Na sapperlot – Französische Skandalfilme

Verrohend, entsittlichend, die öffentliche Ordnung gefährdend – drei Wörter, mit denen gegen vermeintliche Schandflecke der Filmkunst vorgegangen wird seit die Bilder laufen gelernt haben. Fängt man einmal an, sich mit solchen „Skandalfilmen“ etwas genauer zu beschäftigen, fällt einem schnell auf, dass sich vielleicht die Zeiten, aber nie wirklich die Argumente ändern. Seien es Nazis, die Kirche oder besorgte Eltern, sie alle kommen erstaunlicher-  und auch ein wenig erschreckenderweise beinahe mit denselben Parolen, geht es um Werke, die ihrer Meinung nach am besten vom Erdboden getilgt werden sollten.

Der über Jahrzehnte hinweg heraufbeschworene Werteverfall scheint sich aber wohl doch irgendwie nicht so recht einstellen zu wollen, wenn auch fast hundert Jahre später nach wie vor im Prinzip dieselben Dinge für Aufregung sorgen. Okay, im ersten Skandal der Filmgeschichte reichte bereits ein 18 Sekunden dauernder, angedeuteter Kuss – sowas würde heutzutage wohl niemanden mehr hinterm Ofen hervorlocken. Aber der Gedanke dahinter, nämlich eine zu große Freizügigkeit in sexuellen Belangen, der zieht nach wie vor. Auch allzu Politisches, von der Norm Abweichendes oder Ekel Erregendes schafft es nach wie vor, dass die Leute scharenweise auf die Barrikaden gehen.

So scheint ein unendlicher Kampf Kunstfreiheit gegen Zensurbestrebungen entbrannt (und machen wir uns bitte hier nichts vor, jeder Versuch, die Vorführung eines Films zu verbieten oder ihm nur unter Schnittauflagen die Verbreitung zu gestatten, ist eine Form der Zensur).  Inwiefern dieses ewige Tauziehen förderlich oder gar notwendig ist, soll allerdings heute nicht Inhalt dieses Beitrages sein. Vielmehr ist mir bei den Recherchen zu diesem Thema aufgefallen, dass die Franzosen, neben einigen anderen Nationen, scheinbar eine besondere Affinität zum gepflegten Filmskandal haben. Und weil es doch recht amüsant war, einmal ein wenig durch die älteren und neueren, kleineren und größeren Aufreger zu stöbern, dachte ich mir, warum nicht gleich einen Beitrag daraus zimmern. Folgt mir also bei meinem kleinen Streifzug durch die verruchteren Ecken des französischen Kinos…

Ein andalusischer Hund (1929)

Einer der wenigen Experimentalfilme, die wohl so gut wie jeder Cineast zumindest schon einmal vom Namen her gehört hat. Kein Wunder, denn wenn so klingende Namen wie Buñuel und Dali zusammenkommen, dann kann man sich sicher sein, man wird etwas Interessantes zu sehen bekommen. Dabei war der Aufreger bei dem surrealistischen Ansatz eigentlich in dieser Zeit quasi vorprogrammiert. Kino war hier noch nicht die große Kunstform (gilt sie für manche noch immer nicht), sondern reine Unterhaltung. Eine Frau, der mit einem Rasiermesser in den Augapfel geschnitten wird, traf also nicht wirklich den Geschmack der breiten Masse. Was folgte waren, wie bei den anderen Filmen auch, Forderung nach einem Vorführverbot des Films, Demonstrationen, teilweise mit Vandalismus gepaart und kostenlose PR für einen Film, der noch heute als Paradebeispiel des experimentellen Kinos angesehen wird.

