Das Film-Dreieck (7) – Asiatisches Kino

Und wieder einmal haben wir uns eine kleine Hausaufgabe aufgegeben und einander jeweils drei Filme aus dem asiatischen Kino zur Auswahl gestellt, von denen dann einer geschaut und beurteilt werden muss. Dabei geht es nicht um eine nüchterne Analyse des Gesehenen. Das Fazit soll das ganz persönliche subjektive Empfinden, nach dem Motto „Top oder Flop“ wiedergeben. Das kann dann also – wie es so schön heißt – „zwischen Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt“ ausfallen. Seien wir also gespannt, wie Historiendrama, Thriller und Martial-Arts-Spektakel bei uns so weggekommen sind.

Von Ainu für Wermi: Revenge of the Warrior (2005)

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=8-XZf1a6_R4

Ainu:  Wieder einmal hat mich Kollege Wermi bei den Vorbereitungen auf die diesmonatige Ausgabe überrascht. Sagt er doch einfach so, dass ihm der Name Tony Jaa nichts sagt. Diesen Umstand musste ich als leidenschaftliche Martial-Arts-Schauerin natürlich gleich mal korrigieren. Und nachdem “Ong-Bak” auf keinem der größeren Streamingdienste zu finden ist, wurde es dann halt der Nachfolger, der zum Glück auch all das zu bieten hat, was schon seinen Vorgänger ausgezeichnet hat: unglaubliche Action und noch unglaublichere Stunts.  

Wermi: Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich mir da gerade angesehen habe. Wo ich mir aber sicher bin ist, dass ich derartige Martial-Arts-Choreografien bisher noch nicht gesehen habe. Ainu hatte mir im Redaktionsmeeting nicht zu viel versprochen, als sie voller Leidenschaft eine flammende Rede darauf abhielt, wie spektakulär es in den thailändischen Martial-Arts-Filmen auf die Fresse gibt. 90 Filmminuten später habe ich nun auch Bilder vor Augen, wovon sie nachts träumt.
Aber worum geht es denn in „Revenge of the Warrior“ überhaupt? Nun ja, lasst uns das mal lieber schnell abhaken, denn alles was an Handlungsgerüst um die Kampfszenen herum aufgebaut wird, ist auch eigentlich völlig uninteressant. Im Dschungel vor Bangkok züchten Kham und sein Vater Elefanten, die gewissermaßen Teil ihrer Familie sind. Als eines Tages Wilderer einen der Elefantenbullen und sein Baby entführen, nimmt Kham die Verfolgung auf und seine Spur führt ihn nach Sydney, wo er auf die Machenschaften einer internationalen Thai-Mafia stößt. Und ja, das ist eigentlich auch alles und ich muss keinen Hehl daraus machen, dass die Story der große Schwachpunkt (manchmal sogar etwas lächerlich, aber auch unfreiwillig komisch) ist. Auch was die Regie und den Schnitt anbelangt, wurde beim Vorantreiben der Handlung auf Sparflamme gestellt, sodass man teilweise sogar die Orientierung über das kümmerliche Geschehen verliert. Sinn und Zweck des Ganzen ist am Ende des Tages aber nun mal, Tony Jaa durch Sydney zu scheuchen und ihn regelmäßig in Räume voller Gangster platzen und „WO IST MEIN ELEFANT?“ schreien zu lassen. Denn genau dann geht es ans Eingemachte und wir bekommen Tony Jaa zu sehen, wie er mit seinem Knie voraus auf andere Leute zu durch die Luft fliegt und damit ordentliche Kinnhaken verteilt. Damit sind wir schließlich bei den Kampfszenen angelangt, die es wirklich in sich haben und in denen Tony Jaa seine gesamte Körperlichkeit präsentieren darf. Es hagelt aufwändige Stunts, One-Shots, Martial-Arts- und Parcours-Choreografien vom feinsten und am Ende war ich davon doch schwer beeindruckt. Man merkt, dass hier alles von Hand gemacht ist und viel Liebe und Leidenschaft hineingesteckt wurde. Besonders im Mittelteil gibt es einen extrem langen One-Shot, der besonders hervorsticht.
Letztendlich hält der Film genau was er (oder was Ainu) verspricht: Die Kampfszenen sind spektakulär und trüben über alle Makel drum herum hinweg, auf die der Film ohnehin keinen Wert legt. Danke für deine Anregung Ainu, „Revenge of the Warrior“ war für mich mal bisschen etwas anderes Programm und hat mein Interesse an Martial-Arts definitiv geweckt.

