Filmvergleich (2): Bohemian Rhapsody (2018) vs Rocketman (2019)

Bei dem diesmonatigen Thema war uns hier bei Klappe! eines schnell klar: Ein Filmvergleich zwischen „Bohemian Rhapsody“ und „Rocketman“ drängte sich geradezu auf. Immerhin gibt es auf den ersten Blick einige Parallelen. Beide Filme drehen sich um Musiker, bei beiden handelt es sich um Biopics und die jeweiligen Sänger sind (beziehungsweise waren) homosexuell. Nachdem ich beide Filme bereits mindestens zweimal gesehen habe und auch sehr mag, hatte ich mir den Beitrag gleich mal unter den Nagel gerissen.

Begierig durchforstete ich meine Erinnerungen, immerhin ist die letzte Sichtung beider Filme beinahe ein Jahr her und ich war mir nicht sicher, inwieweit ich die Handlungen allgemein und die Darstellung von Homosexualität im Besonderen (immerhin soll hierauf bei diesem Vergleich der Fokus gelegt werden) noch im Kopf hatte. Erstaunlicherweise konnte ich mich noch ziemlich gut erinnern, konnte vor meinem inneren Auge ganze Szenen abspielen, und was das wichtigste war, auch auf emotionaler Ebene schienen die Filme haften geblieben zu sein. Durch diese Erkenntnis beflügelt, keimte in mir eine Idee auf, die ich schließlich hier zu „Papier“ bringe. Ich habe nämlich den Rewatch ausgelassen, und möchte stattdessen versuchen, diese beiden Filme lediglich anhand meiner Erinnerungen miteinander zu vergleichen. Einerseits, da es einmal was „anderes“ ist, andererseits, weil ich der Meinung bin, dass genau jene Elemente eines Filmes, die sich einem nach der Sichtung tief in das Gedächtnis brennen, jene sind, welche die Spreu vom Weizen trennen – die bald vergessene Massenware vom hellen Stern am Firmament.

Wie oben bereits erwähnt, soll es in diesem Vergleich vor allem um die Darstellung der Homosexualität der Hauptpersonen gehen, also darum, wie die beiden Filme diese Tatsache adressieren, behandeln und visualisieren. Um meinen Vergleich in diese Richtung lenken zu können, bleibt es aber nicht aus, dass ich ein paar Worte zur generellen Aufmachung der beiden „Kontrahenten“ verliere, denn bei all den oben bereits erwähnten vordergründigen Gemeinsamkeiten, unterscheiden sich die Filme doch in ihrer Inszenierung.
Da hätten wir auf der einen Seite „Bohemian Rhapsody“, der zwar streng genommen eigentlich ein Biopic über die Band „Queen“ sein sollte, aber bereits mit der ersten Einstellung klar macht, dass es hier vorrangig nur um einen geht: Freddie Mercury. Zwar spielen die anderen Bandmitglieder im Laufe des Films insofern eine wichtige Rolle, da sie zum engen Umfeld Mercurys gehören, aber wenn man ganz ehrlich ist, sind sie doch eher schmückendes Beiwerk. Dadurch hatte Bryan Singer die Möglichkeit, den Film als quasi Einzel-Biopic anzulegen und hier relativ brav, gesittet und ohne große Überraschungen die genretypischen Kernelemente Schritt für Schritt abzuarbeiten. Wir beginnen in der Gegenwart, der Künstler steht kurz vor einem Gig, der Musikgeschichte schreiben sollte, nach diesem kurzen Bild wird der Zuschauer aber auch schon in die Vergangenheit katapultiert, sieht dabei zu, wie Freddie seinen Weg aus der biederen Vorstadt hinaus und in das Leben eines Rockstars hinein findet, sieht ihn straucheln, immer weiter fallen, schließlich am Tiefpunkt aufschlagen, um dann wie ein Phönix aus der Asche wiedergeboren zu werden – sounds familiar?!
Dexter Fletcher, der übrigens auch bei „Bohemian Rhapsody“ ein wenig seine Finger im Spiel hatte, behandelt zwar auch viele der oben genannten Elemente (was will man auch machen, wenn so viele Rockstars offensichtlich relativ ähnliche Probleme mit sich herumschleppen), wählt allerdings dennoch einen etwas anderen Weg. Auch hier startet das Ganze in der Gegenwart, allerdings in einer Gruppentherapiesitzung, und auch hier springen wir nach einer kurzen Einleitung in die Vergangenheit. Doch Dexter gibt sich plötzlich nicht mehr mit dem geradlinigen Weg zufrieden – Musicalnummern werden eingeschoben, plötzlich tanzen die Menschen auf den Straßen, bei vielen Szenen verschwimmen die Grenzen zwischen Realität, Einbildung und Träumerei. Diese Einschübe sind aber nicht bloß schlichte Auflockerung, sondern enthüllen stets auch Sehnsüchte, Wünsche und Träume Elton Johns.

