Zwischen Leinwand und Fenster: Rear Window

Der Film beginnt in einer langen Einstellung. Die Kamera ist auf ein großes Fenster nach draußen gerichtet und es gehen langsam von links nach rechts die Jalousien hoch. Vorhang auf, die Show im Hinterhof kann beginnen!

In dieser Eröffnungsszene (Video-Beispiel 1) etabliert Hitchcock die Stelle, von der aus das kommende Geschehen beobachtet wird und er schlägt damit bereits die erste Brücke zum Zuschauer im Kinosaal, der gebannt auf die Leinwand blickt, die sich langsam hinter dem roten Vorhang hervortut.

Vor dem Fenster sitzt die Hauptfigur Jeff, gespielt von James Stewart, der auf Grund eines Unfalls an seinen Rollstuhl gefesselt ist, ähnlich wie wir das während der Laufzeit eines Filmes an den Kinosessel sind. Durch seine eingeschränkte Bewegungsmöglichkeit wird der professionelle Fotograf so sehr von seiner Langeweile durchfressen, dass ihm bloß der Blick nach draußen bleibt, um sich zu unterhalten. Während also im Film Jeff voyeuristisch durch das Fenster in das Leben seiner Nachbarn blickt, bietet uns die Leinwand ein voyeuristisches Fenster in das Leben fiktiver Menschen, an dem wir uns bespaßen und welches uns im besten Fall ein besseres Gefühl gibt.

Direkt zu Beginn schweift die Kamera im Hof umher, geradewegs so als suche sie nach etwas Interessantem zu erzählen. Dabei macht Hitchcock sofort schon etwas Geschicktes, denn nachdem wir kurz sehen, dass Jeff noch schläft, geht der Blick wieder nach draußen und nimmt daher nicht wie später im Film seine Wahrnehmung ein, sondern zeigt Bilder, die demnach exklusiv dem Zuschauer vorbehalten sind. Relativ schnell erfüllt Hitchcock unsere Schaulust und ertappt uns aber auch gleichzeitig dabei, wie wir die Nachbarin von gegenüber dabei beobachten, wie sie aus der Dusche steigt, ihren BH anzieht und leichtbekleidet Tanzübungen durchführt (Video-Beispiel 2). Damit nicht genug, erhaschen wir auch noch einen kleinen Einblick in das Leben unserer Hauptfigur, in dem sich die Kamera nun auch noch in seiner Wohnung umsieht und uns seine Habseligkeiten präsentiert. Anschließend ist Jeff wieder wach und das Geschehen wird fortan durch seine Augen verfolgt.

Im weiteren Verlauf des Films ist dieser nämlich besessen von dem Gedanken, dass etwas bei einem Nachbar-Ehepaar nicht stimmt und er wird sich zunehmend sicherer, dass der Mann die Frau umgebracht haben muss. Dabei macht Hitchcock deutlich, dass Jeff auch einen Teil seiner eigenen Wünsche und Ängste auf das Ehepaar projiziert, schließlich wird immer wieder seine eigene Abneigung gegenüber dem Gedanken, seine feste Freundin zu heiraten, thematisiert und wie er schon seit Längerem überlegt, sie zu verlassen.

Im Übrigen ein Prozess, der ebenfalls beim Kinozuschauer stattfindet. Ebenso, wie Jeff sich das Fenster der Thorwalds unterbewusst aussucht, um es intensiver zu beobachten, da er sich mit dem Paar identifizieren kann, so suchen wir als Zuschauer auf ähnliche Weise nach Filmen, in die wir nach Möglichkeit am besten Abtauchen können und uns vielleicht in einer Figur oder Situation wieder erkennen. Denn Filme sind eben dieses Fenster in unsere unterbewussten Träume, Fantasien und Wünsche, die nur auf der Leinwand erfüllt werden und zum Vorschein gebracht werden können und sich dadurch unsere voyeuristische Ader zu Nutze machen. Meist sind wir uns darüber aber gar nicht bewusst (daher ja auch unterbewusst), darum ist Hitchcocks „Rear Window“ auch so einzigartig, da er genau mit dieser Wahrnehmung spielt und den Zuschauer als Beobachter reflektieren lässt.

Ein Gedanke zu “Zwischen Leinwand und Fenster: Rear Window

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