Dunkirk (2017)

  • Originaltitel: Dunkirk
  • Regie: Christian Nolan
  • Schauspieler:  Fionn Whitehead, Mark Rylance, Tom Hardy
  • Genre: Drama, Kriegsfilm
  • Land: USA, GB, F, NL

Kriegsfilm, Anti-Kriegsfilm, Drama…Ja, was denn nun? „Dunkirk“ ist für mich von allem etwas und gleichzeitig auch nichts von alledem. Der Film bekennt sich nicht klar zu einem Genre, ist irgendwo zwischen den Stühlen. So wie er für mich eben auch der „Andere“ Christopher Nolan-Film ist. Kein – oder zumindest ein anderer – optischer Bombast, wie in „Inception“, keine allzu tiefgehend Charakterzeichnung wie in „The Dark Knight“ oder in „Interstellar“. Auch die bekannten typischen Nolan-Darsteller fehlen größtenteils bzw. haben keine tragenden Rollen. Kein Christian Bale, keine Anne Hathaway. Lediglich Cillian Murphy sehen wir in einer Nebenrolle als traumatisierten englischen Soldaten, der als namenloser Schiffbrüchiger vor dem Ertrinken im Atlantik gerettet wird. Wer dann noch genau hinschaut, der erkennt hinter einer Sauerstoffmaske (Erinnerung an seine Rolle als Bane in „The Dark Knight Rises“ werden wach) Tom Hardy, der als Pilot eines Spitfire Jagdflugzeuges, die zur Rettung der in Dünkirchen eingekesselten Soldaten aufgebrochenen maritimen Armada vor dem Angriff deutscher „Stukas“ (Sturzkampfbomber Me 109) schützen soll.  Und für die Nerds unter uns sei noch angemerkt, dass die Stimme in der Flug-Leitstelle, aus der die Einsätze der Piloten koordiniert werden, zu Sir Michael Caine gehört. Sogar in der deutschen Fassung des Films ist hier Caines Stammsprecher, Jürgen Thormann, zu hören. Ein schönes Cameo. Zusammen mit seinem Auftritt in dem im August erscheinenden neuen Film „Tenet“, wäre dies dann die achte Zusammenarbeit zwischen Nolan und Caine. Sowas nenne ich Männerfreundschaft.

Kurz zur geschichtlichen Einordnung der Ausgangslage in „Dunkirk“: nachdem Deutschland im Mai 1940 seinen Westfeldzug mit dem Angriff auf die neutralen Staaten Niederlande, Belgien und Luxemburg begonnen hatte, weitete sich dieser „Blitzkrieg“ auch schnell auf Frankreich aus. Die französischen und britischen Truppen, die nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen im September 1939 angetreten waren, den Krieg für die westliche Allianz schnell zu beenden, wurden aber vom schnellen Vormarsch der deutschen Truppen vollkommen überrascht, so dass letztlich rund 340.000 Soldaten (200.000 britische und 140.000 französische) in Dünkirchen (engl. „Dunkirk“), gelegen an der französischen Atlantikküste, eingekesselt wurden. Von England aus erfolgte die Organisation der Rettungsmaßnahmen („Operation Dynamo“), um die Evakuierung der (vornehmlich der britischen) Soldaten durchzuführen.

Das klingt wie eine Steilvorlänge für einen großen Kriegsfilm, in dem alles das vorkommt, was nach landläufiger Meinung zu einem epochalen Heldenepos gehört. Große Schlachten, tapfere Helden, feige Vorgesetzte und fiese Nazis. Und dann, kurz bevor es zur finalen Auseinandersetzung mit dem Feind kommt, die unvermeidliche große Rede, die an den Durchhaltewillen der Soldaten appelliert, da schließlich nur sie es sind, die für die gute und richtige Sache kämpfen. Wer mit einer entsprechenden Erwartungshaltung ins Kino geht, erfährt jedoch schnell eine ziemliche Enttäuschung. Kein Schlachtenlärm, keine zerfetzten Körper oder Leichenberge. Nicht einmal böse Deutsche gibt es zu sehen, bestenfalls als Besatzung ihrer Stukas kann man „Die Krauts“ erahnen. Auch als Gesprächsthema innerhalb der Filmhandlung tauchen sie nicht nennenswert auf. Dennoch ist das Vorhandensein teutonischen Aggressoren permanent und eindringlich spürbar. Diese vage, aber eindringliche Bedrohung ist meisterlich in Szene gesetzt, selbst wenn sie keine optische Umsetzung erfährt. So etwas schafft nur ein Regisseur, der ein wahrer Meister seines Fachs ist.

