Heavens Gate – Das Tor zum Himmel (1980)

Aufseiten von United Artists (UA) war man ich ziemlich sicher, mit Regisseur Michael Cimino einen echten König Midas unter Vertrag zu haben, der alles, was er berührte zu Gold macht. Mit seinem vorherigen Film „Die durch die Hölle gehen“ (The Deer Hunter von 1978) hatte Cimino tatsächlich ein kleines Wunder vollbracht. Das Anti-Kriegsdrama brachte ihm Neun Oscar-Nominierungen, davon fünf Auszeichnungen (u. a. in den Kategorien Bester Film und Beste Regie) ein. Nicht schlecht für einen Mann, der bisher nur zwei weitere Spielfilme gemacht hatte. Getragen auf den Schwingen des Erfolgs, fiel es Cimino nicht schwer, die Verantwortlichen von UA von seinem nächsten Projekt zu überzeugen. Das Western Epos „Heavens Gate“ sollte nicht weniger werden als das neue „Vom Winde verweht“, ein monumentaler Spätwestern, der  alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen würde. Ein Film, der Kritiker wie Zuschauer gleichermaßen in Verzückung versetzen würde.    

Es bedurfte seitens Cimino Anfang 1979  wohl keiner großen Überredungskünste, um die UA-Chefs davon zu überzeugen,  ihm die volle künstlerische und finanzielle Kontrolle über das Projekt „Heavens Gate“ zu übertragen.  Auch wenn United Artists, im Vergleich zu den anderen großen Hollywood Studios, seinen Künstlern bereits in der Vergangenheit  immer relativ viel kreative Freiheit gelassen hatte, war der Deal mit Cimino doch noch  sehr viel weitreichender, zumal dieser jetzt auch über das gesamte Budget von (zunächst geplanten) 20 Mio. Dollar frei entscheiden konnte. Warum das Studio diese Wildcard ausgerechnet für einen Western ausgestellt hat, ist aus heutiger Sicht – und war es wohl auch schon damals – schwer nachvollziehbar. Zumindest der amerikanische Westernfilm hatte seine große Zeit schon ein paar Jahre hinter sich und war von vielen Kennern der Branche bereits für Tod erklärt worden.  

Im April 1979 begannen die Dreharbeiten damit, dass über sechs Wochen alle relevanten Darsteller ein tägliches Reit-, Schieß-, Tanz- und Rollschuhlauf (!) Training zu absolvieren hatten. Da der Film im Milieu osteuropäischer Einwanderer in den USA in den 1890er-Jahren  spielt, gab es noch Sprachunterricht in Russisch, Polnisch und anderen Sprachen, incl. einiger der jeweils landestypischen Dialekte. In dieser Zeit entstanden 1,5 Minuten verwertbares Filmmaterial. Der angedachte Drehplan war natürlich schon zu diesem Zeitpunkt heillos überschritten.

Cimino sah sich von Anfang an nicht nur als Regisseur, sondern nahm sich gleichzeitig auch als eine Art Maler wahr, der einen auf Film produziertes Gemälde erschafft. Jede Einstellung wurde aufwendig inszeniert und sorgsam in Pose gebracht. Der Regisseur nahm sich nur zu gern die Zeit, auch in Massenszenen jeden einzelnen Komparsen persönlich an  der vermeintlich richtigen Stelle im Bild zu positionieren, was zum Teil Stunden dauerte und die Nerven der Crew auf so manch harte Probe stellt. Einzelne Szenen wurden dann bis zu 60-mal wiederholt Die Dreharbeiten kamen auch gern mal für ein paar Stunden zum Erliegen, wenn dem Regisseur das Licht nicht gefiel oder die passende Wolkenformation sich noch nicht am Himmel gebildet hatte. Eine nach den Plänen Ciminos erbaute Straßenkulisse musste komplett abgerissen werden, weil die Gebäude vermeintlich zu dicht beieinander standen. Die Kosten für diese Aktion allein beliefen sich auf rund 1 Mio. Dollar.

Die Kapriolen Ciminos blieben natürlich auch dem Studio in Kalifornien  nicht verborgen. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt schon so viel Geld verbrannt worden, dass es bereits zu spät war, um den Dreh einfach komplett abzubrechen. Die Vertragsstrafen, die bei einem vorzeitigen Ende der Dreharbeiten auf United Artists zugekommen wären, in Verbindung mit den nicht erzielten Einnahmen aus dem fertigen Film, hätte das sofortige Ende für UA bedeutet. So ließ man Cimino weiter in der Hoffnung gewähren, dass der fertige Film sich als der prognostizierte Kassenschlager herausstellen würde. Diese Taktik hatte sich 1963 bereits bei  der Mammutproduktion „Cleopatra“ bewährt. Auch hier waren die Dreharbeiten im Chaos versunken, hatten dem produzierenden Studio (20th Century Fox) aber mit dem Kinostart immerhin noch einen ganz ordentlichen Gewinn in die Kasse gespült.

