Klappe-Porträt (4) Oscar Micheaux – Vergessener Wegbereiter des schwarzen Kinos

Stellt man dem geneigten Kinogänger die Frage, welche farbigen Regisseure einen Einfluss auf das US-amerikanische Kino bzw. auf das Kino weltweit hatten und auch heute noch haben,  fallen vermutlich sofort Namen wie Spike Lee („Do the right Thing, ‚Malcolm X‘, ‚Black Klansman‘), John Singleton („Boyz N the Hood“). Steve McQueen („12 Years a Slave“) und natürlich Jordan Peele („Get out“, „Us“). Sie alle haben aufgrund ihrer Herkunft und ihren Erfahrungen als Mitglieder der „Black Coummunity“ eine  sehr eigene filmische Handschrift  entwickelt und seit den 1980er-Jahren erheblich dazu beigetragen, dass es inzwischen fast zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, dass schwarze Menschen im Filmgeschäft vor und hinter der Kamera ein gehöriges Wort mitzureden haben. Dass es hier natürlich noch viel Luft nach oben gibt,  ist uns allen klar.   

Aber die genannten Regisseure waren durchaus keine echten Pioniere, wenn es darum geht, dass schwarze Regisseure in Hollywood erfolgreiche Filme drehen.  Dies waren auch Leute wie Gordon Parks („Shaft“) oder Ossie Davis („Cotton comes to Harlem“) nicht, die einige Filme im kurzlebigen Sub-Genre des Blaxploitation auf die Leinwand brachten. Nein, bereits ein paar Jahrzehnte zuvor gab es einen Mann, der Filme mit (ganz überwiegend) schwarzen Darstellern für ein (ganz überwiegend) schwarzes Publikum machte. Liebe Leser*Innnen,  werfen wir gemeinsam einen Blick auf das Leben und das filmische Schaffen von Oscar Micheaux (1884-1951), dem Wegbereiter für das schwarze Kino in den Vereinigten Staaten.

Oscar Devereaux Micheaux  wurde am 2. Januar 1884 in  der Kleinstadt Metropolis (diese Stadt gibt es also wirklich), im US-Bundesstaat Illinois geboren, wo er zusammen mit 12 (!)  Geschwistern groß wurde. Als Sohn ehemaliger Sklaven, wuchs er unter ärmlichen Verhältnissen auf und dürfte, auch wenn Illinois  bereits in dieser Zeit  als durchaus liberaler Staat angesehen werden konnte,  mit der Art von Rassismus konfrontiert gewesen sein, wie sie in dieser Zeit typisch war in den Staaten des mittleren Westens  der USA. Schon der kleine Oscar musste früh etwas zum Lebensunterhalt  der Familie beitragen und verdiente sein erstes Geld als „Shoe Shine Boy“ (Schuhputzjunge) in den Straßen seines Heimatortes. Mit 17 Jahren machte er sich auf nach Chicago, der größten Stadt im Staat, wo er eine Anstellung als Schlafwagenschaffner fand, was in jenen Tagen das Maximum an beruflichem Aufstieg für einen Mann mit schwarzer Haut  bedeutete. Dies reichte dem ehrgeizigen und belesenen Micheaux jedoch noch lange nicht. Er zog 1904 weiter nach South Dakota, wo er sich von seinen Ersparnissen ein Stück Land vom Staat pachtete  und dieses zunächst mit außerordentlich großem Erfolg bewirtschaftete, obwohl er mit dieser Art von schwerer körperlicher Arbeit keinerlei Erfahrung hatte.  Die Einnahmen aus der Landwirtschaft ermöglichten es Micheaux seinen tatsächlichen Leidenschaften, nämlich dem Schreiben und später dem Filmemachen nachzugehen. Sein erstes Buch „Conquest: The Story of a Negro Pioneer“ erschien 1913  und wurde ein durchaus veritabler Erfolg. Aufgrund der Restriktionen, denen Schwarze damals unterlagen, war es allerdings nicht leicht, einen Verlag zu finden, der Micheauxs durchaus kritische Werke in sein Programm nahm. Um  derartigen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, gründete Micheaux kurzerhand  seinen eigenen Verlag und verkaufte die Bücher als Handlungsreisender, sowohl an schwarze wie auch weiße Leser.  

Ab den 1910er-Jahren begann der (Stumm) Film in den USA  zunehmend populär zu werden und sich zum Massenmedium zu entwickeln. Die Menschen strömten in immer größer werdenden Zahlen in die Kinos, um unterhalten und informiert zu werden. Dieser Trend vollzog sich in allen Alters- und Bildungsschichten und auch die farbige Bevölkerung fand großes Gefallen an den bewegten Bildern auf der großen Leinwand.  Dass schwarze Zuschauer meistens in den Kinos vom weißen Publikum getrennt in separaten Bereichen sitzen,   bzw. ihre eigenen Kinos besuchen mussten, war damals eine Selbstverständlichkeit. Ebenso selbstverständlich war es,  dass die Darstellung  von Schwarzen  im Film durchgängig von Klischees und rassistischen Vorurteilen durchsetzt war.   

