Eine Woche „Black Cinema“ – Ein Erfahrungsbericht

Die Idee war denkbar einfach: Im Zuge der Recherchen stellte sich heraus, dass es einige zu dem Thema passende Filme gab, die ich immer noch nicht gesehen hatte, die aber schon seit Ewigkeiten auf meiner Watchlist standen. Also Microwellenpopcorn gemacht, auf der Couch gemütlich eingemümmelt und eine Woche lang jeden Abend einen anderen Film der Liste schauen, um euch hier davon zu berichten.

So simpel der Plan, so grandios scheiterte ich in der Umsetzung. Hier war ein abendlicher Besuch bei Freunden angesagt, da schob sich eine Frühschicht dazwischen und so schlug das Projekt schon am zweiten Abend fehl. Aber, auch wenn es nicht an sieben aufeinanderfolgenden Abenden geschah, so habe ich es innerhalb des vergangenen Monats doch geschafft, alle sieben Filme meiner Liste zu sichten – dem Erfahrungsbericht (oder vielleicht doch eher so etwas wie Kurzrezensionen) steht somit nichts im Weg. Eines noch vorweg, ohne es zu merken, habe ich es geschafft, vier Filme zu wählen, die quasi als shared universe betrachtet werden können…mehr dazu dann später weiter unten. Fangen wir zunächst einmal mit den anderen Kandidaten an…

Boyz’n‘ the Hood

Tatsächlich ist das hier nicht nur der erste Film, den ich in diesem Beitrag kurz besprechen möchte, sondern es war auch der erste, den ich hierfür geschaut habe. Wie es der Zufall wollte, war dieser Film nämlich auch auf einem Rubbel-Plakat mit einer 100 Movies Bucket-Challenge zu finden – zwei Fliegen mit einer Klappe also. Sogar in dem dicken Wälzer „1001 Filme, die sie gesehen haben sollten, bevor das Leben vorbei ist“ ist er zu finden. Meine Erwartungen waren dementsprechend groß. Ich also rein in die Bibliothek, Film entliehen und noch am selben Abend ab in den Player damit. Und bald war sie dann leider doch recht groß, die Ernüchterung.
Denn während einen die letzten 20 Minuten des Films so richtig packen, wird in der restlichen Zeit ein Klischee nach dem anderen bedient. All die Vorurteile, von denen einem Schwarze immer wieder versuchen klar zu machen, dass dies nur Überspitzungen der medialen Darstellungen wären, werden hier abgerufen. Praktisch alle Figuren im Film fluchen in einer Tour, nennen sich gegenseitig bei jeder Gelegenheit beim N-Wort, haben alle eine Knarre (oder wissen zumindest damit umzugehen) und scheinen weder mehr vom Leben zu erwarten, noch diejenigen zu unterstützen, die vielleicht tatsächlich mal einen Chance hätten aus dem Ghetto herauszukommen. Einzig Laurence Fishburnes Charakter versucht diesen Missstand einmal anzusprechen, die Szene dauert allerdings gerade einmal ein paar Minuten und bleibt ohne Nachwirkungen.
Vielleicht mag mir ja etwas entgangen sein, vielleicht kenne ich mich im schwarzen Kino vor diesem Film auch einfach zu wenig aus, um diese Darstellung als frischen Ansatz feiern zu können, auf jeden Fall kann ich sagen, dass mich die platte Darstellung und die lahmen, klischeebeladenen Sprüche eher genervt denn berührt haben. Wäre nicht das hervorragende Ende, das dann endlich jenen Ton anschlägt, den ich mir schon vorher die ganze Zeit gewünscht hätte, wäre der Film für mich sogar knapp am Totalausfall vorbeigeschrammt. So ist es ein mauer Film mit einem finalen Feuerwerk, das einen für die Plattitüden davor entschädigt.

Nächster Halt: Fruitvale Station

Weil das mit der Reihenfolge gerade so gut klappt, bleiben wir doch dabei, denn tatsächlich war dies der zweite Film, den ich für diesen Beitrag gesehen habe. Und was soll ich sagen, während mich „Boyz’n‘ the Hood“ noch ziemlich enttäuscht hatte, konnte mich „Fruitvale Station“ voll und ganz überzeugen. Er hat mir sogar so gut gefallen, dass ich ihm spontan noch einen Beitrag in unserer Filmothek spendiert habe, obwohl das eigentlich gar nicht vorgesehen war. Teil der eindringlichen Wirkung, die der Film bei mir hinterlassen hat (ich habe am Ende wirklich geheult wie ein Schlosshund), ist sicher auch die Tatsache, dass er auf wahren Begebenheit basiert, was das Ende umso tragischer macht. Aber auch abseits dieses Faktes ist der Film einfach hervorragend gemacht, grandios gespielt und feinfühlig inszeniert. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem kann ich nur den bereits erwähnten Artikel in der Filmothek ans Herz legen.

