Erst Flop, dann Top – Das Ding aus einer anderen Welt (1982)

Und tatsächlich: im Cast von „Das Ding aus einer anderen Welt“ taucht dann auch ein weiblicher Name auf. Adrienne  Barbeau, Ex-Frau des Regisseurs und bereits in einigen anderen seiner Filme zu sehen, „spielt“ die Stimme des Schachcomputers, der den siegessicheren Hauptcharakter des Films, MacReady (gespielt von Kurt „Die Klapperschlange“ Russell) schachmatt setz. Auch wenn der Computer sich nicht lange an seinem Triumph erfreuen kann,  wurde zumindest die Frauenquote doch fast erfüllt. Aber das ist nur ein kleines Detail zu einem Film, den wir uns jetzt einmal etwas näher anschauen wollen.

Regisseur John Carpenter gehörte Anfang der 1970er-Jahre zusammen mit Leute wie Bogdanovic, Coppola, Scorsese und Friedkin zu den „Jungen Wilden“, die das „New Hollywood“ deutlich geprägt hatten. Aber anders als seine Kollegen, erkannte Carpenter schnell, dass man mit der neuen Art des Filmemachens durchaus auch den Mainstream-Zuschauer ansprechen konnte, sodass sich damit auch Geld verdienen ließ. Mit „Assault – Anschlag bei Nacht“  (1976), „Halloween – Die Nacht des Grauens“ (1978), „The Fog –  Nebel des Grauens“ (1980) und „Die Klapperschlange“ (1981) hatte Carpenter einige Hits gelandet, die –  trotz meist überschaubarem Budget – Kritiker und Kinogänger überzeugen konnten. Carpenter wurde damit zu einem der kommerziell erfolgreichsten Regisseure weltweit.

Die erste Verfilmung des Romans von John W. Campbell Jr.  „Who goes there“ kam 1951 in die Kinos. Auch hier geht es bereits um eine Gruppe von Forschern, die in der Arktis (1982 ist es dann auf genau der anderen Seite des Globus) mit einer außerirdischen Lebensform konfrontiert wird. Aus Kostengründen wurde die Idee des Formenwandlers nicht umgesetzt. Stattdessen bekämpften die Wissenschaftler ein Wesen, dass mehr an Frankensteins Schöpfung (dargestellt von James Arness, dem Marshall Matt Dillon aus dem TV-Dauerbrenner „Rauchende Colts“) erinnerte. Außerdem war – ganz dem damaligen Zeitgeist entsprechend – auch ein weiblicher Wissenschaftler mit von der Partie.   

Sicherlich vor dem Hintergrund der seit den 1950er Jahren ganz erheblich weiterentwickelten technischen Möglichkeiten und der noch einigermaßen anhaltenden Sci-Fi-Welle in den Kinos, meinte man bei Universal mit einer (verhältnismäßig werkgetreuen) neuen Drehbuchfassung von „The Thing“ pures Gold in Händen zu halten,  Als es dann auch noch gelang, John Carpenter für die Regie zu gewinnen, der dann auch noch mit Kurt Russell einen seiner Stammschauspieler,  sowie einige weitere Leute aus seinem Team mitbrachte, schien einem echten Blockbuster nichts mehr im Wege zu stehen. Als Sahnehäubchen verpflichtete man  dann auch noch die Filmmusik-Ikone Ennio Morricone für den Score. Was konnte jetzt noch schiefgehen?

Im Normalfall geht bei einer solchen Ausgangslage natürlich alles schief: Die Beteiligten zerstreiten sich unversöhnlich, Geldgeber springen ab, Sets werden von Wirbelstürmen zerlegt und Drehpläne werden hoffnungslos überzogen. Bei „The Thing“ verlief aber alles reibungslos und absolut nach Plan. Und…. es kam ein richtig guter Film dabei heraus. Die Story um die 12 Männer, die abgeschieden in einer Forschungsstation in der Antarktis mit einem Alien, dass jede beliebige Lebensform annehmen kann, konfrontiert werden, war ein spannendes und atmosphärisch dichtes Kammerspiel mit teils extremen Splattereinlagen geworden. Die beklemmende Kulisse der Eiswüste ist perfekt in Szene gesetzt, die (damals noch handgemachten) Spezialeffekte, hatte man in dieser Form und mit diesem großen Anteil an Screen Time im Kino noch nicht gesehen. Und das Katz-und-Maus-Spiel, in wessen menschlicher Gestalt das außerirdische Monster grade unterwegs ist, fesselt bis zu letzten Minute des Films. Das eingesetzte Budget von rd. 15 Mio. US-Dollar würde sich, so die Annahme des Studios und der Produzenten, innerhalb kürzester Zeit mehrfach an den Kinokassen wieder einspielen lassen.

„The Thing“ startete am 25.06.1982 in den US-Kinos. Der Starttermin war dann aber auch schon einmal das erste Problem bzw. der erste Fehler, der begangen wurde. Seit „Der weiße Hai“ (1975) den Reigen der Sommerblockbuster eröffnet hatte, hatte sich mehr oder weniger durchgesetzt, dass Filme mit einem sommerlichen Starttermin doch bitte auch ein sommerliches Gefühl verbreiten sollten und nicht bei eisigen Temperaturen und während eines Schneesturms spielen sollten. Sonnenbrand statt Frostbeulen war die Devise. Ein winterliches Setting lockt eben im Sommer  nur wenige Leute ins Kino.

