Die rote Schildkröte (2016)

  • Originaltitel: La tortue rouge
  • Regie: Michael Dudok de Wit
  • Genre: Animation, Drama, Märchen
  • Land: Frankreich, Japan, Belgien

Es gibt sie, jene besonderen Perlen der Filmkunst, die weder vieler Worte noch großer Reden bedürfen, um eine emotional ergreifende Geschichte zu erzählen. Und unter diesen Wenigen zählt „Die rote Schildkröte“, ein Animationsfilm aus dem Jahr 2016, mit zu den Besten. Wer von euch nun die Augen verdreht und sich im Stillen denkt: „Uff…ein Kinderfilm!“, dem kann ich nur empfehlen, die eigenen Ansichten mal ein wenig zu entstauben und über den Tellerrand zu blicken, denn ebenso wie nicht jeder Zeichentrickfilm etwas für Kinder ist, muss auch nicht jeder Film zwangsläufig für Erwachsene ungeeignet oder langweilig sein. Ganz im Gegenteil, wer es einmal schafft, über die Pinselstriche hinwegzusehen und sich auf die Geschichte einzulassen, der wird ein modernes Märchen entdecken, in dem es um nichts weniger als das Leben selbst geht. Schmerz, Angst, Schuld, Verlust, aber auch Glück, Liebe, Geborgenheit und Zusammenhalt, das alles packen die Verantwortlichen in gerade einmal 81 Minuten, womit sie auch noch eindrücklich beweisen, dass universell verständliche Geschichten keiner epischen Laufzeit von 3 Stunden bedürfen, um beim Zuschauer Eindruck zu hinterlassen.

Und während ich diese Zeilen schreibe, überlege ich bereits, was, oder besser gesagt wie viel, ich euch vom Inhalt verraten kann, respektive möchte. Denn wie so oft bei Filmen, die sich eher auf einer intuitiven, emotionalen Ebene bewegen, ist die Erfahrung der ersten Sichtung umso schöner und einnehmender, wenn man unvoreingenommen an die Sache herangeht.
Deswegen sei hier nur kurz die grobe Prämisse umschrieben: Ein Mann strandet auf einer einsamen Insel und baut sich ein Floß, um von dieser wieder entkommen zu können. Doch jeder seiner Fluchtversuche wird von einer großen roten Wasserschildkröte vereitelt, indem sie ihn ein ums andere Mal zum Kentern bringt.
Über den Rest breite ich hier einmal wohl überlegt den Mantel des Schweigens. Wessen Interesse nun geweckt sein sollte, dem kann ich nur empfehlen, sich den Film anzuschauen, um dem Mysterium hinter der Schildkröte auf den Grund zu gehen.

Neben der Frage, wie viel ich vom Inhalt des Films preisgeben möchte, hat mich bei der Vorbereitung auf diesen Beitrag noch etwas anderes nicht losgelassen, nämlich wie ich diese Rezension überhaupt angehen soll, ohne euch doch noch am Ende etwas zu spoilern. Die Lösung meines „Problems“ kam dann eher zufällig und durch meinen Kollegen Wermi. Dieser hat sich nämlich den Film als Vorbereitung für die diesmonatige Ausgabe auch angeschaut, allerdings unter der Prämisse, dass es ein Feel-Good-Film wäre, und war danach offensichtlich regelrecht traumatisiert, weil der Film so dramatisch war. Das gab mir zu denken – denn ja, der Film ist an vielen Stellen sehr dramatisch, und am Ende wird wohl kaum ein Auge trocken bleiben (es sei denn der Betreffende ist aus Stein), aber trotzdem hatte ich den Film irgendwie auch als wunderschön und erhebend empfunden. Wie konnte das sein? Was hatte ich in dem Film gesehen, das meinem Kollegen offenbar nicht aufgefallen war?

Eine weitere Sichtung musste her und da wurde es mir schließlich klar, es war die emotionale Reise an sich, die mich so befriedigt hatte. Das Wissen darum, dass es nach wie vor so einzigartige Filme gibt, die wunderbar, ergreifend und aufwühlend zugleich sind. Die einen bis ins Mark erschüttern und einem auf unvergleichliche Art und Weise eine Wahrheit zu vermitteln versuchen, der man sich meist nicht stellen möchte: der Vergänglichkeit des Seins. Denn so ist es nun einmal, nichts währt ewig, am wenigstens unser eigenes Ich, weswegen es umso wichtiger ist, dass man einerseits sein Leben bewusst lebt und wahrnimmt, dass man auf der anderen Seite aber auch das Loslassen lernt.
Ich weiß schon, dass alles hier hört sich gerade an, als hätte ich zum Frühstück ein Zen-Buch gepaart mit einem Sprüche-Kalander verschlungen, aber genau das ist mein Punkt: all das, was ich oben nur unzureichend beschreiben konnte, vermittelt einem der Film ganz ohne Kitsch, ohne große Reden, mit Hilfe von wunderschönen Bildern und einer bewegenden Geschichte. Und so laufen mir die Tränen am Ende aus vielerlei Gründen über die Wangen, einige davon trauriger, andere erhebender Natur.

8 Gedanken zu “Die rote Schildkröte (2016)

  1. Ein sehr schöner Film, der hier sehr gut beschrieben wurde!! ich würde ihn wahrscheinlich auch eher nicht als Feel-Good-Film bezeichnen, aber ich fand ihn auch überhaupt nicht herunterziehend. Eher faszinierend und nachdenklich machend, noch dazu sehr schön animiert. 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. Ich schrecke bei Zeichentrickfilmen auch erst einmal zurück, weil – wie du es gut beschrieben hast – ich da doch immer in Richtung Kinderfilm denke. Oder es geht dann für mich in Richtung Manga für Erwachsene. Aber dazwischen gibt es sicherlich viel viel Mehr zu entdecken. Sollt mir die Schildkröte mal irgendwo im Streaming über den Weg laufen, werde ich mich einmal dran versuchen.

    Gefällt 1 Person

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