Tiger and Dragon (2000)

  • Originaltitel: Wòhǔ Cánglóng (臥虎藏龍)
  • Regie: Ang Lee
  • Schauspieler: Chow Yun-Fat, Michelle Yeoh, Zhang Ziyi
  • Genre: Martial Arts, Wuxia
  • Land: Taiwan, Hongkong, USA, China

Es war das Jahr 2000, ein neues Millennium hatte gerade erst das Licht der Welt erblickt, und der bis dahin noch relativ unbekannte taiwanische Regisseur Ang Lee revolutionierte das Martial-Arts-Kino, wie es im Westen bekannt war, indem er es mit Fantasy-Einlagen würzte.
Und damit ein munteres „Hallo“ zu meiner Lobeshymne auf einen meiner absoluten Lieblingsfilme aller Zeiten. Wer von euch nicht verstehen kann, wieso dieser Film bei mir einen solchen Stellenwert einnimmt, der hat dieses visuelle Meisterwerk wohl noch nicht mit eigenen Augen gesehen – oder einen ganz anderen Geschmack als ich. Wie dem auch sei, nachdem ihr auf diesen Beitrag geklickt habt, müsst ihr zumindest Interesse daran haben, meine Meinung zu dem Film zu lesen, deswegen fangen wir am besten endlich mal an.

Und wo fängt man am einfachsten als Rezensentin bei so einem Text an – natürlich bei der Handlung. Diese ist, gerade auch für Genre-Verhältnisse, vertrackter als man meinen würde, gibt es doch mehrere Personen, Motivationen und Handlungsstränge, die am Ende alle zusammenführen. Da hätten wir einerseits eine klassische Liebesgeschichte zwischen einem Ganoven und einer Prinzessin, die auf Bad Boys steht. Andererseits einen legendären Schwertmeister, der seine berühmte Waffe „das grüne Schwert der Unterwelt“ nicht mehr führen will, da zu viel Blut an seiner Klinge, und damit auch an ihm selbst, kleben würde. Dann noch den Diebstahl des legendären Schwertes, alte Rachegelüste, verschobene Allianzen und unerfüllte Liebe. Das alles mag sich jetzt ziemlich konfus, teilweise kitschig und ziemlich klischeehaft anhören, aber die große Kunst, die den Drehbuchautoren hier gelungen ist, besteht nicht nur darin, dass sie all diese Elemente in eine nachvollziehbare und zusammenhängende Geschichte verwandelt haben, sondern dies auch noch auf eine so wunderbare Art und Weise getan haben, dass man mit all den Hauptfiguren wirklich mitfiebert. Wer bereits einige Film mit mehreren Protagonisten gesehen hat, wird mir sicherlich zustimmen, dass die Charakterisierung all der Figuren bei solchen Projekten einem Drahtseilakt gleicht, der hier allerdings scheinbar mit Leichtigkeit gemeistert wird.

Doch verlassen wir einmal die Gefilde der Handlung und begeben uns zu dem nächsten Punkt, der diesen Film zu etwas ganz Besonderem macht: die Inszenierung der Kämpfe bzw eigentlich der Look des gesamten Films. Wer sich schon einmal gefragt hat, wieso Anfang der 2000er plötzlich jeder Martial-Arts-Film mit Szenen zu beeindrucken versuchte, wo Menschen scheinbar mühelos über Häuserwände laufen oder an Bäumen hochklettern oder ganze Pfeilhagel mit einem einzigen Schwert abwehren, der sei, als Antwort auf seine Frage, auf diesen Film verwiesen. Oft kopiert und dennoch kaum jemals erreicht, sind die Spezialeffekte dieses Films. Und dabei geht es weniger um Computereffekte, als man bei der Sichtung meinen würde, sondern eher um hartes Training, ausgeklügelte Choreographien, ein paar inszenatorische Tricks und ganz viel Herumhantieren mit  Gurtsystemen und Seilen. Hier kann ich jedem, der einmal wissen möchte, wie man es geschafft hat, dass Michelle Yeoh scheinbar mühelos eine Wand senkrecht entlang läuft, nur die Sichtung des Bonusmaterials empfehlen – kleiner Spoiler, mit sehr viel Schweiß und Körperspannung. Doch die vielen Anstrengungen und Mühen haben sich mehr als bezahlt gemacht, denn kaum jemals zuvor in der Filmgeschichte, oder danach, durfte man als Zuschauer ästhetischere Kampfszenen bewundern als hier. Jede Bewegung scheint ebenso natürlich wie mühelos, die Umgebung ist nicht bloß schmückendes Beiwerk, sondern integraler Bestandteil der Erzählung, und manche Bilder sind so atemberaubend, dass man sie am liebsten ausdrucken und an die Wand hängen möchte.

