Connery ohne Bond – Gelungene Emanzipation?

In „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ quittiert Bond frustriet seinen Dienst, um sich anderen Dingen im Leben zuzuwenden. Ironischerweise wird hier der Agent mit der Lizenz zu töten aber bereits nicht von „Ur-Bond“ Sean Connery, sondern von dem eher glücklos agierenden Nachfolger, dem Australier George Lazenby, gespielt. Vorgänger Connery hatte nach seinem fünften Einsatz entnervt das Handtuch geworfen. Gründe für den Ausstieg aus der Reihe gab es so einige: Der von Film zu Film steigende finanzielle Erfolg und die damit verbundene große Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Medien an allem, was auch nur im entferntesten mit James Bond zu tun hatte, bekam besonders der Starr der Reihe zu spüren. Bond war spätestens seit „Goldfinger“ (1964) in der Pop-Kultur angekommen. Schon hier regte sich bei Connery erstes Unbehagen gegen die Rolle und die Figur des James Bond begann, ähnlich wie bei Frankensteins Schöpfung, sich zu einem Monster zu entwickeln, das sich nicht mehr kontrollieren ließ. Als dann während der Dreharbeiten zu „Man lebt nur zweimal“ in Japan Connery von Journalisten bis auf die Toilette verfolgt wurde, war endgültig Schluss. Dass es dann allerdings nur ein paar Jahre dauerte, bis Connery erneut in geheimer Mission für die Queen unterwegs war, konnte da vermutlich niemand ahnen.

Aber nicht nur die Hysterie um die Kunstfigur Bond setzten dem Schauspielersehr zu. Er fühlte sich auch nur unzureichend am finanziellen Erfolg der Reihe beteiligt. Daran konnten auch die von Film zu Film steigenden Gagen nur wenig ändern. Auch ein extra für „Man lebt nur zweimal“ geschlossener Einzelvertrag mit diversen Extras konnten Connery nicht umstimmen, zumal er sich auch als Schauspieler unterfordert und lediglich nur  auf Bond reduziert fühlte, einem Charakter, mit dem der Schauspieler nach eigener Aussage nicht das geringste gemein hatte. Inwieweit dies mit einer vorherigen Aussage in Einklang zu bringen ist, wonach man „Frauen nicht mit der Faust, aber durchaus mit der flachen Hand“ schlagen dürfe, sei an dieser Stelle lediglich angemerkt.

Bereits vor und zwischen den einzelnen Bond-Filmen hat Connery natürlich Filme gedreht. Die wenigsten davon waren der Rede wert oder einfach schlecht. Mit Ausbrechen aus dem engen Korsett des britischen Geheimdienstes brach Connery zu neuen Ufern auf, um sich als Darsteller in verschiedenen Genres auszuprobieren und um dann auch als Schauspieler ernst genommen zu werden. An Selbstbewusstsein und Ambitionen mangelte es hier ganz sicher nicht. Die Ergebnisse waren nicht immer nur überzeugend und die Qualität der Filme, die Connery bis zu seinem Leinwandabschied 2003 drehte, reichte von grottenschlecht bis (beinahe) Meisterwerk.

Gehen wir also auf eine kleine Tour de Force, die den „Besten James Bond aller Zeiten“ ohne Wodka-Martini und Walther PPK in der Hand zeigen und schauen uns ein paar Filme an, die in der Vor-, Während- und Nach „Bonditis“-Zeit des Sean Connery entstanden:

Der längste Tag (1962): Der letzte Film mit Connerys bevor er in „James Bond 007 – Jagt Dr. No“ in den Geheimdienst eintrat und seine Weltkarriere begann. Als Private Flanagan noch in einer Nebenrolle besetzt, spielt Connery hier in einer internationalen Großproduktion mit diversen anderen Stars (z.B. John Wayne, Richard Burton, Robert Mitchum, Curd Jürgens….) noch eher die dritte Geige. Es geht um die Nachstellung der alliierten Invasion in der Normandie 1944. Eine Art „Der Soldat James Ryan“ in Schwarzweiß. Monumentale Unterhaltung mit teils fragwürdiger Geschichtsauslegung.

Anmerkung: Im Trailer taucht Connery (erkennbar) nicht auf, was seinen damaligen Stellenwert als Kassenmagnet wohl ganz gut zum Ausdruck bringt. Aber das sollte sich dann ja bald ändern.

