Making-of (2): Psycho (1960)

Bei manchen Filmen ist die Entstehungsgeschichte fast genauso spannend wie der eigentliche Film. Ganz so weit würde ich bei Alfred Hitchcocks „Psycho“ nicht gehen. Dennoch ranken sich um den finanziell erfolgreichsten Film des Regisseurs zahlreiche Mythen und Gerüchte, aber auch einige interessante Fakten zu dessen Entstehung und Produktion. Viel Spaß mit der Geschichte eines Meisterwerks, das es so beinahe nie gegeben hätte.

Ed Gein – Reale Gräueltaten als Ausgangspunkt

Die Geschichte von „Psycho“ beginnt im November 1957 in Plainfield, Wisconsin, wo eines Tages eine Ladenbesitzerin namens Bernice Worden verschwand. Eher zufällig fand die Polizei heraus, dass ein gewisser Ed Gein, ein 51-Jähriger Sonderling, der auf einer heruntergekommenen Farm im Ort lebte, einer der letzten Kunden Wordens gewesen sein musste.

Als die Polizei Geins Farm aufsuchte, um den Besitzer über Wordens Verschwinden zu befragen, war dieser nicht zuhause. Also machten sich die Beamten auf, das Haus zu durchsuchen und fanden dabei, neben einem Haufen Müll, einige Gegenstände und Utensilien, die in keinem guten Haushalt fehlen dürfen: auf einer Schnur aufgereihte Lippen, eine Tasse voller menschlicher Nasen, Armbänder aus Menschenhaut, ein mit Brustwarzen verzierter Gürtel, diverse weibliche Geschlechtsorgane in Kartons und Schachteln, eine Reihe von Totenköpfen, eine mit Menschenhaut bezogene Trommel und eine Suppenschüssel, die aus einem abgesägten Schädel gefertigt worden war. An der Wand hingen, dekorativ geschminkt, die abgezogenen Gesichter einiger Frauen und in der Tiefkühltruhe lagen, ordentlich verpackt, allerlei menschliche Organe. In der Küche schwamm in einem Kochtopf ein menschliches Herz. Die verschwundene Bernice Worden fanden die Polizisten dann auch noch. Sie hing enthauptet und ausgeweidet in Geins Räucherschuppen.

Gein wurde verhaftet und lebenslänglich ins Central State Hospital für psychisch Kranke eingeliefert. Bei einer Befragung gab Gein an, dass er mehrfach kürzlich begrabene Frauen mittleren Alters exhumiert hatte, von denen er glaubte, dass sie seiner verstorbenen Mutter ähnelten. Er nahm die Leichen mit nach Hause, um daraus die oben genannten Utensilien herzustellen. Demnach soll Gein auch an einer Art „Frauenanzug“ aus Menschenhaut gearbeitet haben, um gewissermaßen eins mit seiner Mutter werden zu können. Während des Verhörs gab Gein auch zu, neben Bernice Worden, eine weitere Frau ermordet zu haben. Die Polizei hielt ihn zudem für mindestens zehn weitere Mordfälle an vermissten Frauen im Umkreis verantwortlich, die Gein jedoch nie nachgewiesen werden konnten und die er auch nie gestand. Ed Gein starb 1984 in der Klinik an Krebs.

Psycho – Eine Romanverfilmung

Zum Zeitpunkt von Geins Verhaftung lebte ganz in der Nähe von Plainfield ein damals noch eher unbekannter Autor namens Robert Bloch. Obwohl die Zeitungen über Geins Fall nur sehr oberflächlich und ohne die schockierenden Details berichteten, inspirierten die Morde Bloch zum Schreiben eines neuen Romans. Der Autor war fasziniert von dem Gedanken, dass selbst in einer Kleinstadt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, der unscheinbare Mann von nebenan ein Monster sein konnte, das hinter verschlossenen Türen unvorstellbare Verbrechen begeht, ohne dass seine Nachbarn und Mitmenschen etwas davon mitbekommen.

Diesem Gedanken folgend entwickelte Bloch seine Hauptfigur: Ein in Abgeschiedenheit lebender Motelbesitzer, der Fremde auf der Durchreise ermordet. Wichtig war für Bloch, seiner Figur Motive und Hintergründe für ihr Handeln zu schaffen.