Die Darstellung der verschiedenen Mutationsformen des „Dings“ wurde mit großen technischen Aufwand und großer Liebe zum Detail umgesetzt. Allerdings führten die zum Teil sehr drastischen Bilder dazu, dass der Film keine Altersfreigabe für Jugendliche erhielt, was zwar das Interesse grundsätzlich erhöhte, aber letztlich auch wiederum den Kreis der potenziellen Zuschauer verringerte. Außerdem war die Lust der Zuschauer an expliziten Gewaltdarstellungen in den letzten Jahren eh insgesamt zurückgegangen. Hier war nach wie vor „Alien“ (1979) das Maß der Dinge.

Gleichzeitig mit „The Thing“ lief in den Vereinigten Staaten auch der bereits im Vorwege von den Kritikern hochgelobte Film  „Blade Runner“ von Ridley Scott (mit Harrison Ford und Rudger Hauer in den Hauptrollen)  an. Der Start eines weiteren Sci-Fi Films dieses  Formats am selben Tag dürfte ebenfalls dazu beigetragen haben, dass Carpenters Film nur mäßig punkten konnte. Auch wenn „Blade Runner“ sich letztlich (zumindest finanziell)  als Reinfall herausstellte, schafften es beide Filme, sich gegenseitig im Wege zu stehen und Zuschauer abzujagen.

Erschwerend kam hinzu, dass genau 2 Wochen zuvor Steven Spielbergs „E.T. – The Extra-Terrestrial“ in die Kinos gekommen war und nach wie vor einen Kassenrekord nach dem nächsten brach. Ein Run, der sich auch in den nächsten Monaten nicht abschwächen sollte. In Spielbergs filmischem Märchen wurde zudem ein viel freundlicheres und den Menschen zugewandtes Bild von Lebewesen anderer Planeten gezeigt. Von Bedrohung, Assimilierung oder gar Vernichtung der Menschheit war hier keine Spur. Es ging um Respekt und Toleranz für das Andersartige und die unvoreingenommene Neugier aufeinander. Das fühlte sich besser an und verkaufte ganz einfach auch mehr Kinokarten.

Beim ersten Kassensturz im Hause Universal standen den Kosten von rd. 15 Mio. Dollar, Einnahmen von ungefähr 20 Mio. Dollar gegenüber. Nein, kein totaler Reinfall, sogar die Kosten eingespielt und ein bisschen was für die Portokasse war auch noch übrig. Aber der erwartete Hit war es bei Weitem nicht geworden. Das Ziel, ein Mehrfaches der Kosten in die Kassen von Universal zu spülen, war epochal verfehlt worden. Die enttäuschten  Verantwortlichen bei Universal gaben dem Regisseur die Schuld.  Carpenter nahm daraufhin seinen  Hut und beendete seine erste Zusammenarbeit mit einem der großen Studios in Hollywood. Seine weitere Karriere als Regisseur verlief danach bestenfalls durchwachsen. Die Flops häuften sich, gute Filme gab es durchaus noch, blieben aber eher die Ausnahme.

Durch die Veröffentlichung von „The Thing“ auf Video konnte sich der Film aber von all den Nachteilen, die in Verbindung mit der Kinoauswertung standen, lösen und entwickelte sich schnell zum Geheimtipp, der sowohl Sci-Fi- wie auch Horrorfans anzog. Mit Veröffentlichung auf den Fernsehkanälen der Welt, gelangte der Film endlich zu dem Ruhm, der ihm gebührt und der bis heute anhält. Ein Prequel von 2011 und eine geplante Neuverfilmung sprechen dafür, dass der Kult um „The Thing“ ungebrochen ist und hier noch so manches an Potenzial abzuschöpfen ist.  

7 Gedanken zu “Erst Flop, dann Top – Das Ding aus einer anderen Welt (1982)

  1. Sehr interessanter Beitrag zu einem tollen Film. Wenn ich noch eine Sache ergänzen darf, würde ich noch erwähnen, dass Carpenter mit Morricones Filmmusik unzufrieden war und selbst ein paar Stücke nachträglich komponiert und in den Film eingebaut hat. Kann man ja auch mal machen, wenn man mit derlei Amateuren zusammenarbeiten muss…

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    • Das war das Einzige, was mich an dem Film ein bisschen gestört hat. Die Musik von Carpenter und Morricone passte so gar nicht zusammen. Das war wie Labskaus mit Sauerkraut. Die Norddeutschen und uns wissen sicherlich, was ich meine.

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  2. Sehr schöner Artikel. Carpenter scheint ja bis heute, wenigstens bis zu einem Interview von vor ein paar Jahren, bitter über den Karriere-Bruch durch Das Ding. Das Merkwürdige ist, wenn man Szenenfotos etwa von Christine sieht, dann wirkt er dort ungewöhnlich fröhlich und gelöst und Alexandra Paul erzählt gern die Geschichte, wie sie einen Tag ihre Zwillingsschwester zum Dreh geschickt hat. Das klingt so viel besser als die doch eher unangenhmen Hintergrund-Geschichten zu Das Ding, dass ich hoffe, in gewisser Weisee war es auch eine Befreiung.

    Sein bester Film bleibt es dennoch.

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