Man sieht somit, dass die Filme zwar viel gemein haben, sich aber doch in wichtigen Punkten voneinander unterscheiden. Ebenso ist es bei der Darstellung der Homosexualität.
Man könnte fast sagen „Bohemian Rhapsody“ wählt auch hier den sichereren Weg, beschränkt er sich doch alleine schon bei der bildlichen Darstellung eher auf Andeutungen – hier mal ein verstohlener Blick, da mal ein Kuss oder ein katergeprägtes morgendliches Erwachen neben einem fast nackten Mann. Doch nicht nur rein visuell wurde der Weg des geringsten Widerstandes gewählt, auch auf der erzählerischen Ebene wirkt alles fast schon ein bisschen zu zahm. Mercury wird als impulsiv, aufgedreht aber auch sensibel und verletzlich dargestellt. Die fehlende Anerkennung seiner Eltern, vor allem seines Vaters, scheint eine tief klaffende Wunde hinterlassen zu haben, die auch dazu beiträgt, dass die Tatsache, dass er homosexuell ist, ihn doch irgendwie zu belasten scheint, obwohl sein Umfeld eigentlich relativ gelassen mit dem Thema umgeht beziehungsweise es überhaupt nur selten explizit zur Sprache gebracht wird. So ist es dann auch nur logisch, dass der Film am Ende das Finden der großen Liebe mit der Anerkennung durch den Vater verknüpft. Ganz nach dem Motto, wenn du bereit bist, dich der Welt zu öffnen, dann wirst du nicht nur endlich einen Partner finden, sondern auch Anerkennung, und dich so schließlich auch selber akzeptieren und lieben können. Eine Botschaft, die zwar schön und gut ist, aber eigentlich etwas verdreht, denn bevor ich jemand anderen wirklich in mein Leben lassen kann, muss ich erst einmal mit mir selber halbwegs im Reinen sein. Aber gut, dass soll hier jetzt ja nicht in eine Psychologie-Vorlesung ausarten, immerhin ist „Bohemian Rhapsody“ bei weitem nicht der einzige Film, der das Finden der Liebe als großes Allheilmittel darstellt.

Kommen wir nun  also zu „Rocketman“, mit dessen Darstellung von Homosexualität manche vielleicht auf den ersten Blick ein paar Probleme haben dürften, der meiner Meinung nach seine Sache aber deutlich besser macht. Doch bevor wir zu der erzählerischen Ebene kommen, verliere ich auch hier kurz ein paar Worte zur rein visuellen Darstellung. Diese ist nämlich um einiges expliziter und anschaulicher als bei „Bohemian Rhapsody“ – da dürfen sich Egerton und Madden als Liebhaber, und später auch als Paar, schon mal lange und innig Küssen und sogar wild in den Laken wälzen, ganz so, als wäre es das Normalste auf der Welt. Und auch hier ergänzt sich die visuelle Seite perfekt mit der erzählerischen, denn auch hier geht „Rocketman“ den deutlich riskanteren Weg im Vergleich zu „Bohemian Rhapsody“. Das erkennt man schon allein daran, dass bei „Rocketman“ die homosexuelle Beziehung zwischen Taron Egerton als Elton John und Richard Madden als sein Agent John Reid über weite Teile der Handlung hinweg einen bedeutenden erzählerischen Stellenwert einnimmt. Und nicht nur das, die Beziehung der beiden zueinander ist auch noch eine sehr schwierige, beinahe schon toxische. Hier ist nichts mit heiler Welt: Elton ist ein Mann, der aufgrund der Zurückweisung durch seine Eltern sehr viele Probleme mit sich herumschleppt und große Angst davor hat, verlassen zu werden; Reid erkennt sowohl diese Schwäche als auch das große Talent, welches in Elton schlummert, und nutzt ihn in der Folge immer deutlicher aus. Manch einer könnte jetzt natürlich zu meckern beginnen „Eh klar, die schwule Beziehung wird natürlich total problematisch dargestellt“. Dem würde ich allerdings entgegenhalten, dass man erstens bei einem Biopic durchaus auch ein wenig an die wahren Begebenheiten gebunden ist (und wenn Elton John selbst diese Beziehung so wahrgenommen hat, wäre es schon reichlich dreist da plötzlich eine tolle Liebesgeschichte daraus zu machen) und zweitens ist genau diese Tatsache, dass sich die Verantwortlichen dazu entschieden haben, diese Beziehung so problematisch darzustellen, wie sie Elton John nun einmal scheinbar empfunden hat, etwas, das ich ihnen sehr hoch anrechne. Dass es für die Macher eben keine Rolle gespielt hat, dass es sich hier um ein homosexuelles Paar handelt, sondern sie alles einfach so zeigen, wie es vermeintlich war, mit all den guten und auch den schlechten Seiten. Dadurch wird übrigens auch das übergeordnete Thema und somit auch die Botschaft des Films eine andere: Auch Elton John findet am Ende endlich zur Liebe, aber zur Liebe zu sich selbst. Das er später auch noch einen wunderbaren Mann gefunden hat, mit dem er auch Kinder hat, wird dann nur mehr in einem Text vor dem Abspann erwähnt.