„Ich dachte, was wäre, wenn die Verbrechen in einem Amnesieanfall begangen würden, in dem eine andere Persönlichkeit von ihm Besitz ergriffe? […] In den späten 50er-Jahren waren Freud’sche Theorien nun einmal sehr beliebt. […] Das große Freud’sche Konzept war die Ödipus-Fixierung, also dachte ich: Angenommen, er hat irgendwas mit seiner Mutter, was strikt auf seiner verdrehten Persönlichkeit basierte. […] Der Grund für seine Amnesiefälle war, dass er Mutter wurde, während er seine Verbrechen beging.“ 1

Ursprünglich hatte Bloch vor, seinen Roman aus der Perspektive seiner Hauptfigur, des Killers, zu schreiben. Diese Idee verwarf er jedoch schnell wieder, als ihm ein anderer Gedanke in den Sinn kam. Um den Schock beim Leser zu maximieren, beschloss der Autor, seine Geschichte mit der Einführung einer Protagonistin einzuleiten, die aus einem bestimmten Grund ihre Heimatsstadt verlässt und unterwegs in dem abgelegenen Motel des Killers absteigen muss. Der Leser soll Empathie mit der Hauptfigur entwickeln, nur um dann nach etwa einem Drittel der Erzählung hautnah mitzuerleben, wie diese ermordet wird.

Nicht nur dieser Twist alleine, sondern auch die Art und Weise wie Bloch seine Heldin ableben lässt, ist dabei unfassbar genial und (bis dahin) einzigartig. Nicht umsonst gilt die weltberühmte Duschszene aus dem späteren Film, auf die auch in diesem Beitrag noch eingegangen wird, als die Szene aus Hitchcocks „Psycho“ und vielleicht sogar des gesamten Werks des Regisseurs.

Der Rest der Geschichte war rasch geschrieben und Bloch fand auch schnell einen Verlag, der „Psycho“ im Sommer 1959, knapp zwei Jahre nachdem Ed Gein verhaftet wurde, auf den Markt brachte. Der Roman verkaufte sich ordentlich und wurde teilweise sehr positiv rezensiert. Bereits vor der Veröffentlichung versuchte Blochs Agent, „Psycho“ an verschiedene Filmstudios zu verkaufen. Doch Hollywood zeigte durch die Bank kein Interesse. Zu abschreckend. Zu schockierend. Kurz: „Psycho“ galt als unverfilmbar. Zumindest bis einige Monate später doch ein Angebot von 7.500 Dollar (das entspricht heute etwa einem Betrag von 34.000 Dollar) für die Filmrechte an „Psycho“ ins Haus flatterte. Nach den üblichen Verhandlungen gingen die Rechte letztendlich für 9.000 Dollar (ca. 41.000 Dollar heute) an einen anonym gebliebenen Käufer aus der Filmbranche. Vertragsrechtlich standen Bloch davon 5000 Dollar zu. Allerdings musste der Autor kurz darauf feststellen, dass ihm, im Gegensatz zu seinem Verlag, keinerlei Gewinnbeteiligung zustand, sollte der Film ein Erfolg werden. Und schließlich erfuhr Bloch, dass kein geringerer als der große Alfred Hitchcock die Rechte an „Psycho“ gekauft hatte.

Vom Roman zum Drehbuch

Zum Ende der 1950er-Jahre hatte Alfred Hitchcocks Name in Hollywood etwa genauso viel Gewicht wie der Regisseur selbst. Allerdings sah sich der „Master of Suspense“ seit dem Ende der 1940er-Jahre auch zunehmender Konkurrenz ausgesetzt. Dank der großen Erfolge, die Hitchcock regelmäßig verbuchte, wurde dessen Stil oft kopiert, sodass sich der Regisseur selbst in der Pflicht fühlte, sich neu zu erfinden und neue Wege zu gehen. Hitchcock störte sich zunehmend an den hochkarätig besetzten Filmen, in denen die Stars immer höhere Gagen verlangten und auch zugesichert bekamen. Außerdem hatte er genug von den heiter-leichten Big-Budget-Produktionen, die er zuletzt gedreht hatte. Für seine letzten beiden Filme „Vertigo“ (1958) und „Der unsichtbare Dritte“ (1959) standen Hitchcock 2,5 Millionen bzw. 3,3 Millionen Dollar zur Verfügung. Damit war „Der unsichtbare Dritte“ der teuerste Film des Jahres und wurde trotzdem zu einem finanziellen Erfolg. Gleichzeitig beobachtete Hitchcock aber, dass zu jener Zeit viele billig produzierte Filme an der Kinokasse erfolgreich waren. Natürlich erzielten diese Filme keine Rekordsummen wie die Großproduktionen Hollywoods. Dank des minimalen Budgets spielten sie jedoch ein Vielfaches der Produktionskosten wieder ein. Hitchcock überlegte sich, wie erfolgreich ein solcher Low-Budget-Film wohl wäre, wenn dieser von einem bekannten (und aus seiner Sicht natürlich auch fähigen) Regisseur wie ihm gedreht werden würde. So stand fest, dass Hitchcocks nächster Film eine kleine Produktion werden würde, die nichts mit seinen letzten Filmen gemeinsam haben sollte und die Suche nach einem geeigneten Stoff begann. Als dem Regisseur dann Blochs „Psycho“ in die Hände fiel, war er von dem Kniff begeistert, dass die Geschichte mit den Problemen einer jungen Frau beginnt und sich dann, nach dem unerwarteten Tod der vermeintlichen Hauptfigur, in eine gänzlich andere Richtung entwickelt. Hitchcock war davon überzeugt, dass diese überraschende Wendung das Publikum wahrlich schockieren würde. Um zu verhindern, dass zu viele Zuschauer/innen die Geschichte durch das Lesen des Romans bereits kennen, kaufte Hitchcock kurzerhand alle verfügbaren Exemplare des Romans auf.

