Wie das afroamerikanische Kino in den letzten Jahren Hollywood eroberte

Es ist eine gute Zeit für das afroamerikanische Kino, selten bekam es so viel Aufmerksamkeit wie zuletzt und das auch völlig zurecht. Das Epizentrum der Filmlandschaft Hollywood sprießt geradezu vor mutigen und talentierten schwarzen Filmschaffenden und hat in den letzten Jahren eine ganze Welle an wirklich nennens- und sehenswerten Filmen hervorgebracht, die das letzte Jahrzehnt stark mitgeprägt haben. Das schwarze Kino strotzt vor lauter neuem Selbstvertrauen und bringt damit erfrischenden Wind nach Hollywood.

Ein klarer Anstoß ist hierbei die „Oscars So White“-Debatte in den Jahren 2015 und 2016, wo die „People of Colour“ sich beim größten Filmpreis klar unterrepräsentiert fühlten. Damit einher ging auch ein Ruck durch Hollywood und es fand schließlich ein Umdenken statt. Fortan war Diversität das oberste Gebot der Academy, was sich auch bei den Oscarnominierungen deutlich bemerkbar machte.

Im Folgenden möchte ich mich daher ein wenig an den Oscars orientieren, da sie auch immer ein passendes Spiegelbild der Gesellschaft Hollywoods abgeben, und stelle euch einige der tollen Filme des afroamerikanischen Kinos samt ihrer größten Filmschaffenden vor, die die letzten Jahre so hervorgebracht haben.

Nächster Halt: Fruitvale Station (2013)

Abseits der Oscars war dieser Film der Anfang eines Duos, dass in den kommenden Jahren in den Riegen Hollywoods steil aufsteigen sollte zu den angeseheneren Leuten der Branche. „Fruitvale Station“ war der Debütfilm von Ryan Coogler und ebnete ihm den Weg für seine späteren Werke „Creed“ und „Black Panther“. In allen Filmen stets an seiner Seite stand Schauspieler Michael B. Jordan, dem damit der Durchbruch gelang und der allmählich zum wahren Filmstar heranreift.

Der Film basiert auf den wahren Ereignissen von Oscar Grant, der 2009 nach seiner Silvesterfeier an einem Bahnsteig Opfer von Polizeigewalt wurde vor den Augen zahlreicher Zeugen, die die Tat auf ihren Handys festhielten. „Fruitvale Station“ ist damit natürlich thematisch brandaktuell und wer mehr zu dem Film erfahren möchte, kann bei Maras Filmothek-Beitrag vorbeischauen. Von mir gibt es aber auch eine absolute Sehempfehlung!

12 Years a Slave (2014)

2014 war es dann schließlich so weit: 9 Oscar-Nominierungen, 3 Auszeichnungen, darunter einer für Bester Film und eine für Beste Nebendarstellerin. Dieser Film brachte Regisseur Steve McQueen ganz groß raus, ebenso wie Darstellerin Lupita Nyong’o. Ebenfalls eindrucksvoll ist Chiwetel Ejiofors Darbietung, der wahrscheinlich anschließend in der Schauspieler-Riege ebenfalls aufgestiegen ist.

Dieses historische Filmdrama erzählt von einem freien Afroamerikaner im Jahr 1841, der eines Tages reingelegt und in die Sklaverei verkauft wird.
Absolut keine leichte Kost, die ein grausames und trostloses Bild von der Sklaverei skizziert und einen tief in der Magengrube trifft. Wichtig ist seine Thematik aber allemal und nach diesem extrem kraftvollen Film kann man zukünftig noch einiges von McQueen erwarten.

Selma (2015)

2015 bescherte uns schließlich Regisseurin Ava DuVernay, zu der ich in meinen Filmtipps nochmal gekommen bin, da sie nach „Selma“ die sehenswerte Dokumenation „Der 13.“ und die Miniserie „When They See Us“ drehte. Hauptdarsteller David Oyelowo hatte sich zwar bereits etabliert, dürfte mit seiner großartigen Darstellung von Martin Luther King aber sicherlich einige Türen mehr geöffnet haben.

