Das Streamingjahr 2020 – Ein Rückblick

Ja, ja, ich weiß, ihr könnt es schon nicht mehr hören, ich kann es auch nicht mehr hören, aber was soll man machen, Fakt ist nun einmal einfach: Das Jahr 2020 war in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnliches – auch für Cineasten. Ich meine, mal ganz ehrlich, wer hätte 2019 schon irgendeinem „Irren“ geglaubt, wenn der verkündet hätte, dass die Kinos (neben so gut wie allem anderen) die meiste Zeit des Jahres geschlossen sein würden. Aber genau so war es dann. Und auch wenn die gefühlt an einer Hand abzählbaren Kinostarts mehr positive Überraschungen bereithielten, als man auf den ersten Blick glauben würde (wie mein Kollege Yannick in seinem Beitrag sehr schön darlegt), Filmfans weltweit mussten wohl oder übel auf die heimische Couch zurückgreifen, um sich ihre tägliche Dosis besorgen zu können. Auch den Streaminganbietern wurde das schnell bewusst, und so schienen die Bestrebungen hochwertigen, neuen Content zu liefern sogar noch verbissener als in den Vorjahren. Geglückt ist das zwar nicht immer, aber dennoch finden sich einige wirklich sehenswerte Perlen bei Netflix, Amazon und Co.. Und um all das soll es in diesem Beitrag gehen, um die Tops und Flops, die Überraschungen und Enttäuschungen.

Wobei für die folgende Liste lediglich die sogenannten Originals herangezogen wurden oder Filme, denen ein Kinostart leider verwehrt blieb und die ihre Premiere deswegen bei einem dieser Dienste feiern durften (mussten). Außerdem beschränke ich mich hier ausschließlich auf Filme, die 2020 gestartet sind (was gleichzeitig auch den gravierendsten Unterschied zu unserer diesmonatigen Loveful 8 darstellt).  Außerdem habe ich mir erlaubt, die einzelnen Filme in Kategorien einzuteilen, anstatt sie einfach nur herunterzubeten. Also legen wir doch am besten gleich mal los…

Must-Sees

Es gibt sie, jene Filme, die man sich, selbst wenn die Kritiken vielleicht nicht so überragend sind, trotzdem einfach mal anschauen sollte – und sei es nur, um mitreden zu können.

→ The Trial of the Chicago 7:

Vielleicht ist Aaron Sorkin noch nicht so bekannt, dass gleich jeder aufhorcht, wenn sein Name fällt. Aber zumindest einige der Filme, für die er die Drehbücher beisteuerte, sollten diesen Effekt haben – oder wie vielen von euch sagen „Eine Frage der Ehre“ oder „The Social Network“ nichts?! Geschichten schreiben kann er also schon einmal, was er auch bei dieser Netflix-Produktion wieder einmal eindrucksvoll bewiesen hat. Dass er daneben aber auch noch ein Händchen für die Regiearbeit hat, stellt er hier auch abermals eindrucksvoll unter Beweis.

→ Da 5 Bloods:

Nachdem Spike Lee mit seinem letzten Film „Blackkklansman“ sogar einen Oscar absahnen konnte, war es klar, dass sein nächstes Werk, welches er diesmal für Netflix gedreht hat, besonders aufmerksam beäugt wurde. Und tatsächlich ist Lee hier eine ziemliche Wucht von Film gelungen, der zwar nicht fehlerlos ist, aber wieder einmal eine starke Botschaft vermittelt.

→ Mank:

Nun kommen wir aber wirklich zu einem Namen, bei dem selbst weniger Filminteressierten die Ohren klingeln dürften: David Fincher. Eines der großen Regietalente unserer Zeit bekam von Netflix die Möglichkeit, eines seiner Herzensprojekte zu verwirklichen und ein Drehbuch seines verstorbenen Vaters zu verfilmen. Das Ergebnis, so meisterlich inszeniert es auch sein mag, kommt dabei ein wenig überfordernd um die Ecke, ist aber trotzdem einer dieser Filme, über die sicher noch längere Zeit geredet werden wird.

