dass es kein Geruchskino (mehr) gibt. Ein intensiver Film; ungeeignet für Zartbesaitete. Aber als Hamburger muss man ihn einfach lieben.

Wermi empfiehlt:

Schneeflöckchen

  • Regie: Adolfo J. Kolmerer, William James
  • Genre: Action, Krimi, Comedy
  • Darsteller: Reza Brojerdi, Erkan Acar
  • Zurzeit verfügbar bei: Amazon Prime

Ihr wollt mal etwas völlig Abgefahrenes sehen, das aus Deutschland kommt, und das nur so vor kreativen Ideen strotzt? Dann solltet ihr den Mut der Macher dieses Films belohnen und euch bei einer Sichtung an deren Verspieltheit erfreuen. 5(!) Jahre ihrer Lebenszeit haben sie in die Produktion dieses außergewöhnlichen Films gesteckt und wie ich finde, hat es sich voll ausgezahlt. Aber worum geht es? Nun ja, das lässt sich gar nicht so leicht herunterbrechen und ähnlich schwierig lässt sich der Film in ein Genre einordnen, da er sich bei mehreren bedient.
Er spielt in der nahen Zukunft in einem anarchischen Berlin und handelt von zwei Gesetzlosen, die auf der Jagd nach den Mördern ihrer Familien eines Tages feststellen müssen, dass sie Teil eines mysteriösen Drehbuchs sind, das all ihre Handlungen bestimmt. Also begeben sie sich auf die Suche nach dem Autor und stoßen dabei auf allerlei verrückte Hürden.
Und um mit Javids Worten abzuschließen: „Alter wenn das verfilmt wird, wird das der behindertste Film, den es je gegeben hat.“

Lammbock

  • Regie: Christian Zübert
  • Genre: Comedy
  • Darsteller: Moritz Bleibtreu, Lucas Gregorowicz
  • Zurzeit verfügbar bei: Netflix

Als ich mir den Film vor paar Tagen mit einigen Freunden via Netflix-Party angeschaut habe, war nicht ganz klar in welche Richtung „Lammbock“ gehen würde. Die Erwartung war, einfach eine anspruchslose Kifferkomödie zu bekommen und da war die Enttäuschung bei meinen Freunden doch etwas groß, als die Handlung für sie „deplatzierte“ Entwicklungen genommen hat. Mich hat aber gerade das positiv überrascht. Während einige Szenen durch ihren Kifferhumor brüllend komisch sind, findet der Film an anderen Stellen aber auch genug Zeit, um Zwischenmenschliches einzubauen und seine Figuren zu entwickeln. Am Ende steht nämlich die Freundschaft der beiden Hauptfiguren über allem und sie hat den Film letztendlich für mich so sehenswert gemacht. Denn kann man sich erstmal auf die Figuren einlassen, wird man auch Spaß daran haben wie sie sich von einer Scheiße in die nächste reiten.

Ein Gedanke zu “Filmtipps Oktober 2020

  1. Über „Stereo“ bin ich bei der Recherce zum letzten Filmrätsel gestolpert. Ich hatte noch nie etwas von dem Film gehört. Liegt aber auch wohl daran, dass ich bei deutschen Produktionen immer eher uninteressiert bin. Aber nee, den Trailer fand ich gut, die Schauspieler sind solide und wenn er in dieser Rubrik vorgestellt wird, muss er ja auch jeden Fall gut sein. Hier schreiben ja schließlich Leute, die etwas davon verstehen. 🙂

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