Fences

Mit diesem Film verlassen wir nun endgültig die Reihenfolge, habe ich ihn doch erst als vorletztes gesehen. Was vielleicht weniger verwundern dürfte, wenn man sich einmal für Augen führt, dass der Film auf einem Theaterstück, genauer gesagt auf einem Kammerspiel basiert. Nicht, dass das etwas schlechtes wäre, gerade mit Namen wie Denzel Washington und Viola Davis im Cast weiß man, dass einen hier wahrscheinlich eine grandiose schauspielerische Tour de Force erwarten dürfte, was dann auch tatsächlich der Fall ist, aber es ist eben auch eine spezielle Art von Film, für die man in der richtigen Stimmung sein muss. Zum Glück fand sich einmal ein Vormittag an dem ich genau in der passenden Gemütsverfassung war, um dieses filmische Kleinod würdigen zu können.
Washington mimt den gestrengen, vom Leben enttäuschten, auf Prinzipien pochenden und doch selber so einiges auf dem Kerbholz habenden Ehemann und Vater ganz famos. Facettenreich und trotz teils schwülstiger Dialoge stets glaubhaft, ist es wirklich eine Freude, einem Meister hier bei der Arbeit zusehen zu können. Ihm in nichts nach steht Viola Davis, als scheinbar perfekte Ehe- und Hausfrau, in der es aber immer stärker zu brodeln beginnt, bis schließlich der Ausbruch folgt.
Wie oben bereits erwähnt, die Dialoge wirken dabei manchmal arg gekünstelt, wirken aber durch die hervorragenden Performances trotzdem auf wundersame Weise irgendwie homogen. Fast so wie bei „Macbeth“ aus dem Jahr 2015, in dem es Fassbender und Cotillard ebenso vortrefflich gelungen ist Shakespeares Worten neues Leben einzuhauchen. Aber keine Sorge, der Vergleich hinkt natürlich ein bisschen, denn so gestellt wie bei dem Barden aus England klingen die Dialoge bei „Fences“ für unsere Ohren natürlich nicht (immerhin wurde das zugehörige Theaterstück in den 1980ern geschrieben).

Und damit kommen wir nun zu jenen vier Filmen, die allesamt entweder sowieso Biopics sind oder Personen als Hauptfiguren haben, die tatsächlich gelebt haben. Das wirklich spannende, all diese Menschen lebten zur selben Zeit, kannten sich und spielen deswegen auch teilweise eine Rolle in den Filmen der anderen. Klingt kompliziert, ist es aber nicht, wie ihr in den folgenden Rezensionen gleich merken werdet.

Malcolm X

Fangen wir mit jenem Biopic an, welches meine zweite Sichtung für diesen Beitrag darstellte. Auch hier musste ich den Katalog meiner hiesigen Bibliothek bemühen, faszinierend, wie wenige Filme des „Black Cinema“ auf einer der großen Streamingplattformen im Abo zu finden sind. Naja, ist wahrscheinlich nur Zufall. Kommen wir deswegen lieber wieder zum Film. „Malcolm X“ erzählt, wie könnte es schon anders sein, vom Leben und Schaffen dieses großen Namens der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.
Dabei gliedert sich das dreistündige Werk in drei Phasen. Zunächst wäre da einmal Malcolms Zeit als Gauner, die ihn schließlich ins Gefängnis bringt, wo er bekehrt wird und sich in weiterer Folge der „Nation of Islam“ anschließt, zu deren wichtigsten Wortführern er bald zählt. Doch dann kommt es zum Bruch mit seinen ehemaligen Brüder bei der „Nation“, woraufhin er eine Reise nach Mekka macht und scheinbar völlig verändert zurückkehrt. War Malcolm zu seinen Zeiten bei der „Nation of Islam“ noch so etwas wie das deutlich radikalere Pendant zu Martin Luther King Jr., kam er von seiner Reise nach Mekka regelrecht geläutert zurück und predigte von da an ein friedliches, gleichberechtigtes Miteinander. King ist übrigens ein gutes Stichwort, denn dieser wird im Film mehrmals erwähnt, wodurch eine Brücke zu dem nächsten Film geschlagen wurde, den ich für diesen Beitrag gesehen habe – aber dazu etwas später.
Zuvor noch einmal zum Film. Drei Stunden Laufzeit also. Ein junger Spike Lee hinter der Kamera und ein grandioser Denzel Washington davor, sorgen dafür, dass einem über die gesamte Laufzeit hinweg nicht langweilig wird. Auch wenn man sich hier und da wünschen würde, dass die Bedeutung Malcolm Xs für die Bürgerrechtsbewegung noch ein bisschen besser herausgearbeitet worden wäre, damit klarer wird, warum er noch heute einen solch ikonischen Status genießt, muss man dem Film zugute halten, dass der Werdegang Malcolms gut herausgearbeitet wird, wodurch seine späteren Entwicklungen stets nachvollziehbar bleiben.

