Biopics über Filmschaffende – Zwischen Heldensage und Faktenlage

Biopics über Filmschaffende sind immer so eine Sache. Will man wirklich hinter die Kulissen schauen? Will man wirklich die, oftmals ernüchternde, Wahrheit hinter dem Zauber eines Films kennen? Tatsächlich gibt es zu diesem Thema einige Filme auf dem Markt. Eine kleine Auswahl davon soll in diesem Beitrag vorgestellt werden. Dabei unterscheiden sich die ausgewählten Filme im Hinblick auf den gewählten Fokus, den Ton und die visuelle Gestaltung zum Teil deutlich voneinander. Konkret sollen die Filme „Hitchcock“ (2012), „Chaplin“ (1992), „Fritz Lang“ (2016), „Trumbo“ (2015) und „Gods and Monsters“ (1998) unter die Lupe genommen und miteinander verglichen werden.

Gute Biopics schaffen es, das Leben und Wirken der porträtierten Person auch für die Zuschauer interessant zu machen, die generell erst mal weniger mit der Materie anfangen können. So muss man nicht unbedingt ein großer Rennsport- oder Countryfan sein, um Filme wie „Rush“ oder „Walk the Line“ zu mögen. Aber wie ist das bei Biopics über Filmschaffende? Wird sich jemand, der sich nicht für Filme interessiert, einen Film über einen Schauspieler oder eine Regisseurin anschauen? Wahrscheinlich eher nicht. Deswegen werden Biopics über Filmschaffende in erster Linie Zuschauer ansprechen, die sich entweder für das Medium Film im Allgemeinen oder für einen bestimmten Künstler oder Film im Speziellen interessieren.

 

Hitchcock (2012)  – Eine Lovestory namens Psycho

In diesem Film spielt Anthony Hopkins den Master of Suspense, Alfred Hitchcock. Inhaltlich geht es in Sacha Gervasis Film im Grunde um die Entstehungsgeschichte des Films „Psycho“, der heute als finanziell erfolgreichster Film Hitchcocks gilt. Allerdings geht es dabei weniger um das handwerkliche Schaffen des Meisterregisseurs oder Einblicke hinter die Kulissen. Die gibt es durchaus auch. Viel mehr geht es jedoch um die Liebe zwischen Hitchcock und dessen Ehefrau Alma (gespielt von Helen Mirren), die gemeinsam mit ihrem Mann an dessen Drehbüchern arbeitete und ihm bei Dreharbeiten assistierte. Wie wichtig Alma für den Erfolg des realen Hitchcocks war, wird in Gervasis Film sehr schön gezeigt. Im Grunde ist „Hitchcock“ ein Liebesdrama, da die Ehe der beiden Filmschaffenden während der Arbeit an „Psycho“ auf Grund des großen Erfolgsdrucks und der widrigen Umstände zu zerbrechen drohte. Auf diesen Aspekt, bei dem es sich um eine wichtige aber zeitlich gesehen sehr kurze Episode aus dem Leben Hitchcocks handelt, richtet der Film seinen Fokus. Über den Werdegang des Regisseurs, sein Werk, seine Neurosen und sein oftmals als schwierig bezeichnetes Verhältnis zu seinen Hauptdarstellerinnen erfährt der Zuschauer wenig bis nichts. Insofern ist der Film auf jeden Fall unterhaltsam, auch wenn man als Zuschauer das Werk Hitchcocks oder gar „Psycho“ nicht kennt. Sollte man den Namen Norman Bates schon einmal gehört, die berühmte Duschszene noch vor Augen haben oder ein paar der beteiligten Darsteller/innen kennen, wird man zusätzlich mit ein paar Filmtrivia-Schmankerln unterhalten.

