Themroc

Zwei Fragen haben mich viele Jahre immer wieder einmal umgetrieben und mir dabei so manch schlaflose Nacht bereitet:

  1. Bin ich, dessen Kenntnisse der französischen Sprache über das Mitsummen von „Sur de Pont d’Avignon“ nie hinausgingen, in der Lage einen französischen Film zu sehen UND zu verstehen, ohne auf die synchronisierte Fassung zurückgreifen zu müssen und/oder die deutschen Untertitel einschalten zu müssen?  
  2. Kann man Polizisten grillen?

Da erinnerte ich mich, dass ich in einem der „Dritten“ Programme vor  vielen Jahren einmal den Film „Themroc“ gesehen hatte und mir war so, als ob dieser Film meine Fragen beantworten würde. Auch wenn die Erinnerung kaum mehr als vage war, machte ich mich sofort auf die Suche nach dem Film. Die Recherche bei Netflix, Amazon Prime & Co.  blieb ohne Ergebnis, so dass ich die DVD letztlich für teures Geld im Internet kaufen musste.

„Themroc“ (1973)  einem gängigen Filmgenres zuzuordnen, fällt schwer. Der Film ist ein wilder Mix aus Drama, Horrorfilm und halb-dokumentarischer Sozialstudie. Vielleicht war der Film aber auch nur  ein Versuch, den Zuschauer und das Feuilleton zu  irritieren. Wenn dies die Absicht des Regisseurs Claude Faraldo war, ist ihm das auf ganzer Linie gelungen.  Spätestens mit der  Idee, alle Dialoge in einer Phantasiesprache, die entfernt an französisch erinnert, intonieren zu lassen,  wird der Film zu etwas Besonderem.  Alle Darsteller grunzen, stammeln, grummeln und brüllen sich durch die Handlung. dass es nur so eine Freunde ist. Man merkt den Darstellern an, darunter der großartige Michelle Piccoli in der Hauptrolle,  dass sie beim Dreh viel Spaß hatten. Diese gute Laune überträgt sich durchaus auch auf den Zuschauer, selbst wenn die Handlung an vielen Stellen doch sehr wirr und oftmals beklemmend derbe daherkommt. Realismus, wie er im französischen Filme aus dieser Zeit üblich war.

 Aber worum geht es in „Themroc“? Piccoli spielt Themroc, der zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester in einer Großstadt lebt, die sehr stark an Paris erinnert. Die Drei leben gemeinsam ein tristes Leben in einer ebenso tristen Wohnung in einem heruntergekommenen Viertel der Stadt. Sehr schnell lässt sich erahnen, dass Themroc mehr für seine Schwester empfindet als nur Geschwisterliebe. Die Arbeit als Anstreicher in einer Malerkolonne füllt Themroc nur wenig aus, was verständlich ist, da sein Tagewerk darin besteht, die einzelnen Streben eines Metallzauns zu streichen, während  gleichzeitig auf der anderen Seite des Zauns ein Kollege versucht, die Streben in einer anderen Farbe zu streichen. Das führt schnell dazu, dass Themroc wegen der Sinnhaftigkeit seiner Tätigkeit mit seinem Chef aneinander gerät. Themroc wird gefeuert. Als weiteres Argument für eine Entlassung könnte auch der Umstand ins Gewicht fallen, dass Themroc sich, während er auf das Gespräch mit seinem Vorgesetzten wartet, dessen Sekretärin auf allen Vieren nähert, um ihr unter dem Schreibtisch….die Schuhe zu putzen? Im französischen Arbeitsrecht bin ich nicht zuhause und weiß daher nicht, ob  eindeutige Annäherungen unter dem Schreibtisch irgendwie rechtlich relevant werden können.

Offenbar hat der Verlust der Arbeitsstelle Themroc einen mächtigen Schlag versetzt, der dazu führt, den Höhlenmenschen in ihm zu wecken. Verständlich,  ist doch die Rückkehr zu den Urinstinkten des Menschen der einzige Weg, um aus der Knechtschaft des Systems auszubrechen. Nach Hause zurückgekehrt, wird erst einmal Fengshui nach Art der Neandertaler gelebt: Das gesamte Mobiliar der Wohnung wird kurz- und klein geschlagen, die Wohnungstür zugemauert und die Außenwand mit dem Vorschlaghammer eliminiert. Fertig ist die eigene Höhle im Mehrfamilienhaus. Schwester und Mutter sind natürlich ob der drastischen Veränderung der Wohnsituation ein wenig perplex, fügen sich aber ihrem Schicksal, ein Teil der französischen Familie Feuerstein („Les Flintstones“?) zu werden. Angelockt durch den aus der Wohnung in den Hof des Hauses geworfenen Hausrat, wird natürlich auch die Nachbarschaft schnell auf das Sanierungsprogramm aufmerksam. Zunächst skeptisch und etwas scheu, dauert es aber nicht lang,  bis  auch aus anderen Wohnungen Hammerschläge zu hören sind und so manch gut erhaltenes Sofa im Innenhof landet. Die Anarchie hat begonnen.

Aber auch die Staatsmacht erhält von der Sache Wind. Die Polizeieinheit, die anrückt, um die alte Ordnung wieder herzustellen, wird jedoch schnell vertrieben und dabei  in allerbester Slapstick-Manier verprügelt. Selbst die abgefeuerten Rauch- und Tränengasgranaten  zeigen keinerlei Wirkung. Im Gegenteil: die austretenden Kampfmittel scheinen Themroc  zu stimulieren und ihm beinahe übermenschliche Körperkräfte zu verleihen. Auch die Nachbarschaft steigt spontan in die „Bullen-Klatsche“ ein und die Exekutivmacht muss unverrichteter Dinge  und mit blauen Flecken wieder abziehen. Das archaische Proletariat hat sich durchgesetzt.

Vermutlich durch das Handgemenge mit den Polizisten im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Geschmack“ gekommen, schleicht sich Themroc bei Dunkelheit über eine Strickleiter aus seiner Wohnung, um auf Beutezug zu gehen. Mit zwei  von ihm überwältigten Staatsdienern kehrt er in seine Behausung zurück. Glücklicherweise werden sowohl die Vorbereitungen und auch die Zubereitung des Barbecue in der „Höhle“ bestenfalls angedeutet, so dass diese Details dem Zuschauer erspart bleiben. Gut so. Hätte sie doch der durchaus heiteren Grundstimmung des Films widersprochen. So erleben wir nur, wie Stücke des „Bratens“ mit einem Messer abgeschnitten und dann von allen verspeist werden. Beilagen Fehlanzeige. Der Weg für die Paleo-Diät ist bereitet  und tritt seinen Siegeszug rund um die Welt an.  In der letzten Szene des Films gleitet die Kamera über die Dächer der Stadt und man hört von überall archaische Laute, die zu einem wahren Crescendo  des Heißhungers anwachsen.  

Ja, und meine Fragen, konnte der Film sie beantworten? Was die linguistische Herausforderung angeht, bin ich zufrieden. Selbst wenn ich den Dialogen zu keiner Sekunde auch nur im Ansatz folgen konnte, habe ich einen französischen Film vom Anfang bis zum Abspann gesehen und inhaltlich verstanden, auch wenn es nicht zu verstehen gab. Und die Polizisten vom Grill? Ich denke nicht, dass es -zumindest in der Realität des Films –grundsätzlich verboten ist, einen Polizisten zum Grillen einzuladen, selbst wenn dieser dann zum Grillgut wird. Sozusagen „Flic on a Stick“. Warum auch nicht. Ich wünsche guten Appetit.

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