Making-of (1): Rocky (1976)

Wenn man sich im Internet Listen über die besten Kampfsportfilme aller Zeiten anschaut, taucht ein Titel fast überall auf: Rocky. John G. Avildsens Boxerdrama verhalf seinerzeit dem damals unbekannten Sylvester Stallone zum großen Durchbruch und gilt heute als absoluter Kultfilm und Klassiker, der das Genre des Boxfilms maßgeblich geprägt hat. Im Laufe der Jahre wurden einige interessante und amüsante Fakten zur Entstehungsgeschichte des Films bekannt, den es in der heutigen Form beinahe nie gegeben hätte.

 

Von der Idee zur Kultfigur

Wir schreiben das Jahr 1975. Der 29-Jährige unbekannte Schauspieler Sylvester Stallone ist nahezu pleite und frustriert, da seine Karriere nicht so richtig in Fahrt kommen will. Da es ihm bisher nicht gelungen war, große Rollen zu ergattern, kommt Stallone zu dem Schluss, dass seine einzige Chance darin besteht, ein eigenes Drehbuch und die eine Rolle für sich selbst zu schreiben. Nun fehlt nur noch eine zündende Idee…

Am 24. März 1975 kam es dann zu einem aufsehenerregenden Boxkampf um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen dem großen Muhammad Ali und dem eher unbekannten Chuck Wepner. Wepner, als klarer Außenseiter in den Ring gegangen, hielt sich 15 Runden gegen den Champion auf den Beinen und schickte diesen in der neunten Runde sogar kurzzeitig auf die Bretter. Ali, durch diese ungeahnte Schmach provoziert, prügelte in der Folge sechs Runden lang erbarmungslos auf seinen Gegner ein, der einige schwere Verletzungen davontrug. Allerdings kämpfte Wepner weiter, bis Ali ihn letztendlich 19 Sekunden vor Schluss niederstreckte und der Ringrichter den Kampf durch technischen KO beendete.

Stallone hatte den Kampf im Fernsehen verfolgt und war von Wepners Willenstärke und Zähigkeit so begeistert und beeindruckt, dass er den Kampf und die Figur Wepners als Inspiration für sein Drehbuch nutze. Im Jahr 2003, 28 Jahre nachdem Rocky erschienen war, verklagte Wepner Stallone dann, da dieser seine Lebensgeschichte ungefragt verfilmt hatte. Es kam jedoch zu einer außergerichtlichen finanziellen Einigung in unbekannter Höhe. 2016 erschien übrigens der Film „Chuck – Der wahre Rocky“, der die Geschichte Wepners (gespielt von Liev Schreiber) und dessen Bedeutung für den Film „Rocky“ behandelt. Sylvester Stallone kommt darin zwar auch vor, allerdings wird dieser von einem Schauspieler namens Morgan Spector gespielt.

Wenige Tage nach dem Ali-Wepner-Kampf hatte Stallone den ersten Entwurf seines Drehbuchs fertig. Darin ließ Sly einiges an autobiographischen Elementen einfließen. Vor allem seine eigene Frustration und sein erfolgloses Mühen, es zu etwas bringen zu wollen, übertrug der Schauspieler von sich auf die Figur des Boxers, der sich, im wahrsten Sinne des Wortes, so durch das Leben schlägt. Auch Rockys Kampfname, „The Italian Stallion“ (Der italienische Hengst) ist ein ganz klarer Hinweis auf den Autor und Hauptdarsteller, bei dessen Nachnamen „Stallone“ es sich um das italienische Wort für Hengst handelt.

 

Alles eine Frage des Geldes?

Durch glückliche Umstände geriet das Drehbuch in die Hände des Produzenten-Duos Irwin Winkler und Robert Chartoff, das sofort großes Interesse daran hatte, die Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Also boten sie dem mittellosen Stallone 75.000 Dollar für die Rechte an seinem Skript, was dieser jedoch ablehnte, da er unbedingt selbst die Rolle in seinem Film spielen wollte. Winkler und Chartoff hatten zu diesem Zeitpunkt bereits die Zusage des Studios United Artists, den Film mit 2 Millionen Dollar zu finanzieren. Allerdings war man seitens des Studios der Ansicht, dass es einen echten Star brauche, um den Film erfolgreich vermarkten zu können. Für die Rolle des Rocky Balboa waren u.a. Robert Redford, Burt Reynolds und James Caan im Gespräch. Also versuchte man Stallone mit mehr Geld davon zu überzeugen, auf die Hauptrolle zu verzichten. Als ihm 125 000 $ für sein Drehbuch geboten wurden, geriet Stallone kurzzeitig ins Grübeln, blieb dann aber hart. Letztendlich verkaufte er sein Rocky-Skript für 350 000 $, inklusive der Garantie selbst die Hauptrolle spielen zu dürfen. Allerdings musste er sich bereiterklären, für die anstehenden Änderungen als Autor ohne Gehalt und als Schauspieler nur mit der vorgeschriebenen Minimalgage zu arbeiten. Als man bei United Artists erfuhr, dass der Film nur mit Stallone in der Hauptrolle und damit ohne Star-Power möglich war, reduzierte man kurzerhand das ehemals auf 2 Millionen Dollar angedachte Budget auf knapp 950 000 $. Auf Grund des selbst für damalige Verhältnisse recht dünnen Budgets, musste man beim Dreh besonders kreativ sein und alle Beteiligten auf viel Geld verzichten, um die Kosten im Rahmen zu halten. Regisseur John G. Avildsen beispielsweise reduzierte seine Gage auf 50 000 $, was deutlich unter seinen üblichen Bezügen lag, sicherte sich jedoch eine nette Gewinnbeteiligung. Gemessen am letztendlichen Erfolg des Films, kann man Herrn Avildsen wahrscheinlich nur zu diesem Schritt gratulieren. Jedenfalls konnte wenige Wochen später, im Januar 1976, mit dem Dreh begonnen werden, der letztendlich nur 28 Tage dauern sollte.