Für das Schreiben des Filmdrehbuchs hatte Hitchcock ursprünglich vor, Robert Bloch, den Autor der Vorlage, ins Boot zu holen. Seit 1948 war der Regisseur allerdings Mitglied der weltgrößten Künstleragentur MCA, die behauptete, Bloch sei nicht verfügbar. Stattdessen überredete man Hitchcock, einen günstigeren Autor aus der eigenen Kartei zu engagieren. So wurde ein gewisser James Cavanagh mit der gewichtigen Aufgabe betraut. Cavanagh hatte bereits zuvor in einigen Episoden der TV-Sendung „Alfred Hitchcock Presents“ (1955 – 1965) mit Hitchcock zusammengearbeitet. Am Ende stand jedoch ein Drehbuch, das eher an eine kurze TV-Episode erinnerte als an einen Kinofilm. Hitchcock war damit so unzufrieden, dass er Cavanagh von seinen Aufgaben befreite und mit knapp 7.000 Dollar auszahlte. Zur Erinnerung: Bloch erhielt für den Verkauf der Filmrechte seines Romans lediglich 5.000 Dollar. Allerdings gehört zur Wahrheit auch dazu, dass einige Aspekte dieses ersten Entwurfs tatsächlich ihren Weg in den fertigen Film fanden.

Nachdem Cavanagh entlassen worden war, suchte Hitchcock dringend einen neuen Autoren. Gegen Hitchcocks anfängliche Skepsis und Ablehnung bekam letztendlich ein weitestgehend unerfahrener Autor namens Joseph Stefano den Zuschlag. Der aufstrebende Autor war natürlich begeistert, mit einem großen Namen wie Hitchcock zusammenarbeiten zu dürfen. Als Bewunderer der großen Hitchcock-Filme war Stefano dann jedoch enttäuscht, als er erfuhr, dass er für die Verfilmung eines Groschenromans engagiert worden war. Stefano hasste den Roman geradezu und hoffte darauf, den Schund erweitern und ausarbeiten zu dürfen. Umso überraschender war es für Stefano, wie für die meisten anderen Beteiligten auch, dass Hitchcock sein Drehbuch ziemlich nah an der literarischen Vorlage halten wollte. In seinen früheren Romanverfilmungen, wie „Geheimagent“ (1936), „Verdacht“ (1941) oder „Vertigo“ (1958), war der Regisseur zum Teil sehr weit von den jeweiligen Vorlagen abgewichen und hatte lediglich spezielle Handlungsstränge oder Figurenkonstellationen übernommen. In „Psycho“ war dies nun anders und Stefanos Aufgabe bestand im Grunde lediglich darin, die handelnden Charaktere auszuformen und Dialoge zu schreiben. Eine der wichtigsten Änderungen, die Stefano vornahm, war Norman Bates’ Charakterisierung. In Blochs Roman ist Bates ein unsympathischer Trinker, der zudem deutlich älter ist als der unsicher, aber sympathisch wirkende, attraktive Anthony Perkins im Film.

Als Autor fand Stefano eine geradezu kindliche Freude daran, mit amerikanischen Tabus der damaligen Zeit zu brechen. So hatte sich der Autor in seinem Skript einige symbolische Anspielungen auf Norman Bates‘ Impotenz einfallen lassen, die Hitchcock jedoch allesamt aus dem Film strich. Eine von Stefanos Ideen schaffte es jedoch in den Film, über die auch heute noch im Zusammenhang mit unnützem Filmwissen gesprochen wird:

„Ich hätte gern, dass Mary ein Blatt Papier zerreißt und in der Toilette hinunterspült, und ich möchte, dass man die Toilette auch sieht. […], wenn schon ein Betätigen der Wasserspülung ausreicht, um das Publikum aus dem Gleichgewicht zu bringen, wie würden die Zuschauer dann erst reagieren, wenn sie einen Mord unter der Dusche zu sehen bekamen.“ 1

[Anmerkung: Die Hauptfigur heißt in der Romanvorlage Mary. Das wurde im Film dann in Marion abgeändert.]

