Klappe-Porträt (2): Christopher Nolan – Der Meister des anspruchvollen Blockbusters

Wenn man über die aktuell größten und gefragtesten Regisseure und Regisseurinnen Hollywoods sprechen möchte, kommt man an einem Namen unmöglich vorbei: Christopher Nolan. Kaum ein Filmemacher hat es in den letzten Jahren geschafft, Publikum und Kritiker so zu begeistern wie der aus London stammende Regisseur. Pünktlich zum Kinostart seines neuesten Films „Tenet“, der nun kurfristig doch vom Juli in den August verschoben wurde, wollen wir das bisherige Werk des Künstlers würdigen und unter die Lupe nehmen.

Ein Blick in die Filmographie:

Christopher Nolan gehört zu den wenigen sog. Autorenfilmern Hollywoods. Das bedeutet, dass er in seinen Filmen nicht nur Regie führt sondern auch in anderen Aspekten des künstlerischen Prozesses, wie beispielsweise dem Schreiben des Drehbuch, dem Schnitt oder der Musikauswahl, beteiligt ist. Auch wenn in Hollywood, besonders im Blockbusterbereich, vor allem publikumsorientierte Auftragsarbeiten produziert werden, gibt es jedoch auch dort einen kleinen Kreis an Regisseuren, die nicht nur große Budgets, sondern auch mehr oder weniger freie Hand bei der Produktion ihrer Werke eingeräumt bekommen. Dazu zählen unter anderem James Cameron, Quentin Tarantino und eben Christopher Nolan. Gerade letzterer schafft es dabei wie kaum ein zweiter, finanziellen Erfolg mit einem gewissen künstlerischen und inhaltlichen Anspruch zu kombinieren. Ein kurzer Blick auf Nolans Filmographie zeigt, dass die Filme des Briten bisher immer kommerzielle Erfolge waren, die die Kassen der Studios ordentlich klingeln ließen.

Filmtitel

Jahr

Einspielergebnis *

IMDB – Wertung ²

Following

1998

+ 42 000 $

7,5

Memento

2000

+ 30 Millionen $

8,4

Insomnia

2002

+ 67 Millionen $

7,2

Batman Begins

2005

+ 223 Millionen $

8,2

The Prestige

2006

+ 69 Millionen $

8,5

The Dark Knight

2008

+ 819 Millionen $

9,0

Inception

2010

+ 669 Millionen $

8,8

The Dark Knight Rises

2012

+ 830 Millionen $

8,4

Interstellar

2014

+ 512 Millionen $

8,6

Dunkirk

2017

+ 426 Millionen $

7,9

*Quelle: Boxoffice Mojo                            ² Stand: 04.07.2020

 

Über 3 Milliarden Dollar haben Nolans Filme bereits eingespielt und fast alle davon wurden von den Zuschauern im Schnitt mit hohen Bewertungen auf der internationalen Filmdatenbank versehen. Auf den 100 am besten bewertetsten Filmen der Seite finden sich mit „The Dark Knight“ (Platz 4), „Inception“ (13), „Interstellar“ (30), „Prestige“ (46), „Memento“ (50) und „The Dark Knight Rises“ (70) sechs der zehn bisher erschienenen Nolan-Filme. Auch wenn solche Listen immer mit einer gewissen Vorsicht zu genießen sind, lässt sich die Popularität Nolans und die Relevanz der meisten seiner Werke für die aktuelle Filmlandschaft schwer wegdiskutieren. Doch was macht die Filme des Regisseurs so besonders?

 

Stil und Handschrift:

Diese Frage lässt sich nicht auf ein einzelnes Merkmal herunterbrechen, da sich Nolans Filme inhaltlich und thematisch sehr stark voneinander unterscheiden. Von einer Geschichte über zwei Magier im 19. Jahrhundert, über eine zukünftige Reise durch den Weltraum, bis zu einem klassischen Kriegsfilm deckt der Regisseur ein breites Spektrum an Genres, Schauplätzen und Geschichten ab. Nichtsdestotrotz lassen sich drei wiederkehrende Elemente herausfiltern, die jeweils in einigen Nolan-Filmen auszumachen sind.

 