 

Und… Action!

Da Zeit bekanntlich Geld ist und für den Dreh beides in eher geringem Maße vorhanden war, mussten alle Beteiligten an einigen Stellen sehr kreativ sein und improvisieren. So sind beispielsweise einige Sequenzen der berühmten Trainingsmontage im sog. „Guerrilla-Style“ gedreht. Das heißt mit minimaler Ausstattung, zufällig verfügbarer Requisiten, ohne Statisten und vor allem ohne offizielle Drehgenehmigungen.

Diese Montage ist ein Zusammenschnitt einiger realer, und damit absolut authentischer Schauplätze Philadelphias: rau, düster, industriell, aber auch malerisch und am Ende sogar majestätisch. Das Ganze untermalt mit dem triumphalen Score Bill Contis, entstand hier eine der besten und genreprägendsten Szenen überhaupt. In der Einstellung, in der Rocky über den Markt rennt, kann man im Hintergrund einige Passanten sehen, die verblüfft und amüsiert dem Typen nachschauen, der da im modisch fragwürdigen Jogginganzug durch die Gegend rennt und sich dabei filmen lässt. Einer der Standbesitzer wirft spontan, ohne zu wissen, wer da an ihm vorbei rennt, und dass hier gerade ein Meilenstein der Filmgeschichte gefilmt wird, Stallone zur Stärkung eine Orange zu, die dieser souverän fängt. Lustigerweise wurde diese Szene in den Film übernommen. Auch die Einstellung, in der Rocky an dem am Kai anliegenden Schiff vorbei sprintet, war so im Drehbuch nicht vorgesehen. Stattdessen fuhr die Crew in ihrem Transporter gerade zu einer anderen Location am Hafen, als Regisseur Avildsen die visuelle Kraft der Szenerie auffiel. Also wurde kurzerhand angehalten und Stallone sollte einfach rennen, während der Wagen neben ihm her fuhr und ihn filmte.

In einer anderen bekannten Szene führt Rocky seine geliebte Adrian bei ihrem ersten Date auf die Schlittschubahn aus. Für diese Szene waren etwa 300 Statisten vorgesehen. Da das Geld aber bereits knapp wurde, konnte man sich diese nicht mehr leisten und so waren Stallone und Talia Shire, die Darstellerin der Adrian, überrascht, als sie am Drehtag plötzlich alleine am Set waren. Stallone schrieb die Szene kurzfristig so um, dass die Szene, die auf Grund der Annäherung zwischen Rocky und Adrian sehr wichtig ist, trotzdem in den Film passte.

Am Ende kostete „Rocky“ 1,1 Millionen Dollar und lag damit etwa 100 000 $ über dem zur Verfügung stehenden Budget. Nur weil Winkler und Chartoff bereit waren, die anfallende Differenz aus eigener Tasche und auf eigenes Risiko zu bezahlen, indem sie ihre Häuser mit einer zusätzlichen Hypothek belasteten, konnte der Film überhaupt fertiggestellt werden.

 