Hitchcock war von dieser Idee sehr angetan und gab Stefano die Erlaubnis, sie in die Handlung einzubauen. Da die Szene für die Handlung von Relevanz war, hielt diese später dann auch dem Prozedere der Zensurbehörde stand, was damals durchaus ein kleiner Skandal war.

Viele gute Ideen, die Hitchcocks „Psycho“ so speziell machen, stammen demnach aus der Vorlage oder eben dem Drehbuch Stefanos. Wie in Hitchcock-Filmen üblich, beinhaltete auch das Drehbuch bereits konkrete Anweisungen für Kamera-Einstellungen, Blickwinkel und Schnitte für jede Szene, an denen Stefano, in enger Zusammenarbeit mit Hitchcock, ebenfalls beteiligt war. Als das Drehbuch dann fertig war, konnt der Dreh endlich beginnen.

Der Film, den keiner haben wollte

„Psycho“ sollte der letzte Film sein, den Hitchcock laut Vertrag für Paramount drehen musste. Beim Studio hatte man jedoch davon gehört, dass Hitchcock, der Paramount mit seinen Filmen zuvor meist zuverlässig hohe Gewinnsummen eingespielt hatte, nun etwas Neues probieren wollte. Bereits mit „Vertigo“ (1958) hatte Hitchcock jedoch etwas Neues gewagt und damit einen finanziellen Misserfolg gelandet. Das sollte sich mit dem nächsten Film natürlich nicht wiederholen. Die Chefetage bei Paramount war fest entschlossen, „Psycho“ nicht zu produzieren. Hitchcock schlug vor, mit einem minimalen Budget und seiner eigenen (kostengünstigen) TV-Crew aus der bereits genannten Serie „Alfred Hitchcock Presents“ zu arbeiten. Doch selbst das lehnte Paramount ab. Zu abstoßend fand man die Vorlage, um auch nur irgendwie damit in Verbindung gebracht zu werden. Man behauptete sogar, dass alle Studios auf dem Gelände ausgebucht seien, was eine ziemlich dreiste Lüge war. Hitchcock hatte dies geahnt und ging noch einen Schritt weiter. Er entschloss sich dazu, den Film aus eigener Tasche zu finanzieren und auf dem Gelände der Universal Studios zu drehen, wenn Paramount sich dazu bereiterklärte, später den Verleih zu übernehmen. Zudem ließ sich Hitchcock als Alleinproduzent 60 Prozent Eigentumsanteil am Film (und damit auch dessen möglichen Erfolg) zusichern. Dieses Angebot konnte Paramount nicht ablehnen und der Deal war perfekt.

Low-Budget – Sparmaßnahmen in der Vorproduktion

Da Hitchcock „Psycho“ nun aus eigener Tasche finanzieren musste, betrug das Budget für den Film nur knapp 800.000 Dollar, wozu der Regisseur sogar eine Hypothek für seine Villa aufnehmen musste. Auch wenn Hitchcock von Anfang an mit einem geringen Budget arbeiten wollte, dürfte etwas mehr an finanziellen Mitteln dann doch in seinem Sinne gewesen sein. So war er zu diversen Einsparmaßnahmen gezwungen. Statt mit einer erfahrenen Filmcrew produzierte er „Psycho“ mit jenem Team, mit dem er im Rahmen seiner TV-Serie „Alfred Hitchcock präsentiert“ bereits zusammengearbeitet hatte. Da Fernsehschaffende deutlich geringere Gagen gewohnt waren als ihre Hollywoodkollegen und -kolleginnen, war dies bereits eine immense Einsparung.

Da Zeit bekanntlich Geld ist, legte Hitchcock während der Planung die gesamte Produktion auf 36 Tage aus. Aufgrund des Mangels an Zeit und Geld mussten einige im Drehbuch detailliert ausgearbeitete Einstellungen gestrichen oder gekürzt werden. Darunter auch eine aufwändige Hubschraubersequenz, die Hitchcock in einem Interview bereits großmundig angekündigt hatte.