Selma

Und damit kommen wir zum quasi Gegenstück, dass die damaligen Geschehnisse aus einer anderen Perspektive beleuchtet und so dem Zuschauer einen runderen Blick darüber gewährt, was damals eigentlich wirklich so abgegangen ist. Denn während Malcolm zu den Waffen rief, predigte Martin Luther King Jr. stets den gewaltlosen Protest, was allerdings nicht bedeutet, dass er mit weniger Überzeugung oder Vehemenz hinter der Sache stand.
Die Ereignisse in Selma fanden dabei bereits nach der berühmten „I have a Dream“-Rede statt. King geht im Weißen  Haus bereits ein und aus und versucht seinen Einfluss beim Präsident zu nutzen, um die Bürgerrechtsbewegung immer weiter voranzutreiben. Das aktuelle Vorhaben Kings, welches der Film behandelt, ist jene Forderung, dass die Schwarze nicht nur theoretisch auf dem Papier, sondern endlich auch tatsächlich zu den Wahlen zugelassen werden sollen. Vor allem die Behörden in Alabama machen es den einheimischen Schwarzen quasi unmöglich, sich als Wähler registrieren zu lassen. So wird die Idee geboren, einen Protestmarsch zu organisieren. Von der kleinen Stadt Selma aus, soll es einmal quer durch Alabama bis zur Hauptstadt Montgomery gehen. Doch da haben sie die Rechnung ohne den hiesigen Sheriff und Gouverneur gemacht, die diesen friedlichen Marsch mit allen Mitteln verhindern wollen. Tatsächlich hat hier Malcolm X auch einen kurzen Gastauftritt (nun gut, er ist in einer Szene zu sehen, aber diese reicht schon aus, um die beiden Filme gekonnt miteinander zu verknüpfen).
Auf jeden Fall deckt Ava DuVernays Verfilmung eigentlich einen extrem kleinen Teil von Kings Geschichte ab, schafft es aber irgendwie trotzdem, sich runder anzufühlen und einem den Menschen King irgendwie näher zu bringen als „Malcolm X“ dies vermag. Ganz allgemein geht einem „Selma“ durch die unaufgeregte Kameraführung, die stellenweise so markerschüternde Bilder zeigt, deutlich mehr an die Nieren. Hier geht es nicht um einen einzelnen Mann, sondern um eine ganze Rasse, die unterdrückt und verfolgt wird – und sogar weiße Unterstützer mussten damals in den Südstaaten um ihr Leben bangen.

Ali

Das dritte Biopic in der Runde folgte von der Sichtungsreihenfolge her direkt auf „Selma“ und ich muss gestehen, in diesem Kontext war es doch ein wenig enttäuschend. Nicht, dass der Film schlecht gewesen wäre, aber im Vergleich zu „Selma“ und „Malcolm X“ fühlte sich das bei der Sichtung ziemlich generisch an. Der Aufbau folgt genau jenem Schemata, das man bereits von so vielen Sportler-Biopics (beziehungsweise Biopics im generellen) kennt. Da hilft es dann auch nicht viel, dass Namen wie Michael Mann hinter und Will Smith vor der Kamera zu finden sind. Gerade Manns Markenzeichen, die körnig, raue handheld Kamera, die scheinbar immer einen Tick zu Nahe an der Figuren dran ist, wird allzu spärlich eingesetzt – was allerdings dafür zu einem beinahe 20 minütigen finalen Kampf führt, der einen von den Socken reißt. Auch der Weg dorthin ist nicht uninteressant und bietet ein paar schöne Einblicke in Alis Leben. Mir war zum Beispiel im Vorhinein nicht bewusst, dass Malcolm X mit Ali befreundet und eigentlich dafür verantwortlich war, dass Ali zum Islam konvertiert ist und Mitglied der „Nation of Islam“ wurde.
Doch weder diese paar spannenden Einblicke, noch das grandiose Finale, noch Smiths gekonnte Performance (für die er sich deutlich mehr Muckis antrainiert hatte), können darüber hinwegtäuschen, dass es dem Film an Kreativität und Alleinstellungsmerkmalen mangelt. Alles schreitet irgendwie die bereits bekannten Pfade dahin, weiß zwar zu unterhalten, bietet einem aber auch nichts, mit dem man nicht sowieso schon von Haus aus gerechnet hatte.