Von Steffelowski für Ainu: The 800 (2020)

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=SbjwSxZQR2U

Steffelowski:  Opulentes Kriegsdrama oder schamloser Propagandafilm? Bei „The 800“ gehen die Meinungen z. T. doch sehr auseinander. Vom Publikum, nicht nur in Asien, geliebt, von den westlichen Kritikern aber meist eher kritisch beurteilt, weiß der Film zu polarisieren. Für mich war der Film ein monumentales Schlachten-Epos, mit zum Teil sehr übertriebenen pathetischen Momenten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das an manchen Stellen sicher etwas dick aufgetragene Pathos, habe ich allerdings nicht wirklich als störend empfunden. Aber, liebe Mara, wie ist Deine Sicht auf die Dinge? Hat Dir der Film gefallen? Siehst Du ihn darüber hinaus als brillant inszeniertes Monumental-Kino oder als einen von Ideologie durchtränkten Werbefilm für ein totalitäres Regime?  

Ainu: Bei der Sichtung von “The 800” kam ich nicht umhin immer wieder an Michael Bay zu denken. Denn mal ganz ehrlich, wer diesem Film überbordenden Patriotismus und Pathos vorwirft, der sollte sich mal ein paar amerikanische Vertreter anschauen. Die einseitige Sichtweise, die dicke Pathosschicht und die heroisierte Vaterlandsliebe haben mich in diesem Fall deswegen eher weniger gestört (auch wenn die politischen Gegebenheiten in China das Gezeigte natürlich schon unter ein etwas anderes Licht stellen). Was mich allerdings massiv gestört hat, waren die kaum bis gar nicht ausgearbeiteten Charaktere, mit denen ich daher auch nicht so richtig mitfühlen konnte, was dazu führte, dass mich manche Tode zwar aufgrund der dargestellten Brutalität schockierten, aber nie wirklich emotional bewegten. Außerdem war der Film durch einen mangelnden emotionalen Ankerpunkt deutlich zu lang. Nach zweieinhalb Stunden erzählerischer Eintönigkeit kannibalisieren sich die Schockeffekte, die lediglich durch realitätsnahe Gewaltdarstellungen erzeugt werden, zusehends, bis man am Ende das Gefühl hat, dem Play-Through eines Shooters zuzuschauen, wo ein NPC nach dem anderen ins Gras beißt. Auch Szenen, die scheinbar ins Leere laufen, ploppen hier und da auf, fallen aber kaum mehr ins Gewicht, weil man zu diesem Zeitpunkt bereits verstanden hat, dass es hier um bloße Heldenverehrung geht (ohne dass dem Zuschauer tatsächlich einer der Helden greifbar gemacht werden würde). Und wieder schweifen meine Gedanken zu den jüngeren Werken von Michael Bay. Auch dessen Filme kann man sich einmal anschauen und wird dabei sicher nicht einschlafen oder vor Langeweile abschalten. Je länger der Film dauert, desto fahler wird allerdings der Geschmack im Mund werden, desto deutlicher erkennt man, dass es hier weder bei den Charakteren noch bei der Geschichte noch irgendwelche tiefer liegenden Schichten gibt und wenn man dann das vermeintlich große Finale hinter sich hat, weiß man, diesen Film wird man in seinem Leben wohl kein zweites Mal anschauen.  