Hitchcock hatte vor „Psycho“ bereits Filme in Farbe produziert. Gerade seine beiden vorangegangenen Werke „Der unsichtbare Dritte“ (1959) und „Vertigo“ (1958) waren jeweils in Technicolor gedreht. Nichtsdestotrotz waren Schwarzweißfilme zu der Zeit noch nichts Außergewöhnliches. Einige große Filme der damaligen Zeit, darunter u.a. „Die 12 Geschworenen“ (1959) von Sidney Lumet, Kubriks „Doktor Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964) oder Billy Wilders „Das Appartment“ (1960), wurden nach wie vor in schwarz-weiß gedreht. Hitchcocks Entscheidung, „Psycho“ in schwarz-weiß zu drehen, hatte mehrere Gründe. Zum einen war der Regisseur der Ansicht, die berüchtigte blutige Duschszene würde in Farbe zu brutal wirken und deswegen niemals für das Kino freigegeben werden. Zum anderen war Hitchcock ein großer Bewunderer des Films „Die Teuflischen“ des französischen Regisseurs Henri-Georges Clouzot, der ebenfalls in schwarz-weiß gedreht war und dessen Ästhetik und Wirkung Hitchcock begeistert hatten. Auch wenn Hitchcock Clouzot als eine Art Rivalen betrachtete, der den Stil des britischen Großmeisters kopierte, gilt „Die Teuflischen“ als eine der primären Inspirationsquellen für „Psycho“. Auch wenn es also einige Gründe dafür gab, „Psycho“ in schwarz-weiß zu drehen, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der Vorteil einer günstigeren Schwarzweißproduktion letztendlich ein wichtiges Argument gegen das damals noch kostspielige Technicolor-Verfahren war.

Ein großes finanzielles Problem stellt die Besetzung der Hauptrollen dar. Hitchcock war davon überzeugt, dass „Psycho“ vor allem wegen des überraschend frühen Todes der weiblichen Hauptfigur das Publikum schockieren würde. Um diesen Effekt noch zu steigern, musste die Rolle so promiment wie möglich besetzt sein. Die Liste der möglichen Kandidatinnen war lang und beinhaltete Namen wie Piper Laurie oder Eva Marie Saint, die zuletzt bereits in Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ (1959) in der Rolle der Agentin Eve Kendall zu sehen war. Letztendlich musste Hitchcock jedoch alle seine favorisierten Darstellerinnen für zu teuer und/oder unpassend befinden und die Rolle ging an Janet Leigh, die trotz ihrer Popularität, die sie sich dank einiger netter Rollen in der Vergangenheit und einer Star-Hochzeit mit Tony Curtis erarbeitet hatte, eine Gage von 25.000 Dollar akzeptierte. Die männliche Hauptrolle des Norman Bates besetzte Hitchcock mit dem seinerzeit als Teenieschwarm geltenden Anthony Perkins, der sich als wahrer Glücksfall für den Film und dessen späteren Erfolg herausstellen sollte. Perkins schuldete Paramount dank eines alten Vertrages noch einen Film und konnte deswegen für eine Gage von 40.000 Dollar verpflichtet werden. Zum Vergleich: Superstar Cary Grant kassierte für seine Rolle in „Der unsichtbare Dritte“ schlappe 450.000 Dollar, inklusive einer Gewinnbeteiligung von zehn Prozent am Erfolg des Films. Perkins passte perfekt zu der Figur des Norman Bates, die in Stefanos Drehbuch, im Gegensatz zu der Romanversion, als freundlich, schüchtern und attraktiv angelegt war.

Als ein weiterer Glücksfall stellte sich die Verpflichtung der Szenenbildner Joseph Hurley und Robert Clatworthy heraus. Hitchcock war jeher der Ansicht, dass die Stimmung eines Films im Wesentlichen von seinem Szenenbild abhängt. Daher hatte er vor, bei „Psycho“ mit einem Szenenbildner zusammenzuarbeiten, den er aus seinen früheren Filmen bereits kannte und vertraute. Zur Auswahl standen Robert Boyle („Der unsichtbare Dritte“) und Henry Bumstead („Der Mann, der zu viel wusste“). Beide waren jedoch zu Beginn der Dreharbeiten nicht verfügbar, was ein herber Rückschlag für Hitchcock war. Boyle empfahl Hitchcock den Kollegen Hurley, den Hitchcock auch unter Vertrag nahm. Hurley hatte zuvor erfolgreich als Storyboard-Zeichner gearbeitet, hatte aber bisher noch keinerlei Erfahrung im Bereich des Setdesigns. Aus diesem Grund bat Hurley, Hitchcock möge ihm den erfahrenen Kollegen Clatworthy zur Seite stellen. Hitchcock akzeptierte. Schließlich arbeitete das Duo Hurley/Clatworthy für die Hälfte der Gage, die er einem Robert Boyle oder Henry Bumstead hätte bezahlen müssen. Für ihre Arbeit an „Psycho“, die u.a. den Bau des legendären Bates-Hauses und des Bates-Motels beinhaltete, wurden Hurley und Clatworthy später für den Oscar in der Kategorie „Bestes Szenenbild“ nominiert.

Nachdem Hitchcock seine Crew und Besetzung beisammen hatte, konnte der Dreh dann am 11. November 1959 beginnen.

