Meine Lieder – Meine Träume (1965)

Es ist schon ein echtes Phänomen: es gibt Filme, die werden in manchen Ländern geliebt, verehrt, geradezu vergöttert. Ihre Popularität nimmt auch nach Jahrzehnten  nicht ab und Ihre Verehrung wird praktisch über Generationen hinweg vererbt. Hier kann jeder die Dialoge – mehr oder minder wortgetreu – wiedergeben und jede Szene aus dem Stegreif nachspielen. Ein schönes Beispiel für einen solchen Kultklassiker aus deutschen Landen ist die Komödie „Die Feuerzangenbowle“ von 1944. Die Geschichte um den von Heinz Rühmann gespielten  Schriftsteller Hans Pfeiffer (mit 3 „F“), der noch einmal die Schulbank drückt, kennt in Deutschland jeder, selbst dann, wenn man den Film vielleicht noch nie gesehen hat. Und ein Ausspruch wie „Aber jeder nor einen wönzigen Schlock!“ bringt auf jedem Polterabend oder jeder Abi-Feier  nach wie vor einen sicheren Lacher. Fragt man aber im Nicht-Deutschsprachigem Ausland nach dem Film, dürfte man auf allgemeines Achselzucken stoßen. Hier dürfte der Film bestenfalls Filmstudenten oder eingefleischten Cineasten, mit einem Hang zum deutschen Film der NS-Zeit ein Begriff sein.

Von einem ähnlichen Schicksal betroffen ist ein Film-Musical, dass seit seiner Entstehung im Jahre 1965 von rund 1,2 Milliarden (!) Menschen (fast) in der ganzen Welt gesehen wurde. Zumindest laut Wikipedia. Kein anderer Film hat es in den USA jemals geschafft, dass ihn sich so viele Menschen mehrfach (gemeint ist mindestens drei Mal) angesehen haben. Wir sprechen hier aber nicht über „Cats“, „West Side Story“ oder „Der König der Löwen“. Nein, wir reden über „Mein Lieder – Meine Träume“ („The Sound of Music“) von Regisseur Robert Wise. Und schon beginnt das Schulterzucken.

Der Film „The Sound of Music“ (ich versuche meist, den deutschen Titel zu umgehen, weil ich ihn für äußerst unpassend gewählt halte) basiert in seinen Grundzügen auf das gleichnamige Musical von 1959;  Musik und Texte stammen von dem damals populären Komponistenduo Richard Rogers und Oscar Hammerstein. Das Stück war am Broadway und am Londoner Wes End  ein riesiger Erfolg und so war es natürlich nur eine Frage der Zeit, wann Hollywood die Verfilmung des Stoffes umsetzen würde.

Die teils auf realen Begebenheiten basierende Geschichte des Films um die Klosterschülerin Maria, die im Österreich der 1930er-Jahre als Erzieherin in das Haus der Familie von Trapp einzieht, um sich um die sieben Kinder des verwitweten Vaters zu kümmern. Nach anfänglichen Schwierigkeiten  gewinnt Maria zunächst das Herz der Kinder, später auch das des Vaters, für sich. Mit der brutalen Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich 1938 brechen gefährliche Zeiten an, da Kapitän von Trapp jede Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten ablehnt. So beschließen von Trapp und Maria, die er kurz vor dem Einmarsch der Braunhemden geheiratet hat, zusammen mit den sieben Kindern in die neutrale Schweiz zu fliehen, was letztlich auch gelingt.

Das klingt alles wenig spektakulär; ist es auch nicht. Aber darauf kommt es hier natürlich auch gar nicht an. Was denn auch heute noch den Charme von  „The Sound of Music“ ausmacht, ist zum einen die filmische Umsetzung und zum anderen natürlich die Musik. Der optische Reiz des Films besteht ganz klar darin, dass man Österreich genau so zu sehen bekommt, wie man es sich in Tokio, Baltimore oder Sydney vorstellt und erwartet: endlose grüne Wiesen und blühende Felder, eingerahmt in ein beeindruckendes Alpenpanorama, auf dessen Gipfeln auch im Sommer noch Schnee liegt und wo sich herdenweise Steinböcke und Bergziegen tummeln. Die Seen sind kristallklar und scheinen unendlich tief zu sein. Hier ist die Welt noch in Ordnung und beim Anblick der Wiener Schnitzel mit Nudeln läuft jedem Zuschauer das Wasser im Mund zusammen.  Eine wahre Märchenwelt, in der natürlich auch nur Menschen wie aus dem Bilderbuch leben. Die Madln  sind vorzugsweise Semmel-blond und tragen Dirndl, die Buben immer fesch im Janker, mit spöttischem Grinsen auf den Lippen, als würden sie sich schon den nächsten Schabernack ausdenken. Klischee, wie wir dich doch lieben.