Bei all der Schwärmerei über die Handlung und Inszenierung, hätte ich fast vergessen, ein paar Worte über die Schauspieler zu verlieren. Nicht umsonst zählen diese mit zu den bekanntesten asiatischen Gesichtern in Hollywood und spielten seither in unzähligen weiteren Filme mit. Speziell die Beziehung zwischen Chow Yun-Fat, der im Film den in sich gekehrten Li Mu Bai verkörpert, und Michelle Yeoh, welche die geerdete, pragmatischer denkende Lu Xiu Lian spielt, werden von den beiden so wunderbar nuanciert dargestellt, dass jeder Blick mehr als tausend Worte zu sagen vermag. Doch auch Zhang Ziyi, die bis dahin noch eine echte Newcomerin war, beweist mit ihrer Darstellung der verwöhnten Tochter aus gutem Haus, die ein bedenkliches Doppelleben führt, dass die Verantwortlichen ihr Talent richtig eingeschätzt hatten. Darüber hinaus gibt es aber auch einige Nebenrollen, die zwar wenig Screentime spendiert bekommen, nichtsdestotrotz aber einen bleibenden Eindruck beim Zuschauer hinterlassen, sei es nun, weil sie essentieller Teil der Geschichte sind, wie Cheng Pei-pei, welche die Gesetzlose „Jadefuchs“ verkörpert, oder lediglich eine amüsante Auseinandersetzung mit einer der Hauptfiguren haben, wie Yang Yong De, der als Kämpfer „Mönch Jing“ eine imposante Figur macht.

Mischt man das alles noch mit einem Soundtrack, welcher den gezeigten Bildern von einem künstlerischen und ästhetischen Standpunkt aus in nichts nachsteht, erhält man einen Film, der die Zeiten überdauern wird und sicher in Zukunft seinen bereits bestehenden Kultstatus gegen den als echter, bedeutender Klassiker der Filmgeschichte eintauschen können wird.

20 Gedanken zu “Tiger and Dragon (2000)

        • Da hast du recht, das wär wirklich ein grandioses Erlebnis. Leider schaut es ja zur Zeit, vor allem was Filme von 20th Century betrifft, eher schlecht aus mit Wiederaufführungen…ich glaube mich zu erinnern, dass ich irgendwo gelesen hab, dass Disney einstweilen die Archive von denen geschlossen hat 😑.

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                  • Jein. Die Disney-Maschinerie funktioniert da glaube ich ein bisschen anders.

                    Erstens lassen sich mehr Merchandising Artikel zu „richtigen“ Disney-Filmen verkaufen als z.b zu 2001.

                    Zweitens zitiere ich mal ganz frech den Kollegen Filmlichter:

                    „Der Grund ist, dass sich Disney für nichts anderes mehr interessiert als für Ihre Blockbuster. Der Gedanke, dass ein Film, und sei es einer aus ihren eigenen Archiven, einem ‚Star Wars‘, einem ‚Avengers‘ oder irgendeinem „realen“ Zeichentrickremake auch nur eine kommerzielle Leinwand wegschnappen könnte ist für Disney schmerzhaft. Sie wollen Filme, die die Milliardengrenze knacken und das geht nicht, wenn in irgendeinem Kino Leute 30 Jahre alte Sachen schauen! Das können die bei irgendeiner gratis Museumsvorführung machen, aber doch nicht in einem modernen Kino, wo stattdessen ‚Spider-Man‘ laufen könnte! Es ist ein weiterer Vektor zur von mir vielbeschworenen filmischen Monokultur, auf die Disney hinarbeitet. Die Tatsache, dass eine Monokultur den Boden verarmt, in diesem Fall vielen ohnehin schon schwankenden Kinos den Todesstoß versetzen wird, scheint zumindest im Moment nicht von Interesse zu sein. Disney ist derzeit schließlich „nur“ für 40% der nordamerikanischen Kinokartenverkäufe verantwortlich! Da sind 60% übrig, die irgendeinen Mist gucken! Da muss doch was unternommen werden!“

                    😊

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                    • Sollte das wirklich der Grund sein, was ich nicht so recht glauben kann, dann brauchen sie dringend einen neuen CEO (oh warte mal, das haben sie ja seit kurzem) weil aus rein wirtschaftlichen Erwägungen ist jeder eingenommener Dollar etwas gutes und wenn wirklich jemand dort meint, dass eine Wiederaufführung von 2001 irgendeinem Blockbuster Reichweite klauen könnte, gehört denjenigen sowieso mal das Brett vorm Kopf weggenommen. Auch was die Filmfans, und somit ihr Image unter diesen, betrifft, könnten sie durch einen lockereren Umgang mit Wiederaufführungen nur gewinnen.

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  1. Oh der steht jetzt schon länger ganz oben auf meiner Watchliste an Klassikern 😀 Als der raus kam, war ich gerade mal 2, daher ging der komplett an mir vorbei. Jetzt habe ich durch dich aber auch nochmal mehr Lust auf ihn bekommen 🙂 Auch wenn mich Fantasy und übernatürliche Elemente nicht ganz so ansprechen, bin ich gespannt, wie er mich dennoch abholt.

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  2. Pingback: „Life of Pi“ (2012) | Klappe!

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