Mit Schirm, Charme und Melone/The First Avengers

oder Emma, warum hast  du nie geantwortet?

Schön, ist meine Rechnung also aufgegangen. Wer an dieser Stelle noch weiterliest, ist voll in die von mir raffiniert gestellte Falle getappt. Denn hier geht es nicht um Tony, Natasha, Steve oder Bruce. Nein, wir wollen uns mit John, Emma, Cathy und Tara befassen. Denn sie waren die First „Avengers“. Aber hierzu später mehr.

Es soll in diesem Beitrag aber neben harten Fakten auch um die Liebe gehen. Richtig gelesen, um die Liebe. Ja, wie allgemein bekannt sein dürfte, geht sie von einem zum ander’n. Etwas zu schnell kam sie aber zu mir. Zu groß war die Wucht, mit der sie mich erwischte, zu erdrückend die Macht, mit der sie mich vereinnahmte. Das klingt grundsätzlich nach etwas Wunderbarem, nach etwas Magischen. Ja, das ist es ganz sicher, wenn man als Mensch, egal Mann oder Frau, einen gewissen Grad an Reife und Lebenserfahrung vorzuweisen hat. Aber doch bitte nicht, wenn man noch nicht einmal zehn Jahre alt ist. Das kann dann nur in einer Tragödie enden, wie sie sich bestenfalls ein Dante Alighieri hätte ausdenken können. Bevor es jetzt aber zu dramatisch und rührselig wird, wollen wir uns erst einmal ein wenig in der Zeit zurückbewegen, was Du, lieber Leser und treuer Fan, schon von mir gewohnt sein solltest, da ich häufig und gern über Vergangenes schreibe. Ich werde aber versuchen, mich hierbei kurzzufassen. So zumindest der Plan.

Am 7. Januar 1961 flimmerte die erste Folge einer TV-Serie in den englischen Fernsehern (lustigerweise damals als „Googlebox“ bezeichnet), die die Geschichte des noch relativ neuen Mediums umkrempeln und die Popkultur bis heute beeinflussen sollte. Allerdings war „Hot Snow“ eine recht konventionelle und simple Krimistory, die noch nicht wirklich erahnen ließ, dass sich die Serie, die im englischen Original „THE AVENGERS“ hieß (damit wäre das Geheimnis gelüftet) zu einer der innovativsten, weltweit erfolgreichsten und meist wiederholten TV-Serie in der Geschichte des Fernsehens entwickeln sollte. Aber bis dahin sollte noch ein wenig Zeit vergehen.

Nach einigen personellen und inhaltlichen Veränderungen entwickelte sich die Serie ab 1962 in die Richtung, die ihre große Popularität begründen sollte. Neben dem smarten und stets wie ein echter Gentleman (incl. Bowler und Stockschirm) gekleideten Agenten John Steed (Patrick Macnee), ermittelt die schöne, selbstbewusste und schlagkräftige Cathy Gale (Honor Blackman). Für die damalige Zeit war es eine absolute Neuheit und Sensation, dass eine Frau gleichberechtigt mit einem Mann die Hauptrolle in einer Fernsehserie spielt, die dazu auch noch aus dem erzkonservativen England kam. Aber die Zeiten begannen sich zu ändern. Die alten Rollen- und Gesellschaftsbilder waren erodiert und begannen wegzubrechen. So traf die Serie den Nerv der Zeit und entwickelte sich zum Quotenhit. Das Beste sollte aber erst noch kommen.

1964 stieg Blackman aus der Serie aus, um wieder zu ihren Wurzeln, dem Theater, zurückkehren zu können. Vorher verschaffte ihr ihre großer Bekanntheit aber eine Rolle in der damals zu ganz großer Form auflaufenden James Bond Filmreihe. In „Goldfinger“ übernahm sie die Rolle der resoluten und Kampfsport erprobten Pussy Galore, die mit Bond (Sean Connery) erst im Heu und dann bruchlandet. In späteren Folgen von „The Avengers“ gibt es immer wieder einmal kleine Anspielungen auf Steeds erste Partnerin.

