Boogie Nights (1998)

  • Regie: Paul Thomas Anderson
  • Schauspieler: Mark Wahlberg, Burt Reynolds, Heather Graham
  • Genre: Drama
  • Land: USA

Wie schön, dass meine kinematographische Blase (oder auch „Bubble“ wie man neudeutsch sagt) mir immer wieder einmal die Chance gibt, mir einen galanten Einstieg in einen Beitrag zu ermöglichen. Mit der Frage, ob denn Pornofilme überhaupt Filme im strengen Sinne sind und ob sie zu einen eigenen Genre gehören, war die Saat gesät, um auch in diesem Monat ein schönes Oeuvre hinzukriegen. Also, um die Frage kurz zu beantworten:  vermutlich war der Pornofilm eines der ersten Filmgenres überhaupt, und zumindest im Hinblick auf die Anzahl an Produktionen, eines der ergiebigsten. Auch mit Blick auf den kommerziellen Erfolg muss sich der Pornofilm nicht verstecken, was umso erstaunlicher ist, da es bekanntermaßen kaum Menschen gibt, die jemals einen dieser „Schmuddelfilme“ gesehen haben. Außerdem ist das Pornogenre, was die (zumindest deutsche) Titelgebung angeht, an Kreativität und Mehrdeutigkeit nicht zu schlagen. Entsprechende Listen, die zuhauf im Internet kursieren, sprechen da für sich.
Auch wenn Pornofilme bereits seit vielen Jahren ganz überwiegend als DVD/Blu-ray bzw. virtuell als Stream im Internet zu finden sind, ist hier nach wie vor ein riesiges Business – in jedem Jahr erscheinen hierzulande 1000 neue Filme –  am Werk, das mit zehntausenden von Beschäftigten und traumhaften Umsätzen (allein in Deutschland sind es jährlich ca. 800 Millionen EURO) nicht nur die Damen und Herren vom Finanzamt befriedigt.

Weniger zufriedenstellend ist die Anzahl von Filmen, die einen Blick hinter die Kulissen des Business werfen und sich mit dem beschäftigen, was sich neben den nackten Tatsachen abspielt. Vermutlich galt es bei Filmemachern einfach als zu anrüchig, sich mit dem Thema näher zu befassen. Auf „Boogie Nights“ bin ich auch nur zufällig durch eine Podcast-Episode gestoßen, die sich mit den besten Filmen des kurz zuvor verstorbenen Burt Reynolds befasste. Die Handlung von Boogie Nights setzt zu einer Zeit ein, als Diskotheken noch nicht Clubs genannt wurden, die Hemdkragen breit waren und Pornofilme noch tatsächlich für das Kino (auf Film!) produziert wurden, die in den Rotlicht- und Vergnügungsvierteln der großen Metropolen zu finden waren und die jede Art von käuflichem Vergnügen boten. Im Jahre 1977 entdeckt Porno-Regisseur Jack Horner (!) durch Zufall in einem Club den Aushilfskellner Eddie, der allein schon durch die große Präsenz seiner körperlichen Merkmale zu überzeugen weiß. 30 cm können manchmal eben den „kleinen“ Unterschied machen.  Horner erkennt hier sofort großes „künstlerisches“ Potenzial und packt den Stier bei den Hörnern. Da auch Eddie um seine besonderen Vorzüge weiß und sich grundsätzlich zu Höherem berufen fühlt, werden beide sich schnell einig und der Einstieg in die Welt des „besonderen“ und „exotischen“ Films – so zumindest Jacks Eigenwahrnehmung als Regisseur – kann beginnen. Bevor Eddie aber richtig zuschlagen bzw. zustoßen kann, gilt es noch eine Kleinigkeit zu korrigieren. Wer würde schon einen Namen wie Eddie Adams im Gedächtnis behalten? Nein, da muss schon etwas Plakativeres her und so wird aus Eddie kurzerhand Dirk Diggler. Viel mehr als nur ein einfacher Name. Nein, das ist Bestimmung und Berufszeichnung in einem.

Mit Hilfe von Jack und einer festen Crew, die immer ihre Frau bzw. ihren Mann steht, avanciert Eddie/Dirk schnell zum Star der Branche. Auch wenn die Filme die immer bekannten Muster nur geringfügig variieren, versucht Jack durchaus, zumindest andeutungsweise, so etwas wie eine Handlung in seine Produktionen einzubauen, was jedoch durch die zwar ambitionierten, aber eben in ihren darstellerischen Mitteln begrenzten, Akteure nur im Ansatz gewürdigt wird. Immerhin gelingt es Jack jedoch, mit dem von Dirk dargestellten Charakter Brock Landers eine Art James Bond „mit der Lizenz zum Löten“ im Pornogenre zu etablieren. Mit zunehmender Popularität werden Dirks Autos teurer, die Partys größer und ausschweifender, Drogen aller Art werden zum Nahrungsersatz. Dirk umgibt sich mit den Leuten aus der Szene, schließt hier sogar private Freundschaften und genießt seinen Ruhm und seinen Reichtum in vollen Zügen. Aber schon bald ziehen Wolken im San Fernando Valley – dem Hollywood der Pornofilm-Industrie – auf.