Abschließend möchte ich hier noch zwei Gedanken ausführen, die etwas allgemeinerer Natur sind und beide Filme gleichermaßen betreffen.
Einerseits möchte ich sagen, dass ich es sehr positiv empfinde, dass beide Filme die Anfeindungen, welche Elton John und Freddie Mercury sicher aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zumindest teilweise erdulden mussten, eher außen vor lassen und  Homosexualität lieber als etwas Normales, ganz Natürliches darstellen. Wer genauer wissen möchte, wieso diese Art der Darstellung gerade in unseren heutigen Zeit so wichtig ist, der sollte sich unbedingt den wirklich hervorragenden Beitrag meines Kollegen Ma-Go zu dem Thema durchlesen.
Andererseits möchte ich noch sagen, dass man sich natürlich fragen könnte, ob es überhaupt angebracht ist, diese beiden Filme auf diese Art und Weise miteinander zu vergleichen, immerhin ist es nicht so wie bei „Call Me by Your Name“ oder „Moonlight“, wo das homosexuelle Element eine vorherrschende Rolle spielt. Und ja, tatsächlich sind beide Filme zu aller erst und vor allem Werke, die zwei großen Künstlern und ihrer unvergesslichen Musik ein Denkmal setzen wollen – was beiden übrigens meiner Meinung nach hervorragend gelingt. Dennoch finde ich es wichtig und interessant zu sehen, wie Filmschaffende mit diesem Thema, dass so lange Zeit gesellschaftlich tabuisiert war, umgehen, denn meiner Meinung nach kann Kunst in einem hohen Maß zu einem besseren Verständnis beitragen, wodurch wir als Gesellschaft und Menschheit fähig sind, althergebrachte Vorurteile zu überwinden, hinter uns zu lassen und näher zusammenzurücken.

10 Gedanken zu “Filmvergleich (2): Bohemian Rhapsody (2018) vs Rocketman (2019)

  1. Ich finde beide Filme leider nur „gut“, aber das gilt nicht für die Darstellung der Homosexualität, denn da kann ich beiden kaum was vorwerfen. Klar, BR war viel zu zahm (bei Hetero-Rockern hätten wir bestimmt alle paar Minuten halbnackte Frauen präsentiert bekommen) und „Rocketman“ hätte den Kontrast zwischen Elton Johns Auftreten und der damaligen Zeit auch besser ausarbeiten können, immerhin hat es den Mann bestimmt geprägt. Allerdings hätte beides keinen wirklichen Mehrwert für die erzählte Geschichte. Somit machen die beiden Filme das Ganze schon ganz gut und ich bin da mit dir einer Meinung. Besser geht ja immer 😀

    Einzig zur Belehrung von Vollidioten nützt mehr Explizitheit. Ein älterer Herr im Kino bei „Bohemian Rhapsody“ hatte den Spaß seinen Lebens, nur bei Kussszenen hat er sich weggedreht und deutlich hörbar ausgeatmet 😀

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  2. Lese ich erst, wenn ich Rocketman auch gesehen habe. Ich mochte ja Bohemian Rhpasody, auch wenn ich die Sacha Baron Cohen Version gerne gesehen hätte. Die hätte das ganze Thema sicherlich viel provokanter aufgenommen

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      • Absolut. Aber gut, sie wollten halt lieber auf Nummer Sicher gehen. Irgendwo kann ich das auch verstehen. Zumal die Band selbst ja stark am Film beteiligt war. Jemand unabhängiges wie Cohen hätte da sicherlich sehr viel mehr gewagt

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