Das Leichenhaus der lebenden Toten (1974)

Ich habe schon lange auf eine Gelegenheit gewartet, diesen Film auf unserer Seite vorstellen und besprechen zu können. Als die Wahl unseres Teams für das Thema des Monats auf „Filme mit  L“ fiel, packt ich die  Gelegenheit beim Schopfe, um ein vergessenes Kleinod des inzwischen schon arg strapazierten Zombie-Genres aus der Gruft des Vergessens zu holen.

Die meisten von uns kennen die Klassiker des Zombie-Genres: George R. Romeros Standardwerke „Die Nacht der lebenden Toten“ (1968) und „Zombie – Dawn of the Dead“ (1978) oder die englische Komödie „Shaun of the Dead“ (2004). Aber zwischen diesen bekannten Vertretern des Genres, gab es ab den 1970er-Jahren eine Unzahl an billigen und schnell heruntergekurbelten Streifen, die meist aus Italien kamen, wo man sich schon immer gern an erfolgreiche Filmtrends, wie zum Beispiel Western, Kriminalkomödien oder Hai-Filme, ranhängte. Die meisten dieser Streifen waren das Zelluloid nicht wert, auf das sie gebannt wurden und wurden bei uns – so sie denn überhaupt einen deutschen Verleih fanden – meist in schmuddeligen Bahnhofskinos verramscht. Natürlich gab es auch die eine oder andere Ausnahme. Stellvertretend hierfür, sei Lucio Fulcis Genre-Klassiker „Woodoo – Schreckensinsel der Zombies“ (1979)  genannt, der,  vermutlich weil er in vielen Ländern sofort nach Erscheinen auf dem Index landete oder sogar gleich komplett verboten wurde, sich spätestens ab der Video-Auswertung  zu einem weltweiten Erfolg mauserte. Der mit extremen Gewaltdarstellungen gespickte Schocker,  zählt noch heute zu den Standardwerken bekennender Fans von Zombie-Filmen.

Die  italienisch-spanische Co-Produktion „Das Leichenhaus der lebenden Toten“, die 1974 unter der Regie von Jorge Grau entstand, konnte nie den Kult-Status von „Woodoo…“ erreichen und ist selbst in Fankreisen eher unbekannt.  Sehr schade, zumal der Film alles das bietet, was das Herz eines echten Horror- und/oder Zombiefans höher schlagen lässt. Überdies versucht der Film auch -nicht unbedingt üblich in diesem Genre –  mit einer Art Botschaft aufzuwarten. Etwas, was zwar auch Romeros Filme für sich in Anspruch nehmen,  in seinen Filmen aber meist erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist.

Die Handlung beginnt damit, dass der Kunsthändler George (Ray Lovelock – Ja, das war wohl tatsächlich sein echter Name) auf seinem Motorrad den hektischen Moloch London verlässt, um ein paar Tage in seinem Wochenendhaus zu verbringen. Auf seiner Fahrt aufs Land dorthin, passiert er rauchende Fabrikschornsteine, verschmutzte Flüsse, in denen tote Fische und Unrat treiben und in die ungehindert ungeklärte Abwässer eingeleitet werden. So wird dem Zuschauer schon einmal suggeriert,  was die Ursache für das kommende Unheil sein könnte. Die Umweltverschmutzung als Nährboden für die Rückkehr der Toten aus ihren Gräbern? Nicht eben eine subtile Kritik, aber sicherlich effektiver und einprägsamer als so manch andere Aktion von Umweltschützern.

Durch einen Verkehrsunfall lernt George die junge Edna kennen, die ihn – sie hat sein Motorrad beschädigt –   in ihrem Wagen mitnimmt. Beide stoßen bei ihrer Weiterfahrt auf ein Testgelände der britischen Regierung, die ein neues Mittel zur  Bekämpfung von Schädlingen mittels radioaktiver Strahlung erprobt. Dumm nur, dass als Nebenwirkung dieser vermeintlichen Innovation, die kürzlich verstorbenen und  in einer benachbarten Leichenhalle aufbewahrten Körper, zu neuem Leben erwachen. Warum das Mittel bei Menschen das genaue Gegenteil wie bei Engerlingen und Tausendfüßern hat, thematisiert der Film nicht. Warum auch? Viel wichtiger ist der Hinweis des Regisseurs, dass der Einsatz von Radioaktivität ungeahnte  und nicht zu kontrollierende Folgen haben kann. Schon ein paar Jahre vor der Anti-Atomkraft-Bewegung,  wird hier also ein durchaus brisantes Thema angesprochen.

Die Zombies (der Ausdruck fällt im Film kein einziges Mal) haben natürlich einen unstillbaren Hunger auf Menschenfleisch und so dauert es nicht lang, bis es zu den ersten Morden mit übel zerfleischten Opfern kommt. Die  ermittelnde Polizei hat –  wie sollte es auch anders sein – keine Ahnung und einen Plan schon mal gar nicht. Der leitende Inspektor verdächtigt natürlich sofort den „Hippie“  George aus der verderbten Metropole London. Denn, wer lange Haare hat und einen Bart trägt, der fällt auch die nichts ahnende Landbevölkerung an, um ihnen (im wahren Wortsinn) das Innere nach außen zu drehen. Und so werden auch noch einmal die typischen Klischees von konservativen und modernen Weltansichten thematisiert, was zur Zeit der Entstehung des Films sicher noch eine ganz andere Sprengkraft besaß als heutzutage.

Im weiteren Verlauf der Handlung richten die Wiedergänger in Krankenhaus der Stadt ein blutiges Massaker an und am Ende fallen selbst George und Edna den lebenden Leichen zum Opfer. Zunächst scheint der Einzige, der die Ereignisse unbeschadet überstanden hat, der Polizeiinspektor zu sein. In der letzten Szenen des Films wird dieser aber, von dem ebenfalls zum Zombie mutierten George, angefallen und getötet. Ein pessimistisches Ende, wie es typisch war in den Horrorfilmen dieser Zeit.

Eine „Invasion der Zombies“ (einer von diversen alternativen Titeln des Films) findet zwar eher im Kleinen statt, hat es aber durchaus in sich. In den recht deftigen Szenen, in denen die Untoten zur blutigen Tat schreiten, wird gemetzelt, gemampft und geschmatzt, dass es nur so eine Freude ist. Dass dabei auch recht anschauliche Einblicke in die menschliche Anatomie geboten werden, ist sicherlich nicht für jeden Zuschauer ein Genuss. Aber losgelöst von dem (sicherlich auch für 1974) durchaus hohem Gore-Faktor, bietet der Film einige weitere Schauwerte. Das Make-up und das Gebaren der (Schlurf-, nicht 100 Meter Sprint-) Zombies wurde beeindruckend umgesetzt und bietet durchaus gruseligen Momente, die auch heute noch ihre Wirkung nicht verfehlen. Hinzu kommen eine gute Regie- und Kameraarbeit, die eine dichte und permanent angespannte  und irgendwie hoffnungslose Atmosphäre erschaffen. Die von Regisseur Grau in den Film eingebettete Sozial- und Gesellschafskritik ist sicherlich ziemlich „on the nose“, passt aber ganz ausgezeichnet zur Stimmung des Ganzen

2 Gedanken zu “Das Leichenhaus der lebenden Toten (1974)

    • Ja, ja …die deutschen Filmtitel ausländischer Filme. Das Thema allein würde schon einen eigenen Blog rechtfertigen. Mein Liebling hier nach wie vor „Es kracht, es zischt, zu seh’n ist nischt“ von 1972. Herrlich

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