Marnie (1964): Entstanden zwischen „Liebesgrüße aus Moskau“ und „Goldfinger“ nutzte unser Geheimagent die Chance, mit einem der ganz großen der Branche, Regie-Schwergewicht Alfred Hitchcock, zusammenzuarbeiten. Dieser hatte gerade einen wirklichen Lauf und den vierten Klassiker in Folge abgeliefert. Leider fand die Glücksträhne Hitchcocks mit „Marnie“ ihr Ende. Die Geschichte, um eine Frau, die versucht, die Traumata ihrer Kindheit zu bewältigen, enthielt einfach zu viel plumpe Amateur-Psychologie, zumal der Regisseur mit „Psycho“ bereits DEN ultimativen Film des Genre vier Jahre vorher abgeliefert hatte. Außerdem war die Tricktechnik des Films (z. B. die Rückprojektionen) lächerlich und einem Genie wie Hitchcock nicht würdig.

Anmerkung:  Sicherlich nicht Hitchcocks bester Film, aber auch nicht Connerys schlechtester. Zumindest ist die Werbung originell.

 Shalako (1968: Welcher kleine Junge (oder natürlich auch kleines Mädchen) träumt nicht davon, einmal Cowboy bzw. Cowgirl zu sein. Da steht auch ein Sean Connery nicht zurück. So nutzte er die Zeit nach „Man lebt nur zweimal“, um einen knallharten Western zu drehen. Vermutlich nutzte er dabei auch seine Popularität und die Aussicht auf einen neue Teilnahme an einem Bond-Film, um sich einen seiner Kindheitsträume zu erfüllen. Trotz großer Namen (Brigitte Bardot, Honor „Pussy Galore“ Blackman, Stephen Boyd) kam der Film bei Kritikern und Zuschauern bestenfalls mäßig an. Erst mit „Diamantenfieber“, Connerys fünfter Einsatz als Bond, konnte er wieder einen Hit landen.

Anmerkung:  Viel bekommt man von Connery hier ja nicht zu sehen. Auf jeden Fall geht es ziemlich hart zur Sache, wenn man sich einmal das Entstehungsjahr des Films vor Augen hält.

Sein Leben in meiner Gewalt (1973): Einer der Filme, die United Artists Connery für seine Mitwirkung in „Diamantenfieber“ spendierte war dieses düstere Drama, das schon beinahe einem Kammerspiel gleichkommt. Es geht um das Verhör eines vermeintlichen Vergewaltigers durch einen Polizisten (Connery), das aus dem Ruder läuft und den Verdächtigen ins Krankenhaus und später ins Leichenschauhaus bringt. Es geht um unterdrückte Gewaltphantasien und die Hilflosigkeit der Polizei gegen überbordende Kriminalität. Auch wenn Connery hier komplett gegen den Strich besetzt wurde und sich als Charakterschauspieler zeigen kann, lief der Film mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Erst wahre später wurde die Qualität des Films gewürdigt.

Anmerkung:  Düstere Stimmung, düstere Charaktere. Ein guter Film, der auch heute noch wirkt.

Zardoz (1974): Ein schönes Beispiel, wie nahe absoluter Trash und bewundertes Arthouse-Meisterwerk beieinander liegen. In diesem Sci Fi-Erotik- Evolutions-Dystopie-Drama ist nichts wie es scheint und alles auch wiederum dann doch. Nach eigener Aussage eines von Connerys absoluten Wunschprojekte und einer seiner Lieblingsfilme. Na ja, dazu kann man stehen, wie man mag. Auf jeden Fall ein sehenswertes filmisches Wirrwarr mit vielen (unfreiwillig) komischen Momenten.

Anmerkung:  Connery mit Lendenschurz und Zuhälter-Schnauzer. Was will man mehr? Das Publikum wollte offenbar mehr und strafte den Film mit völliger Gleichgültigkeit.

Der Mann, der König sein wollte (1975): Verfilmung einer Kurzgeschichte von Rudyard „Dschungelbuch“ Kipling um zwei Hochstapler, die sich im späten 19. Jahrhundert das Vertrauen der Bewohner eines afghanischen Bergdorfes erschleichen. Dies mündet darin, dass einer der beiden (Connery) sogar zum König gekrönt wird, nachdem er sich geschickt als Gottheit zu verkaufen wusste. Als der Schwindel auffliegt, nehmen die Dorfbewohner tödliche Rache. Ein sehenswerter Abenteuerfilm mit Sean Connery und Michael Caine in Hochform.