One Night in Miami

Last but not least, der Abschluss meiner cineastischen Reise. Diesmal handelt es sich um ein Amazon Original aus dem Jahr 2020 bei dem Schauspielerin Regina King ihr Regiedebut geben durfte. Und was für ein Debut. Auch wenn die meisten Dialoge wohl fiktiv sein dürften, so sind die begleitenden Umstände doch dem wahren Leben entnommen.
Denn nachdem Cassius Clay 1964 den Titel des Schwergewichts-Weltmeisters nach einem Kampf gegen Sonny Liston sein eigen nennen konnte, fand er sich mit seinen drei Freunden, Malcolm X, Jim Brown und Sam Cooke in einem Hotelzimmer ein, um das gebührend zu feiern. Gut, von einer ausgelassenen Feier kann man dann zwar nicht mehr sprechen, hier fängt nämlich der fiktive Part der Geschichte an, dafür kann man sich als Zuschauer über ein Streitgespräch der Superlative freuen. Hervorragend ausgetragen durch die Darsteller und gekonnt in Szenen gesetzt durch King. Dabei werden den vier Legenden zwar fremde Wort in den Mund gelegt, diese aber doch äußerst stimmig auf die jeweiligen echten Menschen und ihre Ansichten angepasst. So bekommt man verschiedene Standpunkte, Sichtweisen und Meinungen zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung geboten, die zwar eindeutig der damaligen Zeit zuzuordnen sind, aber leider nach wie vor eine erschreckende Aktualität aufweisen. Um das kammerspielartige Geschehen ein wenig aufzulockern, gibt es kleine Einschübe, die einem nicht nur die Menschen, die sich hier die Seele aus dem Leib diskutieren, näher bringen sollen, sondern gleichzeitig das Gesagte in einen realen Kontext betten.


Und das waren sie, jene 7 Filme, die ich im Zuge dieser Ausgabe endlich mal nachgeholt habe. Abschließend kann ich auf jeden Fall sagen, dass ich keine einzige Sichtung bereut hätte und froh bin, mir selbst diese Aufgabe gestellt zu haben. Besonders spannend waren aber tatsächlich jene 4 Filme, die leichte Überschneidungen aufweisen und dadurch ein sehr vielschichtiges Bild einer im Wandel befindlichen Zeit vor dem Auge des Zuschauers auferstehen lassen. Wer einmal ein wenig Freizeit übrig hat, dem kann ich daher nur empfehlen, es mir gleichzutun und diese vier Filme kurz hintereinander zu schauen…ihr werdet es nicht bereuen.

3 Gedanken zu “Eine Woche „Black Cinema“ – Ein Erfahrungsbericht

  1. Uh da hat jemand meine Kritik an Malcolm X eingebaut 😀 Habe Selma und Malcolm X witzigerweise ja ebenfalls innerhalb kürzester Zeit geschaut und kann das bestätigen, die ergänzen sich wirklich gut. Wahrscheinlich ist es auch besser, so wie du zuerst Malcolm X zu gucken und dann erst Selma, bei mir war das andersrum, was Malcolm X sicher auch nochmal etwas abgeschwächt hat.
    Ich habe auf jeden Fall jetzt extrem Lust auf „Judas and the Black Messiah“ bekommen, der hoffentlich auch bald zu uns in die DACH-Region kommt. Der scheint sich wunderbar in die Filmreihe einzugliedern, die die Zeit der Bürgerrechtsbewegung skizziert.
    Boyz ’n‘ the Hood hab ich tatsächlich auch noch Lust nachzuholen, scheint ja für Zündstoff zu sorgen

    Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: „Ali“ – Aufgabe #36: Schaue einen Kampfsportfilm – VERfilmt&ZERlesen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.