I) Erzählerische Flexibilität

Bereits in seinen ersten beiden Filmen „Following“ und vor allem „Memento“ zeigt Nolan, dass seine Geschichten nicht zwangsläufig in chronologischer Reihenfolge erzählt werden müssen. In „Following“ bekommt der Zuschauer im Grunde drei parallel erzählte Handlungsstränge einer Geschichte präsentiert, die sich erst nach und nach zu einem sinnvollen Ganzen zusammensetzen lassen. In „Memento“ erzählt Nolan die Geschichte eines Mannes, der nach einem Unfall sein Kurzzeitgedächtnis verloren hat und demnach keine neue Erinnerungen mehr abspeichern kann. Der Film beginnt mit einem Mord und rekonstruiert quasi rückwärts, wie es zu diesem „Finale“ kam. In „Inception“ bewegen sich die Charaktere auf verschiedenen Traumebenen, die ebenfalls erzählerisch parallel dargestellt werden. In „Interstellar“ wird das Raum-Zeit-Gefüge während der Reise durch das All komplett aus den Aneln gehoben, was dazu führt, dass auch hier ein Storybogen entsteht, der nicht gerade dem klassischen Muster entspricht. Selbst in „Dunkirk“, in dem ebenfalls drei Handlungsstränge gleichzeitig erzählt werden, die tatsächlich jedoch zeitlich etwas versetzt stattfinden, verzichtet Nolan auf eine chronologische Erzählweise. All diese Beispiele fordern vom Publikum ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, wenn man der Handlung folgen will. Allerdings scheint Nolan selbst seinem Publikum diese Aufmerksamkeit nicht vollumfänglich zuzutrauen, sodass er sich hin und wieder genötigt sieht, zusätzliche, so mancher könnte sagen überflüssige, Erklärszenen in Form von Dia- und Monologen einzubauen.

II ) Science Fiction

Neben der erzählerischen Flexibilität lassen sich auch einige Science-Fiction-Elemnte in Nolans Filmen entdecken. Und das obwohl „Interstellar“ streng genommen der einzige Nolan-Film ist, der sich dem klassischen Genre der fiktiven Wissenschaft zuordnen lässt. Bereits in „Prestige“, in dem es um zwei Magier im 19. Jahrhundert geht, spielt eine heute nicht (mehr) existierende Technologie eine wichtige Rolle. In Nolans Batman-Trilogie greift der dunkle Ritter, in Ermangelung an echten Superkräften, auf allerlei technische Spielereien zurück, die möglicherweise heute tatsächlich so oder so ähnlich existieren könnten, jedoch zumindest nicht dem etablierten technischen Standard entsprechen dürften. Auch in „Inception“, bei dem es sich im Grunde um eine Art Heist-Movie durch Traumwelten handelt, basiert die komplette Handlung auf der Idee einer Technik, Träume erschaffen und darin (inter)agieren zu können.

 

IV) Audio-visuelle Effekte

Während sich vor allem Nolans frühe Filme „Following“, „Memento“, „Insomnia“ und „Prestige“ eher durch ihre spannende und zum Teil unkonventionelle Erzählweise und ihre Atmosphäre auszeichneten, boten sich dem Regisseur ab dem Auftakt seiner Batman-Trilogie, und dem damit verbundenem Anstieg des zur Verfügung stehenden Budgets, neue Möglichkeiten der audio-visuellen Gestaltung, sie seither ein wesentliches Element aller Nolan Filme darstellt. Die Batmanfilme stellen dabei wahrscheinlich die actionlastigsten Teil der Filmographie dar. Hier gibt es Verfolgungsjagden, Explosionen, Kampfszenen, Flugzeugentführungen und vieles mehr. (Fast) alles meisterhaft inszeniert und choreographiert. Den (vorläufigen) audiovisuellen Höhepunkt seines Schaffens erreichte Nolan jedoch mit „Inception“ und „Interstellar“. Hier kreiert Nolan atemberaubende Bilder, die von der nicht minder imposanten Musik von Hans Zimmer untermalt werden. Sei es die Landung auf dem Wasserplaneten in „Interstellar“ oder die einstürzenden Träume in „Inception“. Nur sehr wenige Filme bieten so viele unvergessliche Momente innerhalb eines Films wie „Interstellar“ und vor allem „Inception“. Ebenfalls auf technischer Ebene brillant ist Nolans bis dato aktuellster Film „Dunkirk“, der jedoch, wie oben gezeigt, der am wenigsten finanziell erfolgreiche und von den Zuschauern am schwächsten bewerteste Nolanfilm der letzten 18 Jahre. Dies lässt sich möglicherweise damit erklären, dass der Kriegsfilm sich beinahe ausschließlich auf seine audio-visuelle Komponente verlässt und darüber hinaus, gerade im Vergleich mit Nolans sonstigen Filmen, wenig Diskussions- und Gedankenstoff bietet. Möglicherweise verliert der Film dadurch jenseits der großen Kinoleinwand einiges an seiner Wirkung und Qualität.

 

Oscar-Ehren

Die audio-visuelle Klasse in Nolans Werk sorgte in der Vergangenheit nicht nur für finanziellen Erfolg und großartige Publikumsreaktionen, sondern auch dafür, dass Nolanfilme bei Preisverleihungen regelmäßig zu den nominierten Kandidaten gehören. So wurden Nolans Filme bisher insgesamt 33 mal in verschienden Kategorien der Oscars nominiert und dabei zehn mal auch tatsächlich ausgezeichnet. Fünf Nominierungen davon fielen Christopher Nolan persönlich zu, der 2002 (Memento) und 2011 (Inception) für das beste Orignialdrehbuch, sowie 2018 (Dunkirk) für die beste Regie zur Wahl stand. Dazu waren Dunkirk und Inception als bester Film nominiert. Interessanterweise fielen die übrigen 27 Nominierungen und zehn Auszeichnungen fast ausschließlich in den handwerklichen und audiovisuellen Bereich, wie man dieser Übersicht entnehmen kann.

