Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (1971)

  • Regie: Rosa von Praunheim
  • Schauspieler: Bernd Feuerhelm, Ernst Kuchling, Dietmar Kracht
  • Genre: Sozialdrama/Dokumentarfilm
  • Land: Deutschland

Welch ein sperriger Titel für einen sperrigen Film, über ein – zumindest zu Zeiten der Veröffentlichung – sperriges Thema. Damals ein Skandalfilm, heutzutage in Teilen unfreiwillig komisch und amateurhaft, aber auf jeden Fall ein ungewöhnliches und wichtiges Stück Kino, das ganz sicherlich mit dazu beigetragen hat, dass das Schwulsein (hiermit ist für mich jede Art von gleichgeschlechtlicher Beziehung gemeint) inzwischen beinahe so selbstverständlich wie das morgendliche Zähneputzen geworden ist. Raus aus der gesellschaftlich zugewiesenen Schmuddelecke und hinein in das öffentliche Leben, willkommen Normalität.

Es ist aus heutiger Sicht nur schwer vorstellbar, dass der sogenannte „Schwulen- oder Unzuchtsparagraph“ (§175 Strafgesetzbuch), der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte und der noch aus der Kaiserzeit stammt, faktisch erst 1969 abgeschafft wurde. Allerdings verblieb er zunächst in den Gesetzbüchern formuliert, wurde jedoch nicht mehr ernsthaft verfolgt bzw. es wurde nicht mehr danach bestraft. Eine endgültige Streichung des Paragraphen erfolgte dann tatsächlich erst 1994.

Erstaunlich ist, dass der von den Nationalsozialisten in seinen Formulierungen noch verschärfte Paragraph, es textlich unverändert nach Zusammenbruch des Dritten Reichs und dem Ende des zweiten Weltkriegs in das Strafgesetzbuch der neuen Bundesrepublik schaffen konnte. Da müssen einige Gründungsmitglieder unseres Staates auf dem rechten Auge blind gewesen sein. Aber es ist ja eine durchaus bekannte Tatsache, dass sich die Spitze der drei staatlichen Gewalten (und nicht nur dort) zu einem nicht geringen Teilen aus Leute rekrutierte, die auch schon im „Tausendjährigen Reich“ (hierbei „nur“ im 988 Jahre verschätzt) an den entsprechenden Schaltstellen der Macht ihren Platz gefunden hatten und ein paar Stücke ihrer verschrobenen Ideen von „Rasse“, „Reinheit des Blutes“ und „Übermenschentum“ in die neue BRD retten konnten. Nicht umsonst lautete ein gängiger Slogan der deutschen Studentenbewegung der 1960er Jahre „Unter den Talaren – der Muff von 1000 Jahren“, der sich gegen die mangelnde Auseinandersetzung der Staatseliten mit der NS-Zeit richtete.

Aber nicht nur in der Justiz, sondern in allen Lebensbereichen hatten viele ehemalige Anhänger des braunen Gedankenguts rechtzeitig und oftmals unbemerkt ihre Gesinnung „gewechselt“, um so an der Gestaltung der Bundesrepublik mitwirken zu können, ohne für ihre in der Zeit von 1933 bis 1945 (eventuell) begangenen Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden zu sein.

Nachdem in Deutschland, bzw. im deutschen Film, das Thema Homosexualität zuvor meist nur sehr verschämt und zurückhaltend behandelt wurde, legten spätestens die streitbaren Vertreter der Studentenbewegung der Nachkriegsgeneration, die sogenannten „68er“, erneut Hand an dieses „heiße Eisen“. Zwar hatte es auch vorher immer wieder einmal zaghafte Versuche gegeben, gleichgeschlechtliche Beziehungen auch in der deutschen Kinolandschaft zu thematisieren, nur waren diese meist nicht von künstlerischem, geschweige denn finanziellen, Erfolg gekrönt. Filme wie „Anders als du und ich“ (1957) oder „Mädchen in Uniform“ (1959) erhoben entweder den moralischen Zeigefinger oder stellen die Lieber zwischen Männern noch als „heilbar“ dadurch da, dass nur die richtige Frau daherkommen musste, damit der Mann sich in sie verlieben konnte, um so seine „Neigung“ abzulegen. Bemerkenswert am erstgenannten Film ist, dass dieser von Regisseur Veit Harlan inszeniert wurde, einem der Günstlinge vor Reichs-Propagandaminister Josef Goebbels. Harlan war der Macher widerwärtiger Propaganda- und Durchhaltefilme (z.B. „Jud Süß“ und „Kolberg“) während der Zeit des Dritten Reichs. Zwar konnte sich der Regisseur nach dem Krieg von den Vorwürfen der Kollaboration und Vorteilsname mit Hilfe der Gerichte reinwaschen; final geklärt wurde seine Rolle während der NS-Herrschaft jedoch nicht.