Blackmans Nachfolgerin erhob „The Avengers“ dann endgültig in die Liga der ewigen TV-Serien Sensationen. Mrs. Emma Peel (Diana Rigg) wirkte ein wenig weiblicher, aber nicht weniger durchsetzungsstark als Cathy Gale. Dabei kombinierte sie in ihrem schwarzen Leder-Outfit (in dem zuvor auch schon Blackman ihre Haut zu Markte getragen hatte) Verruchtheit und sexuelle Ausstrahlung mit der leichten Arroganz und dem Snobismus, den sie mit dem Kollegen Steed teilte, dem Prototypen des „Stiff Upper Lipp“-Engländers. Gemeinsam durchlebten sie in jeder Folge gefährliche und zum Teil abstruse Abenteuer. Was sich bereits in den Folgen mit Blackman immer stärker abzeichnete, wurde mit Rigg auf den Höhepunkt und manchmal auch darüber hinausgetrieben. Klassische Kriminalfälle reizten Steed und Peel nicht mehr. Jetzt ging es um verrückte Wissenschaftler, mordende Roboter, Killerpflanzen aus dem Weltall, große und kleine Katzen, die zu mörderischen Bestien wurden. Mal wurde Steed auf Miniaturgröße geschrumpft, mal auf eine einsame Insel entführt, um sich mit sieben Superkillern auseinanderzusetzen; Peel fiel in einer anderen Folge in die Hände eines wahnsinnigen Regisseurs, der mit ihr das Quasi-Snuff-Movie „Die Ermordung der Mrs. Emma Peel“ in einem verlassenen Filmstudio inszenieren wollte. Die Welt der „Avengers“ war (ab Staffel 5) grell bunt und voller liebenswerter oder auch abgrundtief böser Exzentriker, die so wunderbar das „alte“ England abbildeten, auch wenn es nur aus der Sicht der Drehbuchautoren war. Natürlich wurde in dieser Zeit auch der Kalte Krieg in der Serie ansatzweise thematisiert. Allerdings suchte man „die bösen Russen“ bei „Mit Schirm, Charme…“ vergeblich. Hier waren sie nur „die Anderen“ oder „die von da drüben“, die die Gefahr aus dem Osten symbolisieren sollten. Richtige Schurken waren sie nie. Eher liebenswert trottelige Zeitgenossen, denen nie etwas gelang und die unserem Agentenpaar auch schon mal aus der Patsche halfen. So leistete die Serie im Kleinen ihren Anteil zur Überwindung von Vorurteilen und zur Völkerverständigung. Und wer nun glaubt, dass es auch zwischen John und Emma zu einer Annäherung auf menschlicher Ebene kam, der irrt gewaltig. In gut 50 gemeinsamen Folgen blieb man immer auf professioneller Distanz, auch wenn es in einigen Szenen mächtig zwischen beiden zu knistern schien. Lediglich in drei Folgen gab es für Steed einen Kuss…auf die Wange.

Nachdem „Karate-Emma“ (Bezeichnung Riggs Charakter in der deutschen Boulevardpresse) einem frühen Tod durch jede Art von nur im entferntesten vorstellbaren Grausamkeiten (incl. vertikaler Zerteilung durch eine Kreissäge, Zerfleischen durch eine Siamkatze und Enthauptung durch eine vermeintlich lebendig gewordene Comicfigur) entschied sich auch Diana Rigg 1967 dazu, die Serie zu verlassen. Auch sie hatte zu diesem Zeitpunkt den Stellenwert eines echten Superstars erreicht und so verwunderte es nicht, dass sie – wie zuvor Honor Blackman in „Goldfinger“ – die heiß begehrte Rolle der Leading Lady in einem James Bond Film bekam. An der Seite des glücklosen George Lazenby, der Sean Connery als britischen Superagenten beerbt hatte, wurde ihr in „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ von 1969, die bisher einmalige Ehre zuteil, als Mrs. James Bond, den Mann mit der Lizenz zu töten, vor den Traualtar zu bringen. Wie den Filmkennern unter uns bekannt sein sollte, währte das junge Glück nicht lange. Diana Rigg blieb weiterhin als Schauspielerin aktiv, auch wenn sie sich verstärkt, dem Theater zuwandte, wo sie über Jahrzehnte hinweg immer wieder große Triumphe feierte. Aber tatsächlich schrieb sie noch einmal Fernsehgeschichte. Mit beinahe 80 Jahren wurde sie in einer der überaus populären Fernsehserien der 2010er-Jahre zu einer beinahe ebenso populären Königsmörderin. Good Bye, Lady Olenna.

