Filmvergleich (1): Contagion (2011) vs. Outbreak (1995)

Die Corona-Krise hält derzeit fast die komplette Welt in Atem. Oder besser gesagt, sie raubt der Welt den Atem. Die verzweifelten Maßnahmen wie Kontaktsperren, Ausgangsverbote, das beinahe vollständige Herunterfahren des öffentlichen Lebens, sowie die beängstigend schnell ansteigende Infektions- und Todeszahlen wirkten vor wenigen Tagen noch wie ein Szenario aus einem Film. Tatsächlich gibt es einige Filme, in denen wir Dinge aus unserem aktuellen Alltag wiedererkennen. Zwei der bekanntesten sind wohl Wolgang Petersens „Outbreak“ aus dem Jahr 1995 und „Contagion“ von Steven Soderbergh aus dem Jahr 2011. In beiden Filmen geht es um den Ausbruch einer Virus-Pandemie und wie die Menschen versuchen, einer weiteren Ausbreitung entgegenzuwirken. Doch auch wenn die Filme sich inhaltlich durchaus ähneln, unterscheiden sie sich in einigen anderen Punkten ganz erheblich. Wir haben beide Filme unter die Lupe genommen und kritisch miteinder verglichen.

Die Filmdaten:

Contagion Outbreak
Regie Steven Soderbergh Wolfgang Petersen
Schauspieler Matt Damon, Laurence Fishburne, Marion Cotillard, Jude Law Dustin Hoffman, Rene Russo, Morgan Freeman
Genre Thriller, Drama Thriller, Action

 

1. Fokus

Steffelowski:

Auch wenn beide Filme grundsätzlich das gleiche Thema (Ausbruch einer Viruserkrankung und deren Folgen) behandeln, ist die jeweilige Herangehensweise doch sehr unterschiedlich. „Outbreak“ ist in jedem Fall der konventionellere und leichter zu konsumierende Film. Die Dramaturgie folgt dem klassischen Muster, inklusive der Jagd des Helden nach einem MacGuffin (hier ein Affe, der den „Urvirus“ in sich trägt), die Charaktere sind klar nach Gut und Böse getrennt und für den Zuschauer auch sofort als solches erkennbar. Natürlich darf auch ein „Mann-Frau-Ding“ nicht fehlen. Dieses nimmt aber glücklicherweise nicht allzu viel Raum ein. Da kommt „Contagion“ schon ein wenig unkonventioneller daher. Hier wird mehr auf Realismus gesetzt, teilweise hat das Ganze schon semi-dokumentarische Züge. Gerade vor dem Hintergrund der derzeitigen „Corona-Lage“ hatte der Film auf mich persönlich eine größere Wirkung als „Outbreak“. Wobei, für sich betrachtet, ist „Outbreak“ ein gut gemachter spannender Thriller. Aber eben auch nicht mehr.

Ma-Go:

Beide Filme unterscheiden sich für mich hauptsächlich deutlich darin, wie sie ihren jeweiligen inhaltlichen Fokus ausrichten. Während es in „Outbreak“ um den Ausbruch und die Folgen in Amerika geht, wählt „Contagion“ einen globalen Ansatz. Generell spricht mich Soderberghs Herangehensweise mehr an, da er irgendwie besser in die heutige, von Globalisierung geprägte, Zeit zu passen scheint. Dennoch finde ich „Contagion“ an manchen Stellen fast ein bisschen überladen. Einzelne Aspekte, die aus meiner Sicht sehr interessant gewesen wären, kommen ein bisschen kurz oder werden nur angekratzt. Hier hätte eine (Mini)serie vielleicht besser zur Thematik gepasst, da die einzelnen Handlungsstränge besser und tiefer hätten ausgearbeitet werden können. Das Arbeiten der Behörden, um die Ausbreitung einzudämmen und einen Impfstoff zu entwickeln, die Auswirkungen auf Familien und Zivilisten, wie einzelne versuchen, aus der Krise Kapital zu schlagen oder das politische Tauziehen hinter den Entscheidungen hätten da sicher mehr als genug Stoff geboten, um ein paar Folgen zu füllen.

Ainu:

Wie mein Kollege Ma-Go ja bereits angemerkt hat, fokussieren sich die beiden zu vergleichenden Filme auf gänzlich unterschiedliche Dinge. Das beginnt einerseits beim Handlungsspielraum, während „Outbreak“ die Krise örtlich auf eine einzige Stadt begrenzt, die es abzuschotten und zu retten gilt, wählt „Contagion“ den weitläufigeren Blick und versucht eine globalere Rundumschau der Ereignisse wiederzugeben, auch wenn eine etwas stärkere erzählerische Orientierung Richtung Amerika sicher nicht von der Hand zu weisen ist. Doch nicht nur in diesem Punkt ist der Fokus ein anderer, auch bei den Protagonisten geht man, auch bedingt durch die Unterschiede im Aufbau, unterschiedliche Wege. Auf der einen Seite haben wir bei „Outbreak“ einen klar umrissenen Pool an Akteuren, einen Helden, seine Ex, das böse Militär, alles schön übersichtlich und leicht verdaulich. Bei „Contagion“ haben wir dagegen zwar Matt Damons Charakter als Angelpunkt, daneben aber eben auch Marion Cotillard, Laurence Fishburne, Jude Law und viele mehr, die alle dafür sorgen sollen dem Zuschauer ein möglichst facettenreiches Bild bieten zu können, was Verhaltensweisen, Motivationen und Konsequenzen betrifft.