Dennoch wollte das Studio natürlich zumindest einen Teil der Kontrolle über das Projekt zurückhaben. So wurde kurzerhand ein „Executive Producer“ berufen und an den Drehort in Montana  entsandt, der darauf achten sollte, dass nicht noch mehr Geld verpulvert wurde und  dass der weit ins Hintertreffen geratene Drehplan wieder auf Spur kam.  Durch diese Aktion fühlte sich Michael Cimino aber in seinem Ego verletzt und verweigerte kategorisch jede Zusammenarbeit und wies auch alle Crewmitglieder an, ebenso zu verfahren. Der Zutritt auf das Drehgelände wurde dem Mann von UA gar nicht erst gewährt. Erst als  das Studio durch einige juristische Schachzüge in der Lage war, Cimino das von diesem ausdrücklich verlangte und bei Vertragsschluss zugesicherte Recht auf den „Final Cut“ zu verweigern, lenkte der Regisseur ein und die Dreharbeiten nahmen tatsächlich an Fahrt auf. Letztlich konnte der Film nach rund einem Jahr, Ende 1979,   beendet werden und es lagen mehr als 200 Stunden Filmmaterial vor. Das geplante Budget hatte sich mehr als verdoppelt und belief sich am Ende auf ca. 44 Mio. US-Dollar.

Cimino machte sich an die Sichtung der endlosen Stunden von Material und erstellte nach mehreren Monaten eine erste Schnittfassung des Films, die er United Artists vorlegte. Dort war man entsetzt über mehr als 5 Stunden gekonnt geschnittener Langeweile. Davon abgesehen, dass man einen solchen Marathon keinem (zumindest in den USA) Kinogänger zumuten konnte, hatte sich Cimino im Vorwege vertraglich verpflichtet, den Film nicht länger als drei Stunden zu machen. Eine erneut überarbeitete Fassung (immer noch über drei Stunden lang) kam dann tatsächlich am 18. November 1980 in die amerikanischen Kinos. Die Kritiken waren verheerend. Der Film wurde in seltener Einigkeit von allen Kritikern verrissen. Langweilig, schlecht gespielt, unpatriotisch. Auch der Mangel an echten Stars wurde vielfach kritisiert. Cimino hatte auf Kris Kristofferson, Isabell Huppert, John Hurt und Christopher Walken bestanden. Walken war hiervon der Einzige der – dank „The Deer Hunter“ – so etwas wie eine Star Persona hatte. Kristofferson war eigentlich Country-Sänger, mit gelegentlichen Ausflügen vor die Filmkamera, Huppert war eine in den USA gänzlich unbekannte französische Actrice, die in ihrer Heimat in Arthouse Filmen spielte und darüber hinaus auch so gut wie kein Wort Englisch sprach. Hurt war bisher überwiegend in Nebenrollen zu sehen gewesen. Der Vorwurf unpatriotisch zu sein, bezog sich darauf, dass der in den USA mehr oder weniger als unantastbar angesehene Gründungsmythos vom Inhalt des Films kritisch beleuchtet wurde, in dem es darum ging, dass 1890  125 europäische Immigranten von einer Art Söldnerkommando,  angeheuert von reichen Viehzüchtern-abgeschlachtet wurden. Weiter tat es dem Film nicht gut, dass Berichte über angebliche  Tierquälereien während der Dreharbeiten durch die Medien waberten.

Der Film verschwand nach nur einer Woche aus den Kinos,  wurde erneut umgeschnitten, um dann  ein paar Monate später, wieder auf die Leinwand zu kommen. Das Einspielergebnis von rd. 4 Mio. Dollar war ein Schlag ins Gesicht für alle Beteiligten, insbesondere für den Regisseur Michael Cimino, der seinem eigenen Größenwahn zum Opfer gefallen war. In den USA war er verbrannt und von der Branche praktisch zur „Persona non grata“ erklärt worden. Er ging nach Europa, konnte aber nie wieder wirklich als Regisseur überzeugen. Kristofferson galt noch Jahre danach als Kassengift und wandte sich wieder verstärkt der Musik zu. Isabelle Huppert ging zurück an Frankreich und macht dort bis heute anspruchsvolle Filme. Walken und Hurt überstanden das „Gategate“ einigermaßen unbeschadet und konnten ihre Karrieren weiter ausbauen.

Und United Artists?  Ein Verlust von satten 40 Millionen Dollar für nur einen einzigen Film konnte natürlich nicht ohne Folgen bleiben. Der Mutterkonzern,  Transamerica Corporation,  verkaufte das Studio an MGM, was zur Folge hatte, dass diverse UA-Verantwortliche ihren Hut nehmen mussten und die Stellen neu vergeben wurden. Hierbei achtete man jetzt darauf, dass die entscheidenden Posten von Leuten aus der Finanzbranche besetzt wurden. Die Kreativen Köpfe hatten in der Chefetage von United Artists – wie auch bei den übrigen Entscheidern in der gesamten Branche – nichts mehr zu suchen.

Anmerkung: im Zuge der Vorbereitung dieses Beitrags habe ich mir den Director’s Cut des Films zugelegt. Mein Fazit: Schöne, fast schon poetische Bilder, die zum Teil wirklich wie Gemälde wirken. Leiter gibt es bei einer Spiellänge von über 3 Stunden aber viel zu viele davon

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