Das Kinojahr 2020 – Ist die filmische Ausbeute wirklich so schwach?

Die Kinos hatten es 2020 wirklich nicht leicht. Sie mussten sich durch zwei Lockdowns kämpfen in der ihre Pforten geschlossen blieben und wenn sie mal offen hatten, dann litten sie darunter, dass zahlreiche potentielle Publikumsmagneten abermals verschoben wurden und das führte sogar dazu, dass eher ältere Filme statt Neustarts wieder ins Programm aufgenommen wurden. Ist das abgeschlossene Kinojahr also ein absoluter Reinfall und hielt so gar nichts an guten Filmen bereit? Um dieser Frage ein wenig nachzugehen, habe ich für euch einmal untersucht, was das Jahr denn letztendlich für Filme hervorgebracht hat und ich werde meine Suche hierbei auf Deutschland und Österreich eingrenzen. Näher eingehen kann ich natürlich bloß auf die Filme, die ich auch gesehen habe, aber der Vollständigkeit halber und um einen Überblick zu verschaffen, was das Jahr noch hervor gebracht hat, liste ich auch die restlichen Filme auf, die entweder ein hohes Budget hatten, an den Kinokassen performt haben oder prinzipiell laut öffentlicher Rezeption sehenswert sind.

Die Prä-Corona-Zeit (Januar-März)

Hier ist noch alles heile Welt und die Oscars 2020 stehen noch an, die in meinen Augen ein extrem starker Jahrgang waren. In der Zeit folgten sehenswerte Filme noch Schlag auf Schlag und werten das Jahr definitiv schonmal auf.

Knives Out
Großer Filmspaß
Ein Haus, eine Familie, ein Mord, wer hat es getan? In klassischer Manier wird hier ein Verbrechen aufgedeckt und es wird langsam gezeigt, dass niemand so ist wie er scheint. Regisseur Rian Johnson hat sich hierfür eine Prise Humor geschnappt, lebendige Figuren geschaffen (die durch die Bank weg hervorragend besetzt sind) und lädt den Zuschauer zum Mitraten ein. Da ist Spaß vorprogrammiert!

Little Women
Zu harmlos
Ein überragend besetzter Historienfilm der mit viel Frauenpower und Leichtfüßigkeit gerüstet ist und durchweg für positive Stimmung sorgt. Mir fehlte es ein wenig an Dramatik und Konflikten, der Film ist dementsprechend aber auch angenehm leichte Kost, wenn einem mal wieder danach sein sollte.

Jojo Rabbit
Absolutes Jahres-Highlight
Eine kreative Auseinandersetzung mit dem Heranwachsen eines Kindes im dritten Reich. Regisseur Taika Waititi, der von einem Maori stammt und dazu russisch-jüdische Wurzeln besitzt, ließ sich nicht lumpen und übernahm selbst die satirische Darstellung eines imaginären Adolf Hitlers. Eine irrwitzige Komödie, die sich als herzerwärmendes, zu Tränen rührendes Drama entpuppt, ein schwieriges Thema frisch und originell verpackt und auch deutlich zugänglicher macht.

Die Wütenden – Les Misérables
Slowburner
Milieustudie über die Vororte von Paris. Prekäre Lebenssituationen, Bandenkriminalität und Polizeigewalt als Themen im Film sind am Puls der Zeit und führen zu einem fulminanten Finale, dass einen ordentlichen wachrütteln dürfte.

1917
Inszenatorisch beeindruckend
Visuell überzeugt der Film auf ganzer Ebene, denn neben fantastischen Bildern, Sets und praktischen Effekten wirkt er so, als wäre er in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht. Die Immersion dadurch ist hoch, bestärkt wird diese durch einen tollen Soundtrack und man wird förmlich in den ersten Weltkrieg hineingezogen.

The Gentlemen
Netter Versuch
Guy Ritchie versucht wieder in alter „Bube, Dame, König, GrAs”- und „Snatch“-Manier eine extrem coole Gangster-Klamotte mit noch cooleren Sprüchen hervorzuzaubern. Bei mir ging das leider gar nicht auf, es wirkte wie eine Selbstkopie, die genau das bleibt: eine Kopie. Ritchie stockt weiterhin in seiner persönlichen Weiterentwicklung, anderen könnte der Film aber dennoch gut unterhalten, falls ihnen der Humor zusagt.

Onward
Nichts Besonderes
Eigentlich sind Pixar-Filme immer genau das: etwas Besonderes. Ganz so wollte sich „Onward“ aber leider nicht anfühlen. Geht man mit einer hohen Pixar-Erwartung an den Film, wird man eher enttäuscht. Wer einfach einen simplen Abenteuer-Familienfilm sucht, der könnte hier goldrichtig sein.