Ab Mitte der 1960er-Jahre änderte sich dann einiges in der weltweiten Kinolandschaft. Filme transportieren Botschaften und Meinungen der Macher. Sowohl optisch, wie auch inszenatorisch wagte man sich an neue Bilder und Erzählweisen. Beflügelt vom künstlerischen und durchaus auch finanziellen Erfolg, wurden vermehrt jetzt auch kontroversere Stoffe auf die Leinwand gebracht. Unter der Prämisse „Kunst muss auch wehtun“ konfrontierte man das Publikum mit unangenehmen, unbequemen und bislang auch nur unter vorgehaltener Hand diskutieren Themen.

Von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle…“ beschreitet thematisch und auch in der filmischen Umsetzung, wenn nicht unbedingt völlig neue, aber durchaus andere und für das Massenpublikum gewöhnungsbedürftige Wege. „ Nicht der Homosexuelle…“ hat keine wirklich durchgehende Spielhandlung bzw. filmische Dramaturgie im klassischen Sinne, ist aber auch kein echter Dokumentarfilm. Die Darsteller, durch die Bank Laiendarsteller, die ihre Texte überwiegend improvisieren, halten sich in ihrem Spiel auch nur vage an die ebenfalls knappen Regieanweisungen des Regisseurs. Sofern man von einer Handlung sprechen kann, wird diese durch einen Sprecher aus dem Off erzählt, der die dann folgenden Spielszenen auch kommentiert und für den Zuschauer erklärt. Die „Story“ ist hierbei denkbar simpel und mutet zunächst wie ein herkömmliche Liebesgeschichte an: Der schwule Provinzler Daniel kommt nach Berlin, in der Hoffnung, hier ein freieres und erfülltes Leben führen zu können. Schnell lernt er Clemens kennen und beide verlieben sich in einander. Sie ziehen zusammen und versuchen ihren Traum von einem „normalen“ und einfachen bürgerlichen Leben zu verwirklichen. Allerdings zerbricht die Beziehung nach kurzer Zeit, da Daniel sich – angezogen vom Geld und dem schicken Umfeld – mit einem anderen Mann einlässt. Dieser sieht Daniel jedoch lediglich als Trophäe für sein Ego an und lässt den wesentlich jüngeren Mann schnell wieder fallen. Enttäuscht und frustriert von seinen Erfahrung in der großen Stadt, tritt Daniel daraufhin eine Reise durch alle Facetten der schwulen Subkultur Berlins an. Er trifft auf Transen, Transvestiten, Lederschwule und homophobe Durchschnittsbürger. Er lässt sich auf verschiedene One Nights Stands ein, immer auf der Suche nach dem großen Glück. Schließlich landet er in einer schwulen Wohngemeinschaft, in der – ganz dem Geiste der Zeit folgend – die Bewohner ihre Zeit mit Diskussionen über das Leben der Schwulen in der Gesellschaft verbringen. Als Fazit stellen sie für sich fest, dass sich nur dann etwas an ihrer Situation ändert, wenn man sich organsiert, um politisch aktiv zu werden und dadurch die Öffentlichkeit auf die Probleme homosexueller Menschen hinzuweisen, um so einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft anzustoßen.

