Klappe Auf: Der Nolan-Touch

Es dürfte unstrittig sein, dass Christopher Nolan einer der großen – wenn nicht der größte – Filmregisseur der Gegenwart ist. Dem Mann gelingt scheinbar alles. Ähnlich wie bei dem griechischen König Midas wird alles, was Nolan in die Hand nimmt sprichwörtlich zu purem Gold und das sowohl künstlerisch als auch finanziell. Aber was macht einen „typischen Nolan“aus, welche Rezeptur wendet er an, um Zuschauern und Kritikern immer wieder neuen Appetit auf seine Filme zu machen? Ist es möglich, eines der Werke des Regisseurs als mittelmäßig oder gar als schwach oder misslungen einzustufen? Und letztlich drängt sich die Frage auf, ob es Nolan gelungen wäre, andere als seinen eigenen Filmen noch mehr Strahlkraft zu verleihen oder aus Leinwandblech, filmisches Gold zu machen. Der Klappe-Thinktank hat sich paar interessante Gedanken gemacht:

1. Was macht für dich einen typischen Nolan-Film aus?

Mara: Man hat bei Nolan einfach immer das Gefühl, dass er wirklich Lust auf seine Filme hat. Da finden sich keine halbgaren Auftragsarbeiten, um die monatlichen Rechnungen zu bezahlen. Aus diesem Grund freue ich mich auch auf jeden neuen Film von ihm, weil ich zumindest sicher sein kann, dass viel Herzblut in dem Projekt steckt. Außerdem spielt Nolan gerne mit den Erwartungen, sei es nun weil er ein wenig mit dem Faktor „Zeit“ herum experimentiert, oder mal wieder einen gelungenen Mindfuck-Moment einbaut – eines steht auf jeden Fall fest, Langeweile wird wohl keine aufkommen.

Steffelowski: Was ist das Typische an einem Christopher Nolan Film? Für mich ist das seit geraumer Zeit nicht mehr und nicht weniger als Kinounterhaltung auf dem allerhöchsten Niveau. Die Erfolgsformel, die sich bei Nolan in den allermeisten seiner Filmen wiederfindet, stellt sich für mich als eine nahezu perfekte Kombination aus einem clever durchdachten Drehbuch, einer immer wieder aufs Neue überraschenden filmischen bzw. optischen Umsetzung, kombiniert mit herausragenden schauspielerischen Leistungen dar. Jede Einstellung ist genial gesetzt, quasi eine filmische Komposition, jedes gesprochenes Wort trägt zur Handlung bei, nichts ist überflüssig oder pures Zierwerk. Ein weiterer essentieller Bestandteil am Wohlfühlkonzept in der Nolan-Welt ist die Filmmusik, die sich zu einer stimmigen und beinahe schon emotionalen Einheit mit den Bildern zusammenfügt. Nolans Filme sind für mich ein zweistündiger All-Inclusive Urlaub in einem 5-Sterne+ Hotel.

Wermi: In einem Satz: Ein kraftvolles, audiovisuelles Gesamtbild gepaart mit gerissenen erzählerischen Mitteln. Zudem ist sich Nolan nicht zu schade für Spielereien jeder Art: Ob es nun auf visueller Ebene ist, wo er bspw. ein Set speziell für Inception konstruieren lässt, dass um die eigene Achse rotiert, und für den kommenden Tenet eine echte Boeing 747 in ein Gebäude krachen lässt. Oder eben auf dramaturgischer Ebene, was er bereits in seinem Debütfilm Following andeutet, in dem er schon mit einer nonlinearen Erzählstruktur arbeitet und es in seinem Folgefilm Memento auf die Spitze treibt, wo er die Handlung gar rückwärts erzählt. So etwas erlebt man fast nur in seinen Filmen, denn kaum ein Regisseur hat soviel freie Hand wie er.

Ma-Go: Im Grunde kann ich mich meinen lieben Kollegen nur anschließen. Mittlerweile, genauer gesagt seit 2006, ist für mich ein typischer Nolan-Film vor allem ein audiovisuelles Erlebnis, garniert mit ein paar erzählerischen Kniffen und originellen Ideen.

