Jojo Rabbit – oder Adolf und die Maus, die brüllte

  • Originaltitel: Jojo Rabbit
  • Regie: Taika Waititi
  • Schauspieler: Roman Griffin Davis, Scarlett Johansson, Sam Rockwell, Taika Waititi
  • Genre: Drama/Satire
  • Land: USA

Ein Danaergeschenk ist etwas, das sich zunächst als echter Glücksgriff präsentiert, sich aber schon recht bald als eklige Pestbeule herausstellt. Diese Erfahrung dürfte auch Disney gemacht haben, als sich die Übernahme der Fox Studios zu etwas entwickelte, was man am liebsten im Keller vor der Außenwelt versteckt. Nachdem der zunächst mit viel Euphorie erwartete und als sichere Gelddruckmaschine eingeschätzte X-Men-Nachleger „Dark Phoenix“, trotz umfangreicher Nachdrehs, an den Kinokassen ziemlichen Schiffbruch erlitt, verfinsterten sich die ersten Gesichter der Disney-Verantwortlichen. Laut den üblichen „gut informierten Kreisen“, soll es sich um ein Minus von rund 170 Millionen US-Dollar handeln. Da muss selbst eine Mickey Maus für lange lange Zeit auf eine ganze Menge Käse verzichten.

Und als wäre das noch nicht genug, macht jetzt ein zweites „Fox-Kind“ Ärger. Der neue Film von Regie-Wunderkind Taika Waititi „Jojo Rabbit“ will so gar nicht in die Disney-Philosophie passen, nach der jeder Film ein Familienfilm sein muss, der an einem Sonntag Nachmittag Groß und Klein, Jung und Alt, seicht, aber dennoch gut unterhält. Ein Familienfilm ist „Rabbit“ zwar auch, aber eben nicht so, wie man es sich in der Chefetage von Disney vorstellt.

Waititis Film spielt im Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus. Der kleine Johannes „Jojo“ Beztler lebt mit seiner Mutter ein typisch deutsches Leben, umgeben von all den anderen gleichgeschalteten Volksgenossen und -Genossinnen. Jojo ist mit seinen zehn Jahren bereits all den Verlockungen erlegen, die die „Neue Zeit“ Kindern und Jugendlichen bietet. Geländespiele mit den HJ-Kameraden, sammeln für das Winterhilfswerk, schmissige Reden über Bodengewinne der Wehrmacht und das befreiende Werfen von Übungshandgranaten bestimmen den Tagesablauf des kleinen Pimpfs. Und weil das alles noch viel mehr Spaß mit einem (eingebildeten) besten Freund macht, ist Adolf Hitler (Ja, genau DER und dann auch noch dargestellt vom Regisseur selbst!) stets zur Seite, wenn Jojo einen Rat braucht oder sonst etwas über das Leben oder die Welt wissen möchte. So könnte sich Jojo, geleitet durch seinen imaginären Mentor und väterlichen Freund Adolf, zu einem Vorzeige-Nazi entwickeln, auf den das Dritte Reich mindestens 1000 Jahre stolz sein könnte, aber es kommt anders. Zunächst einmal darf der Junge durch ein kleines, selbst verschuldetes Missgeschick nicht den heiß geliebten und noch mehr ersehnten Dienst an der Front antreten. Weiter gerät Jojos Weltbild allerdings vollkommen aus den Fugen, als er feststellen muss, dass seine Mutter die junge Jüdin Elsa in ihrem Haus versteckt. Und als wäre dies nicht schon schlimm genug, freundet sich Jojo mit Elsa an und erfährt von ihr so manches, was ein ganz anderes Bild auf die Herrenrasse und das nationalsozialistische Gedankengut wirft.

Eine Satire über das Dritte Reich hat es (wohl mit Ausnahme von „Der große Diktator“ und „Sein oder Nichtsein“, die sich zumindest nachträglich zu Klassikern entwickelten ) immer schwer, vom Publikum und von den Kritikern angenommen und gemocht zu werden. Zu schrecklich ist das, was in diesen unsäglichen 12 Jahren – zum 1000 jährigen Reich fehlten also nur 988 Jahre – in Deutschland und der Welt durch die Teufel des NS-Staates geschehen ist. Zu unfassbar die unzähligen Verbrechen, die hier im Namen der vermeintlichen Neuen Weltordnung begangen wurden.

