Bernard Herrmann – Vom Medien-Tycoon bis zum Taxifahrer

Eine ikonische Szene, die Filmgeschichte schrieb. Da erzähle ich euch jetzt sicherlich nichts Neues. Doch was macht ihren Schrecken aus? Klar, für heutige Sehverhältnisse ist das Visuelle hier vermutlich noch sehr harmlos, wirklich viel bekommt man von der Gräueltat nun nicht zu sehen. Ich gebe euch einen Tipp: Schaut euch das Video erst einmal ohne Ton an und überlegt wie es auf euch wirkt und schließlich schaut es mit Ton. Der Unterschied in der Wirkung ist immens und natürlich ist offensichtlich, worauf ich hinaus möchte. Denn neben Janet Leighs haltlosen Schreien und den dumpfen Soundeffekten für das Einstechen des Messers steht hier ganz klar die Filmmusik im Vordergrund. Hitchcock sagte einmal, dass Bernard Herrmanns Score zu „Psycho“ 50% dessen ausgemacht hat, dass der Film so gut funktioniert. Und es spricht für sich, dass viele die die Szene bzw. „Psycho“ nicht mal gesehen haben, dieses Stück vermutlich beim Hören erkennen und falls nicht, genau das Gefühl in ihnen ausgelöst wird, dass vor 60 Jahren bei Millionen von Menschen in den Kinosälen ausgelöst wurde. Dabei nutzt Bernard Herrmann hier ganz einfache und minimalistische Mittel, schließlich bedient er sich bei den größtmöglichen Dissonanzen, die die Streichinstrumente bieten können. Dies könnte man für damalige Verhältnisse schon als recht experimentell bezeichnen und alles andere als gewöhnlich, aber nun gut, „Psycho“ war zu seiner Zeit auch alles andere als gewöhnlich und ich verrate euch noch eins, Herrmanns erste Mitarbeit an einem Film trifft ebenfalls ein außergewöhnliches Werk.

In diesem Sinne werde ich einmal die wichtigsten Stationen von einem der bedeutendsten Filmkomponisten der Geschichte abklappern, der auch für Steffelowski ein allgegenwärtiger Weggefährte war und für ihn so etwas ist wie Hans Zimmer für mich heutzutage.

Citizen Kane

Wir schreiben das Jahr 1941. Zu dieser Zeit traf Herrmann auf niemand Geringeres als Orson Welles, der ihn für seinen neuen Film anwarb. Für viele Magazine, Rankings und Kritiker der beste Film aller Zeiten, liest sich das doch schon mal ganz ordentlich als erste Komposition überhaupt in der eigenen Filmografie. Auch wenn sich über die Musik selbst nicht viel sagen lässt, da sie noch wenig einprägsam und zurückhaltend ist, sagen ja auch zumindest schon die Projekte, die sich eine Person aussucht, etwas über sie aus. Für die Neugierigen unter euch, gibt es trotzdem eine kleine Kostprobe. Im selben Jahr schrieb er auch noch die Musik zu „Der Teufel und Daniel Webster“ von William Dieterle, der ihm auch schon prompt einen Oscar einbrachte (während er ebenfalls für „Citizen Kane“ nominiert wurde.

Nach weiteren Studioarbeiten ist vielleicht noch herauszustellen, dass Herrmann bereits sehr früh an elektronischer Musik interessiert war. Sowohl 1948 für William Dieterles „Jenny – Das Porträt einer Liebe“, als auch 1951 für Robert Wises Sci-Fi-Movie „Der Tag, an dem die Erde still stand“ setzte er bereits das Theremin ein, wo es sich definitiv lohnt mal hineinzuhören. Schließlich klingt diese Musik für seine Zeit schon sehr besonders, wenn man bedenkt, dass die Scores damals eher von klassischem Stil geprägt waren (Hörbeispiel).

Zusammenarbeit mit Alfred Hitchcock

Wenn Herrmann jedoch für eines bekannt ist, dann für die lange Kooperation mit Regie-Legende Alfred Hitchcock. 1955 war es endlich so weit, die beiden hatten sich gefunden und arbeiteten erstmals zusammen in „Immer Ärger mit Harry“. Es folgten „Der Mann, der zuviel wusste“ (1956), „Der falsche Mann“ (1956) und schließlich „Vertigo“ (1958), der sich vielerorts mit „Citizen Kane“ um Platz 1 der besten Filme aller Zeiten streitet. Ihr merkt, es wird schwierig Herrmanns Filmografie anzufechten. In „Vertigo“ schafft er es schließlich auch stärker im Gedächtnis zu bleiben und das schon gleich zu Beginn, wenn der Film mit einem Vorspann öffnet und seine hypnotisierende Musik ertönt (Hörbeispiel), die eine verhängnisvolle Geschichte ankündigt. Ein weiteres tolles Main Theme präsentiert er bereits ein Jahr darauf in „Der unsichtbare Dritte“ (Hörbeispiel). Man merkt seiner Musik einfach an, in welche Schwierigkeiten die Hauptfiguren noch geraten.