Und Klappe! Die Dreharbeiten in der Dusche

Am ersten Drehtag versammelte Hitchcock sein komplettes Ensemble, um gemeinsam einen feierlichen Eid abzulegen. Damit schworen alle Beteiligten, mit keinem außenstehenden Menschen über den Film „Psycho“ zu sprechen. Obwohl für „Psycho“ insgesamt nur 36 Drehtage eingeplant waren, setzte Hitchcock für die legendäre dreiminütige Duschszene alleine sieben Tage an. Schließlich war es die Ermordung der Hauptfigur, die Hitchcock überhaupt erst für die Romanvorlage begeistert hatte. Also musste diese Szene im Film das zentrale Element werden. Heute gilt die Duschszene als eine der am häufigsten zitierten, analysierten und besprochenen Szenen der Filmgeschichte, um die sich zahlreiche Legenden und Halbwahrheiten ranken.

Eine davon besagte, dass Hitchcock selbst bei dieser Szene gar nicht Regie geführt haben soll. Einige Jahre nach der Veröffentlichung des Films behauptete Saul Bass, der im Abspann als Bildberater genannt wird und unter anderem für den Vorspannd es Films verantwortlich ist, er allein sei für die Planung der Duschszene verantwortlich gewesen und habe sogar Regie geführt. Diese Aussage wurde jedoch unter anderem von Hauptdarstellerin Janet Leigh widerlegt. Zudem ist es kaum vorstellbar, dass der perfektionistische Hitchcock eine so zentrale Szene jemand anderes inszenieren gelassen haben könnte.

Im Hinblick auf die Zensurbehörde war die Duschszene natürlich besonders heikel. Immerhin beinhaltet sie mit nackter Haut und brutaler Gewalt gleich zwei Aspekte, die zur damaligen Zeit oftmals ein Dorn im Auge waren. Hitchcock plante also, die Szene als Stakkato zu drehen, sodass lediglich die Illusion von Brutalität entsteht. Janet Leigh verbrachte für die Szene die gesamte Woche unter der Dusche und wurde dabei aus 78 Kamerapositionen gefilmt. Dabei war sie, entgegen zahlreicher Gerüchte, jedoch nie nackt, sondern trug beim Dreh einen Badeanzug aus Moleskin. Für besonders heikle Einstellungen kam ihr Körperdouble Marli Renfro zum Einsatz. Anthony Perkins war übrigens gar nicht an der Szene beteiligt, da er zu dieser Zeit in New York für eine Theateraufführung probte. In der fertigen Szene ist die Stuntfrau Margo Epper als Killer zu sehen.

Die fertige Szene enthält für die damalige Zeit unfassbar rasante 50 Schnitte und besteht im Wesentlichen aus Einstellungen aus der Schrägen, Halbtotalen und Großaufnahmen auf Leighs Körper, die Hand des Mörders oder den Duschkopf. Bei letzterem handelt es sich übrigens um ein fast zwei Meter großes Modell, bei dem die Wasserstrahlen problemlos an der Kamera vorbei gerichtet werden konnten, ohne dass diese nass wurde oder Tropfen auf der Linse zu sehen sind.

Bei den Aufnahmen der Szene zeigte sich Hitchcocks Liebe zum Detail, neben den streng durchgeplanten Kameraeinstellungen, auch an einigen unscheinbareren Aspekten. Um etwa das perfekte Geräusch für das zustechende Messer zu finden, ließ Hitchcock den Sound-Ingenieur ein Messer in verschiedene Melonensorten rammen. Nachdem er sich alle Aufnahmen angehört hatte, wählte der Regisseur die Frucht aus, die sich seiner Meinung am authentischsten anhörte. Als problematisch erwies sich zudem der Einsatz des Blutes, das den Abfluss hinunterlaufen sollte. Das herkömmliche und in Filmen regelmäßig eingesetzte Filmblut färbte das Wasser nicht kräftig genug ein, als dass man es in einem schwarz-weiß gedrehten Film hätte erkennen können. Ketchup löste sich hingegen schlecht auf. So sah sich Hitchcock gezwungen, mit verschiedenen Lebensmitteln und Materialien zu experimentieren. Am Ende kam Schokosirup zum Einsatz, was den aufreibenden Dreh für Janet Leigh nur geringfügig versüßt haben dürfte. Immerhin soll sie sich nach der Sichtung des fertigen Films nur noch in Ausnahmefällen getraut haben zu duschen.