So weit, so kurz. Mit einer Spielzeit von nur 67 Minuten gelang von Praunheim mit seinem Film damals die gesamte Republik gegen sich aufzubringen bzw. sich für ihn und die von ihm gezeigte Thematik zu interessieren. Es brach eine lebhafte Diskussion in den Medien und an den Stammtischen aus, die das Leben und die Probleme homosexueller Menschen zum Tagesgespräch machte. Dies hatten damals bislang nur der Fußball und der Krieg in Vietnam geschafft. Natürlich ereiferten sich wieder einmal die am meisten, die den „Skandalfilm“ gar nicht gesehen hatten, denn ein Kassenschlager wurde „Nicht der Homosexuelle…“ trotz der heftigen Diskussion und der damit verbundenen indirekten Werbung, nicht. Aber von Praunheim hatte sein Ziel erreicht: er wollte provozieren und so den Medien und der gesamten Bundesrepublik einen Diskurs mehr oder weniger aufzwingen, der schon viel früher hätte beginnen sollen. Der Regisseur stellt vordergründig ganz bewusst die meisten schwule Männer äußerlich so dar, wie sie dem damals gängigen Klischee entsprachen: jung, gutaussehend, stets auf dem aktuellen Stand der Mode und immer auf der Suche nach Sex. Egal ob gegen Bezahlung, auf die harte Tour oder einfach nur die schnelle Nummer im Toilettenhäuschen. So zumindest die bildliche Umsetzung im Film.

Als Kontrast hierzu wird aber durch die gesprochenen Texte in den Spielszenen bzw. den Off-Kommentaren, eine andere Tonalität angeschlagen. Hier geht es dann darum, wie sehr Schwule darunter leiden, vom Großteil der Gesellschaft als „anders“, „krank“ oder sogar „abartig“ angesehen zu werden, mit denen man „damals anders umgegangen“ wäre. Es geht darum, dass man auch als Schwuler Ängste und Sehnsüchte hat, die sich in nichts von denen der „normalen“ Menschen unterscheiden. Letztlich ist es die Suche nach der Normalität, nach einem Leben, das manchmal noch spießiger und angepasster sein kann als das eines Schrebergartenpächters mit Bausparvertrag.

Auch wenn der Film im Jahre 2020 schon sehr statisch und unbeholfen wirkt, die Darstellung der Schwulen arg überzeichnet, schon beinahe karikaturenhaft ist und die angesprochenen Probleme inzwischen sich entweder aufgelöst haben oder nur noch in abgeschwächter Form vorhanden sind, ist „Nicht der Homosexuelle…“ auch heute noch ein ganz wichtiger, zumindest aber ein interessanter und intensiver Film. Er trug maßgeblich dazu bei, dass ein Umdenken beim Thema Homosexualität in unserem Lande ausgelöst wurde. Auch wenn es viele Jahre gedauert hat und der Prozess ganz sicherlich noch nicht in allen Nuancen abgeschlossen ist, wurde schon sehr viel erreicht, um aus einer ehemals von vielen verachteten Randgruppe einen gleichrangig angesehenen Teil unserer Gesellschaft zu machen. Der Weg ist noch nicht zu Ende, ganz klar. Homophobie im Kleinen wie im Großen und Ressentiments gegen das Anderssein gibt es heute auch noch. Aber auch hier sind wir auf einem guten Wege.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich kein Soziologe bin und mir durchaus bewusst bin, dass das Thema Homosexualität im aktuellen Diskurs viele Befindlichkeiten, Stimmungen, Meinungen und Ansichten von einzelnen Personen und Gruppen, Gruppierungen, Vereinen und Vereinigungen jeglicher Couleur anspricht. Sollte ich an nicht jeder Stelle dieses Beitrags den richtigen Ton getroffen haben, geschah dies nicht, um die Gefühle anderer Menschen zu verletzen oder ihre Ansichten herabzuwürdigen zu wollen, sondern besten- (oder eben auch schlimmsten-) falls aus Unkenntnis der komplexen Gefühls- und Gemengelagen. Mir geht es um Filme, nicht darum, sexuelle Neigungen und Präferenzen auf- oder abzuwerten. Mir ist es gleich, wer wen wie liebt. Wichtig ist für mich, dass jeder sein/ihr Glück im Leben und in der Gesellschaft findet. Egal, mit wem man durchs Leben geht.

 

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