→ Ma Rainey’s Black Bottom:

Neben vielen anderen musste sich die Welt in diesem Jahr auch von Chadwick Boseman verabschieden. Der talentierte Schauspieler, der leider viel zu früh von uns gegangen ist, gibt hier seinen letzten Auftritt – und überzeugt auf ganzer Linie. Das kann man leider nicht vom Film in seiner Gesamtheit behaupten, aber nichtsdestotrotz sprechen die schauspielerischen Leistungen und der Soundrack eindeutig für eine Sichtung.

Da wäre mehr drin gewesen

Auch diese Kategorie ist den meisten wohl gut bekannt: Es handelt sich um Filme, die eigentlich viel Potenzial gehabt hätten (sei es wegen den involvierten Personen oder der Thematik oder beidem), die Erwartungen aber am Ende nicht wirklich erfüllen konnten.

→ The Midnight Sky:

Auch wenn bisher nur wenige Werke Clooneys, in denen er auch Regie geführt hat, von der breiten Masse mit Jubelstürmen empfangen wurden, so spürte man doch eine gewisse Erwartungshaltung, was sein neuestes Projekt betraf. Kein Wunder, versprach der Trailer doch eine spannende Mischung aus Endzeit-Drama und Weltraum-Abenteuer. Leider wollte sich das Ganze dann aber weit weniger gut verbinden lassen, als erhofft, und so kam am Ende ein Film heraus, der zwar sowohl Fisch als auch Fleisch ist, bei dem aber beides nicht so wirklich schmecken will.

→ Hillbilly Elegie:

Auch Ron Howard ist wahrlich kein Unbekannter mehr. Anders als bei Clooney konnte der Mann aber bereits einige äußerst veritable Erfolge für sich verbuchen. Das alles hilft aber leider auch nichts, wenn einen das hier dargebotenen Familiendrama einfach nie richtig zu kriegen weiß und so merkwürdig kalt lässt.

→ Rebecca:

Ein alter Schauerromen, ein Filmklassiker von Alfred Hitchcock und wirklich talentierte Schauspieler: Die Neuauflage von „Rebecca“ hatte alle Zutaten, die es brauchte, um einer der Überraschungshits des Jahres zu werden. Leider verspricht der Trailer etwas anderes, als der Film dann liefert, denn anstelle eines atmosphärischen Gruselfilms mit Mindfuck-Momenten bekommt man ein Liebesdrama mit Pacing-Problemen serviert.

→ Sylvies Love:

Was hatte ich mich nach dem Trailer auf diesen Film gefreut. Okay, der Titel ist ziemlich unterirdisch aber bereits bei den ersten Jazzklängen wurden Erinnerungen an „La La Land“ bei mir wach, und Tessa Thompson in der weiblichen Hauptrolle versprach zumindest eine Sympathieträgerin an vorderster Front. Leider wurde der Musik dann aber viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt und die männliche Hauptrolle wirkte dermaßen unsympathisch, dass man dem sich anbahnenden Happy End nicht wirklich entgegenfiebern konnte.

Da sind die Tränen garantiert

Sie sind das sprichwörtliche Salz in der Suppe, jene Filme, die es schaffen, einen zu Tränen zu rühren – hier mal ein paar Kandidaten, denen dieses Kunststück gelungen ist.

→ Uncle Frank:

Auch wenn die Geschichte recht vorhersehbar um die Ecke kommt und viele genretypische Kniffe bietet, so sind es die hervorragenden Schauspieler, die einem so ans Herz wachsen, dass man am Ende nicht anders kann, als sich eine Träne zu verdrücken.

→Soul:

Der neuste Streich aus dem Hause Pixar mag nicht ihr bester sein, aber trotzdem schaffen sie es abermals, eine wichtige Botschaft auf ebenso unterhaltsame wie berührende und kreative Art und Weise zu vermitteln. Mit dem Herz am rechten Fleck und ein paar wirklich sympathischen Figuren lässt sich schließlich auch hier ein wenig Pipi in den Augen nicht vermeiden.

→ If anything happens I love you:

Ein animierter Kurzfilm über den ich eher zufällig gestolpert bin und der mir einmal mehr auf äußerst eindrucksvolle Weise gezeigt hat, dass es für echte Emotionen weder großer Worte noch einer langen Laufzeit bedarf. Hier also meine ganz klare Empfehlung: Nehmt euch einmal die 12 Minuten Zeit und schaut hier rein. Kleine Warnung meinerseits, tut es vielleicht nicht während eurer Mittagspause, denn es könnte sein, dass ihr heulen müsst, wie ein Schlosshund.