Der Film nimmt sich ein bedeutsames Kapitel aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zur Brust und zeigt Martin Luther King, wie er mit friedvollen und gewaltlosen Protesten die uneingeschränkte Durchsetzung des Wahlrechts für die schwarze Bevölkerung erzwingen wollte. Im Mittelpunkt steht der von ihm angeführte Marsch in den rassistischen Südstaaten der USA von Selma zu Alabamas Hauptstadt Montgomery, bei dem hunderte von Menschen teilnahmen.
Definitiv sehenswert, besonders für Leute wie mich, die diese ganze Bürgerrechtsbewegung nie miterlebt haben und auch nur eher oberflächliches Wissen darüber besitzen. Vermittelt einem sehr effektiv die Bedeutung von diesem Stück Geschichte.

Moonlight (2017)

Mit „Moonlight“ ging das Ansehen für das afroamerikanische Kino stark bergauf und er wirkt rückblickend so etwas wie der Startschuss für einen Boom. Die „Oscars so White“-Debatte trug in diesem Jahr ihre ersten Früchte, so hagelte es sogleich u. a. Bester Film für diesen sehr kunstvoll inszenierten Film. Regie-Debütant Barry Jenkins avancierte seit seiner Arbeit an „Moonlight zum absoluten Kritikerliebling und dürfte aktuell neben Ryan Coogler und Steve McQueen zum wohl spannendsten Filmemacher des schwarzen Kinos zählen. Zwei Jahre später inszenierte er ähnlich virtuos „If Beale Street Could Talk“ der ähnlich stark aufgenommen wurde, auch wenn er mir persönlich nicht so gut gefällt.
Auch für Nebendarsteller Mahershala Ali war „Moonlight“ ein ordentlicher Karriereschub, der hierfür den Oscar bekam und erst zwei Jahre später einen weiteren für „Green Book“.

Mit viel Gefühl erzählt der Film vom Leben des schwarzen Jungen Chiron in drei Kapiteln (Kind, Jugendlicher, junger Erwachsener). Dabei muss er mit seiner drogensüchtigen Mutter fertig werden, baut ein enges Verhältnis zu jemandem auf der zu seinem Ziehvater wird und erforscht seine eigene Sexualität, in der er langsam erkennt, dass er schwul ist.
„Moonlight“ verlangte mir ein wenig Eingewöhnungszeit ab, aber spätestens nach seiner zweiten Sichtung habe ich ihn auch endlich mehr zu schätzen gelernt. Die wunderschöne Inszenierung ist fast magisch und sie alleine zieht einen bereits in den Bann.

Weitere Filme 2017: „Fences“, „Hidden Figures“

Get Out (2018)

Wie mir gerade erst bewusst wird, folgt ein Regiedebüt auf das nächste und mit „Get Out“ erschien Jordan Peele auf der Bildfläche der Filmlandschaft. Der aus dem Comedy-Bereich stammende Regisseur und Autor fasste ungewöhnlicherweise mit einem Horror-Thriller Fuß und legte 2019 gar einen weiteren Horrorfilm nach mit „Wir“. Für mich persönlich ist er einer der spannendsten Filmemacher aktuell, da sein Stoff bisher immer frisch und originell wirkte. Hauptdarsteller Daniel Kaluuya gelang in „Get Out“ ebenfalls der Durchbruch, dieses Jahr gab es für ihn sogar schon einen Oscar (Judas and the Black Messiah).

Chris lässt sich eines Tages von seiner Freundin überreden, ihre Eltern für ein Wochenende zu besuchen und sich somit ihnen vorzustellen. Da er jedoch schwarz und sie weiß ist, begleiten die beiden auch anfängliche Bedenken darüber, was ihre Eltern womöglich davon halten. Mit voranschreiten des Wochenendes häufen sich jedoch die merkwürdigen Geschehnisse dort, bis die Dinge plötzlich völlig aus dem Ruder laufen.
Wahnsinnig starker psychologischer Horror, der Alltagsrassismus mal ein wenig anders behandelt. Eine großartige Filmidee, aus der auch noch ein wirklich gelungener Horrofilm entsteht, der auch mal was anderes erzählt.