Die Postproduktion – Wichtige Details, die den Film vollenden

Eine der Fragen, die Hitchcock während der Postproduktion am meisten umtrieb, war die Stimme der Mrs. Bates. Auf der einen Seite sollte die Stimme nicht einfach die einer Frau sein, da dies aus Sicht des Regisseurs zu einfach und dem Publikum gegenüber nicht fair wäre. Auf der anderen Seite sollte die Stimme der Mutter auch nicht den großen Twist verraten. Anthony Perkins hatte vorgeschlagen, die jeweiligen Textpassagen selbst mit verstellter Stimme einzusprechen. Dies lehnte Hitchcock jedoch ab, da er befürchtete, man würde sofort erkennen, dass es sich um Norman Bates‘ Stimme handelte. Perkins stellte Hitchcock einen Freund namens Paul Jasmin vor, der sich in Hollywood als Schauspieler und Imitator versuchte. Jasmin hatte die Figur einer alten Dame im Repertoire, die er Hitchcock präsentierte und diesen damit überzeugen konnte. Zusätzlich dazu engagierte Hitchcock jedoch auch noch zwei Schauspielerinnen, Jeanette Nolan und Virginia Gregg, um die Textzeilen ebenfalls einzusprechen. Gemeinsam mit seinen Toningeneuren vermischte Hitchcock die Stimmen von Jasmin, Nolan und Gregg zu dem, was im fertigen Film zu hören ist.

Deutlich wichtiger für die Wirkung und den Erfolg des Films war jedoch die Gestaltung der Filmmusik. Hitchcock hatte meistens sehr konkrete Vorstellungen davon, in welchen Szenen welche Soundeffekte und welche Art von Musik eingebunden werden sollten. Oft waren diese Ideen bereits in seinen Drehbüchern festgehalten. Ursprünglich hatte Hitchcock vor, in „Psycho“ die Filmmusik auf ein Minimum zu reduzieren. Die Duschszene sollte laut Drehbuch sogar gänzlich ohne Musik auskommen und ausschließlich von Marions Schreien und den Geräuschen der Messerstiche und des prasselnden Wassers getragen werden. Für die Filmmusik hatte Hitchcock seinen Stammkomponisten Bernard Herrmann engagiert, mit dem er bereits einige Male zuvor zusammengearbeitet hatte. Auch wenn Hermann sich meistens an Hitchcocks Anweisungen hielt, genoss er jedoch einige kreative Freiheiten. Ursprünglich hatte Hitchcock einen Soundtrack vorgesehen, der zum Großteil aus hektischer Jazz-Musik bestand. Als der Regisseur jedoch mit dem Ergebnis der ersten Fassung nicht zufrieden war, schlug Herrmann vor, einen gänzlich anderen Soundtrack zu kreieren, der besser zum Film passen und ausschließlich mit Streichinstrumenten gespielt werden sollte. Entgegen Hitchcocks Anweisung schrieb Herrmann auch für die musikfrei geplante Duschszene das stakkatohafte Stück „The Murder“, das heute zu den bekanntesten Themen der Filmgeschichte zählt. Obwohl Hitchcock lange an seiner Idee festhielt, in der Duschszene keine Musik einzusetzen, konnte ihn Herrmann am Ende doch überzeugen und der Soundtrack schaffte es in den Film. Später meinte Hitchcock „Psycho“ verdanke einen Großteil seiner Wirkung diesem Score und wäre ohne ihn ein nur halb so guter Film.

Die Werbetrommel wird gerührt

Als die letzte Szene des Films im Kasten war, drehte Hitchcock, um Zeit und Geld zu sparen, noch am Set einen speziellen Kino-Trailer, der das Publikum so richtig neugierig auf „Psycho“ machen sollte. Bei diesem Trailer handelte es sich quasi um einen sechsminütigen Kino-Vorfilm, der Anfang des Jahres 1960 veröffentlicht wurde. Darin führt Hitchcock das Publikum persönlich durch das „Bates-Motel“ und macht düstere Andeutungen, was sich hier abgespielt hat.

Da Hitchcock befürchtete, dass das Publikum, nachdem es den Film gesehen hatte, das Ende in die Welt hinausposaunen würde, gab es für „Psycho“ keinerlei Vorabvorführungen für Kritiker und Presse. Ohne dass jemand den Film zuvor gesehen hatt, sollte „Psycho“ landesweit in tausenden von Kinos anlaufen, um möglichst viele Zuschauer zu erreichen, bevor die Mundpropaganda sich verbreiten konnte.