Das goldene Zeitalter (1930)

Und gleich noch einmal Buñuel. Diesmal zwar ohne Dali, die beiden hatten sich bei „Der andalusische Hund“ wohl ein wenig miteinander überworfen, dafür aber mit einem ebenso großen Skandal im Gepäck. Erneut betritt Buñuel die Gefilde des Surrealismus und fordert den Zuschauer so dazu heraus, sich gänzlich aus seiner Komfortzone zu bewegen. Auch wenn die Handlung tatsächlich noch ein wenig erzählerischer wirkt als bei „Ein andalusischer Hund“, handelt es sich um traum- teilweise schon wahnhafte Szenen, die hier aufeinanderfolgen. Der Alptraum war schließlich einer rechtsextremen französischen Gruppe zu viel des Guten. Nach gerade einmal sechs Aufführung (diese dafür vor ausverkauftem Haus) zerstörte die besagte Truppe das Kino, woraufhin der Film zur Wahrung der öffentlichen Ordnung mit einem Aufführungsverbot belegt wurde, welches erst 1981 wieder aufgehoben wurde.

Die Liebenden (1958)

Ein anderes Jahrzehnt, eine ganz andere Art von Film und doch war der Skandal nicht minder als bei den Surrealisten. Kein Wunder, immerhin geht es hier um eine Frau, die am Ende der Geschichte Ehebruch begeht und mit dem Liebhaber der ehelichen Bleibe den Rücken kehrt. Dies wird allerdings nicht als Sünde oder Vergehen dargestellt, sondern als Befreiungsschlag einer unglücklichen Frau, die sich gefangen in einem erdrückenden Leben sieht. Bereits der als Erlösung dargestellte Ehebruch erhitzte die Gemüter (in den 50ern war das noch bei weitem kein Kavaliersdelikt). Für den richtigen Skandal sorgte allerdings die beinahe 20 minütige, für die damalige Zeit recht explizite Sexszene zwischen den Liebenden. Als obszön und pornographisch wurde der Film verdammt und daraufhin in einigen US-Bundesstaaten verboten. Sogar ein Rechtsstreit dazu war beim Obersten Gerichtshof damals anhängig, welches aber ganz klar feststellte, dass es sich bei dem Film nicht um Pornographie handle und Kinobetreiber somit nicht aufgrund eines entsprechenden Artikels im Gesetz verurteilt werden dürften, sollten sie den Film in ihren Kinos zeigen.

Das große Fressen (1973)

Was beschließt der gelangweilte, wohlhabende Franzose, wenn er seines Lebens überdrüssig ist? Genau, sich mit seinen Freunden in seinem Landhaus treffen und sich zu Tode fressen. Glaubt ihr nicht. Dann seht euch nur einmal „Das große Fressen“ an. Denn dort ist genau dies der Plan von 4 Freunden. Zu den delikaten Speisen gibt es dann noch ein paar Prostituierte, eine zufällig Gestrandete platzt auch überraschend rein, und so ist das Buffet eröffnet. Was folgt sind 130 Minuten voll Ausschweifungen und Überfluss/-druss. Selbst in den 70ern war das noch zu viel für das immer aufgeschlossenere Publikum. Wieder einmal kam man mit Anstand, den guten Sitten, es wurden alle Geschütze aufgefahren, die es nur gab und in einigen Ländern und Städten so tatsächlich Aufführungsverbote durchgesetzt – wenn nötig auch mit Hilfe der Polizei. Und selbst heute würden wohl nur wenige Leute so weit gehen, den Streifen als Leckerbissen zu bezeichnen.

Maria und Joseph (1985)

Während es bisher eher Verstörendes, Zügelloses oder Obszönes war, was bei den genannten Filmen den Stein des Anstoßes darstellte, bewegt sich „Maria und Joseph“ von Jean-Luc Godard (einer der Vertreter der sogenannten Nouvelle Vague) in blasphemischen Gefilden – also zumindest wenn man nach der katholischen Kirche geht. Der Rest der Welt nahm den Film nämlich eigentlich zunächst durchweg positiv auf, feierte ihn stellenweise sogar. Die Kirche sah das anders: Eine moderne Version von Jesu Geburt war für sich genommen bereits Gotteslästerung, erst recht, wenn man Maria auch noch in ein paar Einstellungen an ihrem „Glück“ zweifelt. Selbst der Papst goss zusätzliches Öl ins Feuer, als er sich negativ zu dem Film äußerte. So wirklich wollten die folgenden Protestaktionen dann aber doch nicht greifen. Nur in wenigen Städten gab es ein temporäres Aufführungsverbot, ansonsten waren die Proteste wohl eher Ärgernis – wer geht schon gerne ins Kino, wenn sich davor hunderte Christen versammelt haben, um Rosenkränze für die armen Sünder zu beten, die sich den Film anschauen.