Nolan-Filme und die Oscars

 

Nolans Filmfiguren

Schaut man sich die Übersicht zu Nolans Oscarbilanz genauer an, fällt eine Sache erstaunlicherweise auf. Obwohl einige der Filme des Regisseurs gemeinhin zum Besten gezählt werden, das Hollywood in den letzten Jahren hervorgebracht hat, wurde mit Heath Ledger in seiner Rolle als Joker in „The Dark Knight“ bisher nur ein einziger Darsteller für seine Rolle in einem Nolanfilm ausgezeichnet oder überhaupt nominiert. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedankt, dass Nolan bisher mit Schauspieler/innen wie Al Pacino, Anne Hathaway , Leonardo DiCaprio, Hilary Swank, Matthew McConaughey, Marion Cotillard oder Robin Williams zusammengearbeitet hat, die sich allesamt Oscarpreisräger/in nennen dürfen. Trotzdem erachtete die Academy bisher, von Heth Ledgers Joker abgesehen, keine der Figuren oder Schauspielleistungen in Nolans Filmen würdig, auch nur in Betracht gezogen zu werden. Während dem geneigten Filmfan im Bereich der Herren mit Leonardo DiCaprio (Inception), Matthew McConaughey (Interstellar) oder Hugh Jackman und Christian Bale (Prestige) durchaus einprägsame Filmfiguren in den Sinn kommen, sieht das bei den Damen ganz anders aus. Tatsächlich fällt es sehr schwer, auch nur eine weibliche Rolle aus einem Nolanfilm zu nennen, die es verdient hätte, bei den Oscars ausgezeichnet worden zu sein. Bei allen berechtigten Lobpreisungen für das Werk des Regisseurs Christopher Nolan, muss an dieser Stelle jedoch auch angemerkt werden, dass das Schreiben und Inszenieren von einprägsamen, vor allem weiblichen, Filmfiguren nicht gerade zu den Stärken des Filmemachers gehören.

 

Ausblick und anstehende Projekte

Am 12. August 2020 kommt nun also Nolans neuester Film „Tenet“ in die Kinos. Auch wenn über den Film selbst bislang nur wenig bekannt ist, sehnen sich Filmfans und wahrscheinlich auch die gebeutelten Kinobesitzer nach dem ersten großen Blockbuster seit dem Lockdown. Es ist davon auszugehen, dass der Film, trotz der unklaren Rahmenbedingungen und Beschränkungen erfolgreich sein wird. Auch wenn es sehr schwer werden wird, Zahlen wie bei den „Dark Knight“-Filmen oder „Inception“ zu erreichen. Doch was kommt nach „Tenet“? Offiziell ist dazu noch nichts bekannt, was natürlich auf Seiten wie der unseren Raum für unseriöse Spekulationen lässt. In den letzten Jahren wurde der Name Christopher Nolan immer mal wieder mit der erfolgreichen „James Bond“-Reihe in Verbindung gebracht. Im Jahr 2017 bestätigte Nolan in einem Playboy-Interview, dass er im Laufe der Jahre hier und da mit der 007-Produzentin Barbara Broccoli gesprochen habe und generell großes Interesse an einem solchen Engagement hätte. Allerdings sei die Voraussetzung für ihn, dass das Franchise an einem Punkt stehen müsse, an dem eine Neuausrichtung nötig sei, die Nolan dann angehen würde. Dies war zum Zeitpunkt des Interviews nicht gegeben. Nun ist es jedoch so, dass im November mit „James Bond 007: Keine Zeit zu sterben“ die Craig-Bond-Ära nach fünf erfolgreichen Filmen zu Ende geht. Eine Neuausrichtung ist somit offensichtlich zwingend notwendig und da Nolan vermutlich nichts Besseres zu tun hat, sehen wir vielleicht im Jahr 2023 den ersten James Bond unter der Regie Christopher Nolans. Mit Tom Hardy in der Rolle des 007 und Michael Caine als „M“. Gute Frauenrollen muss man bei einem Bondfilm ja glücklicherweise keine schreiben können.

9 Gedanken zu “Klappe-Porträt (2): Christopher Nolan – Der Meister des anspruchvollen Blockbusters

  1. Nolan goss Bond. Fänd ich gut. Das Bond-Franchise könnte etwas frischen Wind ganz gut vertragen, nachdem „Spectre“ nicht überall so wahnsinnig gut ankam. Aber lassen wir uns erst ein von „No Time to Die“ überraschen…

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  2. Ist das Thema Jane Bond schon wieder vom Tisch? 😉
    Es wird mal Zeit, dass der Mann auch selbst einen Oscar gewinnt. Die Academy will wohl nicht noch einen großen Namen auf ihrer Liste an vergessenen Regisseuren und dann gibt es irgendwann den Oscar für das Gesamtwerk. Verdient hätte er es aber schon gehabt

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  3. Pingback: Reminder: Ausgabe 7 ist da! | Klappe!

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