Filmvergleich (5): Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922) vs. Phantom der Nacht (1979)

Herzlich willkommen zum Fight des Jahres in der „Original vs. Remake Series“. Heute treten zwei eiskalte Leichtgewichte in einem Kampf gegeneinander an, der hoffentlich alles andere als eine blutleere Veranstaltung wird.

In der schwarz-weißen Ecke, Jahrgang 1922, trainiert von F.M. Murnau:

Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens

In der blutroten Ecke, Jahrgang 1979, trainiert von Werner Herzog:

Nosferatu – Phantom der Nacht

Als Ringrichter fungieren heute Steffelowski und Ma-Go. Das verspricht doch spannend zu werden. Dann schalten wir nun direkt in den Ring, wo sich die beiden Kontrahenten gerade steif aus ihren Särgen erheben. Kann mal jemand diese verdammten Ratten hier raus schaffen?!

Runde 1: Story und Plot

Steffelowski:

Bram Stokers Schauerroman „Dracula“ zählt mit Sicherheit zu den am häufigsten verfilmten Werken der Weltliteratur. Erstaunlich hierbei ist, dass wirklich werkgetreue Umsetzungen der Geschichte um den blutsaugenden Grafen eher selten sind. Meist werden nur die zentralen Handlungsstränge bzw. Figuren, oder auch nur der Charakter des Grafen Draculas übernommen und in eine eigene Geschichte transferiert. F. W. Murnaus „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ folgt dem Roman in etwas komprimierter Form über weite Strecken, zumindest so lange, bis Graf Orlok per Schiff die Stadt Wisborg erreicht. Danach folgt die Geschichte dem Drehbuch Henrik Galeens, der aus der spannenden und durchaus action-geladenen Geschichte (na, was man eben im ausgehenden 19. Jahrhundert unter Action verstand) eher ein romantisch-poetisches Gruselmärchen macht, das sich doch deutlich vom Buch entfernt. Der Opfertod der weiblichen Hauptfigur Ellen, der dazu dient, den Grafen zur Strecke zu bringen und die Ausbreitung der Pestseuche, durch die vom Grafen eingeschleppten Ratten, kommen im Buch in dieser Form nicht vor. Auch den bekannten Vampirforscher und Widersacher Nosferatus/Draculas, Dr. van Helsing, sucht man auf der Leinwand vergebens.

Herzog wollte mit seinem „Nosferatu“ weniger eine Neu- Interpretation des Romans verfilmen, sondern viel mehr eine Hommage an das Werk Murnaus abliefern. So erstaunt es nicht, dass in Herzogs Fassung etliche Szenen Bild für Bild und Einstellung für Einstellung dem Vorbild von 1922 entsprechen. Dies wird besonders in den Szenen, die in Draculas (bei Murnau Nosferatus) Schloss angesiedelt sind, deutlich. Allerdings ändert auch Herzog die Tonalität seines Films mit dem Auftauchen des Grafen in Wismar (im Stummfilm Wisborg) entscheidend. Der Verbreitung des „schwarzen Tods“ durch die Ratten wird viel mehr Raum eingeräumt. Was in der Murnau-Fassung lediglich in kurzen Szenen dargestellt bzw. durch Texttafeln erklärt wird, zeigt Herzog recht ausführlich mit teils skurrilen, teils unangenehmen Bildern, zumindest dann, wenn man Ratten nicht unbedingt als possierliche Haustiere zu schätzen weiß. Auch fällt das Ende des Films bei Herzog deutlich pessimistischer aus: auch wenn sich wiederum eine schöne Frau opfert, um den Vampir in eine tödliche Falle zu locken, ist ihr Tod letztlich umsonst. Der Vampirvirus und die Pest sind nicht mehr aufzuhalten.

Auch wenn die jeweiligen Handlungen beider Filme nur gegen Ende voneinander abweichen, gefällt mir die Umsetzung im Original besser. Hier läuft der Plot – für einen Film, der beinahe 100 Jahre alt ist – flüssiger und etwas rasanter ab, während im Remake das Ganze doch ein wenig statisch und nach meinem Geschmack zu theaterhaft inszeniert ist. Daher geht mein Punkt an das Original von Murnau.