2. Gibt es deiner Meinung nach, Stand heute, einen schlechten Film in Nolans Filmographie? Welches ist sein schwächster?

Ma-Go: Auch wenn das meine lieben Mitstreiter/innen anders sehen, finde ich schon, dass es (mindestens) einen wirklich schlechten Nolan-Film gibt. Mit „wirklich schlecht“ meine ich nicht „Für Nolan-Verhältnisse schlecht“, sondern so schlecht, dass ich wirklich keinen Spaß mit dem Film hatte. Die Rede ist von „Batman Begins“, dem ich, ganz im Gegensatz zu seinen beiden Nachfolgern, kaum etwas abgewinnen konnte. Da ich mich kurz fassen soll, kann ich nur die größeren Dinge ansprechen, die mich beim Auftakt der Batman-Trilogie gestört haben. Als allererstes ist der Schurke, Cillian Murphys Scarecrow, meiner Meinung nach vollkommen verschenkt, da er am Ende nur ein Handlanger des wahren Schurkens ist. Dazu gab es ein paar recht willkürliche Aktionen und Aussagen im Film, bei denen ich geneigt war ein lautes „Waaaaas?“ in den Fernseher zu brüllen. Das macht die Story schon mal schwierig. Dann sind meiner Meinung nach viele Szenen so schlimm geschnitten, dass ich mich, ohne zu übertreiben, an einen Til Schweiger Film erinnert fühlte. Lustigerweise fand ich den Film, als ich ihn vor 15 (!!!) Jahren im Kino gesehen habe, eigentlich ganz gut. Als ich ihn nach Erscheinen von „The Dark Knight Rises“ im Rahmen eines Batman-Marathons noch mal gesehen habe, fand ich ihn noch ganz in Ordnung. Beim dritten Mal, zur Recherche für diese Ausgabe, fand ich „Batman Begins“ dann richtig schlecht.

Mara: Als wirklich „schlecht“ würde ich tatsächlich keinen Film von Nolan klassifizieren. Aber es gibt durchaus ein paar, die ich als weniger gelungen bezeichnen würde. Da hätten wir einmal sein Regiedebüt „Following“, welches zwar eine spannende Prämisse hat, dem es aber offenbar an dem nötigen Kleingeld gefehlt hat, um talentierte Schauspieler mit ins Boot zu holen. Dann zählt für mich auch „Insomnia“ eher zu den schlechteren Nolan-Filmen, schlicht und ergreifend weil der Film für mich nicht mehr als ein solider Cop-Thriller ist und ich mir (vielleicht ist da ja auch nicht ganz fair) von Nolan einfach mehr als solides Mittelmaß erwarte. Und zum Abschluss würde ich noch „The Dark Knight Rises“ nennen, der für mich einfach zu gehetzt, zu wenig durchdacht und dadurch zu unrund wirkt.

Steffelowski: Wo Licht ist, ist bekanntermaßen auch Schatten. Das gilt sicher auch für einen filmischen Tausendsassa wir Christopher Nolan. Nur will mir ad hoc kein Film einfallen, von dem ich frei heraus sagen kann, dass der Regisseur und Drehbuchautor Nolan hier einmal wirklich Schiffbruch erlitten hat. Ich wähle daher den Film aus Nolans Gesamtwert („Following“ habe ich nicht gesehen), an den ich die blassesten Erinnerungen habe. Damit wären wir bei „Insomnia“ aus dem Jahr 2002. Ich habe diesen Film vor Jahren im Kino gesehen und soweit ich mich erinnern kann, handelte es sich um einer recht konventionell inszenierten Thriller, bei dem die besondere Handschrift Nolans (vergleiche auch Frage 1) noch nicht wirklich erkennbar war, was aber vermutlich auch daran lag, dass es sich um die Neuverfilmung eines norwegischen Films handelte und die Handlung doch eher den genretypischen Mustern folgt. Auch die hochkarätige Besetzung konnte da für mich nicht viel herausreißen. Al Pacino habe ich zwar einigermaßen positiv in Erinnerung, aber Robin Williams empfand ich damals als völlige Fehlbesetzung. Passend zum Ort der Handlung, „Insomnia“ spielt hauptsächlich in Alaska, hat mich das Ganze ziemlich kalt gelassen