Verborgene Perlen

Mit dem Algorithmus der bekannten Streaminganbieter ist das so eine Sache, da ständig neue Filme hinzugefügt werden, kann es schnell mal passieren, dass eigentliche Juwelen verschüttet werden und nie unter den „Vorschlägen“ auftauchen, obwohl sie es eindeutig wert wären.

→ The Hater:

Jan Komasa, polnischer Regisseur, der letztes Jahr mit dem Film „Corpus Christi“ bereits die Aufmerksamkeit der Filmwelt für sich gewinnen konnte, bietet mit „The Hater“ eine ebenso mitreißende wie verstörende Charakterstudie, die erstaunlich viele Parallelen zu „Joker“ bietet, dabei aber doch gänzlich anders ist.

→ Das Schweigen des Sumpfes:

Thriller gibt es wie Sand am Meer. Auch Mindfuck-Elemente sind nichts Neues in dem Genre. Trotzdem stach „Das Schweigen des Sumpfes“, eine spanische Produktion mit „Haus des Geldes“-Star Pedro Alonso, für mich deutlich aus der Masse hervor. Wohl auch weil ich davor schon länger keinen Film dieser Art gesehen hatte, bei dem ich nach dem Abspann ein so dringendes Bedürfnis verspürte den Film noch einmal anzuschauen, diesmal um den Twist am Ende wissend.

→ Sound of Metal:

Auch wenn die Doppeldeutigkeit nett gemeint ist, wer sich hier einen Metal-Soundtrack erhofft hat, der wird sicher enttäuscht werden. Ganz allgemein spielt Musik eigentlich eher eine Nebenrolle, und das obwohl der Protagonist Schlagzeuger ist. Doch der einsetzende Gehörverlust dient lediglich als Aufhänger für eine sehr berührende Suche nach dem eigenen Ich und seinem Platz in dieser Welt.

Superhelden abseits der großen Leinwand

Und auch die Superheldenfans durften sich heuer über eine kleine Auswahl an themenspezifischen Filmen freuen (hier mal die zwei, die ich gesehen habe).

→ The Old Guard:

Auch wenn Charlize Theron alles gibt, um möglichst badass rüber zu kommen, und die Prämisse wirklich spannend ist, konnte mich diese Comic-Adaption, in der es um ein paar unsterbliche Krieger geht, nicht so wirklich von sich überzeugen. Dafür wurde einfach zu viel wert auf sinnloses Krachbumm gelegt und zu wenig auf die eigentlich interessanten Charaktere.

→ Project Power:

Auch der zweite Versuch von Netflix ein bisschen was vom Superheldenkuchen abzukriegen, hört sich leider von der Idee her viel besser an, als er es schließlich ist. Denn anstatt sich die verrücktesten Sachen einfallen zu lassen, mit ihrer Pille, die einem für ein paar Minuten Superkräfte verleiht, sieht man lediglich die üblichen Verdächtigen an „Mutationen“. Der Film macht zwar trotzdem auch so Spaß, aber da wäre wirklich viel mehr drin gewesen.

Das hatte ich mir lustiger vorgestellt

Komödien sind ja immer so eine Sache, immerhin lässt sich bekanntlich über Humor nicht streiten. Dennoch hätte zumindest ich mir von diesen Filmen mehr Lacher erwartet.

Eurovision Songcontest: The Story of Fire Saga:

Okay, ich gebe es gleich mal zu, ich gehöre bei diesem Film wohl einfach nicht zur Zielgruppe. Weder finde ich Ferrell besonders witzig, noch bin ich ein großer Fan des ESC. Trotzdem hatte ich irgendwie die Hoffnung, dass mir die Geschichte rund um ein Musiker-Duo, das unverhofft beim ESC auftreten kann, gefallen könnte. Und es handelt sich auch wirklich nicht um einen Totalausfall, stellenweise ist der Film sogar recht unterhaltsam, aber halt alles in allem doch eher ein laue Brise, als ein richtiger Orkan.

→ Jexi: 

Auch hier versprach die Prämisse einiges an Potenzial, immerhin hat man nicht oft eine eifersüchtige Handy-KI an der Backe, aber leider wurde das Ganze nicht bis zum bitteren Ende durchgezogen und so wirkt die Komödie merkwürdig handzahm. Zusätzlich nimmt der „Rom“-Teil dieser „RomCom“ doch um einiges mehr Platz ein, als ich im Vorhinein vermutet hatte, was an sich nichts schlechtes ist, außer man erwartet halt einen Großangriff auf die Lachmuskeln.

