Über Viren im Film

Ich schreibe die Einleitung zu diesem Artikel inzwischen ungefähr zum dritten Mal. Zu veraltet und lächerlich mutet sie in der derzeitigen Situation schon nach wenigen Tagen an. Und genau das ist etwas, was die derzeitige Coronakrise so schwierig macht. Sie greift alles an, was wir als „Normalität“ empfinden. Unseren Alltag gibt es nicht mehr. Wir arbeiten von zu Hause, oder wir müssen weiterhin zur Arbeit, haben aber nun Angst davor. Wir sorgen uns um Eltern, Großeltern oder vorgeschädigte Freunde, vielleicht auch uns selbst. Vor allem aber wird uns vor Augen geführt, wie sehr der Mensch ein soziales Wesen ist. Treffen mit Freunden, um einander zu versichern, dass schon alles nicht so schlimm wird, Handschütteln, Umarmungen, Sex, all die Dinge, die für uns „normal“ und menschlich sind, nutzt nun ein unsichtbarer Feind auf perfide Art gegen uns aus. Sicherlich, er ist nicht der Erste, der das tut und sicher auch nicht der Schlimmste. Ist es allein das, was Viren so bedrohlich, so schrecklich für uns Menschen macht? Die Antwort darauf scheint trivial, dennoch kann sich ein genauerer Blick lohnen. In meinen Augen, spielen zwei Faktoren in ihrer Wahrnehmung eine Rolle.

Da ist einmal das Alleroffensichtlichste: Viren machen uns krank. Nun mag man völlig zu Recht einwerfen, dass Bakterien das auch tun. Vermutlich sogar in wesentlicherer Weise. Die Pest-Epidemien der Spätantike oder des Spätmittelalters (ausgelöst durch das Bakterium Yersinia pestis) etwa haben einen sichtbaren Knick in der Populationsentwicklung des Menschen hinterlassen und in Europa zu weitreichenden sozialen Änderungen geführt. Allerdings haben wir den Bakterien vor etwa 70 Jahren durch die Entdeckung von Antibiotika eine Menge Zähne gezogen. Auch sind wir das Zusammenleben mit ihnen „gewohnt“. Sie machen Joghurt, Käse oder Wein für uns. Sie sind wesentlich bei unserer Verdauung. Jeder von Euch trägt derzeit mehr Bakterienzellen mit sich herum als ihr Körperzellen habt (wobei die alte Schätzung vom Verhältnis 10:1 inzwischen angezweifelt wird). Wir leben nutzbringend oder wenigstens neutral (so lange wir gesund sind) mit ihnen zusammen. Und die weniger Neutralen formen dennoch unseren Alltag, weil sie Zähneputzen, Waschen oder wenigstens die Nutzung von Deodorant notwendig machen. Sie sind gar selbst anfällig für Virenbefall (Bacteriophagen). Vor allem aber leben sie, im selben Sinne wie wir. Haben ihren eigenen Stoffwechsel. Viren tun das nicht, sind wenig mehr als ein Stück Erbgut mit einer Proteinhülle, nicht vermehrungsfähig ohne eine Wirtszelle. Es zeigt wohl am besten wem wir misstrauen, dass ein Synonym für Pathogenität, also etwa die Gefährlichkeit eines Krankheitserregers, „Virulenz“ ist.

Das andere, was Viren beängstigend macht, ist ihre Ausbreitungsgeschwindigkeit. Exponentielles Wachstum ist etwas, womit sich das menschliche Gehirn recht schwer tut. Das macht die scheinbare Explosion von Infektionszahlen unheimlich. Aber auch faszinierend. So wurden Schadprogramme, die über den früher schnellstmöglichen Vektor, die Email, verteilt wurden, Computerviren getauft. Und heute sind Videos, Ideen, Memes oder Marketing „viral“. Verteilen sich an den Sammelplätzen der Social Media von einem „Infizierten“ zu tausenden weiteren. Und plötzlich ist „Gangnam Style“ weltberühmt. Sehen wir nun alle paar Tage Verdoppelungen der Infektionen, auch noch viral geteilt auf allerlei Social Media, natürlich, so erschüttert das unsere Sicherheit zusätzlich.