Wenn auf der optischen Seite schon alles perfekt war, wollten die Macher natürlich musikalisch nichts falsch machen. Die meisten der im Film vorkommenden Lieder haben  – auch heute noch – echten Ohrwurmcharme,  was natürlich ganz besonders der wirklich unvergleichlichen Stimme Julie Andrews zu verdanken ist. So viel Wärme und so viel Gefühl in der Stimme. Einfach ein Genuss. Mein Hörempfehlungen für Einsteiger: „My Favorite Things“, „The Sound of Music“, „Do Re M.“. Sicherlich im allerhöchsten Grade schmalzig, zugegeben. Aber wer die Musik aus „Mary Poppins“ mochte, in dem Andrews ebenfalls die Hauptrolle spielt, wird auch „The Sound of Music“ lieben.

Das klingt nach einem beinahe perfektem Filmgenuss, der insbesondere das deutsche Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißen sollte, zahlte er doch so sehr auf das ein, was man in Deutschland auf der Leinwand sehen wollte. Genau die heile Welt in schönen Bildern und mit Menschen, die dem Idealbild dieser heilen Welt entsprachen. Aber dennoch ist der Film hierzulande kaum bekannt. Warum? Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens war man in Deutschland auch 20 Jahre nach dem Untergang des 3. Reich damit beschäftigt, diese 12-jährige Schreckensherrschaft des Terrors zu verarbeiten, wobei diese Arbeit im Grunde genommen aus Verdrängen und/oder unter den Teppich kehren bestand. Als „Mein Lieder – meine Träume“ im Dezember 1965 in die deutschen Kinos kam, hatte man alle Szenen herausgeschnitten, die einen Bezug auf die Nazis bzw. die Besetzung Österreichs durch die deutsche Wehrmacht hatten. So endet der Film mit der Hochzeit von Trapps mit Maria; die gemeinsame Flucht der Familie in die Schweiz fehlte also. Der Film wirkte dadurch natürlich zusammenhanglos und teils ziemlich wirr, zumal man sich beim Neuschnitt nicht die Mühe machte,  sinnvolle Übergänge der Szenen einzubauen. Somit fiel der Streifen aus filmischer Sicht bei den Kritikern komplett durch, was sich beim Publikum fortsetzte. Erst eine Klage des Filmstudios führte dazu, dass später die vollständige Fassung in die deutschen Kinos kam, die dann aber wiederum niemand sehen wollte.

Zweitens kam erschwerend hinzu, dass es ein paar Jahre zuvor schon einmal eine Verfilmung der von Trapp Geschichte „Die Trapp-Familie“ von 1956 (und die Fortsetzung „Die Trapp-Familie in Amerika“ aus dem Jahr 1958) als deutsche Produktion gegeben hatte. Dieser Film, ganz im Stile der damals überaus beliebten Heimatfilme gedreht, behandelte die Nazi-Thematik wesentlich zurückhaltender und passte somit viel besser in das Gedankengut der Zeit. Noch eine Trapp-Familie wollte somit niemand sehen und schon gar nicht in einem Film, der unangenehme Themen ansprach.

Es ist sehr schade, dass „The Sound of Music“ in Deutschland nie wirklich bekannt, geschweige denn populär geworden ist, denn der Film ist wirklich gut. Die Bilder sind auch heute noch beeindruckend, die Musik noch immer wunderschön. Jeder, der Musicals im klassischen Stil mag, sollte sich an eine Sichtung wagen, um sich ein eigenes Bild machen können. Mir gelingt es  jedes Mal aufs Neue in den Film komplett einzutauchen und mich auf diese Kitschwelt ohne jedes Wenn und Aber einzulassen. Der Film hat es wirklich verdient, dass er geliebt wird.  

2 Gedanken zu “Meine Lieder – Meine Träume (1965)

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