Anmerkung:  Eine der besten Leistungen Connerys. Außerdem gibt es viele schöne Bilder der rauen und zerklüfteten Landschaft zu bewundern.

Der Name der Rose (1986): Die Bernd Eichinger Produktion setzt den höchst komplexen Roman von Umberto Eco in leichter zu verdauender, aber keineswegs weniger spannenderen Form um. Grausige Morde in einem mittelalterlichen Kloster rufen den Franziskanerpater und Hobby-Spürnase William von Baskerville (Connery) auf den Plan, der die Ermittlungen aufnimmt und sich nebenher auch noch mit den Vertretern der Inquisition anlegt. Ganz sicher mit Blick auf den internationalen Markt, angelte man sich den Ex-Agenten, um auch außerhalb von Europa Kinotickets zu verkaufen. Dies gelang aber nur zum Teil. Dennoch ein atmosphärischer und durchgehend spannender Historien-Krimi, der Spaß macht und wirklich fesselt

Anmerkung: Die Darstellung des Mittelalters ist sowohl beim Äußeren der Schauspieler als auch bei den Settings ganz hervorragend gelungen. So richtig schön dreckig….

Die Unbestechlichen (1987): Als Sidekick von Agent Elliot Ness (Kevin Costner) liefert der Schotte Connery hier eine echte Glanzleistung als knorriger und handfester irischer Streifenpolizist Jim Malone ab. Nicht umsonst gab es dafür den Oscar als bester Nebendarsteller. Der Film von Brian De Palma schildert in großartigen und rasanten Bildern die Jagd auf den Supergangster Al Capone (Robert De Niro) zur Zeit der Prohibition in den USA. Großartig gefilmt und mit Liebe zum (kleinsten) Detail ausgestattet.

Anmerkung:  Die Beschreibung zur Deeskalation a la Connery hat sich zumindest damals noch durchgesetzt.  

Indiana Jones und der letzte Kreuzzug (1989: Wer sonst, außer Sean Connery, könnte glaubhaft Indys Papa spielen? Das Zusammenspiel mit Harrison Ford funktioniert hervorragend und man sieht beiden – wie auch dem gesamten Film- an, wie viel Spaß der Dreh gemacht haben muss. Nicht umsonst gilt der dritte Teile der Indiana Jones-Reihe für viele Fans als bester des Franchise. Für Connery auf jeden Fall der Höhepunkt seines Spätwerkes, zumindest nach meiner Meinung. Danach gab es dann nur noch wenig über Mittelmaß.

Anmerkung: Für gewisse Abenteuer ist ein Jones nicht genug“. Besser hätte selbst ich es nicht sagen können.

Highlander II – Die Rückkehr (1991): Nach dem Überraschungshit von 1986 „Highlander – Es kann nur einen geben“ dauerte es fünf Jahre, bis die Fortsetzung in die Kinos kam. Entsprechend hoch waren natürlich die Erwartungen an das Sequel. Was es dann auf der Leinwand zu sehen gab, spottete jeglicher Beschreibung. Aus der Fantasy- war eine krude Science-Fiction Geschichte geworden, die die Handlung des ersten Teils vollkommen umdeutete und auch sonst gänzlich an den Haaren herbeigezogen war. Keiner der Beteiligten konnte sich auch nur zu einem guten Wort über den Film hinreißen lassen. Der Film wurde vielfach umgeschnitten und ist in mindestens drei sehr unterschiedlichen Fassungen zu bekommen. Das sagt meist ja schon so einiges aus.

Anmerkung:  3,5 Mio. Dollar für neun Arbeitstage, macht eine Stundenlohn von rd. 50.000 Dollar. Nicht schlecht für einen Geheimagenten im Ruhestand. Da kann ein Film auch gern einmal….Wie soll ich sagen…“bizarr“ anmuten.