Diese Faktoren setzen auch Filme ein, die sich mit Viruskrankheiten befassen. Einer der modernen Klassiker darunter ist sicher Wolfgang Petersens ‚Outbreak‘ von 1995. Der Film entstand vor dem Hintergrund einer in Zaire (heute Demokratische Republik Kongo) ausbrechenden Ebola Virus Krankheit. Im Film bekommt es Dustins Hoffmans Virologe mit dem (fiktiven) mutierten Motaba-Strang des Virus zu tun, der sich grippartig ausbreiten kann, nachwievor aber schnell und qualvoll zum Tod führt. Dabei sehen wir typische Maßnahmen, wie wir sie derzeit auch in der Realität beobachten können. Die Kleinstadt des Ausbruchs wird weitgehend abgeriegelt, Ausgangssperren verhängt. Allerdings vertraut Regisseur Petersen in seinem Film immer wieder mehr auf klassische Thriller-Elemente, als dem eigentlichen Thema Spannung zuzutrauen. Immer wieder wird ein Element der „tickenden Bombe“ eingeführt. Sogar wortwörtlich. Und natürlich wird am Ende auch ein Ende gefunden, in Form eines Heilmittels. In der Realität wäre Hoffmans Charakter wohl vor allem mit der Einschränkung weiterer Infektionen beschäftigt gewesen, wie sie derzeit überall sehen können.

Einen realistischen Ansatz versucht auch Steven Soderbergh in ‚Contagion‘ von 2011. Anstatt sich an einem einzigen Charakter aufzuhängen verwebt er eine ganze Reihe zu einem verbundenen Netzwerk und wie dieses den Ausbruch erlebt. Gerade die Herkunft des Virus erinnert frappierend an die derzeitige Realität. Von einer Fledermaus über den Zwischenwirt des Nutztieres Schwein und die unzureichende Hygiene beim Umgang mit diesem wird der Virus auf die Menschheit losgelassen. Auch SARS-CoV-2 scheint, nach derzeitigem Erkenntnisstand, eine Zoonose von der Fledermaus zu sein. Möglicherweise mit dem Zwischenwirt Schuppentier (Pangolin). Fledertiere sind ein ideales Versuchslabor für Viren. Krankheitserreger übertragen sich in ihren, auf engstem Raum zusammenlebenden, Kolonien sehr effektiv. Daher liefern sie sich ein evolutionäres „Wettrennen“ mit diesen, indem sie ein sehr effektives Immunsystem ausbilden. Ein Virus, das durch die „harte Schule“ Fledermaus gegangen ist, wird mit dem Immunsystem neuer Wirte oft leichtes Spiel haben. Hier ist der Film allerdings nicht hellseherisch, sondern bezieht sich auf den SARS Ausbruch von 2002/2003, der von der Fledermaus über eine Schleichkatzenart auf den Menschen übertragen wurde. Auch im späteren Verlauf behält er seine bodenständige Erzählweise, mit typisch soderberghscher Distanz, bei. Offizielle lassen sich durch persönliche Beziehungen zu Fehlern verleiten, rücksichtslose Scharlatane nutzen die Angst der Bevölkerung aus. Auch hier muss natürlich wieder ein Ende gefunden werden und da leidet der Realismus vielleicht doch etwas. Ein schnell gefundener, nur halbwegs getesteter Impfstoff mag noch angehen, aber die anschließende Geiselnahme und ähnliches ist dann doch sehr der Filmdramatik geschuldet.

Gehen wir in eine andere Phase des Ausbruchs. In ‚28 Days Later‘ verrät bereits der Titel, dass wir uns bereits vier Wochen im Ausbruch des „Wut“-Virus befinden. Unser Protagonist hat den im Koma verpasst und muss sich nun, als unser Stellvertreter, im unter Quarantäne gestellten und von wutinfizierten Rasenden wimmelnden Großbritannien zurechtfinden. Die Premiere von ‚28 Days Later‘ fiel ziemlich genau auf den Zeitpunkt, als die ersten SARS-Fälle bekannt wurden. Der virale Aspekt des Films erhielt daher eine große Aufmerksamkeit. Tatsächlich beruht der Ausbruch dort auf einem Element, das auch in der derzeitigen Situation schnell als Verschwörungstheorie auftauchte. Tierschützer befreien hier eine Gruppe Affen, die absichtlich mit dem als Kampfstoff gezüchteten Virus infiziert wurden. Der zentrale Punkt aber, an dem die Erzählung von ‚28 Days Later‘ und auch seine Fortsetzung ‚28 Weeks Later‘ interessiert ist, ist der Umgang der Nichtinfizierten mit der Plage. Hier zeigt er einen Zusammenbruch moralischer Werte und Vorstellungen. Diesen moralethischen Umgang mit einer scheinbar unaufhaltsamen Seuche finden wir auch in Filmen wie ‚Carriers‘ (2009) oder ‚It Comes At Night‘ (2017), oder in noch limitierterer Weise in ‚Pontypool‘ (2008). Doch was ‚28 Days Later‘ vor allem war, war ein Schuss Adrenalin in den rottenden Körper des Zombiefilms.