Weitere Filme:

Ein verborgenes Leben, Weathering With You, Bad Boys For Life, Birds of Prey, Sonic The Hedgehog, Der Unsichtbare, Die Känguru-Chroniken, Judy, Queen & Slim, Bombshell, Just Mercy, Emma., 21 Bridges

Erster Lockdown überstanden (Juni bis Oktober)

Hinten heraus macht es sich bemerkbar, dass die Filme immer weniger werden

Waves
Etwas für einen verregneten Sonntag
Ein Film, den man in zwei Hälften unterteilen und die jeder für sich unterschiedlich rezipieren kann. In den meisten Fällen definitiv ein kraftvolles, berührendes Familiendrama, dass die ein oder andere Träne locker machen dürfte.

Tenet
Der Bombast des Jahres
Gewinnt durch die große Leinwand so viel dazu wie kein anderer Film von 2020. Christopher Nolan kommt wieder einmal mit einer originellen Idee um die Ecke, die er audiovisuell beeindruckend umgesetzt hat und die einen lediglich auf erzählerischer Ebene stolpern lässt. Diskussionssstoff ist vorprogrammiert, und wenn es auch nur deswegen ist, ob man den Film abfeiert oder weniger überzeugend fand.

Corpus Christi
Überzeugendes Drama
Eindringliche Milieustudie aus Polen. Nach der Entlassung aus einer Jugendstrafanstalt gibt sich der 20-jährige Daniel in einem nahegelegenen Dorf als Priester aus. Obwohl er sich schnell beliebt macht und das Wohlergehen der Kirchengemeinde stetig steigert, sieht er sich alsbald mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Der Film gibt sich als lebensbejahend und macht Hoffnung darauf, dass jeder eine zweite Chance verdient, nur um einem letztendlich wieder den Boden unter den Füßen wegzureißen und in der Realität ankommen zu lassen.

Weitere Filme: Monos, Der Fall Richard Jewell, Guns Akimbo, The King of Staten Island, Berlin Alexanderplatz, The Way Back, Vergiftete Wahrheit

Ihr seht also, ganz sind bei 2020 Hopfen und Malz nicht verloren. Sehenswert sind alle erwähnten Filme allemal, auch wenn manche meinen persönlichen Geschmack jetzt nicht getroffen haben. Darüber hinaus ist es ein gutes Zeichen, wenn ich eine Vielzahl weiterer Filme aufzählen kann, die ich noch nicht gucken konnte. Jetzt könnt ihr mir natürlich mitteilen, was waren eure Highlights? Welchen Film habe ich vergessen?


Quellen:
https://www.moviejones.de/filmstarts/2020/
https://www.uncut.at/movies/jahr.php?country=AT&year=2020

6 Gedanken zu “Das Kinojahr 2020 – Ist die filmische Ausbeute wirklich so schwach?

  1. Da hat wohl jemand wieder seine Aufgaben nicht rechtzeitig fertig bekommen. Als ich heute Nacht geschaut habe, war dieser Beitrag noch nicht da.

    Egal. Von den genannten Filmen habe ich 6 gesehen, 5 davon im Kino, alle zwischen Januar und März (glaube ich). Erstaunlicherweise war ich mit den 5 Besuchen ausgerechnet im Corona-Jahr häufiger im Kino als in den letzten beiden Jahren davor zusammengerechnet. Abgesehen davon habe ich aus Mangel an Interesse oder Verfügbarkeit noch nichts nachgeholt.

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    • Das muss eindeutig ein Anzeigefehler gewesen sein.

      Ich wollte grad sagen, das ist schon ne Menge, es gab ja durchaus interessante Starts und das spricht ja eigentlich nur dafür, dass sich interessante Filme selbst in 2020 finden lassen. Gibt es denn irgendeinen Film, den ich hier nicht aufgenommen habe und den du noch gesehen hast?

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      • Ja das kenne ich. Die Technik kann einem da schon mal einen Streich spielen. Wahrscheinlich hat sie auch deine Überarbeitung der über-Euch-Seite und des Impressums geschluckt.

        Die Filme, die ich gesehen habe, hast du alle oben genannt. Zumindest würde mir jetzt keiner mehr einfallen. Ich bin mir nicht sicher wie viele gute/interessante Filme es dieses Jahr gab. Meine sechs waren fast alle OK, aber jetzt nicht so, dass sie mir nachhaltig in Erinnerung bleiben würden.
        1917 würde ich da ausdrücklich rausnehmen. Den fand ich grandios. Der ist ja aber streng genommen Jahrgang 2019. Aber es geht hier um den deutschen Start. Von daher passt das.

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  2. Ja, wenn man es dann so im Überblick sieht, scheint es doch kein so mieses Kinojahr gewesen zu sein. Die ganz großen Highlights fehlen natürlich. Aber den Grund dafür kennen wir ja alle. Meine Filme des vergangenen Jahres ganz klar „Jojo Rabbit“ und „1917“. Absolute Enttäuschung „Tenet“.

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