 

2. Style und Ton

Ma-Go:

Was mich an „Outbreak“ enorm gestört hat, war dieser unverkennbare 90er Jahre Style. Nun kann man dem Film diesen nicht so richtig vorwerfen, immerhin erschien er 1995 und damit eben genau da. Trotzdem gab es im Film einige Dinge, die mich aus heutiger Sicht einfach gestört haben. Sei es Cuba Gooding Jr., der als nerviger Comic Relief herhalten muss, oder die halbgaren One-Liner, die auch nie so richtig zünden wollen. Verfolgungsjagden in Hubschraubern und knackige Explosionen gibt es natürlich auch in aktuellen Filmen noch. Aber hier wirkt das auf mich alles irgendwie lahm und unfreiwillig komisch. Oder ging das nur mir so?

Steffelowski:

Lieber Ma-Go: wo du recht hast…. Die 90er Jahre sieht man dem Film leider wirklich ziemlich an. Eben ganz eindeutig ein Kind seiner Zeit. Im Vergleich zu heutigen Produktionen wirkt da so manches dann recht zahm, lahm und nicht selten – wie du selbst schon geschrieben hast – unfreiwillig komisch. Viele Filme altern – aus heutiger Sicht – einfach schlecht. Aber das hat man irgendwann ganz sicher auch über Produktionen anderer vergangener Jahrzehnte gesagt und wird es auch über die Filme der 2020er Jahre sagen. Ich tue mich auch meist mit einer objektiven Bewertung schwer, wenn Machart und Look eines Films einfach „uncool“ wirken. Also, auch was Style und Ton angeht, hat „Contagion“ hier die (virenverstopfte) Nase vorn. Ist aber natürlich auch der neuere Film.

Ainu:

Wofür bereits beim Fokus der Grundstein gelegt wurde, das setzt sich auch beim Style und Ton weiter durch. Schauen wir uns doch zunächst einmal „Outbreak“ an, ein typisches Kind seiner Zeit, wie man sagen könnte. Hier sind die Fronten noch klar, auf der einen Seite die Bösen: die todbringenden Viren (treffend im deutschen Titel gleich mal als „lautlose Killer“ gebrandmarkt), die gleich auch noch ein wenig Unterstützung vom Militär bekommen (immerhin war es damals gerade en vogue so zu tun, als wollten die Streitkräfte am liebsten alles auf dieser Welt in eine Waffe verwandeln, oder sonst halt das ganze Dorf wegbomben, um die Ausbreitung zu verhindern); auf der anderen Seite: die strahlenden Helden in den gelben Schutzanzügen, Wissenschaftler, die nicht nur die Entwicklung eines Gegenmittels in Angriff nehmen und sich um jeden Infizierten bemühen, sondern sich auch noch einen heroischen Schlagabtausch mit dem Militär liefern. „Contagion“ kommt dagegen schon beinahe sachlich um die Ecke, die Helden werfen sich hier kaum jemals vor die sprichwörtliche Kugel, sondern sitzen zumeist in Konferenzräumen oder Laboren und versuchen einen Impfstoff zu entwickeln, die Bürger sind nicht alle Opfer, sondern plündern auch mal oder versuchen Profit aus der Sache zu schlagen, und das Virus ist kein böser Schurke mehr, sondern einfach nur eine Tatsache. Natürlich bleiben auch hier ein paar dramaturgisch überspitzte Heldentaten nicht aus, dass gebietet ja quasi schon das Einmaleins des Drehbuchschreibens, aber dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass Soderbergh selbst in solch vermeintlich heroischen Szenen nie den nüchternen Blick ganz aus den Augen verlieren möchte.

 

3. Atmosphäre

Ainu:

Meinen Ausführungen zu den ersten beiden Punkten folgend, wo ich „Contagion“ einerseits als weniger auf einen Charakter fokussiert und andererseits als „nüchtern“ und „sachlich“ bezeichnet habe, müsste der „Punkt“ Atmosphäre ja nun eigentlich an „Outbreak“ gehen – dem ist aber nicht so. Gerade die nüchterne, sterilere Herangehensweise Soderberghs erzeugt für mich während der Sichtung ein äußerst beklemmendes Gefühl, eine angespannte Atmosphäre, die sich immer tiefer hineinfrisst, je länger der Film dauert. Gerade dadurch, dass hier keiner mit Onelinern um sich wirft, kein theatralischer Kampf gegen das Böse ausgefochten wird, geht der Film umso mehr an die Nieren. Und durch diesen beinahe schon trostlosen Blick, stechen die lichten Momente umso deutlicher heraus, wenn zum Beispiel Damons Charakter versucht seiner Tochter einen improvisierten Abschlussballtanz mit ihrem Schwarm zu ermöglichen, dann ist das genau die richtige Art, um das Aufflackern von Liebe und Menschlichkeit selbst in den dunkelsten Stunden zu repräsentieren. Ich bevorzuge hier ganz klar diese Art von Atmosphäre, die einem tief unter die Haut geht und nicht nach dem Ende des Abspanns schon wieder vergessen ist, so wie es nach „Outbreak“ der Fall bei mir war. Klar, auch hier unterscheiden sich die Filme sehr deutlich voneinander, und klar, wer lieber auf halbwegs intelligente Action, ein bisschen Theatralik, lautstarke Auseinandersetzungen und in den Raum geworfene Oneliner steht, der wird mit der Herangehensweise von Petersen sicher größere Freude haben.