So viel erst einmal zu den Fakten. Jetzt fragt ihr euch, sicher zu Recht, wo denn bitter der angekündigte emotionale Teil dieses Beitrages weitergeht. Na, genau hier…. Es muss bei einer der Wiederholungen der Serie – für die Erstausstrahlung bin selbst ich zu jung – geschehen sein, dass es um mich geschehen war. Die erste Folge von „Mit Schirm…“, an die ich mich erinnern kann, müsste „Fahrkarten in die Vergangenheit“ gewesen sein. Mrs. Peel, ich nannte sie natürlich in kindlicher Naivität sofort „Emma“, schlug bei mir ein wie eine Bombe und brachte mein kleines Herz zum Rasen. Kann man als Kind schon unter Bluthochdruck leiden? Ja, konnte ich. So schön, so klug, so…. Emma. Ich wusste damals natürlich bestenfalls in Ansätzen, was die Worte „sexy“ oder gar „erotisch“ bedeuten könnten, aber sie war einfach alles für mich. Und irgendwie hatte ich schon während der wenigen gemeinsamen (Fernseh)Momente die untrügliche Gewissheit, dass auch sie etwas für mich empfand und nicht für diesen blasierten Schirmträger John Steed. Sie war sich ihrer Gefühle für mich vielleicht ganz einfach noch nicht sicher. Aber da war etwas. Eine Art von unsichtbarem Band hatte uns zu einer Einheit gemacht. Ich musste nur ein Zeichen geben und sie würde das Agentenleben aufgeben und zu mir kommen. Was wir dann miteinander anfangen sollten, war mir noch nicht klar. Dieser Gedanke war noch nicht bis zum Schluss gedacht worden. Aber sie würde ganz sicher meine „Bessy“- Sammlung mögen und auch etwas in mein Poesiealbum schreiben. Wie gern würde ich in ihrer Handschrift DEN Klassiker aller Poesiealben-Einträge „Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur“ lesen. Den Schönschreibfüller legte ich auf jeden Fall schon einmal parat.

Jetzt fehlte noch der erste wirkliche Schritt in mein Leben mit Emma. Die persönliche Kontaktaufnahme. Zur damaligen Zeit gab es da nicht viele Möglichkeiten. Da war zunächst einmal das Telefon, was aber von vornherein ausschied, da wir noch keinen eigenen Anschluss in der Wohnung hatten und ich zu den Nachbarn, der Familie Plate, hätte gehen müssen. Kam auf keinen Fall in Frage. Außerdem, was kostete ein Telefonat nach England? 50 Pfennig, 2,50 DM…. 1.000 DM? An so etwas Profanes, wie eine Telefonnummer, die ich hätte anrufen können, wurde gar nicht erst gedacht. Eine eventuelle Sprachbarriere kam mir ebenfalls gar nicht erst in den Sinn, zumal Emma in der Serie perfekt Deutsch sprach. Wäre ich etwas älter gewesen, wäre mir sicherlich aufgegangen, dass dies aber auch exakt die gleiche Stimme war, wie die von Honor Blackman (in „Goldfinger“), Brigitte Bardot, Jane Leigh, Marilyn Monroe oder Tippi Hedren.