Denn, machen wir uns nichts vor, das ist was die Rasenden in dem Film letztlich sind. Willenlose Zombies mit dem Ziel der Vernichtung. Ich bin mir sicher, ‚28 Days‘ war sicher nicht der erste Film, der Zombies zu einer Virusübertragenen Krankheit gemacht hat (das war vielleicht(!) ‚Rabid‘ (1976)). Dieses Erbe ist insbesondere bei einem Film wie ‚World War Z‘ sichtbar, der sich sehr mit der Logistik der Ausbreitung und dem Verhalten der Infizierten/Zombies beschäftigt. Etwas sicherer bin ich mir aber, dass die Vampire schon vor den Zombies „infiziert“ waren. Bereits in den 60ern mit der Romanverfilmung ‚Last Man on Earth‘ (1964) waren die Vampire im Feld der „wissenschaftlich“ erklärten Seuchetheorie angekommen. Gotteslästerung oder Magie wirkten als Gründe veraltet. In den 80er und 90er Jahren vor dem Hintergrund des sich rapide ausbreitenden HIVirus wirkten sie dadurch wieder zeitgemäßer denn je.

Und damit kommen wir zur letzten Phase, wenn bereits alles zu spät ist und das Virus gewonnen hat. In Terry Gilliams wunderbarem ‚12 Monkeys‘ (1995), in dem Bruce Willis Charakter mittels Zeitreise aus einer Welt, in der die kläglichen Überreste der Menschheit unterirdisch leben, versucht die Seuche zu verhindern, bevor sie passiert. Auch hier scheint eine Gruppierung hinter dem Auslösen der Seuche zu stecken, die Armee der 12 Monkeys. Wobei „scheint“ hier ein wichtiges Wort ist. Doch macht diese Idee des kreierten Virus, der von Menschen geschaffen wurde, die in so vielen Filmen vorkommt deutlich, dass wir möglicherweise dazu neigen, die Natur und ihre Fähigkeiten uns ganz ohne unsere Hilfe umzubringen zu unterschätzen.

In Alfonso Cuarons ‚Children of Men‘ von 2006 ist es eine schwere Grippewelle in den frühen 2000ern zusammen mit einer unbekannten Seuche, die dafür sorgt, dass keine Kinder mehr geboren werden, die zu einer Menschheit führt, die lethargisch-depressiv in ihr sicheres Ende schreitet. Sämtliche Regierungen mit Ausnahme von Großbritannien und Angola sind zusammengebrochen, ein Großteil der Erde verstrahlt. Das Ende ist nah, Hoffnung bestenfalls dünn gesät. Für unsere derzeitige reale Situation würde ich, aufgrund des derzeitigen Gebots zu Hause zu bleiben, eher vermuten, dass wir in neun Monaten eine starke Zunahme der Geburtenrate beobachten werden. Sicherlich die Art von Ausnahmezustand, auf die sich die Krankenhäuser lieber vorbereiten.

Einen anderen Ansatz wählt der Film ‚The Cure‘ von 2017. Auch hier hat eine Zombie-Epidemie stattgefunden allerdings wurde, der Titel lässt es erahnen, ein Heilmittel gefunden. Der Film beschäftigt sich mit der Reintegration der früheren Zombies in die Gesellschaft, die sich, wenig überraschend, als schwierig gestaltet. Das ist der bislang einzige in diesem Artikel genannte Film, den ich nicht kenne, doch die Prämisse klingt spannend genug, dass er sich eine Erwähnung verdient.

In H.G. Wells oft verfilmten ‚Krieg der Welten‘ von 1898 sind es am Ende zwar nicht Viren sondern Bakterien, die die außerirdischen Invasoren zu Fall bringen, doch das ihre Macht von „the humblest things that God, in his wisdom, has put upon this earth“ gebrochen wird, lässt uns an Viren denken. Und uns Fragen, wie zum Beispiel ob irdische Krankheitserreger mit einer völlig fremden Physiologie überhaupt interagieren könnten, beiseiteschieben. Natürlich war das Ganze ein satirischer Seitenhieb und eine Warnung an das britische Empire von Wells, doch funktioniert es auch als eine Erinnerung, dass Viren nicht unsere Feinde sind. Als Bacteriophagen können sie uns bei der Bekämpfung von antibiotikaresistenten Bakterien helfen. Als onkolytische Viren bei der Behandlung von Krebs.