 

Fritz Lang (2016) – Ein Regisseur sucht einen Mörder

Ähnlich wie in „Hitchcock“, geht es in Gordian Mauggs „Fritz Lang“ weniger um das Leben und Wirken des titelgebenden Regisseurs, sondern um die Entstehungsgeschichte eines einzelnen seiner Werke. In diesem Fall geht es um den möglicherweise bedeutsamsten deutschen Film überhaupt: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ aus dem Jahr 1931. In dem schwarz-weiß gedrehten Film spielt Heino Ferch den deutschen Regisseur Fritz Lang, der in einer Mordserie die Inspiration zu seinem nächsten Film findet. Dabei geht „Fritz Lang“ sehr frei mit der Gestaltung der Handlung um, da der fiktionale Anteil der Geschehnisse recht hoch erscheint. Im Film reist Lang nach Düsseldorf, wo der reale Serienmörder Peter Kürten sein Unwesen treibt. Vor Ort beobachtet Lang das verängstigte und von Wut getriebene Verhalten der Bevölkerung und wie die Medien Öl ins Feuer gießen. Auch die Arbeit der Polizei fasziniert ihn. Vor allem aber entwickelt Lang ein Interesse für den Mörder und dessen Beweggründe. All diese Aspekte flossen letztendlich in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ tatsächlich ein. Somit befasst sich „Fritz Lang“ im Grunde mit denselben Kernfragen wie der Klassiker von 1931 und stellt damit einen interessanten Mix aus Kriminalfilm und Charakterdrama dar. Ob die Darstellung Langs, und vor allem die des Peter Kürten, in der gewählten Form den Tatsachen entspricht, darf jedoch stark bezweifelt werden.

 

Gods and Monster (1998) – Der fiktive Lebensabend des James Whale

Einen noch weniger faktentreuen Ansatz wählte Bill Condon in seinem Film „Gods and Monsters“ aus dem Jahr 1998, bei dem es sich um ein Biopic über den britischen Regisseur James Whale handelt. Whale war seinerzeit einer der gefragtesten Regisseure Hollywoods, der in den 1930er Jahren mit heute als Klassiker geltenden Filmen wie „Frankenstein“ (1931), „Frankensteins Braut“ (1935) oder „Der Unsichtbare“ (1933) große Erfolge vorzuweisen hatte. In „Gods and Monsters“ geht es jedoch um die letzten Wochen im Leben des Regisseurs. Whale, gespielt von Ian McKellen, lebt in den 1950er Jahren zurückgezogen und mit gesundheitlichen Problemen kämpfend in England. Seine Filmkarriere liegt lange zurück und seine Tage verbringt er zum Großteil mit der Malerei. Mit der Zeit entwickelt Whale ein besonderes Interesse für seinen attraktiven neuen Gärtner Clayton, gespielt von Brendan Fraser. Frasers Figur ist dabei rein fiktional und ohne Bezug zu einer realen Person aus Whales Leben. Die beiden Männer freunden sich jedenfalls an und Whale erzählt Clayton bei ihren regelmäßigen Treffen von seiner Karriere in Hollywood und einigen prägenden Ereignissen aus seinem Leben. Vor allem Whales Homosexualität, aus der der Regisseur nie ein Geheimnis machte, wird dabei thematisiert. Auf Grund dieser Erzählstruktur wird „Gods und Monsters“ zu einem wunderbaren Film über Freundschaft, und vor allem über einen Mann, der im Alter das verliert, was er sein Leben lang am meisten geliebt hat. Das macht den Film zu einem ergreifenden Biopic, das man als Zuschauer auch dann genießen kann, wenn man James Whale oder seine Filme gar nicht kennt.