Wermi: Da ich ihn vor Kurzem erst gesehen habe, kommt mir Insomnia unweigerlich in den Sinn, wenn es darum geht, einen Film zu nennen. Meiner Meinung nach ist Nolans Handschrift hier kaum erkennbar, für mich wirkte er eben wie ein gewöhnliches Remake eines skandinavischen Krimis, was er nun mal auch ist. Allerdings ist fraglich, wie viel freie Hand er hier hatte, schließlich war er sein erster Mid-Budget-Film (mit 46 Mio. USD) und es ist der einzige, für den er nicht auch am Drehbuch (mit-)geschrieben hat. Tatsächlich fällt meine Wahl für seinen schwächsten Film aber eigentlich auf einen anderen: Batman Begins. Kaum einer verblasst in meiner Erinnerung wie dieser, und dass trotz mehrmaliger Sichtung. In meinen Augen merkt man ihm an, dass es wiederum Nolans erste High-Budget-Produktion ist (mit 150 Mio. USD) und dieser Blockbuster noch recht konventionell und auf Nummer sicher gestaltet ist. Das resultiert in einem für mich zum Gähnen langweiligen Film. Dabei muss man allerdings betonen, dass das bei mir auch schon das höchste der Gefühle ist, was Kritik an Nolan angeht und wenn wir ehrlich sind, dann ist das nicht gerade viel. Zudem würde ich keinen der beiden als schlechten Film bezeichnen und stimme durchaus zu, dass man sie sich trotzdem mal angucken kann.

3. Welchen Film der letzten 20 Jahren hätte Christopher Nolan besser bzw. komplett anders inszeniert?

Ma-Go: Hier würden mir auf jeden Fall einige Filme einfallen. Ich entscheide mich aber für den Science-Fiction-Thriller „In Time“ von Andrew Niccol aus dem Jahr 2011. Darin geht es darum, dass in der Zukunft Lebenszeit die neue Währung ist. Auf Grund einer genetischen Veränderung altern die Menschen in dieser Zukunft nur noch bis zu ihrem 25. Lebensjahr und haben ab dann noch genau ein Jahr zu leben. Auf einer im Unterarm implantierten Uhr wird die verbliebene Lebenszeit angezeigt. Ist die Zeit abgelaufen, stirbt man auf der Stelle. Zusätzliche Zeit kann als Schenkung, Tauschobjekt oder Diebstahl hinzugefügt werden. Auf diese Weise leben die Reichen der Gesellschaft sehr lange in nicht alternden Körpern, während die Armen im Grunde ein hoffnungsloses, da zeitlich klar begrenztes Leben führen. Im Film spielt Justin Timberlake die Hauptrolle, was uns eigentlich schon klar macht, dass bei dem Film nichts Vernünftiges rausgekommen sein kann. Seine Figur lehnt sich gegen das System auf und es gibt einen Haufen halbgarer Action inklusive Moralkeule. Ich finde es immer schade, wenn grandiose Ideen, zu denen ich die bei „In Time“ zugrunde liegende durchaus zähle, so dramatisch gegen die Wand gefahren werden. Ich bin davon überzeugt, dass Christopher Nolan hier einen phantastischen Film auf die Beine gestellt hätte. Er hat einen Faible für Zeit, Science-Fiction und visuelle Spielerein. All das läge hier für ihn bereit. Oh! Und Cillian Murphy spielt übrigens auch mit. Den kennt Nolan ja bekanntlich auch ganz gut…

Mara: Lange musste ich überlegen, für welchen Film ich mich hier entscheiden soll, denn wenig überraschend sind mir gleich mal ein paar Kandidaten (vor allem aus dem Sci-Fi-Bereich) in den Sinn gekommen. Den Ausschlag gab dann aber die Antwort von meinem werten Kollegen Ma-Go, denn auch ich habe vor nicht allzu langer Zeit einen Film von Andrew Niccol gesehen, der eine wirklich spannende und starke Prämisse irgendwie vergeudet hat. Die Rede ist von „Anon“ einem Science-Fiction-Thriller aus dem Jahr 2018 mit Clive Owen und Amanda Seyfried. Und wie gesagt, die Ausgangslage könnte interessanter kaum sein: Was wenn alles, was die Leute den lieben langen Tag so sehen und tuen, aufgezeichnet werden würde? Wenn jegliche Erinnerung jeder Zeit wieder abgerufen und abgespielt werden könnte? Genau in so einer Welt bewegen sich die Akteure in „Anon“. Und wenig verwunderlich, die Verbrechensrate ist stark gesunken und die Polizeiarbeit besteht zum größten Teil im Sichten von Erinnerungsaufzeichnungen. Doch eines Tages steht Detective Sal Frieland vor einem echten Rätsel, denn ein Serienmörder treibt sein Unwesen und wie es scheint, kann dieser die Erinnerungen seiner Opfer so manipulieren, dass auf den Aufzeichnungen nicht der Täter, sondern das Opfer selbst zu sehen ist.
So aufregend sich das alles auch anhört, so zäh und unspektakulär gestaltet sich der zugehörige Film. Man hat beim Schauen einfach ständig das Gefühl, dass hier unglaublich viel Potenzial verschenkt wurde, und ich persönlich bin mir ganz sicher, dass Nolan aus dieser Idee ein Meisterwerk hätte zaubern können.