Ma-Go:

Im Grunde kann ich den Ausführungen meines Kollegen an dieser Stelle nur zustimmen. Die Idee, einen millionenschweren Film zu produzieren, der sich an Bram Stokers „Dracula“ orientiert, obwohl die Filmrechte an Storkers Werk gar nicht erworben und stattdessen, in der naiven Hoffnung die Ähnlichkeit würde schon keinem auffallen, einfach nur die Namen der Figuren und Orte verändert wurden, ist so absurd, dass es schon wieder genial ist. Den Punkt in dieser Kategorie haben sich die Produzenten mit dem Konkurs ihrer Firma „Prana Film“ in Folge des immensen finanziellen Misserfolgs Nosferatus teuer erkauft. Noch im Jahr der Uraufführung klagte Bram Stokers Witwe Florence Stoker nämlich gegen die grobe Urheberrechtsverletzung, die der Film „Nosferatu“ nun mal war und im Grunde auch heute noch ist. Letztendlich gewann Stoker das Verfahren, was dazu führte, dass das komplette Filmmaterial inklusive aller Kopien von Nosferatu vernichtet werden musste. Und ein vernichteter Film spielt nun mal kein Geld ein, egal wie teuer seine Produktion auch gewesen sein mag. Im Grunde ist es ein großes Glück, dass auf verschiedenen Wegen einzelne Kopien des Films überhaupt überlebt haben. Auch wenn Herzog, wie von Steffelowski ausgeführt, in seinem Film ein paar eigene Gedanken und Elemente einbaut, muss ich meinen Punkt auf Grund des erbrachten Opfers einfach an das Original geben.

Zwischenstand Runde 1: Original vs Remake 2:0

Runde 2: Schauspieler und Figuren

Ma-Go:

In dieser Kategorie gilt es natürlich vor allem, die beiden Hauptdarsteller zu betrachten. Da haben wir zum einen Max Schreck als Graf Orlok im Original und zum anderen Klaus Kinski als Graf Dracula im Remake. Um ehrlich zu sein, würde ich meinen Punkt am liebsten Max Schreck nur wegen dessen Namen geben. Doch ein bisschen genauer lohnt es sich dann doch hinzuschauen. Schreck wirkt auf mich in seiner Rolle auf jeden Fall unheimlicher als Kinski. Kein Wunder, dass damals einige Leute der Meinung waren, der Schauspieler sei tatsächlich ein Vampir oder ein anderes Geisterwesen. Der sich insektenartig bewegende Graf Orlok wirkt bedrohlich, so als würde er seinem Opfer permanent auflauern und es beobachten. Die Gier steht im quasi ins untote Gesicht geschrieben. Kinskis Graf Dracula hingegen sieht alleine schon optische meiner Meinung nach weniger bedrohlich aus. Man erkennt den Schauspieler problemlos durch das Make-Up. Mir gefällt jedoch an Kinskis Figur besser als an Schrecks Version, dass Dracula eine andere emotionale Komponente verliehen bekommt. Für mich wirkt Dracula deutlich trauriger und unter dem Fluch leidender als sein Gegenstück im Original. Wo Graf Orlok animalische Gier austrahlt, wirkt Graf Dracula eher sehnsüchtig verlangend.

Da ich mich zwischen den beiden Hauptfiguren nicht entscheiden kann, da beide jeweils ihre eigenen Stärken haben, machen die Nebenfiguren für mich den Unterschied. Hier wirken die Darsteller im Original selbst neben einem Vampir eher blass und blutleer. Im Remake hingegen ist vor allem Bruno Ganz als Jonathan Harker positiv zu erwähnen. Von daher geht mein Punkt in dieser Kategorie dann doch an das Remake. Aber wenn wir gerade über die Figuren sprechen. Geht es nur mir so oder sieht Greta Schröder, die Darstellerin der Ellen im Original, aus wie eine kränkliche Emma Watson?

Steffelowski:

Klar, der Dreh- und Angelpunkt beider Filme ist natürlich die Darstellung des blutsaugenden Grafen. Egal, ob er nun Orlok oder Dracula heißt. Auch mich überzeugt – was Ausdruck und echten Gruselfalktor angeht – ganz eindeutig der von Max Schreck gespielte Untote. Sein Auftreten als Graf Orlok ist ab der ersten Minute Horror in Reinkultur, auch wenn dieser Graf zumindest äußerlich mit der Figur aus der Romanvorlage von Bram Stoker nur wenig gemein hat. Hier kommen die späteren Darstellungen von Bela Lugosi und insbesondere von Christopher Lee den Beschreibung im Buch schon wesentlich näher. Ob Murnau – Herzog hat sich für seinen Dracula nicht unerheblich vom Stummfilm Vampir „inspirieren“ lassen – die gänzlich veränderte Erscheinung der Grafen aus künstlerischen Erwägungen vorgenommen hat, oder ob es sich um einen Versuch handelte, die von den Erben Stokers nicht autorisierte Romanverfilmung zu verbergen, ist nicht bekannt. Schrecks Art, sich zu bewegen und seine Mimik, wirken direkt wie gerade aus dem Grabe entstiegen. Absolut unerreicht und sicherlich ein Vorbild für viele Figuren des Genres. Das ist auch durch einen Klaus Kinski nicht zu schlagen. Im Gegenteil, seine Interpretation der Figur ging für mich schon stark in Richtung Parodie. Wie auch von Ma-Go bereits erwähnt, ist das Make-Up bei weitem nicht so furchteinflößend wie in der Murnau-Fassung. Weiter empfand ich es als störend, dass Kinski durch die (hoffentlich künstlichen) Fangzähne an einigen Stellen deutlich hörbar Probleme mit dem Sprechen des Textes hatte. Das Sinnieren über die Zerrissenheit eines Wandlers zwischen den Welten verlor daher für mich seine Wirkung, auch wenn der Charakter dadurch durchaus an Tiefe gewonnen hat.

Bei der Punktvergabe muss ich, wer hätte das gedacht, nicht lang abwägen oder überlegen. Max Schreck, aka Graf Orlok, ist für mich der bessere Blutsauger. Ist ja aber auch kein Wunder, wenn man den Spekulationen von Ma-Go folgt, dass Schreck ein echter „Wiedergänger“ (schönes altes Wort) war. Denn was kann man schon besser spielen als sich selbst. Zumal ich den von Ma-Go angesprochenen Bruno Ganz als Jonathan Harker (bei Murnau heißt der Charakter Hutter) als sehr unnatürlich und in seinem Sprechen übertrieben ausdrucksvoll empfand. Daher geht auch in dieser Kategorie mein Punkt an das Original.

Und ja, vielen Dank für den Hinweis in Sachen Greta Schröder. Auch mir kam das Gesicht irgendwie bekannt würde. Auf Frau Watson bin ich allerdings nicht gekommen.

Zwischenstand Runde 2: Original vs Remake 3:1

Runde 3: Technik und Ausstattung

Steffelowski:

Puh, schwierig. Weder Murnau noch Herzog brennen in ihren Filmen ein Feuerwerk der Tricktechnik ab oder überzeugen mit aufwendigen und/oder spektakulären Effekten. Bestenfalls das jeweilige Make Up des Vampirs ist der Erwähnung wert. Wie bereits in Runde 1 angesprochen, ist das Aussehen Schrecks für mich weitaus furchteinflößender; Kinski fällt daneben klar ab. Die Arbeit der Kamera und der Einsatz von Licht und Schatten waren in den 1920er-Jahren in dieser Form neu, innovativ und haben die Arbeit etlicher Filmschaffenden beeinflusst und tun dies auch heute noch. Außerdem erweist es sich als Glücksfall, dass Murnau noch in schwarzweiß gedreht hat. Da ist Werner Herzog klar im Nachteil, da beim Drehen in Farbe vieles von der von Murnau übernommenen Bildsprache in „Nosferatu-Phantom der Nacht“ auf mich als Zuschauer nicht intensiv genug auf gewirkt hat. Dennoch erkenne ich Herzogs Ansinnen an, sich vor einem der ganz großen Klassiker der deutschen Kinogeschichte zu verbeugen und vergebe in dieser Runde einen „Toll-dass-du-mitgemacht-hast“-Punkt an das Remake.

Ma-Go:

Einen „Toll-dass-du-mitgemacht-hast“-Punkt, von dem ich bis eben nicht mal wusste, dass so etwas gibt, gibt es von mir nicht. Visuell gefällt mir das Remake aus heutiger Sicht einfach besser, auch wenn der Vergleich ob des Entstehungszeitpunktes nicht gerade fair ist. Murnaus Idee, Viragierungen, also Szenen, die in einer bestimmten Farbe eingefärbt wurden, um Stimmungen oder wie in „Nosferatu“ eben Tageszeiten auszudrücken, war im Anbetracht der technischen Möglichkeiten vor hundert Jahren sicherlich sinnvoll und zielführend. Aus heutiger Sicht empfinde ich dieses Stilmittel jedoch als eher anstrengend. Hinzu kommt, dass ich den Score und den Sound in Herzogs Version als eine der größten Stärken empfinde, die dem Original deutlich überlegen ist. Gerade das Hauptthema des Films finde ich sehr atmosphärisch und passend:

Somit geht mein Punkt hier klar an das Remake.