Bei „Jojo Rabbit“ aber waren die Reaktionen von Publikum und Feuilleton ganz überwiegend positiv. Der Film hat inzwischen schon einige Preise einheimsen können, u.a. den People’s Choice Award beim diesjährigen Toronto International Film Festival. Es gab sogar Stimmen, nach denen es im Film gern noch eine Spur schärfer, sprich eindeutiger in Sachen Satire und Sarkasmus, hätte zugehen können.

Das Problem hat in diesem Fall ausschließlich die Firma Disney, für die der Film nicht in die weichgespülte und kantenlose Welt passt, die der Megakonzern in seinen Filmen so gerne verkauft. Ob allerdings ein Film, der ein wenig anarchistisch daherkommt, die Bilanzen von Disney nachhaltig negativ beeinflussen kann, dürfte zu bezweifeln sein. Was auf Seiten Disneys für mindestens genau so große „Irritationen“ gesorgt haben dürfte, ist der Umstand, dass Regisseur Taika Waititi nicht nur einen – aus ihrer Sicht – No-Go-Movie gemacht hat, sondern darin auch selbst noch jenen Charakter der Weltgeschichte darstellt, dem selbst Disney mit seiner Allmacht nicht den Schrecken nehmen kann. Vollkommen zu Recht wird Adolf Hitler auf ewig das personifizierte Böse sein. Da mutet es dann wiederum auch etwas befremdlich an, dass es offenbar Stimmen aus dem Hause Disney gegeben hat, nach denen der Film „bestimmte Personen und/oder Gruppen beleidigen könnte“. Tja, aber welche Zeitgenossen sollen das in einer Satire über das Dritte Reich denn wohl sein? Richtig: die Nazis. Aber, da dürften wir uns alle einig sein, das ist dann wohl ein ganz krasser Fall von falscher Rücksichtnahme. Denn wer verdient es mehr nach Strich und Faden auf den Arm genommen, ja sogar direkt beleidigt zu werden, als die Wirrköpfe in Braun?

Was Disney bei all dem Ungemach dann noch zusätzlich schlaflose Nächte bereiten dürfte, ist der Umstand, dass Regisseur Waititi derzeit durchaus in Hollywood als „heißer Scheiß“ gehandelt wird und mit „Thor – Tag der Entscheidung“ einen echten Mega-Blockbuster für Disney auf die Leinwand gebracht hat. Ein Streifen, der mit einem Box Office von derzeit rund 850 Millionen US-Dollar zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten gehört, macht einen Regisseur für ein Studio mehr als nur interessant und gewährt ganz bestimmt auch noch eine Art Welpenschutz, sodass man einen vermeintlichen Fehler auch einmal nachsehen muss. Nicht umsonst wird Waititi auch für den  nächsten Thor-Film „Thor – Love and Thunder“ auf dem Regiestuhl sitzen. Mit einem solchen Talent möchte man es sich natürlich nur bedingt verscherzen, und so hat sich Disney vermutlich auch nur mit angezogener Handbremse verschnupft gezeigt. Ob und wie massiv letztlich vom Studio in die Endfassung von „Jojo Rabbit“ eingegriffen wurde, ist nicht bekannt. Es dürfte dann aber wohl davon ausgegangen werden, dass der eine oder andere zu spitze Zahn gezogen wurde, was dann wiederum auch zu den Äußerungen passen würde, der Film hätte seine Möglichkeiten nicht voll ausgeschöpft. Hier hat sich Disney in der Vergangenheit, und auch bei derzeit laufenden Produktionen, nicht immer so vornehm zurückgehalten, sondern eher auch mal die komplette Produktion eingestampft oder auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Vor dem Hintergrund von Disneys rigoroser Politik der Verniedlichung und kreativen Gleichschaltung der Filmwelt werden bei Firmenübernahmen alle laufenden Projekte (der Backkatalog sowieso) genau unter die Lupe genommen. Im Falle von Fox dürfte dies ganz besonders Searchlight Pictures betreffen. Diese Fox-Tochterfirma hat sich in den vergangenen Jahren einen guten Ruf für kreative Filme erworben, die – trotz vergleichsweise bescheidenem Budget – innovativ und anspruchsvoll sind. Aus den letzten Jahren seien hier die Oscar-Gewinner „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ und „Shape of Water“ genannt, die jeweils auch beim Box Office überzeugen konnten. Ob es derartige „andere“ Filme auch künftig noch aus der Searchlight-Filmschmiede geben wird, kann wohl bezweifelt werden. Zumindest so lange, wie Disney die Fäden in der Hand hält.