Die brandneue Steadicam

Doch auch wenn „Rocky“ durchaus als Low-Budget-Produktion gesehen werden kann, war man auf technischer Ebene auf jeden Fall State of the Art. So wurde in einigen Szenen und Sequenzen mit einer zur damaligen Zeit neuen Technik gearbeitet: Die sog. Steadicam. Vom Kameramann Garrett Brown erfunden und entwickelt, ermöglichte die Steadicam bis dahin nicht gekannte dynamische Aufnahmen sich bewegender Objekte. Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich bei der Steadicam um eine komplexes Gestell für tragbare Kameras, das das Bild so stabilisiert, dass der Kameramann sich mit der Kamera am Körper frei bewegen kann. Wenige Wochen vor Drehbeginn hatte Brown ein paar Demo-Aufnahmen mit seiner neuen Kamera erstellt, um seine Erfindung in Hollywood zu präsentieren und zu verkaufen. Darin filmte er u.a. Leute wie sie Flure entlang liefen und zwischen verschiedenen Räumen hin und her wechselten. Als Highlight seines Demo-Filmchens hatte Brown sich jedoch etwas Besonderes und Spektakuläres überlegt. Brown, der zu jener Zeit in Philadelphia lebte, filmte seine Freundin dabei, wie sie die Stufen des Philadelphia Art Museum hoch rennt, während er ihr mit der Kamera folgt. Diese Aufnahmen zeigte der Kameramann in Hollywood dann u.a. Stanley Kubrick und eben John G. Avildsen. Letzterer war gerade in den Vorbereitungen zu „Rocky“ und wollte diese neue Technik unbedingt in seinem Film haben. Also heuerte er Brown als Kameramann für die Steadicam-Einstellungen an, der dann wenige Wochen nachdem er hinter seiner Freundin die Museumstufen hoch rannte, das gleiche mit Sylvester Stallone machen durfte. Auch wenn „Rocky“ nicht der erste Film war, in dem die neue Steadicam zum Einsatz kam, tatsächlich war das der „Dieses Land ist mein Land“ (1976), gilt Avildsens Werk heute als der bekannteste Film mit den berühmtesten Steadicam-Einstellungen.

 

Rockys Erbe

Heute ist „Rocky“ jedoch nicht nur aufgrund seiner technischen Vorreiterrolle ein Meilenstein der Filmgeschichte. Als dreifacher Oscargewinner (Bester Film, Beste Regie und Bester Schnitt bei insgesamt zehn Nominierungen), steht das Boxerdrama im oberen Regal der großen Filmklassiker. Sylvester Stallone ist zudem neben Charlie Chaplin der einzige Künstler, der für seine Arbeit an demselben Film sowohl für das Originaldrehbuch als auch für die Hauptrolle nominiert wurde. Insgesamt sieben Fortsetzungen wurden zu „Rocky“ seit der Veröffentlichung des Originals gedreht: Neben den direkten Fortsetzungen „Rocky II“ (1979), „Rocky III – Das Auge des Tigers“ (1982), „Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts“ (1985), „Rocky V“ (1990) und „Rocky Balboa“ (2006) waren zuletzt auch die beiden Spin-Offs „Creed: Rocky’s Legacy“ (2015) und „Creed II: Rocky’s Legacy“ (2018) an den Kinokassen sehr erfolgreich. Für seine insgesamt siebente Rocky-Darstellung in „Creed: Rocky’s Legacy“ wurde Stallone 2016 sogar erneut für den Oscar, dieses mal als bester Nebendarsteller, nominiert. Seit 2012 gibt es sogar ein „Rocky“-Musical. Wie man sieht ist also Rockys Einfluss auf die Popkultur auch heute noch spürbar, sodass sich sowohl aktuelle als auch zukünftige Boxfilme mit dem Original von 1976 messen lassen müssen.

 

9 Gedanken zu “Making-of (1): Rocky (1976)

  1. Pingback: Kloppen wie die Stars – Ein kleiner Kampfkunst-Almanach | Klappe!

  2. Sehr lesenswerter Artikel, vieles wusste ich so nicht. „Rocky“ ist auch ein wirklich gelungener Film. Ohne die ganzen (zum größten Teil) überflüssigen Fortsetzungen, würde man den Film wahrscheinlich noch viel mehr zu schätzen wissen.

    Hinsichtlich der Oscars muss ich natürlich wieder besserwissern, spontan ist mir Roberto Benigni für „Life is Beautiful“ eingefallen, der war seinerzeit für den Oscar als Bester Schauspieler nominiert (und hat ihn sogar gewonnen) und wurde ebenfalls für das Originaldrehbuch ebenfalls nominiert.

    Gefällt 2 Personen

  3. Schöner Artikel zu dem großartigen Rocky. Die Szene mit dem Schlittschuhlaufen ist toll. Wie Zufälle doch Dinge so viel besser machen können. So ist das Ganze viel intimer… als wenn da plötzlich Hunderte von Leuten gewesen wären

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  4. Sehr geiler, informativer und aufschlussreicher Text! Dadurch, dass ich Rocky erst sehr spät nachgeholt habe, habe ich auch noch gar nicht so viel vom Kult um den Film mitbekommen. Das erste mal, wo ich was von der schwierigen Produktion mitbekommen habe, war dieser Podcast über die Filmmusik des Films, den ich sehr empfehlen kann: https://www.iheart.com/podcast/105-the-soundtrack-show-29021108/episode/rocky-the-music-30154472/
    Da wird die Produktion ebenfalls beleuchtet und dann eben der Score, der innerhalb kürzester Zeit aufgenommen werden musste.

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