1960 sind wir dann auch schon beim anfangs angeführten „Psycho“ angelangt. Neben der bekannten Duschszene, für die Hitchcock übrigens zunächst einmal gar keine Musik einsetzen wollte, bietet dieser Film eine ganze Reihe an hörenswerten Stücken. Sie bestehen ausschließlich aus Streichinstrumenten und gehören durch ihre einzigartige Stilistik zu der meistzitierten Filmmusik (Hörbeispiel 1, Hörbeispiel 2).

Schließlich folgte 1964 ihre letzte Zusammenarbeit in „Marnie“. Zwei Jahre später kam es zwischen den beiden leider zum Bruch, als Herrmann die Anweisungen für Hitchcocks neusten Film „Der zerrissene Vorhang“ missachtete und statt eines Filmsongs mit verwertbarem Popthema ihm eine kühle Thrillermusik präsentierte. Die Aufnahme war bereits angesetzt und bezahlt, jedoch unterband Hitchcock sie dennoch und engagierte eine neuen Komponisten.

Spätwerk

Danach zog es ihn für einige Jahre nach Europa, wo er u.a. Musik für François Truffaut komponierte, aber wo auch eins seiner berühmtesten Stücke entstand, nachdem es Quentin Tarantino Jahrzehnte später in „Kill Bill Vol. 1“ wiederverwendete: „Twisted Nerve“.
Schließlich ging es wieder zurück nach Amerika, wo er mit dem aufstrebenden Regisseur Brian de Palma an „Die Schwestern des Bösen“ (1973) und „Schwarzer Engel“ (1976) zusammenarbeitete. Diese gehören auch zu seinen letzten Arbeiten, es folgte nur noch „Taxi Driver“ (1976) von Martin Scorsese, der seine Filmografie passenderweise mit einem weiteren Meilenstein abschließt. Tatsächlich starb Bernard Herrmann im Alter von 64 im Schlaf, einen Tag nachdem er die Aufnahmen zu „Taxi Driver“ beendet hatte. Symbolischer könnte es nicht sein, der gute Mann hat für die Filmmusik gelebt und anschließend wurde ihm der Film gewidmet. Auch in seine letzte Arbeit sollte man unbedingt hineinhören, wechselt er doch behagliche Orchestermusik mit romantischem Jazz ab, die die Ambivalenz der Stadt New York der 70er-Jahre akustisch abbildet und damit Hauptfigur Travis Bickle begleiten (Hörbeispiel 1, Hörbeispiel 2).


Nun zu euch! Wo und wie seid ihr schonmal Bernard Herrmann filmisch begegnet? Habe ich eine denkwürdige Station ausgelassen? Was ist für euch seine prägnanteste Arbeit? Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen!

8 Gedanken zu “Bernard Herrmann – Vom Medien-Tycoon bis zum Taxifahrer

  1. Nee, da ist alles drin, was hörenswert ist. Mein bevorzugter Herrmann Score ist der zu „Der Unsichtbare Dritte“, aber auch z. B. „Marnie“ ist gut, auch wenn der Film sicherlich zu den schwächeren Arbeiten Hitchcocks. zählt.

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    • Mir gefällt übrigens der zu „Psycho“ tatsächlich am besten 🙂 Die andere Filme haben zwar starke Themes, wie auch bspw. „Vertigo“, aber „Psycho“ bietet einen umfangreicheren, denkwürdigen Score, der nicht nur die Duschszene umfasst, sondern auch so Stücke umfasst, die ich oben angeführt habe und nicht die ersten Tracks sind, an die man bei dem Film denken würde

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  2. Ich mag diese Musikbeiträge. Auch der hier ist dir wieder gut gelungen. Eine kleine Anmerkung aus der Klugscheißer-Abteilung: Die Schreie, die in der Duschszene zu hören sind, stammen meines Wissens gar nicht von Janet Leigh.

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  3. Schon merkwürdig: ich habe ein paar Filme mit seiner Musik gesehen, würde aber keinen für die Musik extra erwähnen (außer Psycho), aber gleichzeitig mag ich jeden dieser Filme. Unterschwellig kann ich seine Kompositionen wohl gut leiden, auch wenn mir wenig im Kopf hängen geblieben ist 😅

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    • Das mag daran liegen, dass er noch vor aufkommen des neo-klassischen Filmscores durch Vertreter wie Williams, Elfman aktiv war und zu Herrmanns Zeit sich die Musik noch wenig vom Film hervorhob (obwohl Herrmanns Musik schon teilweise ungewöhnlich war verglichen mit üblichen Konventionen Hollywoods). Da gab es noch nicht die großen Leitmotive (oder zumindest nicht mehr), die man direkt mit bspw Figuren verknüpfte, wie das später ausgereizt wurde. Vor allem musst du dir überlegen, dass zur goldenen Ära Hollywoods Studioproduktionen fast schon wie am Fließband produziert wurden und es auch schwierig sein dürfte, da mal individuell dazwischen zu grätschen, besonders als Komponist, der mit seiner auditiven Ebene natürlich potentiell vom visuellen noch ablenken kann und daher dem eher untergeordnet wurde

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  4. Pingback: Wermis großer Jahresrückblick – Part 1: Klappe! – Wermi's Worte Filmblog

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