Mit Schirm, Charme und Melone (1998): Die Idee, DIE Kult TV-Serie der 1960er-Jahre auf die Leinwand zu bringen und daraus ein neues Franchise zu entwickeln, waberte bereits seit einigen Jahren durch die Filmindustrie, zeitweise lagen die Rechte bei Mel Gibson, der auch die Rolle des John Steed übernehmen wollte. Steed und seine Kollegin Emma Peel hatten in der Serie in teils äußerst skurrilen 45-Minuten-Folgen verrückten Wissenschaftlern und einer ganzen Reihe von Verbrecherorganisationen das Handwerk gelegt. Eine Verfilmung hätte so viele tolle – dramaturgisch wie optisch – Möglichkeiten geboten. Leider blieb die Chance – trotz Ralph Fiennes und Uma Thurman sowie Sean Connery als Schurke Sir August de Wynter – ungenutzt. Das, was die Serie ausgemacht hatte, fand sich im Film nicht wieder. Schon die Testvorführungen gerieten zur Katastrohe. Durch die anschließenden Kürzungen wurde der Film so entstellt, dass ihn niemand mehr verstand. Mit neun Nominierungen für die Goldene Himbeere kam der Film noch äußerst gnädig davon. Die Trophäe für das schlechteste Remake ging dabei vollkommen in Ordnung.

Anmerkung:  Vermutlich der einzige Film, in dem Connery die Nationaltracht seines Landes getragen hat.

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (2003): Nicht vielen Stars der Filmbranche ist es jemals vergönnt gewesen, sich mit einem großen Film in den Ruhestand zu verabschieden. Da sollte auch der Lieblingsagent Ihrer Majestät keine Ausnahme bilden. Die auf eine Graphic Novel basierende Geschichte um verschiede fiktive Charaktere der Weltliteratur, die gemeinsam die Welt retten müssen, ist teilweise durchaus spannend und wartet mit interessanten Figuren auf, die aber letztlich nicht bekannt genug sind, um die Massen ins Kino zu locken. Außerdem dauert es zu lange, bis das Ganze so richtig in Schwung kommt. Schade, da hätte mehr draus werden können.

Anmerkung:  Der Trailer verspricht vieles, was der Film dann nur bedingt einlöst. Aber das ist ja durchaus an der Tagesordnung.

Soweit meine geführte Wanderung durch Connerys filmische Vita. Wir hatten viele Genres, viele Filme und einiges an qualitativen Höhen und Tiefen. Sicherlich habe ich den Frevel begangen, das eine Highlight oder den anderen Totalausfall des schottischen Vielfilmers nicht zu erwähnen. Aber man kann es eben nie allen recht machen.

Nachsatz: Der Beitrag war bereits komplett fertig, als via Tagesschau-App die Nachricht von Connerys Tod bei mir ankam. Das fühlt sich für mich grad sehr komisch an. Eben noch durch das Schaffen einer der ganz großen Filmlegenden flaniert, um mir am Ende darüber klar werden zu müssen, dass ich hier schon wo etwas wie einen Nachruf verfasst habe. Davon wird es in den nächsten Tagen etliche geben. Einige waren bestimmt schon länger fertig und es musste nur noch ein Datum eingetragen werden. So geht`s heutzutage halt. Aber egal, ob zufällig oder auf Halde produziert: Sean Connery kann vermutlich niemand angemessen würdigen. Daher halte ich mich auch respektvoll zurück. Nur so viel: Alles Gute, Private Flanagan, Shalako, Zed, Robin Hood, Colonel Arbuthnot, William von Baskerville, Dr. Henry Jones und natürlich Commander Bond. Mission erfolgreich erfüllt. Die Welt dankt.

4 Gedanken zu “Connery ohne Bond – Gelungene Emanzipation?

  1. Ein schöner Artikel, der sich auch als ungeplanter Nachruf gut macht. Ein halbes Jahrhundert Schauspielerei, am Ende eben doch immer geprägt vom Geheimagenten. Ich glaube wirklich am interessantesten finde ich seine 70er Jahre. Der Mann der König sein wollte (sein persönlicher Favorit, soweit ich weiß), Robin und Marian, Mord im orientexpress und selbst Zardoz kann man viel vorwerfen, aber nicht, dass er nicht mutig wäre.

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  2. Meine erste Begegnung mit ihm wahr Indy 3. Indiana Jones hatte mich nie so wirklich gekriegt, dementsprechend ohne viel Erwartungen habe ich auch noch den dritten Teil nachgeholt. Der gefiel mir schließlich wirklich gut und bereitete mir viel Freue, woran Sean Connery definitiv einen großen Anteil hat.
    Bei „Marnie“ habe ich das Gefühl, dass er ziemlich unterschätzt wird. Gut, es dürfte ihm schwer fallen sich bei Hitchcocks Filmografie gegen einige Klassiker zu behaupten, dennoch hat er mir wirklich gut gefallen und konnte mich fesseln. Definitiv eine Empfehlung, wenn man jetzt einen noch recht jungen Connery nochmal in einem packenden Thriller in Aktion sehen möchte.

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