Baise-Moi (2000)

Wer sich vielleicht noch an die Zweideutigkeit des französischen Originaltitels klammert, dem sei gesagt, dass er im Deutschen mit dem Beititel (Fick mich!) versehen wurde. Wobei der Film nicht nur auf dieser Ebene so einiges an starkem Tobak zu bieten hat. Auch die Gewaltexzesse sind wohl eher schwer zu schlucken. Das sah in weitere Folge wohl auch die Behörde in Frankreich so, wo er zunächst nach einer Klage von einer 16er auf eine 18er Freigabe hochgestuft wurde und schließlich mit einem X versehen, was bedeutet, dass er nur mehr in Erwachsenenkinos gezeigt werden durfte. In Deutschland war man zwar ein wenig gnädiger und erlaubte den Film in Programmkinos zeigen zu dürfen, auf der DVD-Veröffentlichung wurden manche Szenen dann aber doch wieder etwas entschärft. In Frankreich schienen sich die unterschiedlichen Lager auf jeden Fall einig: Der Film war zu viel. Zu viel explizite Sexszenen, zu viel ausufernde Gewalt, zu viel Unverblümtes.

Cuties (2020)

Abschließen möchte ich die Liste mit einem Skandal, der noch gar nicht so lange her ist, eines allerdings sehr schön beweist: Die Wogen mögen vielleicht nicht glatter sein, in unserer heutigen Zeit, aber sie verebben weitaus schneller als früher. So war der Aufschrei in den sozialen Medien enorm, als Netflix das Werbeplakat für ihr neues Original aus Frankreich präsentierte. Junge Mädchen in viel zu knappen Outfits, die aufreizend für die Kamera poussieren? Das durfte nicht sein! Es hagelte Pädophilie-Vorwürfe. Noch bevor der Film überhaupt erschienen war, war den meisten klar, hier handelt es sich um eine waschechte Sauerei, eine der letzten noch bestehenden Grenzen wurde überschritten, die Gesellschaft, ja die ganze Menschheit musste vor so einem Schund, vor diesem finalen Verfall beschützt werden. Der große Skandal entpuppte sich bei näherem Hinschauen aber als Hirngespinst. Wer sich einmal die Mühe machte, sich den Film tatsächlich anzuschauen, bekam nämlich sehr schnell mit, dass der Film genau das kritisiert, wofür er an den Pranger gestellt wurde: die Übersexualisierung von Frauen in den Medien, was eben auch dazu führt, dass Kinder und Teenager versuchen, ihren Idolen auch in diesem Bereich nachzueifern. Als den lautesten Schreihälsen so der Wind aus den Segeln genommen wurde, passiert das, was in unserer derzeitigen, schnelllebigen Gesellschaft immer passiert: Man ließ von dem Thema ab und widmete sich dem nächsten Shitstorm. So ist der Film noch heute auf Netflix verfügbar und fristet dort seitdem ein eher unbeobachtetes Dasein.

Und das war es auch schon mit meinem kleinen Ausflug in die Welt der Skandalfilme. Kennt ihr vielleicht einen der genannten Filme? Wenn ja, könnt ihr die Empörung dann vielleicht sogar nachempfinden oder versteht ihr nicht, was das ganze Drama sollte? Lasst es mich doch in den Kommentaren wissen.

 

Ein Gedanke zu “Na sapperlot – Französische Skandalfilme

  1. Wirkliche Skandalfilme, oder Filme, die dazu gemacht werden, gibt es leider immer seltener. Das liegt vielleicht auch daran, dass heutzutage jeder alles richtig machen will und den Diskurs, insbesondere in den sozialen Medien, scheut. Das ist sehr schade. Leute wie Schlingensief, von Praunheim oder von Trier waren immer für einen Skandal gut. Aber Zeiten ändern sich und Filme auch.

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