Die nächste (und gleichzeitig auch letzte) Option war die gute alte „Deutsche Bundespost“. In der „Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck (unvergessen) wurden damals bei den Auftritten der Künstler die jeweiligen Autogrammadressen eingeblendet. Da stand dann also zum Beispiel „Rex Gildo, Heussweg 108, 2000 Hamburg 19“. Ich nahm natürlich an, dass es sich hier um die Wohnanschriften der Stars handelte, wobei mir dabei nicht in den Sinn kam, dass Peter Maffay, Roy Black, Die Geschwister Leismann und Vader Abraham (mit/ohne Schlümpfe?) wohl kaum in einer Wohngemeinschaft leben würden. Egal, gemeinsam mit meinem großen Bruder, der meinem Lebensglück natürlich nicht im Wege stehen wollte und schon vor Augen hatte, sein Zimmer in Bälde nicht mehr mit mir teilen zu müssen, da ich meinen Hauptwohnsitz zweifelsfrei nach London verlegen würde, half nur zu gern beim Beschreiben einer Postkarte, adressiert an „Frau Emma Peel, London, England“. An den eigentlichen Kartentext erinnere ich mich nicht mehr. Was wohl auch besser ist. Auf jeden Fall landete die Karte (natürlich unfrankiert) im Briefkasten und eine Zeit des bangen, aber hoffnungsvollen Wartens begann. Ein Tag, drei Tage, eine Woche. Keine Antwort von Emma. Ich gab die Hoffnung nicht auf und malte mir die gemeinsame Zukunft in den schönsten Farben aus. Gemeinsam mit dem Rad fahren, Eis essen, vor Karstadt (ohne Geld) herumlungern und sich auf dem Bolzplatz blutige Knie holen. Konnte es Schöneres geben? Auch nach zwei Wochen keine Post aus England. Ich war verzweifelt, gekränkt, am Boden zerstört. Wie sollte es weitergehen? Nach drei Wochen bekamen wir eine neue Mitschülerin in die Klasse. Aber das ist eine andere Geschichte. Emma, warum hast du nie geantwortet?

Ich entschuldige mich für das Abschweifen ins Emotionale, weiter also mit den Fakten. Emma Peel ging, John Steed blieb. Er blieb allerdings nicht lange allein. Bereits 1968 wurde Steed eine neue Kollegin. Mit Tara King (Linda Thorson) wurde ihm eine neue Partnerin an die Seite gestellt, die einen anderen Geist in die Serie brachte. Sie war noch relativ jung, eher eine Art Agenten-Azubi, die einen eher naiven Charme ausstrahlte und viel weniger amazonenhaft als ihre beiden Vorgängerinnen auftrat. Dies hatte die Serie den, inzwischen überwiegend amerikanischen, Geldgebern zu verdanken, denen Peel und Gale für den konservativen US-amerikanischen Markt doch eine Spur zu tough waren. Die Fälle des Agentenpaares wurden jetzt noch unwirklicher und übertriebener. Zwar gab es immer noch tolle Geschichten und brillante Drehbücher, die mühelos mit denen der Ära Emma Peel mithalten konnten, aber Tara King konnte sich gegen die wahrhaft ikonische Vorgängerin nicht durchsetzen. Die Serie floppte, insbesondere in den USA (!), und wurde eingestellt. Ein Versuch der Wiederbelebung der Serie unter dem Titel „The New Avengers“ (1976-1977) scheiterte. Patrick Macnee als John Steed war weiterhin dabei, allerdings deutlich gealtert und harte Actionszenen wollte (oder konnte) man ihm nicht zumuten. So kämpften jetzt 2 Partner an seiner Seite: die junge und dynamische Purdey (seltsamerweise ohne Nachnahmen), gespielt von Joanna Lumley und der Agent Mike Gambit (Gareth Hunt). Aber die 60er-Jahre waren vorbei und die Welt hatte sich verändert. Dies erkannten auch die Financiers der Serie schnell, nachdem sie einen Blick auf die Einschaltquoten geworfen hatten und stampften die Serie wieder ein.

Aber warum erzähle ich das eigentlich alles hier? Wo ist die Verbindung zum Thema dieser Klappe!-Ausgabe? Weil es 1998 eine Verfilmung von „The Avengers“ gab. Trotz vielversprechender Besetzung mit Uma Thurman (Emma Peel), Ralph Fiennes (John Steed) und Sean Connery als Schurke,  ist der Film eine solche künstlerische, wie finanzielle Katastrophe geworden, dass er es nicht wert  ist, hier auch nur mit einer Zeile erwähnt zu werden. Mist, schon zu spät

John und Emma – Die Intro-Sequenz. Stylisch und einfach wunderbar.

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