 

Chaplin (1992) – Das Leben einer Hollywood-Legende

Anders als die bisher genannten Werke, wählt Richard Attenborough in seinem Film „Chaplin“ von 1992 einen eher ganzheitlichen Ansatz. Dort spielt Robert Downey Jr. den Komiker und Regisseur Charles Chaplin. Die Rahmenhandlung des Films stellt dabei ein Gespräch zwischen einem sehr alten Chaplin und dessen fiktionalem Verleger dar, der einige Fragen zum Manuskript der Autobiographie des Künstlers hat. Chaplin bleibt in seinem Buch nämlich in einigen zentralen Punkten sehr vage, worauf der Verleger nachhakt und Chaplin ihm einzelne Ereignisse seines Lebens genauer schildert. Die Erzählungen reichen von Chaplins Kindheit, über seine Ankunft in Hollywood als junger Mann und zeichnen die einzigartige Karriere des Komikers mit allen Höhen und Tiefen nach, die letztendlich im Exil endete. Dabei wird Chaplin keineswegs als Heiliger dargestellt, sondern auch als zuweilen schwieriger Zeitgenosse, der aus verschiedensten Gründen zu einem der einflussreichsten aber auch unbeliebtesten Männer Hollywoods wurde. Gleichzeitig feiert der Film aber auch das künstlerische Genie, das Chaplin eben auch war. Im Zentrum des Films stehen, neben den familiären und privaten Beziehungen, eben auch die zu Weggefährten aus dem Filmbusiness, was den Film für Zuschauer mit weniger Hollywood-Affinität möglicherweise an manchen Stellen zäh werden lässt.

 

Trumbo (2015) – Der verbotene Oscarpreisträger

Während der oben genannte „Chaplin“ die Rolle seines Protagonisten in verschiedenen gesellschaftspolitischen Epochen und Phasen ankratzt, geht Jay Roachs Film „Trumbo“ aus dem Jahr 2015 da deutlich weiter und beschäftigt sich mit einem der zahlreichen dunklen Kapiteln der amerikanischen Geschichte. In den 1940er und -50er Jahren nämlich wurden Bürgerrechte mal wieder mit Füßen getreten und Menschen verfolgt, die mutmaßlich Anhänger des Kommunismus waren. Menschen aus allen Lebensbereichen wurden denunziert und ihrer Lebensgrundlage beraubt. Unter anderem eben auch Filmschaffende, denen eine kommunistische Neigung nachgesagt wurde. Der Film erzählt beispielhaft für Millionen US-Bürger die Geschichte des Drehbuchautors Dalton Trumbo, der als einer der Hollywood Ten vom Komitee für unamerikanische Umtriebe auf die sog. Blacklist gesetzt wurde und damit keine Anstellung im Filmbusiness mehr finden konnte. Das hatte natürlich schwerwiegende finanzielle und familiäre Folgen. Trumbo schrieb unter einem Synonym weiter und gewann für zwei seiner Arbeiten einen Oscar, ohne dafür öffentlich gewürdigt zu werden. „Trumbo“ ist ein Film, der nicht nur die Situation in Hollywood, sondern die politisch-gesellschaftliche Lage einer ganzen Nation darstellt und somit das vielleicht bedeutsamste Werk unter den in diesem Beitrag vorgestellten ist. Problematisch dabei ist jedoch, dass Trumbo sehr einseitig als Opfer und Held porträtiert wird und seine tatsächlich fragwürdigen politischen Handlungen im Film nicht erwähnt werden.

 

Wie man sieht gibt es verschiedene Herangehensweisen, wie Biopics im Allgemeinen und solche über Filmschaffende im Speziellen gestaltet werden können. Während manche Werke einen eher faktenbasierten Ansatz wählen, sind andere mehr oder weniger fiktional. „Hitchcock“ oder „Fritz Lang“ behandeln die Entstehungsgeschichte eines einzelnen Werkes, während „Chaplin“ Leben und Karriere des porträtierten Künstlers in den Blick nimmt. All diese Darstellungsformen sind gerechtfertigt und haben ihre Vor- und Nachteile. Festzuhalten bleibt, dass Biopics keine Dokumentationen sind und niemals den Anspruch auf die objektive Wahrheit haben können. Im Sinne der Dramaturgie müssen immer Aspekte in den Fokus genommen, weggelassen oder abgeändert werden, damit am Ende ein den Zuschauer ansprechender, mehr oder weniger fiktionaler, Film entsteht. Und am Ende steht eben genau das: Ein Film.

 

 

 

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