Ma-Go:

„Outbreak“ ist auf jeden Fall der actionlastigere Film. Das ist prinzipiell erst mal nicht schlecht. Das größte Problem des Films ist meiner Meinung nach, dass er mit zunehmender Dauer immer mehr in einfaches Gut-gegen-Böse-Schema abrutscht. Es gibt das böse Militär, das das Virus nicht vernichten will, da man es als Waffe nutzen möchte und es gibt die guten Wissenschaftler, die Menschenleben retten wollen. Mittendrin Dustin Hoffman, der den Bösen das Handwerk legen und im entscheidenden Showdown auch noch seine Exfrau retten muss, die er natürlich immer noch liebt. „Contagion“ gefällt mir was das angeht wiederum besser, da es hier eigentlich kein Gut und Böse gibt, von Jude Laws Figur vielleicht mal abgesehen. Das Virus ist eine Laune der Natur und die Verbreitung eine unaufhaltsame Kette von Zufällen und unglücklichen Umständen. Was dann in der Folge passiert, ist das Ergebnis aus Angst und Unwissenheit. Trotzdem muss ich gerade die Emotionalität in „Contagion“ auch kritisieren, da mir der Film fast schon zu steril ist. Gerade Matt Damons Figur hätte da vielleicht schon ein bisschen mehr Gefühl zeigen können.

Steffelowski:

Wie schon unter 1. beschrieben, schneidet „Outbreak“ im direkten Vergleich eindeutig schlechter als „Contagion“ ab. Das liegt sicherlich auch an der einigermaßen überschaubaren und leicht zu erahnenden Handlung. Das Virus dient eher als Vehikel für eine Verfolgungsjagd mit Mundschutz. Das ist spannend und unterhaltsam umgesetzt, bleibt am Ende aber doch recht beliebig und vorhersehbar. „Contagion“ punktet durch eine authentische Auseinandersetzung mit dem Thema Pandemie und den glaubhafteren Figuren, inklusive Matt Damons Charakter, an dem ich, im Gegensatz zu Ma-Go, nichts auszusetzen hatte.

 

Die Schlussplädoyers:


Ainu:

Für mich hat „Contagion“ somit eindeutig die Nase vorn, weil er mich mehr bewegt, weil er länger nachhallt und einen Weg beschreitet, den bisher nur wenige Filme des Genres gewählt haben. „Outbreak“ ist hingegen so etwas wie die Fast-Food-Variante des Ganzen, ein netter kleiner Happen, den man Zwischendurch mal konsumieren kann, der aber kaum Nährwert oder Ballaststoffe bietet und deswegen schnell wieder verdaut ist.

Steffelowski:

Obwohl „Outbreak“ mehr Action und Spektakel bietet, würde auch ich immer „Contagion“ als „Virus-Film“ bevorzugen, weil er einfach der interessantere und ernsthaftere Film ist. Hierbei ist meine Sichtweise aber ganz sicherlich von den aktuellen und sich täglich ändernden Ereignissen rund um Corona geprägt.

Ma-Go:

Insgesamt ist auch für mich „Contaigon“ aus den genannten Gründen der deutliche bessere Film. Wie Steffelowski richtig sagt zeigt der Film, gerade im Hinblick auf die aktuelle Corona-Krise und deren weltweite Folgen und deren komplexen Zusammenhänge, ein sehr realistisches Bild wie sich das Virus verbreitet und wie die Menschen mit stumpfen Waffen versuchen, sich dagegen zu wehren. Auch wenn die Lage im Film zum Glück noch deutlich dramatischer ist als es in der Realität der Fall ist. Wer jedoch mehr auf 90er Jahre-Action steht, macht auch mit „Outbreak“ nicht unbedingt etwas falsch.

5 Gedanken zu “Filmvergleich (1): Contagion (2011) vs. Outbreak (1995)

  1. Vielleicht hätte man noch das Poster mit einbeziehen können. Ich kann mich an das von Contagion nicht erinnern, aber im Zuge meines Artikels wurd ich dran erinnert, dass Outbreak wohl eines der schlechtesten Poster aller Zeiten hat. Ich frage mich, ob das am Vorabend der Abgabe noch nicht fertig war und alle mit Ahnung von Grafikdesign hatten schon Feierabend. Ich meine, es sieht aus wie ein Poster, das ich entwerfen würde. Und vermutlich wurd jemand dafür bezahlt.

    (und Contagion ist auch insgesamt besser)

    Gefällt 1 Person

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