Überhaupt nutzt Nolan andere Stilmittel, um für den Zuschauer die Schrecken des Krieges, insbesondere aber auch das Gefühl des Flüchten müssen, spürbar und nachvollziehbar zu machen. Er wirft uns ab der ersten Minute mitten in das Geschehen, direkt in die Handlung. Sofort fühlt man sich als englischer Soldat, der durch die engen Straßen Dünkirchens hetzt. Gesprochen wird nicht viel, erklärt wird nichts. Überhaupt sind die Dialoge auf das Allernotwendigste beschränkt, was der (An)Spannung jedoch keinen Abbruch tut, da sich alles über die phantastisch gefilmten Bilder, den Schnitt und die Handlungen der Personen erklärt. Die eindringliche musikalische Untermalung von Nolans Haus- und Hofkomponist – wenn er auch bei „Tenet“ nicht zum Zuge kommt – Hans Zimmer tut ihr Übriges, um beim Zuschauer ein permanentes Gefühl des Unbehagens zu erzeugen.

Zu Lande, zu Wasser, in der Luft. Das ist zum einen die vereinfachte grundlegende Aufzählung der Bewegungsräume der drei Truppengattungen der meisten Armeen der Welt. In „Dunkirk“ sind dies aber sowohl auch die Orte, an denen sich die Handlung abspielt und außerdem lernen wir im weiteren Verlauf des Geschehens alliierte Soldaten aus des Heeres, der Marine und der Luftwaffe kennen. Sozusagen eine Dreifaltigkeit der Elemente, die im Zusammenspiel eine besondere Kraft hervorbringen. Um den Gedanken der klassischen Lehre von den Elementen fortzusetzen, fehlt als Katalysator nur noch das Feuer, welches im Film jedoch noch nicht als klar abzugrenzende Kraft erkennbar ist, sondern sich in Form der angreifenden deutschen Flugzeuge manifestiert. Durch das gemeinsame Wirken dieser Elemente entwickelt der Film eine ungeheure Dynamik und Kraft, auch ohne großes Schlachtgetöse.

Als Zuschauer werden wir Zeugen einer großen Flucht, bzw. dem Versuch einer solchen. Tausende von Soldaten harren am Strand von Dünkirchen aus, um in das ca. 70 km entfernte England gebracht zu werden. Die rettende Insel ist sogar vom Kontinent aus zu sehen, ist aber vorerst unerreichbar. So nah und doch so fern. Die Angst vor den Deutschen und die vermeintlich ausweglose Lage paart sich mit dem Gefühl des Scheiterns und der Niederlage gegen einen unterschätzten Gegner. Stellvertretend für alle Eingeschlossenen folgen wir dem einfachen Soldaten Tommy (der Name ist ganz sicher nicht zufällig gewählt) auf seiner Tour de Force vom Strand der Atlantikküste bis in die Heimat. Bis dahin gilt es aber noch einiges durchzustehen und zu ertragen. Das alles ist jedoch nicht stringent erzählt, sondern Nolan gelingt es, durch geschickte parallele Montagen den Film immer wieder neue Spannungsbögen zu entlocken und den Kinobesucher konstant auf Spannung zu halten und zu faszinieren.

Ein großes Stück Kino, gerade wenn man bedenkt, dass dieser „andere“ Nolan in einer Zeit entstand, in der es von Prequels, Sequels, Reboots und Remake in den Kinos nur so wimmelte. Der Mut, einen anderen Weg einzuschlagen und auch thematisch etwas zu wagen, machte sich bezahlt. „Dunkirk“ wurden von den Kritikern geliebt und auch die Zuschauer waren begeistert. Ein Einspielergebnis von weltweit rund 530 Mio. US-Dollar (Wikipedia) sowie div. Auszeichnungen und Preise, u.a. drei Oscars, sagen da auch schon einiges aus.

 

 

 

 

5 Gedanken zu “Dunkirk (2017)

  1. Damals extra zur Zweitsichtung ins IMAX gefahren, weil ich beim ersten schauen irgendwie gedacht habe, dass selbst die große Leinwand noch zu klein ist 😀 Großartiger Film mit smarten Ideen und audio-visuelles Meisterwerk, auch wenn mir Zimmers Tik-Tak irgendwann auf die Nerven ging 😀

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  2. Ja, dieses „Tik-Tak“ hat schon ziemlich an den Nerven gezerrt, was aber vermutlich durchaus von Nolan bzw. Zimmer bewusst eingesetzt wurde, um den Zuschauer noch mehr in die Handlung einzubinden.

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    • Ja, der Score hatte schon etwas von einer nicht enden wollenden Wurzelbehandlung. Aber hier darf mach durchaus Methode seitens Zimmer hinter vermuten. Es ging ihm sicherlich darum, die ständige Bedrohung, die Angst und den Stress der eingekesselten Soldaten auch akustisch umzusetzen.

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