Doch wie alle Bakterien, Pflanzen, Tiere oder Pilze sind sie weder unsere Freunde noch unsere Feinde, sie sind schlicht eine Tatsache der Welt in der wir leben. Es kommt darauf an wie wir als Gesellschaft mit diesen Tatsachen umgehen. Wir werden sehen, wie die Nach-Corona-Gesellschaft sich auf ähnliche zukünftige Szenarien einstellt. Bis dahin bleiben uns Filme.

 

Unser Gastautor Andreas schreibt, wenn er nicht gerade im Keller mit gefährlichen Viren herumexperimentiert, auf seinem Blog Filmlichtung regelmäßig über Filme und alles was dazu gehört.

11 Gedanken zu “Über Viren im Film

  1. Hat dies auf filmlichtung rebloggt und kommentierte:

    Hallo Leserinnen und Leser,

    für die April-Ausgabe von Ma-Gos Filmmagazin Klappe! habe ich über Viren im Film geschrieben. Wenn Ihr das lesen wollt ist hier Eure Chance! Ich empfehle aber dringend auch (oder vor allem?) die anderen Beiträge der gelungenen Ausgabe anzusehen!

    Gefällt 1 Person

    • Mensch, da wir den nicht auf der Agenda hatten…..War damals ein ziemlich großes Ding. Berichte mal, wenn du durch bist.
      Mir fällt in diesem Zusammenhang noch „Smog“ von 1973 ein. Geht zwar nicht um eine Pandemie, aber um einen durch Luftverschmutzung verursachten Ausnahmezustand. Von Wolfgang Petersen 😊

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        • So, hier mal die versprochene Zusammenfassung von DIE HAMBURGER KRANKHEIT.

          BRD/Frankreich 1979
          Regie: Peter Fleischmann
          Mit Helmut Griem, Carline Seiser, Ulrich Wildgruber, Fernando Arrabal, Rainer Langhans, Tilo Prückner, Romy Haag und vielen anderen

          In Hamburg bricht eine mysteriöse Seuche aus: Leute fallen von einem Moment zum nächsten um, nehmen eine verkrümmte Embryo-Haltung ein und sterben in kürzester Zeit, und die Fallzahlen steigen rasant. Die Mehrzahl der Wissenschaftler und die Politik glaubt an ein hochansteckendes Virus, und so werden die entsprechenden Maßnahmen angeordnet: Strenge Quarantäne für alle Kontaktpersonen und zwangsweise Immunisierung der gesamten Bevölkerung.

          Ein Arzt und Wissenschaftler (Griem), der nicht so recht an die Virustheorie glauben will, ein impulsiver Würstchenverkäufer (Wildgruber), ein rollstuhlfahrender Giftzwerg (Arrabal) und eine naive junge Frau (Seiser) entfliehen gemeinsam dem zum Tollhaus gewordenen Hamburg und machen sich, meist per Auto, auf zu einer Odyssee von Nord nach Süd durch die gesamte Republik, wobei sich weitere Reisegenossen anschließen. Doch überall, wo sie hinkommen, werden sie vom Virus (wenn es denn eines ist) und den staatlichen Zwangsmaßnahmen bereits empfangen …

          Peter Fleischmann ging es nicht um eine realistische Beschreibung einer Epidemie wie etwa Soderbergh in „Contagion“, sondern „Die Hamburger Krankheit“ ist ein dystopischen Katastrophen-Drama mit leichtem Science-Fiction-Einschlag und surrealen Anklängen. Trotzdem gibt es Szenen, die einem heute bekannt vorkommen. Unter den Darstellern ragt für mich Wildgruber heraus, Fleischmann hat aber auch, wie schon in seinen früheren Spielfilmen, viele Laiendarsteller eingesetzt. Der gelungene Soundtrack stammt von Jean-Michel Jarre, der dafür Stücke seiner Alben Oxygène und Equinoxe benutzte.

          DIE HAMBURGER KRANKHEIT ist auf DVD erschienen und bei Vimeo als kostenpflichtiger Stream abrufbar. Ausführliche Besprechung von mir:

          https://whoknowspresents.blogspot.com/2020/04/deutschland-im-wurgegriff-des-virus-oder.html

          Gefällt 1 Person

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