Abseits der Oscars gab es 2018 auch noch zwei weitere Filme, zu denen ich ebenfalls noch ein paar Worte verlieren möchte, nämlich „The Hate U Give“ und „Blindspotting“:

Interessanterweise nehmen sich beide Filme eine ähnliche Ausgangslage zur Brust: Beide Male wird die Hauptfigur Zeuge von Polizeigewalt und muss mit ansehen, wie ein Polizist einen wehrlosen Schwarzen niederschießt. Während „The Hate U Give“ noch als etwas klassischeres Hollywood-Drama daherkommt, in dem sich ein betroffenes junges schwarzes Mädchen durch die Ereignisse für den Kampf gegen Rassismus stark macht und der Film sehr plakativ mit der Thematik umgeht, ist „Blindspotting“ deutlich subtiler und hat neben seinen Drama-Elementen auch auflockernde Momente. Hier ist die betroffene Person ein junger schwarzer Mann, der seine letzten drei Tage auf Bewährung überstehen möchte und versucht, die schockierenden Ereignisse zu verarbeiten und dabei seine eigene Identität hinterfragt.
Beide Filme finde ich sehenswert, „Blindspotting“ sticht aber für mich nochmal deutlich mehr hervor, da er in seiner Erzählweise extrem mutig ist und ich ihn sogar mittlerweile zu meinen Lieblingsfilmen zähle.

BlacKkKlansman (2019)

Der Film brachte den vielleicht einflussreichsten schwarzen Regisseur zurück ins Blickfeld und ebenfalls zurück zu seinen Wurzeln. Spike Lee versuchte sich stets mit seinen Filmen einen politische Stimme zu verschaffen, wie auch hier, und erhielt einen Oscar fürs Drehbuch. Der Film war außerdem der Durchbruch von John David Washington, Sohn vom großartigen Denzel Washington, der zwei Jahre später auch schon die Hauptrolle für Christopher Nolans „Tenet“ bekam.

Nach wahren Begebenheiten erzählt „BlacKkKlansman“ die irrwitzige Geschichte eines afroamerikanischen Polizisten, der sich in den 70ern mithilfe seiner weißen Kollegen in die rassistische Gruppierung des Ku-Klux-Klans einschleuste.
Die Story ist dabei an sich schon so unterhaltsam, dass der Film eigentlich gar nicht viel mehr machen muss, als sie einfach zu erzählen.

Weitere Filme 2019: „Black Panther“, „If Beale Street Could Talk“

Black Panther lasse ich hierbei bewusst aus, da er mir persönlich überhaupt nicht gefallen hat. Natürlich ist dabei aber hervorzuheben, welche Bedeutung dieser schwarze Superheldenfilm für die afroamerikanische Bevölkerung hatte und dass der Film den jüngst zu früh verstorbenen Chadwick Boseman vermutlich unsterblich gemacht hat.

2021: „Ma Reiney’s Black Bottom“, „Judas and the Black Messiah“ und „One Night in Miami“

Auch dieses Jahr hatte das afroamerikanische Kino wieder einiges zu bieten, von den oben genannten Filmen habe ich aber bisher noch keinen geguckt. Besonders gespannt bin ich hierbei auf „Judas and the Black Messiah“, den ich möglichst zeitnah nachholen möchte. Der Film erzählt die Geschichte von Fred Hampton, dem Vorsitzenden der Black Panther Party und wie er auf Anweisung des FBI gestürzt wurde.

Ich hoffe ich konnte mit meiner kleinen Übersicht ein guten Einblick darüber geben, wie das afroamerikanische Kino in den letzten Jahren aufgeblüht ist und ein ums andere Mal starke Filme abgeliefert hat. Filme wie „Fruitvale Station“, „Blindspotting“ oder „Get Out“ sind der Grund, weshalb ich schwarzes Kino schätzen und lieben gerlernt habe und ich mittlerweile jedes Jahr neugierig in diese Richtung blicke. Die Qualitätsdichte erschien mir in den vergangenen Jahren so hoch, dass ich mich bloß drauf freue, was da noch kommt.

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