Das ausschweifende Leben und der beständige Erfolg gehen natürlich auch an einer „Erotikkanone“ wie Dirk nicht spurlos vorüber. Der anfangs schüchterne Junge verwandelt sich in eine launische Diva, die während der Dreharbeiten gern einmal ausrastet und damit alle am Set gegen sich aufbringt. Viel schlimmer ist jedoch, dass sein treuer Freund, sein Handwerkszeug, ihn immer häufiger im Stich lässt und nicht mehr passend zum Drehbuch „Gewehr bei Fuß steht“. So dauert es nicht lange und Dirk wird immer häufiger durch einen jüngeren und vor allem potenteren Darsteller ersetzt und letztlich von Jack gefeuert. Hinzu kommt, dass sich auch das Erotik-Business mit Beginn der 1980er-Jahre wandelt. Durch Einsatz von Videotechnik, sowohl bei der Aufnahme wie auch bei der Wiedergabe der Filme, lässt sich viel Geld sparen, zumal es auch nicht lange dauert, bis günstige Video-Abspielgeräte in fast allen Haushalten stehen und auch die Kinos entsprechende umrüsten. Die damit geweckte riesige Nachfrage führt zu schnell und billig gefilmten Streifen, in denen vermeintliche „Amateure“ ihr Bestes geben. So muss auch Jack sich von seinen, für die Branche anspruchsvollen, Vorstellungen des Filmemachens verabschieden und sich den Bedingungen des Marktes unterwerfen.

Nach einem gescheiterten Versuch zusammen mit Freud Scotty als Rocksänger an alte Erfolge anzuknüpfen, gerät Dirks Leben vollends aus den Fugen. Er beginnt sich zu prostituieren, wird aber von einer Gruppe homophober Jugendlicher zusammengeschlagen. Als auch schließlich noch ein Raubversuch scheitert und in einer wüsten Schießerei endet, ist Derek am Ende. Reumütig kehrt er zu Jack zurück und beide versöhnen sich. Sie beschließen gemeinsam, Brock Landers wieder auf neue erotische Missionen zu schicken.

Die Handlung des Films liest sich zunächst einmal wie ein herkömmliche Schauspieler-Biopic, ist aber viel mehr. „Boogie Nights“ bietet einen – vermutlich einigermaßen – realistischen Einblick in ein Filmgenre, über das man in der Regel nicht viel erfährt oder auch nicht erfahren möchte. Aber die Welt des Porn scheint weit weniger verrucht und schmierig zu als, als es der Normalsterbliche gemeinhin annimmt. Man geht hier sehr vertraut und familiär miteinander um. Die Sorgen und Nöte der Crew unterscheiden sich in nichts von denen anderer Teams in anderen Berufsgruppen. Der Umgang untereinander ist so dermaßen professionell wie beim Teammeeting einer Rechtsanwaltsfirma. Als Zuschauer fühlt man sich nicht unwohl oder irgendwie peinlich berührt. Von Fremdschämen keine Spur. Es fühlt sich beinahe vertraut und heimelig an. Die Charaktere sind durchweg auf ihre Art sympathisch bzw. irgendwie besonders und speziell, was bei mir immer gut ankommt. Regisseur Anderson gibt den einzelnen Figuren auch genug Raum, sich zu entwickeln und einen eigenen Charakter zu formen und ermöglicht es dem Publikum, die Handlungen und die Gefühlswelt der einzelnen Protagonisten nachvollziehbar zu machen und zu verstehen.
Die beschriebene Feinzeichnung der Charaktere wird getragen von einem Cast, den man bei einem Film dieser Art nicht grade erwartet. Ein wahres Gipfeltreffen der großen Namen Hollywoods, mitunter in kleinen, aber niemals unwichtigen, Rollen. Neben Wahlberg und Reynolds sehen wir Julianne Moore, John C. Reilly, Heather Graham und Philip Seymour Hoffman, um nur einige zu nennen. Sie alle spielen famos und überaus glaubhaft. Besonders hervorheben möchte die hier die Leistung Burt Reynolds, der hier wirklich eine seiner absoluten Glanzleistungen abliefert. Der Super-Macho der 1970er-Jahre und Sexiest-Schnauzbarträger ever hat seine Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller mehr als verdient.

Sehr zu empfehlen ist auch der Soundtrack, auf dem alles zu hören ist, was in der Soul-, Funk- und RnB-Szene der Zeit Rang und Namen hatte. Und für alle, die schon immer mal wissen wollten, wo der Hammer hängt, sollten in den letzten Sekunden des Films ganz genau aufpassen.

7 Gedanken zu “Boogie Nights (1998)

  1. „Mit der Frage, ob denn Pornofilme überhaupt Filme im strengen Sinne sind…“
    Ich möchte an der Stelle betonen, dass die Anmerkungen in diese Richtung ausschließlich von unserem Doktor Prüde kamen. Ich distanziere mich davon 🙂

    Gefällt 2 Personen

    • Hm, da vielen mir einige andere Filme des Herrn Wahlberg ein, die des Schämens wert wären. Aber, ich muss schon sagen, eine durchaus abwechslungsreiche und überwiegend qualitativ hochwertige Filmografie hat der Mann schon. So richtige Griffe ins Klo sind eher selten dabei.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.