Oscar Micheaux begriff sehr schnell, dass er seine,  über die Jahre erworbenen  Ansichten zum Leben in einer Gesellschaft frei von rassistischem Denken,  viel schneller, effektiver und letztlich für ihn auch lukrativer durch das Medium Film verbreiten und vermarkten konnte Er schrieb zwar noch weiterhin Bücher, jedoch reichten die Einnahmen nicht zum Leben aus, zumal er seine Landwirtschaft nach einer verheerenden Dürre im Jahre 1915 aufgeben musste.

Über einige Umwege gründete Micheaux seine eigene kleine Filmgesellschaft und beschaffte sich –  in einer Art des frühen Crowdfundings –  Geld für sein erstes Projekt, der Verfilmung eines seiner eigenen  Bücher. „The Homesteader“ kam im Februar 1919 in die Kinos und war der erste von einem Afroamerikaner hergestellte Langfilm. Bei dem Drama, in dem es um das Schicksal von schwarzen und gemischtrassigen Arbeitern in der Landwirtschaft geht, führte Micheaux nicht nur Regie, sondern trat auch als Produzent und Drehbuchautor in Erscheinung. Natürlich richtete sich „The Homesteader“ ausschließlich an ein schwarzes Publikum, welches den Film auch dankbar annahm, da hierin ihr Leben, ihre Sorgen und Nöte losgelöst von den üblichen Darstellungen weißer Filmemacher gezeigt wurden. Leider gilt der Film seit vielen Jahren als verschollen, sodass eine Wiederentdeckung dieses Zeitdokuments wohl bis auf weiteres unmöglich ist.

Gleich mit seinem zweiten Film. „WIthin Our Gates“, sorgte Regisseur Micheaux (wiederum auch Produzent und Drehbuchautor)  unter der weißen Bevölkerung für Aufsehen. Die Produktion aus dem Jahre 1920  thematisiert für die damalige Zeit recht offen und explizit den Umgang der vermeintlich „überlegenen weißen Rasse“ mit den schwarzen Sklaven in den Südstaaten der USA. Mehr oder weniger direkt provoziert  „Within Our Gates“ den Vergleich mit D.W. Griffith Filmepos „The Birth of a Nation“ von 1915, dem erfolgreichsten Film der Stummfilmära. Filmisch und dramaturgisch bestimmt ein bahnbrechendes und innovatives Meisterwerk, thematisch  aber ganz sicher viel mehr als nur fragwürdig. Bereits zur Zeit seiner Aufführung äußerst kontrovers diskutiert, ist man sich seit vielen Jahren darüber einig, dass Griffiths dreistündiges Drama nichts anderes ist, als die filmische Beweihräucherung des Ku Klux Klans und  Rassismus  in  der allerschlimmsten Form ist. Der Film zeigt schwarze Männer ausschließlich  als verschlagene Kriminelle, die kaum etwas anderes im Sinn haben, als weißen Frauen nachzustellen, um sie zu vergewaltigen. So ist es natürlich unausweichlich und absolut legitim, dass nur ein verschworener Geheimbund wie der „Klan“ in der Lage ist, die weiße Rasse vor dem sicheren Untergang zu bewahren. Hier zeigt  Micheaux in „Within Our Gates“ ganz sicher ein etwas realistischeres Abbild der Gesellschaft in den Vereinigten Staaten.

Leider ist über viele Filme, bei denen Oscar Micheaux Regie führte (insgesamt waren  es in den Jahren 1919 bis 1948 mehr als 30 Produktionen) nicht viel bekannt bzw. in Erfahrung zu bringen. Sicherlich hatten nur die  Wenigsten die Klasse von „The Homesteader“ oder „Within Our Gates“ und sind heute, vielleicht in vielen Fällen zu Recht,  gänzlich vergessen. Die Dreharbeiten fanden häufig unter schweren Bedingungen, sprich mit niedrigem Budget, statt. Dem entsprechend war nie viel Zeit für ausgiebiges Proben und raffinierte Kameraeinstellungen. Dennoch fanden Micheaux Filme immer wieder ihr Publikum, zumal der Regisseur nicht nur gedankenschwere Dramen, sondern auch Western, Musicals und Gangsterfilme auf die Leinwand brachte. Was alle seine  Filme aber gemeinsam hatten,  war ihre afroamerikanische Sichtweise. Selbst wenn der Großteil seines Werkes nicht wirklich anspruchsvolle Filmkunst war, schaffte es Micheaux aber auf jeden Fall ein anderes Bild der schwarzen US-Bevölkerung, fernab der von Klischees durchsetzten  Darstellungen  in den  Streifen der großen Filmstudios, auf die Leinwand zu bringen. Das Gesamtwerk des Regisseurs trug aber sicherlich im Kleinen dazu bei, die eigene Wahrnehmung und das Selbstbewusstsein der „Black Community“ zum Positiven zu verändern.

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