Abschließend sei noch angemerkt, dass sich Waititi in Zukunft nicht allzu viele grobe Fehler, z.B. in Form von Flops, erlauben sollte. Hiernach sieht es bei „Jojo“ derzeit zwar so gar nicht aus, aber wie ein Elefant (ob der nun fliegen kann oder nicht), vergisst man auch im Hause Disney so schnell nicht.

 

5 Gedanken zu “Jojo Rabbit – oder Adolf und die Maus, die brüllte

  1. Sehr schöner Beitrag, der ein Problem der Maus darstellt. Sie können nicht an ihrer Disneydoktrin festhalten, zumindest wenn sie weiter dominieren wollen. Der Erfolg von Joker hat wieder gezeigt, dass sich nach erwachsenen, dreckigen, ambivalenten Stoffen gesehnt wird. Eine Art Film für die Fox und mehr noch Fox Searchlight auch gestanden haben. Ich bin auch gespannt, inwiefern die Oscarkampagne von Disney für Jojo Rabbit ausfallen wird. Wer in Toronto den Publikumspreis gewann, hat zuletzt oft um die Preise mitmischen können, aber nur mit einer vernünftigen Kampagne.

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  2. Cool, dass du „Joker“ angesprochen hast. Vermutlich haben nur ganz wenige Leute auch nur im Ansatz erahnt, dass dieser Film kommerziell so durch die Decke gehen würde. Hier zeigt sich eben, dass quantitativ hochwertiges Kino (von Arthouse zu sprechen, geht m.e. doch etwas zu weit) durchaus massenkompatibel sein kann.
    Ich verspreche mir davon schon, dass im Hause Disney ein Umdenken im Kleinen stattfinden wird. Zwar werden wir das weichgespülte, konturenlose Kino, dass sich immer häufiger durchsetzt, nicht verhindern können, aber eventuell erwacht in irgendwelchen Unter-/Unterabteilungen im Mouse-House ein neues Verständnis dafür, dass Filmemachen eben auch mit Kreativität und Mut zum Risiko zu tun hat.

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  3. Interessante Sidenote ist übrigens, dass Taika Waititi auch schon wieder für Disney tätig war und das in The Mandalorian, ein riesen Steckenpferd für Disney und ihre neue Streamingplattform. Dort durfte er die finale Episode inszenieren und den herrlichen neuen Druiden sprechen.
    Aber in der Tat ein interessantes Thema, wie Disney damit umgehen wird in Zukunft. Ich befürchte wirklich, dass man immer wieder bei ihren mutigeren Filmen an diversen Stellen merken wird, wo das Studio interveniert hat und auch bei Jojo Rabbit habe ich jetzt die Befürchtung, dass er mir nicht böse genug sein wird und ich Potential in ihm sehe, das ich gerne in Aktion gesehen hätte.

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    • Daher müssen wir alle wachsam bleiben und immer wieder den Finger in die Wunde legen. Disney soll gern wissen, dass nicht allen gefällt, was dort geschieht. Zum Glück gibt es ja doch immer noch genug Filme bzw. -macher, die andere Wege gehen und dass oftmals auch mit künstlerischem und finanziellen Erfolg.
      Was Jojo angeht, werde ich mich am Sonntag davon überzeugen können, wie viel Waititi noch im Film steckt.

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  4. Pingback: Jojo Rabbit (2019) | Klappe!

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