Von Wermi für Steffelowski: Joint Security Area (2000)

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=XAXBb4fVh8A

Wermi: Wenn man jemandem das asiatische Kino näher bringen möchte, dann führt heutzutage früher oder später kein Weg an den Koreanern vorbei. Spätestens seit “Parasite” und “Squid Game” hat sich für den Westen eine neue Film- und Serienwelt erschlossen und man darf sich auf zahlreiche Perlen freuen, die man nachholen kann. Der prominenteste Regisseur und Drehbuchautor auf den man hierbei stößt dürfte Park Chan-wook sein, der uns Meisterstücke wie “Oldboy” (2003) gebracht hat, welcher auch mein persönlicher Türöffner für koreanische Filme war. Seinen Durchbruch feierte der Autorenfilmer bereits drei Jahre zuvor mit einem Film, den ich dieses Mal Stefan mitgebracht habe und der nach wie vor gerne mal in Parks Filmografie übersehen wird.
In “Joint Security Area” stehen sich mit Song Kang-ho (“Parasite”, “Memories of Murder”, “Sympathy for Mr. Vengeance”) und Lee Byung-hun (“I Saw the Devil”, “Bittersweet Life”, “The Good, the Bad, the Weird”) weitere wahre Größen des koreanischen Kinos gegenüber und liefern eine fantastische schauspielerische Glanzleistung ab. Mit dem Film beweist Park Chan-wook bereits sein Können, packende Thriller zu erzählen und kommt hierbei weniger über die schockierenden Mindfucks wie in “Oldboy”, sondern er entwickelt einen emotionalen wie menschlichen Kern, der in den tiefen Wunden der gespaltenen nord- und südkoreanischen Bevölkerung als Sehnsucht zutiefst verankert ist. Mich beschäftigt der Film noch eine ganze Weile, doch wie kam der Mix aus fesselndem Krimi-/Politthriller und bewegendem Kriegsdrama bei dir an, lieber Steffelowski?

Steffelowski: Im aktuellen asiatischen Kino habe ich mich bisher nur partiell getummelt. Anlässlich unseres Themas für die Juni-Ausgabe kam ich natürlich nicht drumherum, mich etwas eingehender mit dem Filmschaffen aus Fernost zu befassen. Und, es hat sich wirklich gelohnt. Eine besondere Perle der asiatischen Kinowelt durfte ich dank der Empfehlung des Klappe! – Korea Experten, dem lieben Wermi, entdecken. Der südkoreanischer Thriller „Joint Security Area“ erzählt die höchst komplexe Geschichte eines Mordes an zwei nordkoreanischen Soldaten im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea. Schon allein die brisante Ausgangslage macht den Film interessant. Zwei benachbarte Länder, die eigentlich aus einem Volk bestehen, aber durch ihre unterschiedlichen Ideologien zutiefst verfeindet sind, zumindest in den Köpfen der jeweiligen Landespolitiker. Der Film ist in mehrere Teile untergliedert, die allerdings in der Handlung vor- und zurückspringen und dabei immer wieder andere Aspekte des Geschehens beleuchten. So setzt sich ganz allmählich ein Puzzle zusammen, dessen fertiges Bild überrascht, aber sicherlich nicht jedem Zuschauer gefallen dürfte. Im Verlaufe des Films, gibt es an so mancher Stelle ganz deutliche Vibes von Akira Kurosawas Klassiker „Rashomon – Das Lustwäldchen“ zu spüren. Einziger Minuspunkt ist die wirklich lieblose Synchronisation des Films. Die ist wirklich nur dadurch zu ertragen, dass der Film bis zur allerletzten Minute durchgehend spannend ist. Danke für diese (beinahe) Offenbarung, Yannick. Oder wie man auf Koreanisch sagt, 감사해요.

2 Gedanken zu “Das Film-Dreieck (7) – Asiatisches Kino

  1. Pingback: Das südkoreanische Kino – Ein persönlicher Liebesbrief und Erfahrungsbericht | Klappe!

  2. Ich frag einfach mal hier: weiß eigentlich jemand, was mit Tony Jaa passiert ist? Für ein halbes dutzend Filme galt er (zu Recht!) als neuer Bruce Lee und dann? Ich habe gefühlt in den letzten 10 Jahren nichts von ihm gesehen oder gehört. Oder liegt das an mir?

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