Zwischenstand nach Runde 3: Original vs Remake 3:3

Runde 4: Genre Taste

Ma-Go:

In dieser Kategorie stehe ich vor dem Dilemma, dass ich keinen der beiden Filme wirklich gruselig oder unheimlich finde. Dazu hat Nosferatu (1922) aus heutiger Sicht zu viele Szenen, die unfreiwillig komisch wirken. Zum Beispiel wenn Graf Orlok mit dem Sarg unter dem Arm nachts durch die Stadt hüpft und dabei aussieht wie ein frecher Kobold. Da hat das Remake schon deutlich mehr zu bieten. Gerade die Eröffnungssequenz mit den zerfallenen Mumien ist richtig schön düster und schauderhaft. Allerdings hat diese inhaltlich im Grunde überhaupt nichts mit dem Rest des Film zu tun. Insgesamt ist die Musik in Herzogs Film in Sachen Stimmung ein großer Pluspunkt gegenüber dem Original, sodass ich hier erneut meinen Punkt an das Remake vergebe.

Steffelowski:

Aus heutiger Sicht und mit etlichen Horror- und Vampirfilmen mehr in der Vita, fällt es mir schwer, zumindest Herzogs Fassung überhaupt dem Genre Horror zuzuordnen. Ich denke auch nicht, dass dies die eigentliche Intension des Regisseurs ist. Ihm geht es mehr darum, die Leiden einer Verstoßenen Kreatur zu zeigen, die nicht wirklich leben, aber auch nicht sterben kann; die nirgends willkommen ist und in der „wirklichen Welt“ nur auf Hass und Ablehnung stößt. Wirklich, im Sinne des der Filmgattung, gruselige Momente gibt es nicht. Da berührt mich der Nosferatu Murnaus schon wesentlich mehr. Der erste Auftritt des Grafen oder auch die Szenen auf dem Schiff, auf dem nach und nach die gesamte Besatzung getötet wird, haben es auch heute noch durchaus in sich. Aber, und da gebe ich Ma-Go vollkommen recht, gibt es doch so manche Szene mit dem Vampir, die einem durch ihre (sicher nicht gewollte) Komik ein Schmunzeln entlockt und damit dann wiederum die zuvor erzeugte Schaueratmosphäre zunichtemacht. Mein Fazit: In Punkto Gänsehaut Feeling konnten beide Filme nicht wirklich überzeugen und ich enthalte mich daher bei der Punktevergabe.

Zwischenstand nach 4 Runden: Original vs. Remake 3:4

Runde 5: Zuschauerwertung

Laut der IMDB kommt Murnaus Original auf eine Wertung von 79, während Herzogs Remake mit 75 bewertet wurde. Auf Letterboxd schlägt das Original das Remake mit 78:76. Das ergibt eine addierte Zuschauerpunktzahl von 157:151. Bonuspunkt für das Original.

Endstand: Original vs. Remake 4:4

Fazit

Und damit haben wir ein sauberes Unentschieden. Nach einem harten, verbissenen (!), aber immer fairem Fight, gibt es keinen Sieger und natürlich auch keinen Verlierer. Das sagt ziemlich deutlich, dass beide Filme ihre ausgesprochenen Stärken, aber auch ihre ausgewiesenen Schwachstellen haben, die auf den Zuschauer auch noch unterschiedlich wirken. Wo dem Einen der die Darstellung des Jonathan Harkers gefällt, ist sie dem anderen viel zu artifiziell und bühnenhaft. Mal punktet das Original mit Stimmung und Grusel, dann wiederum überzeugt das Remake durch einen atmosphärischen Score.

Bei einen Vergleich zwischen Original und Remake kann es für mich eigentlich kein besseres Ergebnis, als ein Remis geben. Zeigt es doch, dass beide Filme für sich stehen können und jeweils ihren eigene Reize haben, die jeder Zuschauer für sich entdecken muss.

Ich bedanke mich ausdrücklich beim lieben Ma-Go dafür, dass ich gemeinsam mit ihm hier durch zwei Klassiker des deutschen Films geleiten durfte.  Ich freue mich schon auf die nächste Runde, wenn die nächsten beiden Filme in den Ring steigen, um sich im direkten Schlagabtausch miteinander zu messen.  

3 Gedanken zu “Filmvergleich (5): Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922) vs. Phantom der Nacht (1979)

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