Steffelowski: Ich tue mich immer recht schwer damit, mich auf diese unsäglichen „Was-wäre-wenn“ Szenarien einzulassen. Aber spontan geantwortet, fallen mir die beiden „Matrix“-Fortsetzungen ein, aus denen Nolan sicherlich einiges mehr herausgeholt hätte als das, was damals im Kino gelaufen ist. Nachdem die Wachowski Geschwister 1999 mit „The Matrix“ ein filmisches Meisterwerk abgeliefert hatten, blieben die Fortsetzungen „Matrix Reloaded“ und „Matrix Revolutions“ (beide 2003) doch in den Augen vieler Fans hinter den hohen Erwartungen deutlich zurück. Hier würde ich mir Christopher Nolan als Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion für einen perfekten zweiten Teil wünschen, der dann Teil drei überflüssig gemacht hätte. Nolans Fortsetzung hätte den mit „The Matrix“ geschaffenen Welten sicherlich noch viele neue aufregende Aspekte abgewinnen können und auch die Handlung noch facettenreicher und spannender gestalten können. Auch die vielen offenen Fragen, die sich im Anschluss an „Revolutions“ ergeben, hätte der Nolan-Film mit Sicherheit raffinierter, wenn vielleicht auch nicht nachvollziehbarer, beantwortet. Aber eventuell wäre dann auch alles völlig anders gekommen. Wer kann das schon sagen…?

Wermi: Bei dieser Frage könnte man sicherlich so einiges nennen, dass in Nolans Hand eine interessante Richtung einschlagen würde. Wir alle wissen außerdem wie besessen Nolan vom Konzept der Zeit ist und wie gerne er sie als Thema in seine Filme einfließen lässt. Allerdings wäre es mir ganz recht, wenn Nolan nicht Gefahr läuft, sich allzu häufig zu wiederholen, daher denke ich besonders an Genres und Filmarten, die in seiner Filmografie noch nicht oder kaum vorzufinden sind. Daher fällt meine Wahl auf „The Purge“. Nolan schnappt sich die Idee und macht daraus einen smarten Action-Horror-Film. Die Grundlagen dazu sind ja ohne Zweifel vorhanden: Er könnte die Gesellschaftskritik gerissener einweben, den Film zu einem echten, atmosphärischen Horror-Thriller umkrempeln (was für ihn neues Terrain wäre) und hat immer noch die Möglichkeit, Action-Setpieces seiner Wahl einzubauen in einer Stadt, die ohnehin in komplettem Chaos versinkt. Sicherlich findet er auch hier wieder einen interessanten Kniff, das Thema Zeit einzuweben wenn er möchte, ob nun auf narrativer Ebene um der Erzählung mehr Würze zu verleihen oder als inhaltliches Motiv, immerhin steht die Zeit in dieser einen Nacht im Jahr gewissermaßen still.


Soweit die Meinungen unseres Teams zu den drei Fragen.  Hierzu lassen sich aber ganz bestimmt noch weitere spannende und interessante Antwortansätze finden. Wir sind  auf eure Kommentare gespannt.

7 Gedanken zu “Klappe Auf: Der Nolan-Touch

  1. Nolan verbindet für mich Mainstream-Blockbuster-Content mit Anspruch. Ihm geht es um Unterhaltung, aber halt nicht auf der Fast Food Ebene anderer großer Filme.
    Welcher Film der letzten 20 Jahre wäre mit ihm besser geworden? Schwierige Frage. Ich sag einfach mal „Avatar“

    Gefällt 2 Personen

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