Der Rest, für den mir keine Kategorie mehr eingefallen ist

Hier nun jene Filme, die ich 2020 noch gesehen habe, die allesamt solides Mittelmaß bieten und in keine der anderen Kategorien passen wollten

→ Enola Holmes:

Wie in der Erläuterung zu dieser Kategorie bereits erwähnt, bewegen sich alle hier aufgeführten Filme für mich im Bereich „absolutes Mittelmaß“. Das bedeutet, sie machen nichts wirklich falsch, unterhalten einen angemessen, bieten aber zu wenig Gehalt, um mich irgendwie tiefer berühren oder begeistern zu können. Wer also einmal eine nette Detektivgeschichte mit der kleinen Schwester von Sherlock Holmes als Hauptfigur sehen möchte, der kann ruhig mal reinschauen. Und zumindest hat mich der Film davon überzeugt, dass Henry Cavill einen ziemlich guten Sherlock Holmes abgeben würde.

→ Citation:

Sexuelle Belästigung im universitären Umfeld ist ein wirklich wichtiges Thema – Punkt. Deswegen ist es umso bedauerlicher, dass dieser, an wahre Begebenheiten angelehnte Film mit einem unausgewogenen Pacing und einer wenig überzeugenden Hauptdarstellerin um die Ecke kommt, und so nur halb so viel Gewicht und Durchschlagskraft besitzt, wie eigentlich möglich wäre.

→ The Lovebirds: 

Die nächste „RomCom“, die sich in ein wenig abgedrehtere Gefilde begibt – und die nächste RomCom, die dabei viel zu „brav“ bleibt, um wirklich etwas Neues bieten zu können. Dazu kommt noch ein recht eigenwilliges Tempo und ein paar Gags, die so absolut nicht zünden wollen, und fertig ist eine Komödie, die man sich zwar mal anschauen kann, die aber wohl keinen bleibenden Eindruck hinterlassen wird.

→ Spenser Confidential: 

Während einen mittelmäßige Film ab und an doch ein wenig ernüchtert zurücklassen, eben weil man sich einfach mehr erwartet hatte, gibt es auch jene Filme, die einen dahingehend positiv überraschen. So erging es mir zumindest mit „Spenser Confidential“, denn eigentlich hatte ich mir von dieser Actionkomödie, mit Mark Wahlberg in einer der Hauptrollen, nicht viel erwartet und war am Ende angenehm überrascht, dass sich der Film doch im soliden Mittelmaß bewegt hat und mich gut unterhalten konnte.


Und das waren sie auch „schon“, all jene neuen Originals, die ich 2020 so gesehen habe. Allgemein lässt sich sagen, dass sich unter den Produktionen der unterschiedlichen Streaminganbieter immer wieder Perlen finden lassen, seien es nun „echte“ Originals, oder lediglich kleinere Filme, für die sich einer der Anbieter die Veröffentlichungsrechte gesichert hat – denn bei unseren Recherchen wurde uns sehr schnell bewusst, dass nicht jeder Film, der als „Original“ gehandelt wird, auch tatsächlich von Netflix, Amazon und Co. mitproduziert wurde. Kein Wunder, immerhin sind echte Eigenproduktionen teuer und so kann es ja auch nicht schaden, sich einfach mal bei den diversen Festivals umzuschauen und sich eben ein paar potenzielle Geheimtipps einfach einzukaufen.
Allerdings sollte man an dieser Stelle noch erwähnen, dass bereits in den letzten Jahren immer wieder Originals die Aufmerksamkeit von Filmfans für sich gewinnen konnten. In diesem Jahr fallen diese Starts halt aufgrund der Kinoschließungen mehr ins Gewicht. Dass der Streamingmarkt deswegen allerdings das Kino vollständig verdrängen könnte, glaube ich trotzdem nicht, denn das Kino ist und bleibt meiner Meinung nach ein Erlebnis, das viele Leute nicht auf Dauer missen wollen.

Und wie sah euer Streamingjahr so aus? Welches waren eure Tops und Flops 2020? Schreibt es uns doch gerne in die Kommentare.

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.