Eine recht gewagte Maßnahme war Hitchcocks „No Late Admission“ -Richtlinie für den Film, laut der niemand mehr in die Vorführung des Films gelassen wurde, nachdem dieser angefangen hatte. Dies war für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich. Damals liefen die Kinosäle quasi durchgängig von morgens bis abends und zeigten nacheinander Vorschauen, Kurzfilme, Double-Features und eben die Hauptfilme am Stück. Die Zuschauer gingen quasi ungezwungen zwischen den Vorstellungen ein und aus. Da einige Kinobetreiber fürchteten, ihre Kundschaft würde rebellieren, wenn sie nur zu bestimmten Zeiten den Kinosaal betreten dürften, drohten sie gar mit einem Boykott des Films zu diesen Bedingungen. Hitchcock blieb jedoch standhaft und legte die Einhaltung seiner Forderung sogar als Vertragsbedingung fest, wenn ein Kino den Film buchen wollte.

In den Kinos standen Plakate und Pappaufsteller, auf denen Hitchcock zu sehen ist wie er streng schauend auf seine Armbanduhr zeigt. Darunter der Text:

“It is required that you see ‚Psycho‘ from the very beginning. The manager of this theatre has been instructed at the risk of his life, not to admit to the theatre any persons after the picture starts. Any spurious attempts to enter by side doors, fire escapes or ventilating shafts will be met by force. The entire objective of this extraordinary policy, of course, is to help you enjoy ‚Psycho‘ more.” – Alfred Hitchcock

Am Ende dieser aufwändigen Werbekampagne sahen die Kinobetreiber im ganzen Land am Tag des Kinostarts große Menschenmassen, die in langen Schlangen auf den Straßen warteten, um Hitchcocks neuen Film zu sehen.

Am Ende steht der Meilenstein

„Psycho“ wurde Hitchcocks finanziell erfolgreichster Film und einige Filmfans halten das Werk für das beste in der Filmographie des Regisseurs. Mit vier Oscar-Nominierungen („Beste Regie“, „Beste Schwarz-Weiß-Kamera“, „Beste Nebendarstellerin“ und „Bestes Szenenbild“) erfuhr „Psycho“ auch einige Anerkennung, ging jedoch bei der bedeutendsten Filmpreisverleihung komplett leer aus. Dennoch hatte der Film einen enormen Einfluss auf das Thriller- und Horror-Genre. Zudem war „Psycho“ mit dafür verantwortlich, dass die amerikanischen Zensurvorschriften gelockert und gewisse Themen enttabuisiert wurden. Das alles ist sehr beachtlich, wenn man sich vor Augen hält, dass es sich bei „Psycho“ im Grunde um einen Low-Budget-Film handelt, den es aufgrund einiger Hürden und Probleme beinahe niemals gegeben hätte.

1 Die primäre Quelle für diesen Beitrag ist das Buch „Hitchcock und die Geschichte von Pyscho“ von Stephen Rebello, aus dem auch die hier genutzten Zitate stammen. Für noch mehr Hintergrundinformationen zur Entstehungsgeschichte des Films, sei die Lektüre wärmstens empfohlen.

13 Gedanken zu “Making-of (2): Psycho (1960)

  1. Pingback: Die 8 besten Lieblingsfilme von Steffelowski | Klappe!

      • Ich habe den Film die Tage ausgebuddelt, und möchte ihn noch einmal sehen. Soweit ich mich erinnere, erzählt er die Geschichte recht offerflächlich. Nach dem Film soll allerdings Hitchcocks Frau die Idee gekommen sein, den Star schon nach 30 Minuten sterben zu lassen.

        Gefällt 1 Person

        • Im Film wird vor allem die Ehe zwischen Hitchcock und dessen Frau in den Vordergrund gestellt. Welchen Einfluss Alma Hitchcock im Hintergrund auf den Erfolg ihres Mannes hatte und wie die Ehe während der Entstehung von Psycho beinahe in die Brüche gegangen wäre. All das wird im Buch so gut wie gar nicht thematisiert.

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              • Als ich den damals im Kino gesehen hatte, fand ich ihn auch nicht so bombig. Das lag allerdings wahrscheinlich daran, dass ich etwas anderes erwartet hatte. Nämlich mehr Filmhintergrund und weniger privates Hitchcock-Liebesdrama. Als ihn dann aber für unsere „Filme über Filme“-Ausgabe noch mal geschaut habe, wusste ich worauf ich mich einlasse und fand ich dann auch ganz gut.

                Gefällt 2 Personen

                • Ja, „Hitchcock“ hatte mich damals auch ziemlich enttäuscht. Hatte der auch mehr „Film im Film“ erwartet. Aber das wäre dann wohl auch eher ein Film für echte Kenner geworden und hätte das breite Publikum nicht angesprochen.
                  Dein Zitat „Als ich den damals im Kino gesehen hatte“ hat mich stutzen lassen. Das muss dann schon richtig lange her sein, oder?

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  2. Pingback: Wermis großer Jahresrückblick – Part 1: Klappe! – Wermi's Worte Filmblog

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